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Sonja Bastin: Partnerschafts­verläufe alleinerziehender Mütter

Cover Sonja Bastin: Partnerschaftsverläufe alleinerziehender Mütter. Eine quantitative Untersuchung auf Basis des Beziehungs- und Familienpanels. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 402 Seiten. ISBN 978-3-658-10684-3. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 53,00 sFr.
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Thema

Gegenstand dieser Studie ist die Partnerschaftsdynamik alleinerziehender Mütter in Deutschland. Um den Status „alleinerziehend“ zu verlassen und die damit oft verbundene prekäre ökonomische Situation zu verbessern, kann der Zusammenzug mit einem (neuen) Partner eine praktikable Lösung darstellen. Aber auch als Unterstützungsgeber spielt der Partner eine wichtige Rolle. Die Studie greift auf die Daten des Beziehungs- und Familienpanels zurück und beantwortet Fragen nach den unterschiedlichen Lebens- und Partnerschaftsverläufen Alleinerziehender aus familienökonomischer und stresstheoretischer Perspektive.

Autorin

Sonja Bastin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Wirtschaft in Bremen.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung begründet die Autorin ihr Forschungsinteresse damit, dass entlang bisheriger Befunde „eine schnelle Überwindung des (partnerlosen) Alleinerziehens durch eine Partnerschafts- oder partnerschaftliche Haushaltsgründung als persönlich und gesellschaftlich erstrebenswert“ gilt (S. 28) und damit Fragen nach dem Zeitpunkt dieses Übergangs, den Bedingungen und der Einordnung in den Lebenslauf der Alleinerziehenden aufgeworfen werden. Sorgfältig unternimmt Sonja Bastin die Begriffsbestimmung. Sie begründet hier, warum die Studie sich an die Definition der amtlichen Statistik anlehnt und rückt die Alleinverantwortlichkeit der untersuchten Personengruppe in den Fokus des Forschungsinteresses. Auch der theoretische Rahmen wird hier bereits angelegt: als theoretischen Zugang wählt die Autorin den Lebenslaufansatz und verbindet darüber hinaus Aspekte austauschtheoretischer und (familien-)ökonomischer Ansätze mit sozialpsychologischen Elementen der (Familien-)Systemtheorie.

Im zweiten Kapitel stellt Sonja Bastin den theoretischen Rahmen ihrer Arbeit ausführlich dar. Sie differenziert ihre theoretischen Überlegungen in solche zur Partnerschaftsentwicklung, die vor allem die Partnerschafts- und die Haushaltsgründung von Alleinerziehenden mit familienökonomischem Blick betrachten, Überlegungen zur individuellen Handlungslogik bei der Partnerschaftsentwicklung, die aus Sicht des Rational Choice Ansatzes beleuchtet werden, und Überlegungen zu den strukturellen Rahmenbedingungen der Partnerschaftsentwicklung, die die sozialen Prozesse aus einer Makroperspektive beleuchten. Ihre ausführlichen theoretischen Erörterungen fasst Sonja Bastin abschließend in einem Modell der Partnerschaftsentwicklung Alleinerziehender zusammen und generiert Hypothesen für ihre empirische Untersuchung.

Kapitel 3 legt den Forschungsstand zur Partnerschaftsentwicklung alleinerziehender Mütter dar. Entlang der zentralen Forschungsfragen referiert Sonja Bastin im ersten Teil Befunde zur Einordnung des Alleinerziehens in den Partnerschaftsverlauf, im zweiten Teil Ergebnisse zur Verweildauer im Status des Alleinerziehens. Die Autorin resümiert, dass der dynamische Charakter der Lebensform in den meisten Studien nicht reflektiert wird, dass zumeist keine Einordnung der untersuchten Episode in den Gesamtpartnerschaftsverlauf erfolgte und damit auch hinsichtlich der Stabilität der Partnerschaften und der Heterogenität der Partnerschaftsverläufe kaum Erkenntnisse vorliegen. Diese Forschungslücken haben, so die Autorin, vor allem methodische Gründe. Aber auch die gewählte Definition, Alleinerziehende per se als partnerlos zu betrachten, sowie der gesetzte theoretische Rahmen ohne Rückgriff auf stresstheoretische Überlegungen verengen den Blick auf die Partnerschaftsverläufe Alleinerziehender. Diese kritische Reflektion des aktuellen Forschungsstandes leitet zum empirischen Teil hin.

