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Hans-Peter Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie. [...] für die Soziale Arbeit

Cover Hans-Peter Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie. Studienbuch für soziale Berufe. UTB (Stuttgart) 2007. 4., überarbeitete Auflage. 308 Seiten. ISBN 978-3-8252-8296-7. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Reihe: UTB L (Large-Format).
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Die Autoren

Hans-Peter Langfeldt lehrt am Institut für pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt, Werner Nothdurft lehrt Theorie und Praxis sozialer Kommunikation an der Fachhochschule Fulda im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. An dem Text haben weiterhin mitgearbeitet und Teilkapitel verfasst Elisabeth Baumgartner (Psychologie in Europa), Maria Langfeldt-Nagel (Sigmund Freud: Die psychoanalytische Theorie) und Friedrich C. Sauter (Psychologie der Intervention).

Aufbau und Inhalt

Ziel der Autoren ist es, ausgehend von dem bei Studierenden vorhandenen naiven Wissen über menschliches Verhalten ein wissenschaftlich solides, psychologisch fundiertes Verständnis des Erlebens und Verhaltens grundzulegen. Das tun sie in den Themenbereichen:

  • Psychologie als Wissenschaft (Fragen, Erkenntnistheorie, Forschungsstrategien),
  • Psychologie der Person (Menschenbilder, Persönlichkeitstheorien),
  • Psychologie der Entwicklung (Entwicklungstheorien, Entwicklung im Lebenslauf, Lernen, Erzieherisches Verhalten),
  • Psychologie der Soziale Interaktion und Kommunikation (Kommunikationstheorien, Soziale Interaktion, Personwahrnehmung, Einstellungstheorien, Attributionstheorie, Soziale Gruppe).

Auf diesem theoretischen Fundament, das immer schon mit Bezug zu praktischen Beispielen (z. B. aus der Erziehungsberatung) dargestellt wird, werden zwei Anwendungsbereiche vorgestellt, die im psychosozialen Arbeitsfeld relevant sind:

  1. Psychologische Diagnostik/Gutachten (Grundlagen, Beobachtung, Psychometrie, Projektive Tests, Gutachten)
  2. und Psychologie der Intervention (Psychotherapie allgemein, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, Indikation und Effektivität).

Abschließend und zusammenfassend werden psychologische Aspekte sozialer Professionalität erörtert, die zeigen sollen, wie psychologische Erkenntnisse zu einem genaueren Selbstverständnis sozialpädagogischer Tätigkeit beitragen können. Diese Aspekte sind: Gesprächsgestaltung, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Konfliktbewältigung und Umgang mit Emotionen.

Diskussion

Das Buch hat zum Ziel Studierende pädagogischer Fächer mit einer psychologischen Erstausstattung zu versehen, die ihnen ermöglicht sich selbst und typische Handlungssituationen ihrer Arbeitsfelder zu verstehen. Dazu sammeln die Autoren, was aus dem Kanon psychologischer Wissenschaft brauchbar erscheint. Im Großen und Ganzen ist ihnen das sicher auch gelungen. Ich habe aber Zweifel, ob die häufig sehr gedrängte Darstellung wirklich Erkenntnisgewinn vermittelt, wenn z.B. zwischen Seite 30 und 33 so heterogene Wissenschaftspositionen wie Kritischer Rationalismus, Kritische Theorie, Grounded Theory, Feminismus, Konstruktivismus abgehandelt werden, oder Kommunikationstheorie zwischen S. 137 und 143 dargestellt wird, wobei dann noch für Gesprächsorganisation als einzige Quelle Sacks et. al. 1974 angeführt wird, obwohl in der diskursanalytischen Forschung in den letzten Jahren viele praxisrelevante Untersuchungen vorgelegt wurden (vgl. z.B. Keller, Hirseland, Schneider, Viehöver 2003).

Bei Anspruch und Umfang des Buches muss notwendig eine Auswahl getroffen werden, die aber nicht immer überzeugend erscheint. Im theoretischen Teil gibt es z.B. beim Thema Lernen (trotz des Literaturhinweises auf Edelmann 2000) keinen Absatz über kognitive Lerntheorien/Wissenserwerb, was unter der Überschrift "Lernen als zentraler Begriff für Entwicklung und Erziehung" kaum akzeptabel ist. Weiter: der Schwerpunkt bei der Gutachtendarstellung liegt zu sehr auf dem psychologischen Gutachten - auch bei dem Beispiel der Zeugenbegutachtung - und vernachlässigt die in den Sozialberufen typische Gutachtertätigkeit (vgl. z.B. Oberloskamp, Balloff, Fabian 2001, 6. Aufl.). Bei den Interventionsverfahren liegt der Schwerpunk sehr auf psychotherapeutischen Verfahren, die ebenfalls für die (Sozial)pädagogen weniger relevant sind, es fehlt aber die Diskussion problemlösungsorientierter Beratungsverfahren (z.B. Mutzeck 2002 ) wie auch eine ausführlichere Diskussion von "Beratung" (vgl. z.B. Sickendiek, Engel & Nestmann 2002), die für die Zielgruppe hilfreicher und näher an den relevanten Arbeitsfeldern wäre. Wenn schon Gesprächspsychotherapie dargestellt wird, wären Hinweise auf handlungsorientierte Ansätze, wie sie bei Sachse (vgl. z.B. 1996 und 2002) zu finden sind, nützlich.

Trotz des insgesamt gut informierenden und lesbar geschriebenen Textes scheint mir der Band in der Klemme zu stecken zwischen einem breit einführenden Lehrbuch in die Psychologie - das können m.E. die Klassiker (z.B. Zimbardo oder der gute alte Hilgard, bzw. seine Nachfolger) besser und einer in psychologisches Denken einführenden Darstellung für Anfänger und Nebenfächler, die an einem übersichtlichen und konsistenten Modell menschlichen Handelns die Grundthemen wie Entwicklung, Lernen ... darstellt, sie aber nicht separierend behandelt, sondern das in der Entfaltung eines handlungsorientierten Ansatzes leistet (z.B. Nolting & Paulus 2000).

Fazit

Für Studierende der Sozialpädagogik vermittelt der Band sicher einen interessanten Blick auf unterschiedliche Psychologien. Ein Modell menschlichen Handelns, das Praxissituationen zu verstehen und zu bewältigen hülfe, wird Studierenden aber nicht vermittelt.

Zitierte Literatur

Keller, R.; Hirseland, A.; Schneider, W. & Viehöver, W. (Hrsg.). (2003). Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Mutzeck W. (2002). Kooperative Beratung. (2002) Weinheim: Beltz

Nestmann, F. & Engel, F. ( Hrsg.). ( Die Zukunft der Beratung. Tübingen: DGVT-Verlag

Nolting, H.-P. & Paulus, P. (2000, 3. Aufl.). Psychologie lernen. Weinheim: Beltz

Oberloskamp, H.;Balloff, R. & Fabian, T. (2001, 6. neubearb. Aufl.). Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit. Neuwied: Luchterhand

Sachse, R. (1996). Praxis der zielorientierten Gesprächspsychotherapie. Göttingen: Hogrefe

Sickendiek, U.; Engel, F. & