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Im Schatten der Reurbanisierung?

Cover Im Schatten der Reurbanisierung? Suburbias Zukünfte. Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2016. 127 Seiten. 19,00 EUR.

Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2016, hrg. vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 127 Seiten, ISSN 0303 -2493.


Thema

Suburbanisierung war in den 60er Jahren bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein das dominierende Strukturentwicklungsmerkmal der Großstädte. Sie führte zum Bedeutungs- und Funktionsverlust der Kernstadt. Bevölkerungswachstum, ökonomisches Wachstum und entsprechende Einkommenssteigerungen beförderten diesen Prozess. Wer es sich nach Ausbildung und Qualifizierung in der Stadt leisten konnte, erwarb ein Haus oder eine Wohnung an den Rändern der Stadt bzw. im städtischen Umland. Suburbanisierung war auch an eine Trennung von Arbeit und Wohnen gekoppelt und war abhängig von geregelten Zeiten; die Entfernungen der Wohnung vom Arbeitsplatz mussten überwunden werden, was Zeit in Anspruch nahm und auch auf der traditionellen Arbeitsteilung der Geschlechter beruhte: der Mann verlässt das Haus, um zu arbeiten, die Frau bleibt zu Hause.

Diese Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren verändert und der Prozess der Suburbanisierung hat an Beschleunigung verloren. Eher beobachten wir eine Revitalisierung der Innenstädte, einen Prozess der Reurbanisierung, der Wiederentdeckung der Qualität der Stadt als Wohnstandort und als Handlungs- und Erlebnisraum. Die Städte werden als Wohnstandorte wieder attraktiver. Das gilt nicht für alle Städte und Metropolregionen, aber für die, die die strukturellen Veränderungen wie die des demographischen Wandels oder der Deindustrialisierung und Schrumpfung gemeistert haben und als attraktive Wohn- und Arbeitsstandorte für eine im Bereich der Dienstleistungen qualifizierte mittlere und obere Mittelschicht interessant sind.

Aber ist damit Suburbanisierung am Ende angekommen? Wo hängen diese beiden Prozesse zusammen? Folgt der Suburbanisierung zeitlich die Reurbanisierung oder haben wir es mit einer Dialektik dieser beiden Prozesse zu tun, die zeitgleich ablaufen?

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren sind z. T. Angehörige des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung oder kommen aus den Bereichen der Stadt- und Raumforschung, der Stadt- und Regionalplanung, der Geographie, den Wirtschaftswissenschaft und der empirischen Sozialforschung.

Aufbau

Nach einer Einführung durch die wissenschaftliche Redaktion folgen sieben Beiträge, die im Folgenden vorgestellt werden. Daran schließen unter dem Titel „Perspektiven für Suburbia. Die Sicht von Planern und Bewohnern“ fünf Interviews mit Verantwortlichen in verschiedenen Städten an.

Zur Einführung

(Brigitte Adam) Suburbanisierung ist noch nicht am Ende; sie nimmt in der letzten Zeit noch einmal Fahrt auf und die Frage ist, wie sich Suburbanisierung zur Reurbanisierung verhält. Die Autorin warnt also vor zu schnellen Schlüssen und mahnt eine differenziertere Sichtweise an. B. Adam spricht die Diskussion um Suburbanisierung auch im Zusammenhang mit dem von Thomas Sievert eingeführten Begriff der Zwischenstadt an, geht kurz auf die Fachdiskussion um Suburbanisierung und die damit zusammenhängenden Studien ein. Sie stellt auch die Probleme einer rückläufigen Suburbanisierung im Zusammenhang mit Schrumpfung und Alterung der Städte vor.

Und sie bricht eine Lanze für Suburbia. Schließlich sind die suburbanen Wohngebiete längst nicht mehr nur Wohngebiete ohne Infrastruktur und man ist auf die Kernstadt verwiesen. Der Handlungs- und Erlebnisraum, auch der Funktionsraum ist längst nicht mehr die Kernstadt, sondern andere Orte, Gemeinden Städte im Umkreis der suburbanen Wohngebiete.

Wie also entwickelt sich Suburbia in Zukunft? Die Autorin geht kurz auf den Inhalt des Heftes ein und verweist auf einige Beiträge.