Der empirische Teil der Arbeit, der im vierten Kapitel dargelegt wird, umfasst einmal die explorative Gesamtdarstellung der Partnerschaftssequenzen und darüber hinaus eine theoriegeleitete Ereignisdatenanalyse. Bevor die Autorin ihre Befunde zum ersten Teil detailliert darlegt, stellt sie zunächst ihre Datenbasis, das Beziehungs- und Familienpanel „pairfam“, mit seinen Besonderheiten vor. Dann folgen unter der Überschrift „Exploration der Einordnung des Alleinerziehens in den partnerschaftlichen Lebenslauf“ ihre Überlegungen zur gewählten Methode, der Sequenzdatenanalyse, und zur Stichprobenziehung. Die Ergebnisse werden anschließend anhand grafischer Darstellungen transparent gemacht. Dabei stellt Sonja Bastin elf Cluster ihrer Datenanalyse vor, die die unterschiedlichen partnerschaftlichen Lebensverläufe reflektieren. Diese Verlaufscluster werden abschließend von ihr anhand ausgewählter, für die Partnerschaftsentwicklung diskutierter Merkmale (Bildungsniveau, Wohnregion) beschrieben. Auch im zweiten Teil der Darstellung ihrer empirischen Befunde erläutert Sonja Bastin zunächst ihre methodischen Vorüberlegungen nebst Analysestrategie und Vorgehen bei der Stichprobenziehung. In diesem zweiten Abschnitt will sie die Frage beantworten, „wie lange es dauert, bis Frauen nach dem Beginn des ersten Alleinerziehens wieder eine Partnerschaft aufnehmen“ (S. 209) und wie der weitere Lebensverlauf (Zusammenzug, Beendigung des Alleinerziehens) aussieht. Im Ergebnis ihrer multivariaten Analysen zeigt sich insbesondere, dass sich Gruppen alleinerziehender Mütter identifizieren lassen, die das Alleinerziehen eher als andere durch eine partnerschaftliche Haushaltsgründung beenden. Vor allem das Alter der Frau bei Beginn des Alleinerziehens, das Alter des jüngsten Kindes und das Zusammenleben mit den Eltern haben Einfluss auf diese Haushaltsgründung. Weiterhin stellt Sonja Bastin zusammenfassend die wichtigsten Einflussfaktoren und ihr Zusammenwirken dar, die dazu führen, dass die Partner zusammenziehen oder sich trennen.

Kapitel 5 diskutiert die gesamte Arbeit zusammenfassend. Hier kann Sonja Bastin noch einmal den Roten Faden ihrer Untersuchung transparent machen: Ausgehend von der Motivation, Mechanismen des Ausstiegs aus einer deprivierten Lebensform zu beforschen, wählte die Autorin einen theoretischen Zugang, der der Komplexität dieses Forschungsinteresses angemessen ist und kann sehr detaillierte Antworten auf ihre Forschungsfragen anbieten. Die Heterogenität der Lebensform zeigt sich demnach auch in den partnerschaftlichen Lebensverläufen. Zum Abschluss des Kapitels formuliert die Autorin die Hauptbeiträge und Grenzen ihrer Studie.

Diskussion

Mit ihrer Studie legt Sonja Bastin eine solide Grundlage für weiterführende Diskussionen um die Lebensform Alleinerziehender. Die Autorin geht in ihrer Darstellung sehr systematisch und gründlich vor, so dass ihre Überlegungen, Implikationen und Argumente im Detail sehr gut nachvollzogen werden können. Das trifft vor allem für den theoretischen Teil der Arbeit zu, in dem sie sehr genau die gewählte Rahmung begründet, aber auch für den empirischen Teil, der das Vorgehen und die Resultate ihrer Untersuchung systematisch reflektiert. Ebenfalls sehr ausführlich und gut begründet diskutiert die Autorin zum Abschluss die Implikationen für zukünftige Forschungsvorhaben. Damit ist die Studie ein guter Ausgangspunkt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für eigene Forschungsvorhaben, aber darüber hinaus als Vorlage all jenen Studierenden und Promovierenden sozialwissenschaftlicher Studiengänge zu empfehlen, die sich mit Forschungsprozessen, der Darstellung und Einordnung von Forschungsergebnissen, mit Methoden der Datenanalyse oder mit familiensoziologischen Fragestellungen auseinandersetzen.

Fazit

Die Studie von Sonja Bastin bestätigt anhand der Daten des Beziehungs- und Familienpanels, dass Alleinerziehende auch in ihren Partnerschaftsverläufen eine heterogene Bevölkerungsgruppe darstellen. Aus längsschnittlicher Perspektive betrachtet ergeben sich somit nicht für alle alleinerziehenden Mütter gleiche Chancen, ihren Status zu verlassen oder langfristig partnerschaftliche Haushaltsgemeinschaften aufrecht zu erhalten.

Die Ergebnisse der Untersuchung tragen damit zum Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen Situation von potenziell deprivierten alleinerziehenden Müttern in Deutschland bei. Der besondere Beitrag der Studie zur aktuellen Diskussion liegt vor allem im Einbezug solcher Alleinerziehender in die Analyse, die in sogenannten „Living-apart-together“-Partnerschaften leben, in der Betrachtung des gesamten Lebensverlaufes alleinerziehender Mütter, nicht nur einiger Phasen ihrer Lebens- und Partnerschaftsbiografie, und im Einbezug stresstheoretischer Elemente in Ergänzung austauschtheoretischer und familienökonomischer Mechanismen.


Rezensentin
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 29.05.2017 zu: Sonja Bastin: Partnerschaftsverläufe alleinerziehender Mütter. Eine quantitative Untersuchung auf Basis des Beziehungs- und Familienpanels. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-10684-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21707.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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