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Zita Grigowski: Trans* Fiction

Cover Zita Grigowski: Trans* Fiction. Geschlechtliche Selbstverständnisse und Transfeindlichkeit. Unrast Verlag (Münster) 2016. 82 Seiten. ISBN 978-3-89771-135-8. D: 7,80 EUR, A: 8,10 EUR.
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Thema

Grigowski setzt sich in ihrem Buch mit zentralen Begriffen im Zusammenhang von Trans*, dem aktuellen Oberbegriff für ganz unterschiedliche geschlechtliche Lebensweisen und Selbstbezeichnungen wie zum Beispiel Transsexualität, Transgender, Transidentität, Drag oder Cross-Dressing auseinander. Trans* umfasst dabei Personen, die sich nicht oder nicht eindeutig als Frau oder Mann verstehen, ebenso wie Personen, die sich als Frau oder Mann, aber gar nicht unbedingt als trans* beschreiben würden.

Das Buch geht dabei diesen und weiteren Fragen nach, in der Intention, diese ebenso unterschiedlichen wie komplexen Lebensrealitäten von Menschen sichtbar zu machen, die gegenwärtig unter dem Begriff Trans* zusammengefasst werden. Dabei geht es ihr vor allem darum, „offene Perspektiven, alternative Blickwinkel, Sichtweisen, mit denen man lieber weniger versteht, als scheinbar abgeschlossen verstanden zu haben.“ (5).

Autorin

Zita Grigowski studiert nach ihrem Abschluss in Sozialer Arbeit (ASH Berlin) Soziokulturelle Studien an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), wo sie am Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie spätmoderner Gesellschaften tätig ist (2015). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Poststrukturalistische Kultur- und Sozialwissenschaften, transdisziplinäre Perspektiven auf Körperlichkeit, die Birmingham School of Cultural Studies, Trans Studies und angloamerikanische Feministische Theorie. (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Das 78 Seiten umfassende Büchlein setzt vier Schwerpunkte:

  1. Trans*Realities
  2. Queere Politiken und Trans(sexuelle) Erzählungen?
  3. Transfeindlichkeit
  4. Trans(sexuality) Fiction.

Im ersten Kapitel geht es zunächst um verschiedene grundlegende Begriffsklärungen und Realitätsannäherungen. Als relevanter Überbegriff hat sich dabei im deutschsprachigen Raum seit Mitte der 1990er Jahre der Trans*begriff informell an vielen Stellen durchgesetzt. Dabei steht das Sternchen für verschiedene Suffixe wie -sexualität oder -identität und erweitert zugleich das Spektrum (7). Dabei sieht Grigowski damit auch durchaus Fallstricke verbunden, denn Oberbegriffe seien durchaus geeignet, „die Selbstverständnisse von Menschen zu invalidisieren, d. h. sie abzuwerten oder diese Menschen abzusprechen“ (9). So plädiert Grigowski dafür, Trans*sexualiät (als queer-theoretisch geprägtem Begriff) von Transsexualität (als juristischem und Diagnosebegriff) und von Cis-Geschlechtlichkeit (d. h. nicht-intergeschlechtliche Menschen identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde) abzugrenzen.

Im zweiten Kapitel ihres Buches nimmt Grigowski u. a. eine kritische Analyse von Harold Garfinkel ethnomethodologischer Studie von Agnes vor, die mit männlichen Genitalien geboren wurde und sich bei Garfinkel 1958 in Los Angeles vorstellte um eine Geschlechtsangleichung zur Frau zu erhalten.

In Mittelpunkt des dritten Kapitels steht die Transfeindlichkeit, bzw. Transphobie, wobei sich die Autorin durchaus schwer tut mit der Definition der Begriffe, da eine verkürzte Definition das Problem zu stark auf eine individuelle Ebene verkürzen und damit entpolitisieren und die Gefahr bestünde, dass die soziale und politische Dimension ausgeblendet würde. Zweiter Schwerpunkt des Kapitels ist die Diskussion des Authentizitätsbegriffes als Ausdruck sozialer Differenz. Authentizität ist im Kontext von Trans*gender oder Trans*sexualität und damit auch von Transfeindlichkeit von besonderer Bedeutung, weil sie Bestandteil des Begutachtungsverfahrens ist (nach dem Transgendergesetz z. B. relevant im Hinblick auf die Frage der Kostenübernahme). Sie ab- oder anzuerkennen kann also von großer Tragweite für die betroffene Person sein.

In ihrem vierten und letzten Kapitel „Trans(sexuality) Fiction“ plädiert die Autorin dafür, Menschen, die sich nicht eindeutig als Frau oder Mann verstehen, einen sprachlichen Raum zu ermöglichen (73). Dabei geht es der Autorin um „offene Perspektiven“, darum „unterschiedliche Menschen nicht gegeneinander auszuspielen. Nicht allzu einfache Dualismen zu bedienen.“ (76)

Diskussion und Fazit

Zita Grigowski 78 Seiten starkes Buch hat den Charakter eines wissenschaftlichen Essays. Es ist ein engagiertes und kompetentes Plädoyer dafür: „Menschen nicht fremdzudefinieren, weil man davon ausgeht, man wüßte, um wen und was es sich handelt. Anderen Menschen zuzuhören, was sie zu erzählen haben, wie sie die Welt wahrnehmen und Sinn von sich selbst und ihrem Leben in dieser Welt/in diesen Welten machen. Die Selbstverständnisse von Menschen anzuerkennen und zu respektieren. Stellung zu beziehen und Menschen zu kritisieren, wenn sie gegen anderen Menschen konkret Dominanz und Gewalt ausüben.“ (76f).


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 24.04.2017 zu: Zita Grigowski: Trans* Fiction. Geschlechtliche Selbstverständnisse und Transfeindlichkeit. Unrast Verlag (Münster) 2016. ISBN 978-3-89771-135-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21709.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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