Zu: Schwarmverhalten, Reurbanisierung und Suburbanisierung

Harald Simons und Lukas Weiden stellen zunächst das Schwarmverhalten bildhaft dar, um dann das Schwarmverhalten junger Menschen zu erklären oder als Phänomen zu beschreiben. Nicht alle Städte profitieren von einem Schwarmverhalten – nur die, die einige der Vögel anziehen und die anderen folgen ihnen nach. Es gibt also auch Verlierer dieses Verhaltens.

Die Autoren gehen dann auf die Frage ein, wie man welche Altersgruppen identifiziert und entwickeln ein neues Maß, die Kohortenwachstumsrate, die in einem Exkurs ausführlich erklärt wird. Sie erklären damit auch andere Bevölkerungsmaße wie Abwanderungs- und Veränderungsraten der Bevölkerung für nicht mehr aussagekräftig angesichts des schnellen Wandels der Geburtenzahlen.

Welches sind die Schwarmstädte? Es sind bei den Jungen vor allem die Hochschulstandorte; dabei sind auch kleinere Städte, die inzwischen Hochschulen haben. Verlierer sind Landkreise, wenn sie nicht eine große Hochschullandschaft in einer kreisabhängigen Kernstadt haben wie Gießen, Marburg oder Tübingen. Es wird dann eine Liste der jungen Schwarmstädte in Deutschland vorgestellt, die von München, Leipzig und Frankfurt angeführt wird und mit Augsburg, Halle und Trier endet. Interessant werden Schwarmstädte, wenn die jungen Berufseinsteiger Entscheidungen treffen müssen, wo sie arbeiten und wohnen. Die Autoren stellen fest, dass Wohn- und Arbeitsplatz zunehmend auseinander liegen; man wohnt in der Schwarmstadt und arbeitet außerhalb von ihr. Damit hat sich das Pendlerverhalten verändert. Während man seinen Arbeitsplatz früher in der Stadt hatte und außerhalb von ihr wohnte, ist es jetzt umgekehrt. Dies wird ausführlich erörtert und mit empirischem Material unterlegt.

In einem weiteren Abschnitt beschäftigen sich die Autoren mit der Suburbanisierung, die sich an das Schwarmverhalten der Jungen anschließt. In den Umlandkreisen der Metropolregionen lebt die Suburbanisierung, was die Autoren empirisch belegen. Die Wohnkosten sind immer noch – oder wieder – der entscheidende Faktor für eine Wohnstandortentscheidung. Andere Faktoren, wie soziokulturelle Präferenzen oder Standortvorteile treten bei reinen Wohnstandortentscheidungen zurück. Dies gilt für die Jungen.

Welches Wanderungsverhalten haben die Älterenß Hier sind vor allem die 60-74jährigen im Fokus der Betrachtung. Weniger als bei den Jungen, aber doch erheblich zieht es diese Altersgruppe aus den Großstädten hinaus aufs Land. Großstädte verjüngen sich dadurch, denn die Jungen profitieren von dem Auszug der Älteren.

Insgesamt kann man festhalten, dass eine Reurbanisierung der Städte auf Grund der untersuchten Städte noch nicht als ein allgemeiner Trend gesehen werden kann. Die Schwarmstädte werden von den Jungen bevorzugt, während die Mittelalten und Älteren immer noch suburbanisieren.

Zu: Suburbia – quo vadis? Mögliche Zukünfte und Handlungsstrategien für den suburbanen Raum

(Markus Hesse, Ilka Mecklenbrauck, Jan Polivka, Christa Reicher) Die Stadtentwicklung hat die Suburbanisierung immer auch als Problem gesehen, verliert doch die Kernstadt ihre Bedeutung und auch ihre Integrationsfunktion. Dabei ist sie der Normalfall der europäischen Stadtentwicklung. Die Autorengruppe mahnt eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Suburbanisierung als Entwicklungsmodus an.

Sowohl suburbane Räume wie auch die Kernstädte stehen unter einem wachsenden Veränderungsdruck, nicht nur die Innenstädte altern im Baubestand und in der Bevölkerung, auch suburbane Räume altern gleichzeitig. Überhaupt findet vieles gleichzeitig statt: Alterung bei gleichzeitiger Zuwanderung Junger, Wachstum und Stagnation, Leerstände und Nachverdichtung sind nicht nur Kennzeichen der Innenstädte, sondern ganzer Stadtregionen, zu denen das urbanisierte Umland auch gehört.

