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Franck Fischbach: Manifest für eine Sozialphilosophie

Cover Franck Fischbach: Manifest für eine Sozialphilosophie. transcript (Bielefeld) 2016. 153 Seiten. ISBN 978-3-8376-3244-6. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Thema

Thema des nicht zufällig mit „Manifest“ überschriebenen (mit ca. 130 Seiten relativ kurzen) Textes ist das Herausstellen von Notwendigkeit und Stärke von Sozialphilosophie – in Abgrenzung von soziologischer Theorie und politischer Philosophie. Dieses Plädoyer erfolgt auf dem Hintergrund der französischen Debatten-Kultur, in der Sozialphilosophie anders als in Deutschland so gut wie keine Rolle spielt.

Autor und Herausgeber

Der Autor, Franck Fischbach, lehrt Philosophie an der Universität Straßburg mit den Schwerpunkten Geschichte der deutschen Philosophie und Philosophie des Sozialen. Das „Manifest“ ist der erste Text des Autors, der auf Deutsch vorliegt, er ist in der von Thomas Bedorf und Kurt Röttgers herausgegebenen Reihe „Sozialphilosophische Studien“ des transcript-Verlags erschienen.

Die Herausgeber der Reihe sind beide ausgewiesene Sozialphilosophen und Kenner der französischen Philosophie. Sie erläutern in einem ausführlichen Nachwort sowohl die interessanten Aspekte dieser Außensicht als auch den systematischen Ort einer „kritischen“ Sozialphilosophie, wie sie Fischbach vertritt.

Entstehungshintergrund

Das „Manifest“ entsteht – so die Sicht des Autors – in einer Diskurslandschaft, die von normativen politischen Theorien dominiert ist. Menschenrechte, Demokratie, Humanismus sind zu normativen Grundlagen politischer Theorie geworden, mit John Rawls als Leitfigur. Zu kurz kommt in den damit verbundenen Debatten – ob affirmativ oder kritisch geführt – ein kritischer Blick auf Formen „von Normativität, die dem im eigentlichen Sinne sozialen Bereich menschlicher Existenz immanent ist“. (S. 8)

Aufbau und Inhalt

Da sich am Aufbau des Textes die Argumentationslinie des Autors ablesen lässt, folgt meine Skizze der Position Fischbachs dem Aufbau des „Manifests“:

Vorwort. Im Vorwort liefert Fischbach eine Beschreibung der Diskussionslandschaft, in der er sich bewegt, skizziert die Motive, die zum „Manifest“ geführt haben und begründet, warum – in Abgrenzung von liberalen und neoliberalen Positionen – nicht die individuelle Akteursperspektive die soziale Welt zu verstehen hilft, sondern der kritische Blick auf die „dem Individuum externen Bedingungen“ (S. 15). Anders als die Moralphilosophie und die politischen Philosophie hält die Sozialphilosophie es nicht mit der Abstinenz von den empirischen Sozialwissenschaften, sondern nutzt diese, um „über die negativen sozialen Erfahrungen und die sozialen wie psychischen Prozesse, die diese beschreiben, nachdenken zu können.“ (S. 17)

Kapitel 1: Die Sozialphilosophie – Eine (fast) Unbekannte in Frankreich. Das Kapitel liefert die Beschreibung einer paradoxen Situation: Einerseits ist Sozialphilosophisches grundlegend für viele soziologische Theorien – zentrale Begriffe wie „Entfremdung“, „Ideologie“, „Warenfetisch“, „Nihilismus“, „Sinnverlust“, „Entzauberung der Welt“, „Modernisierung“. (S. 23) verdanken sich sozialphilosophischer Reflexion. Andererseits aber erlebt die Sozialphilosophie insbesondere in Frankreich mit der aufkommenden Soziologie eine weitgehende Entwertung.

Kapitel 2: Sozialphilosophie versus politische Philosophie. In diesem Kapitel beschreibt Fischbach die Entstehung der Sozialphilosophie als einen Emanzipationsprozess von der durch die Aufklärung bestimmten politischen Philosophie. Das Soziale als das, was die Individuen verbindet, vor ihnen da ist und die Möglichkeiten eines „guten Lebens“ bestimmt bzw. verhindert taucht im 19. Jh. auf und wird (über „Statistik, politische Ökonomie, Soziologie, Sozialmedizin, Kriminologie, Anthropologie“) auch zu einem Gegenstand des Wissens. Die Sozialphilosophie ist die Form philosophischer Reflexion, die das Individuum in seinem sozialen Kontext zu verstehen versucht. „Sie arbeitet auf ein Denken hin, das die Natur, die Gesellschaft und die Politik in Kontinuität miteinander begreift.“ (S. 51) – die Politik ist nichts von den (natürlichen) Bedürfnissen und den sozialen Beziehungen Abgelöstes, sondern eine „spezifische Modalität der sozialen Aktivität selbst“ (S. 51)

Kapitel 3: Die Merkmale der Sozialphilosophie. In diesem, für deutsche Leser sicher interessantesten Kapitel arbeitet Fischbach thesenhaft, zugleich aber mit Bezug auf historische Vertreter sozialphilosophischen Denkens (von Marx bis Spivak) fünf Merkmale heraus, die für jede Sozialphilosophie konstitutiv sind.

  1. Gegenstand der Sozialphilosophie ist die Gesellschaft und das soziale Leben und – weil Gesellschaft nicht unmittelbar als Gegenstand der Anschauung gegeben ist – ist die Sozialphilosophie vom in den Gesellschaftswissenschaften erarbeiteten positiven Wissen abhängig.
  2. „Die Sozialphilosophie ist ... eine Philosophie die sich selbst als einer sozialen Umwelt oder einem sozialen Kontext eingeschrieben weiß.“ (S. 57) Ihre Aufgabe ist eine lehrende – aufzuklären über Verflechtungen und Beziehungen des Gesellschaftlichen, sodass die Einzelnen ihren eigenen Ort im Sozialen verstehen können.
  3. Methodisch ist die Sozialphilosophie so ausgestattet, dass sie der Gesellschaft ihrer Zeit eine Diagnose zu stellen vermag. Die medizinische Metapher ist nicht zufällig gewählt. Es gilt aufzuzeigen, „woran ihre Zeit und Gesellschaft krankt, und was darin die Form sozial pathologischer Phänomene annimmt.“ (S. 63)
  4. Sozialphilosophie im Sinne Fischbachs geht über eine beschreibende Diagnostik hinaus. Sie evaluiert, bewertet und kritisiert. Voraussetzung hierfür ist ein Modell oder „Konzept dessen ... , wie genau sich Entwicklungen gestalten müssten, um keine Fehlentwicklung zu sein und nicht pathologisch zu werden.“ (S. 64)
  5. Die Sozialphilosophie als kritische findet als Sprecher oder Sprachrohr ihre Adressaten in den sozialen Akteuren, für die eine Transformation der sozialen Pathologien im ureigensten Interesse liegt. In diesem Sinne ist die Sozialphilosophie praktische Philosophie.

Kapitel 4: Die Umtriebe des „Sozialen“. In diesem Kapitel wird eine notwendige Abgrenzung vorgenommen: Das Soziale als Gegenstand der Sozialphilosophie ist nicht identisch mit dem, was in der Politik als „soziale Frage“ behandelt wird, oder was Aufgabe der Berufe des „sozialen Sektors“ ist. Die Sozialphilosophie hat das Soziale als faktisch gegebene gesellschaftliche Ordnungsstruktur zum Gegenstand – ein konflikthaftes Feld, in dem Herrschende und Beherrschte aufeinander treffen und aneinander gebunden sind. Der „soziale Sektor“ hat demgegenüber die politische Aufgabe, bestimmte Probleme, die als alle betreffende definiert werden, zu bearbeiten und gesellschaftlich zu entschärfen.

Kapitel 5: Die Kritik des „Sozialen“. Ansinnen (von Seiten der Öffentlichkeit oder der Wissenschaftsverwaltung), die Sozialphilosophie zum Kollaborateur des sozialen Sektors zu machen, weist Fischbach zurück. In seiner Sicht gilt es, sich kritisch mit solchen Ansinnen auseinander zu setzen und den Sinn aufzudecken, den die damit unterstellten kurativen/palliativen Konzepte „des Sozialen“ haben. – Nietzsche, Heidegger und Foucault liefern Fischbach Argumente für die Kritik technologisch organisierter Fürsorge und sozialmedizinischer Versorgungsstrategien.

Schlussbetrachtung: Philosophie und Sozialkritik. Da Fischbach sich in seiner Argumentation immer wieder nicht nur auf philosophische Positionen und sozialhistorische Analysen, sondern auch auf Konzepte der Soziologie bezieht, geht seine Schlussbetrachtung noch einmal auf die Frage des Verhältnisses der Sozialphilosophie zur Soziologie ein. Terrainkämpfe scheinen immer wieder aufzuflammen, sind aus seiner Sicht nach Gegenstandsbestimmung und Methodenbeschreibung der Sozialphilosophie jedoch unnötig/unsinnig. Die Sozialphilosophie „steht für eine Methode, die sich einen Weg durch die verschiedenen Disziplinen bahnt (natürlich die Soziologie, aber auch die Geschichte, die Anthropologie, die Sozialpsychologie, die Psychopathologie der Arbeit usw.) und die Ergebnisse der separat voneinander durchgeführten Forschungen aufeinander bezieht. Sie durchquert Forschungsfelder, von denen sie sich nährt und die sie auch umgekehrt zu befruchten sucht.“ (S. 116)

Diskussion und Fazit

In dreifacher Hinsicht ist das von Franck Fischbach vorgelegte „Manifest für eine Sozialphilosophie“ auch für die deutsche Diskussion interessant:

  • Es liefert – wie ich in der Rekonstruktion seiner Argumentation zu zeigen versucht habe – ein Konzept für eine normative Sozialphilosophie, d.h. für eine Sozialphilosophie die kritisch Distanz nimmt von liberalen und neoliberalen politischen Positionen und sich traut, wertende Vorstellungen davon zu entfalten, wie soziale Ordnung und soziale Beziehungen gestaltet sein müssen, sollen sie nicht pathologisch sein. Auch wenn man eine solche normative Konzeption von Sozialphilosophie nicht teilt (s. hierzu die Einordnung der Herausgeber im Nachwort), liefert der Text doch interessante Anstöße etablierte Vorstellungen von „sozialen Fragen“, „sozialen Problemen“, „sozialen Aufgaben“ kritisch zu hinterfragen. Insbesondere für die Professionsdebatte in den sozialen Berufen scheint mir die damit mögliche kritische Reflexion nützlich zu sein.
  • Die von Fischbach eingebrachte französische Debatte um soziale Kritik und die Aufgabe von Philosophie erweitert in gewisser Weise die Genealogie von Autoren, wie sie z.B. im Kontext kritischer Sozialer Arbeit diskutiert und aufbereitet wird. Fischbach – obwohl mehr als sonst in Frankreich üblich auf Autoren der Kritischen Theorie zurückgreifend – zieht eine Linie von Saint Simon über Hegel und Marx, Nietzsche und Heidegger, Bourdieu und Deleuze, Fanon und Spivak.
  • Schließlich liefert der Text auch einen Einblick in die französische Debatte um Philosophie, das System der wissenschaftlichen Disziplinen und die Konzeptualisierung des Sozialen.

Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Großmaß
Alice Salomon Hochschule, Professur für Ethik und Sozialphilosophie
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Zitiervorschlag
Ruth Großmaß. Rezension vom 04.01.2017 zu: Franck Fischbach: Manifest für eine Sozialphilosophie. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3244-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21705.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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