Außerdem schaffen die Bedingungen der Wohnungsmärkte in den Großstädten veränderte Voraussetzungen für Wohnstandortentscheidungen. Zu teure Wohnungen in den Innenstädten zwingen auch zu suburbanem Verhalten. Vor allem aber schaffen sie auch andere Bedingungen von suburbanem Leben, weil die suburbanen Räume sich verändert haben. Weder homogene Wohnviertel, noch reine Gewerbegebiete sind es; zum Teil sind es auch alte Ortskerne, Einkaufszentren, die man allenthalben auch in entfernteren Stadtteilen antrifft.

Es bedarf also anderer Strategien, um mit Suburbia als einem konstitutiven Teil der europäischen Stadt umzugehen und die Autorengruppe stellt die Frage, was getan werden muss:

  • Wo liegen die aktuellen Herausforderungen der Revitalisierung suburbaner Räume?
  • Welche Zukunft hat Suburbia in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sowie als Ganzes?
  • Wie kann das für einen problemorientierten Umgang mit suburbanen Räumen notwendige Wissen den Kommunen und ihren politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt werden?

Am Beispiel der Region Ruhr versucht die Autorengruppe, diese Fragen zu bearbeiten. Sie stellt diese Region zunächst vor und geht auf einige suburbane Siedlungen ein, die sie beschreibt und analysiert. Sie kommt zu der Erkenntnis, dass die Fallstudien ein sehr differenziertes Bild abgeben; den suburbanen Raum gibt es nicht. Die Analyse zeigt auch, dass in den verschiedenen suburbanen Räumen sehr unterschiedlich mit den dortigen Problemen und Entwicklungen umgegangen wird. Die Gruppe beschreibt dann Strategien zum geplanten Wandel in Abhängigkeit der Phasen im Lebenszyklus. Denn diese Maßnahmen hängen sehr stark von den soziodemographischen und sozioökonomischen Bedingungen der Bevölkerungsstruktur diese Räume ab. Diese Strategien sind einmal

  • das Wachsen durch Zunahme der Bevölkerung, der Wohneinheiten, der Beschäftigung und der Unternehmensstruktur.
  • Konsolidieren als eine Strategie, der Stabilisierung des Wohnungsbestands und der demographischen und sozioökonomischen Struktur der Bevölkerung.
  • Anpassen als Strategie, auf die Änderungen der Rahmenbedingungen zu reagieren. Ändert sich die Wohnungsnachfrage oder die Kundenströme im Einzelhandel sind Anpassungsstrategien erforderlich.

Alle drei Strategien werden von der Autorengruppe ausführlich beschrieben.

Es geht schließlich um ein besseres Verständnis der Entwicklungsdynamik suburbaner Räume und um eine differenziertere Betrachtung suburbaner Räume vor allem durch die Politik und die Planung. Insofern formuliert die Gruppe Empfehlungen an Wissenschaft, Politik und Planung in Form eines Memorandums. Es geht um die Emanzipation als Forschungsthema, um Analysen und Strategien in räumlicher Differenzierung, um entsprechende Differenzierungen auf zeitlicher Ebene, um die Relevanz der regionalen Ebene, um gesellschaftliche Trends und Alltagsleben, um die Stärkung des politischen Interesses und um die Initiierung von Modellprojekten.

Zu: Suburbane Nutzungsmischung? Der Wandel von Büroparks in der Region Rhein-Main

(Hendrik Jansen, Frank Roost, Maike Wünnemann) Die Autorengruppe interessiert sich in ihrem Beitrag für die Frage, wie angesichts des Wohnungsmangels und der angespannten Situation in bestimmten Sektoren des Wohnungsmarkts suburbane Räume in Wohngebiete mit einer kleinteiligen Nutzungsmischung umgestaltet werden könnten, die bislang als Bürokomplexe gedient haben und jetzt z. T. auch leer stehen. Welche Bedeutungen haben suburbane Dienstleistungszentren im Funktionsgefüge von Metropolregionen und wie kann im Zuge der Nachverdichtung durch Wohnbebauung eine Nutzungsmischung erzeugt werden? Dazu wird ein Beispiel aus den USA dargestellt, wo sogenannte Edge Cities suburbane Dienstleistungszentren bieten. Wie können diese suburbanen Räume städtebaulich qualifiziert werden?

Die Autorengruppe geht zunächst auf die Herausbildung und den Wandel suburbaner Dienstleistungszentren in der Bundesrepublik ausführlich ein, beschreiben die Folgen funktionaler Trennung und Spezialisierung von Standorten und andere Entwicklungstendenzen und deren Probleme.

Die Gruppe geht dann exkursartig auf das erwähnte Beispiel aus den USA ein, wo auch bereits nach dem zweiten Weltkrieg eine Suburbanisierungswelle einsetzt. Das in den 1960er Jahren entstandene Dienstleistungszentrum Tysons Corner in der Nähe von Washington mit seinen Bürohochhäusern und Shopping Malls hat Veränderungen erfahren, die sich auf die Nachfrage nach Wohnungen und den damit ermöglichten Funktionswandel und den Wandel der städtebaulich Gestaltung durch Nachverdichtung durch Geschosswohnungsbau beziehen. Dies wird ausführlich begründet und dargestellt.

Die Autorengruppe geht dann auf die Region Rhein-Main ein, in der seit den 1970er Jahren nicht nur in kleineren suburbanen Gemeinden Büroparks und Dienstleistungszentren entstanden, sondern auch in der Peripherie der Kernstädte, oft auch in unmittelbarer Nähe zu einander. Dabei werden 22 Standorte im Planungsraum des Regionalverbands Frankfurt am Main untersucht. Gegenstand der Untersuchung waren Aspekte der „Quality of Place“ wie funktionale Ausstattung und Nutzungsmischung, Differenzierung, öffentlicher Räume, Art und Maß der baulichen Nutzung, Ausstattung und Nutzung des Straßenraums, Mobilität und Fußgängerfreundlichkeit. Dabei unterscheiden die Forscher neue Standorte, Transformationsstandorte und stagnierende Standorte, bevor sie am Beispiel eines stagnierenden Standorts und eines Transformationsstandortes Unterschiede aufzeigen. Der stagnierende Standort ist durch eine Nutzungsmischung durch pragmatische Verdichtung gekennzeichnet; der Transformationsstandort ist durch Nutzungsmischung durch systematische Verdichtung charakterisiert. Damit wird zugleich der Spannungsbogen planerischen Handels zwischen pragmatischer und systematischer Verdichtung deutlich. Dies alles wird ausführlich erörtert und nachvollziehbar dargestellt.

Zu: Zwischen altmodisch, begehrt und neuen Entwicklungschancen. Anpassungsstrategien für ältere Einfamilienhausgebiete

Sabine Müller-Herbers und Manuela Skorka stellen eine Studie vor, die sich mit Anpassungsstrategien und ihrer Umsetzung in Einfamilienhaussiedlungen der 50er bis 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts beschäftigt. Denn Revitalisierungsmaßnahmen mit Beteiligung der Bewohnerschaft sind kaum untersucht. Das hier untersuchte Wohngebiet ist Teil einer Kleinstadt im Einzugsgebiet des Oberzentrums Würzburg und hat die Funktion eines Mittelzentrums. Die einzelnen Stadtteile sind ländlich geprägt, z. T. auch eingemeindete Dörfer. Diese Struktur wird erst einmal ausführlich beschrieben.

Das Projekt fand im Rahmen des bayrischen Modellprojekts Revitalisierung von Einfamilienhäusern statt, dessen Leitideen es war, einmal Flächenspareffekte auszuloten, dann aber auch einen Beitrag zur sozialpolitischen Idee einer autonomen Lebensführung im Alter zu leisten und für eine entsprechende Qualität bei der Modernisierung und Neuordnung der Siedlungsgebiete zu sorgen.

Weiter gehen die Autorinnen auf Herausforderungen älterer Einfamilienhausgebiete ein und beschreiben dann ausführlich die Handlungsfelder bei der Revitalisierung. Diese Handlungsfelder werden übersichtlich tabellarisch dargestellt.

In einem weiteren Abschnitt beschäftigen sich die Autorinnen mit der Alten Siedlung in Karlstadt, einer Kleinstadt, die im Fokus der Betrachtung steht. Dazu beschreiben sie zunächst das Quartier als Ausgangspunkt und diskutieren dann die Sichtweise der Quartiersexperten und der Bewohnerschaft. Die Bausteine der Analyse waren vorbereitende Gespräche mit der Stadtverwaltung, die Analyse der Akteure und Gespräche mit ihnen, weitere Gespräche mit Schlüsselpersonen, die Präsentation der Zwischenergebnisse im Stadtrat und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Dies wird ausführlich erörtert und mit Dokumenten der Analyse unterlegt. Weiter wurden am Beispiel konkreter Projekte Anpassungsstrategien diskutiert. Das Fazit ist, dass die Alte Siedlung zwar altmodisch wirkt, aber Wohnen dort sehr begehrt ist und dieses Gebiet deshalb auch Entwicklungschancen hat.

Zu: Region ohne Plan – was wird aus Hamburgs Suburbia?

(Guido Sempell) Die Metropolregion Hamburg mit ihren 1,75 Mio. Einwohner zählt zu den wachsenden Metropolregionen. Zusammen mit schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Landkreisen, die immer schon auf Hamburg bezogen waren, bildet die Stadt Hamburg seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts eine ausgeprägte Metropolregion. Die auch wechselhafte Geschichte dieser Entwicklung wird zunächst ausführlich beschrieben. Allerdings entwickelte sich die Stadt fast ohne Zutun der suburbanen Räume und der Autor fragt, wie sich diese eigentlich im Kontext des Wachstums Hamburgs entwickelt haben. Ist es eigentlich noch Suburbia oder sind die auf die Stadt bezogenen Landkreise auch wegen ihres institutionellen Bezugs und ihrer konstitutionellen Eingebundenheit in die Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein schwierig in diesen Prozess mit einzubinden? Dies wird ausführlich erörtert, ehe der Autor fragt, ob die Region überhaupt einen Plan hat. Der Autor legt einige Schwierigkeiten offen, die mit der Verfasstheit der Stadtplanung und der Stadtentwicklung zu tun haben. Und auf informeller Seite wurde eine Reihe von Aktivitäten entfaltet, um die Kooperation im Verflechtungsraum zu verbessern, die Bezirke der Stadt besser mit den anliegenden Gemeinden der Region zu vernetzen, um auf Chancen und Potentiale in den suburbanen Räumen hinzuweisen und um Angebote der Metropolregion gezielt für den Hamburger Verflechtungsraum zu nutzen und schließlich geht es insgesamt darum, Suburbia sichtbar zu machen. Dies wird detailliert dargestellt. Der Autor verweist dann auf einen Suburbia-Atlas, diskutiert seine Funktion, seine Bedeutung für Suburbia und seine Wirkung und nennt eine Reihe von Handlungsfeldern die entwickelbar sind.

Zu: Veränderung der (Pendel-) Mobilitätsmuster im stadtregionalen Kontext

(Thomas Pütz) Zunächst geht der Autor allgemein auf die veränderten sozio-demographischen Veränderungen ein und diskutiert den Trend zur Reurbanisierung. Führen diese Veränderungen auch zu einer Veränderung der Mobilitätsmuster, wenn nicht nur Jüngere in die Stadt zurückkommen, sondern auch ältere Menschen Gefallen an einem urbanen Lebensstil haben. Pütz erklärt zunächst, wie Pendelmobilität analysiert werden muss und geht insbesondere auf Pendlermatritzen ein, die er ausführlich erläutert. Das Pendeln ist ja nicht nur der Trennung von Arbeit und Wohnen geschuldet, sondern der Distanzen zwischen ihnen, die überwunden werden müssen. Die Strukturen dieser Pendlermobilität werden vom Autor im Weiteren untersucht; dabei geht er auf die Zusammenhänge zwischen Wanderungs- und Pendelmobilität ein, diskutiert den Pendelaufwand und die Pendeldistanzen und kommt dann zu aktuellen Trends der Pendelmobilität.

Interessant ist, dass 40% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen aus dem Umland der Großstädte zu ihren Arbeitsplätzen in die Großstädte pendeln und dabei rund 30 km zurücklegen. Trotz der Abwanderung von Betrieben bleiben die Großstädte die wichtigsten Arbeitsplatzzentren. Der Autor diskutiert dann die Vernetzung der Zentren und geht auf eine qualitative Differenzierung der Pendelmobilität ein. Die Analyse zeigt, dass vor allem Arbeitnehmer mit einer hohen Qualifikation verstärkt pendeln und bei der Alternative Umzug oder Pendeln wird häufiger gegen einen Wohnortwechsel und für Pendeln entschieden. Die wird ausführlich dargestellt und begründet und mit einer Reihe von graphischen Darstellungen veranschaulicht.

Zu: Das „neue“ Suburbia?

(Petra Lütke, Gerald Wood) Die neue Suburbia ist anders als die alte, aber sie bleibt Suburbia. Gesellschaftlicher Wandel, die Pluralisierung von Lebensstilen, das Aufbrechen festgefügter Rollenverteilungen haben auch die suburbanen Räume erreicht. Konnte man früher davon ausgehen, dass der Mann derjenige ist, der an den Arbeitsplatz pendelt und die Hausfrau zuhause ist, haben sich neue Verteilungsmuster etabliert, die auch Suburbia wirklich urbaner machen. Suburbane Räume sind heterogener in ihrer sozialen Zusammensetzung der Bewohnerschaft geworden und sie haben auch eine Funktionsmischung, die sie unabhängiger von der Kernstadt macht. Das ist eine der Ausgangsbeobachtungen der Autorin und des Autors. Sie verweisen auf Forschungsergebnisse und referieren die Situation der Suburbanisierung in den USA, die sich wandelt, wo es zu einer Revitalisierung der Städte kommt und der Bezug zur Kernstadt obsolet geworden ist. Etwa im Sinne der fragmentierten Stadt mit ihren Edge Cities? Die Autorin und Autor diskutieren dabei eine Varianz der Begriffe und die Vielfalt der empirischen Studien.

Lütke und Wood gehen dann auf die historische Entwicklung von Suburbia ein. Dabei interessiert die Entwicklung in England und in den USA, weil sich dort schon sehr früh suburbane Tendenzen ausfindig machen lassen. In London fing es an, wo sich eine „bourgeoise Utopia“ bereits im 18. Jahrhundert herausbildete, wo also eine bürgerliche Elite die Stadt verließ. Dann diskutieren Lütke und Wood die Ausdifferenzierung Suburbias im 19. Jahrhundert. Sie zeigen, wie sich bereits damals eine durchaus differenzierte Bevölkerung in den suburbanen Räumen etablierte und verweisen sowohl auf Studien in England als auch in den USA. Die Entwicklungen in beiden Ländern werden als prototypisch vorgestellt. Weiter erörtern die Autorin und der Autor vier Beispiele, die zeigen sollen, dass Suburbia in nationale und kulturelle Kontexte eingebettet ist. In Deutschland verweist die Diskussion auf den Zusammenhang von Reurbanisierung und Suburbanisierung; in Frankreich ist es die sozialpolitische Debatte über den Stadtrand; die USA diskutieren demographische Verschiebungen und in Australien geht es um Interpretationen des kolonialen Suburbia-Ideals.

Alle Varianten werden ausführlich beschrieben und analysiert. Insgesamt und abschließend stellen die Autorin und der Autor fest, dass es sozialräumliche Pfadabhängigkeiten gibt, die auch die Diskussion komplexer machen und auch die Theoriediskussion heraufordern. Gerade in Deutschland stellen wir fest, das trotz der Reurbanisierung suburbane Tendenzen nicht einfach verschwinden, sondern im Gegenteil, eine neue Qualität erhalten.

Zu: Perspektiven für Suburbia. Die Sicht von Planern und Bewohnern

Dieses Kapitel umfasst fünf Interviews mit Personen, die in unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen und Kontexten arbeiten oder verantwortlich sind. Frau Dr. Brigitte Adem vom BBSR hat diese Interviews geführt. Diese Interviews beziehen sich auf die Entwicklung von Suburbia und Reurbanisierung in Großstädten und kleineren Städten im ländlichen Raum. Sie werden hier nur kurz erwähnt.

  • Prof. Dr. Jürgen Aring, Vorstand des Bundesverbandes für Wohnung und Stadtentwicklung: Erst kommt Suburbia, dann die Großstadtregion! Meckenheim: Wohn- und Arbeitsort in der Zwischenstadt.
  • Klaus Heuschötter, Lokalredakteur der Rhein-Sieg Rundschau des Rhein Sieg-Anzeigers: Hennef an der Sieg – städtisch, dörflich dynamisch.
  • Susanne Borchert, Regionalplanerin/Bauoberrätin im Team Regionalplanung der Region Hannover mit dem Schwerpunkt Steuerung der regionalen Siedlungs- und Einzelhandelsentwicklung: Hannover unter Wachstumsdruck: Reurban und suburban – gegenläufige Trends überlagern sich.
  • Ralph Baumheier, Abteilungsleiter Koordinierung und Planung in der Senatskanzlei Bremen, u. a. zuständig für die regionale Kooperation Bremens: Suburbanisierung light. Bremens Nachbargemeinden sind multifunktional und eigenständig.
  • Florian Ismaier, Frankfurt a. M., Referatsleiter „Raumordnung und Regionalplanung“, Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung: Wohnen in Suburbia? Die Sicht eines Urbaniten.

Diskussion

Suburbias Zukünfte liegen offensichtlich nicht im Schatten der Reurbanisierung. Die Beiträge zeigen sehr differenziert und empirisch begründet, mit welchen Trends wir es im Zusammenhang mit Suburbanisierung und Reurbanisierung in der nächsten Zukunft zu tun haben werden. Beide Prozesse wachsen und der Rückgang der Suburbanisierung, den wir in der Tat beobachten konnten, bekommt einen neuen Aufschwung, auch eine neue Qualität. Und die Beiträge haben auf Zusammenhänge zwischen diesen beiden Prozessen aufmerksam gemacht. Die Reurbanisierung ist ein Prozess, der in den Diskussionen oft auch als Kehrtwende der Suburbanisierung bezeichnet wird. Dabei ist feststellbar, dass sich diese Prozesse auch gegenseitig bedingen, zumindest aber parallel verlaufen. Ein neuer Trend der Suburbanisierung ist ausmachbar, der aber die Revitalisierung der Kernstädte nicht behindert, sondern der neben dieser Suburbanisierung an Bedeutung gewinnt.

Dieser neue Trend der Suburbanisierung verweist auch auf andere analytische Fragen. Wie haben sich z. B. die Lebensqualität und das lokale Integrationspotential suburbaner Räume verändert, so dass sich auch dort eine urbane Qualität durchsetzt, die eine Alternative zum Leben in der Kernstadt bietet? Auch wurde deutlich, dass sich dieser Trend der Suburbanisierung nicht in allen Großstadtregionen gleichermaßen durchsetzt. Großstädte mit Strukturproblemen der Schrumpfung oder der Alterung werden sowohl von der Suburbanisierung als auch von der Reurbanisierung nicht in dem gleichen Ausmaß profitieren wie Wachstumsregionen.

Fazit

Dieses Heft der Informationen zur Raumentwicklung bietet einen differenzierten und zugleich analytisch komplexen empirischen Zugang zu zwei Prozessen, die die Stadtforschung und die Stadtentwicklung zur Zeit auch beschäftigen werden. Die Trends und die Qualität dieser Prozesse werden aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und analysiert und mit empirischem Material unterlegt. Von daher bietet das Heft einen Überblick über die Diskussion und die empirischen Befunde, die notwendig sind, um zu einem differenzierten Verständnis von Reurbanisierung zu kommen und um Suburbanisierung in seiner neuen qualitativen Ausprägung zu verstehen.

Summery

Suburbanisation and reurbanisation are two tendencies of urban development, with which urban development policy must more and more deal. This publication of the Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung – the federal research institute for urban and space research of the German government – discusses this process against the background of actual trends in German cities. The articles offer different perspectives of this topic. Summarising this discussion we can remark that both processes are interdependently connected. We find both processes of urban development parallel in German cities.

The publication is an overview not only about the discussion, but also of the empirical material, so that there is possible to have a different picture about two important processes of cities in the near future.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 09.02.2017 zu: Im Schatten der Reurbanisierung? Suburbias Zukünfte. Franz Steiner Verlag (Stuttgart) 2016. Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2016, hrg. vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 127 Seiten, ISSN 0303 -2493. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21704.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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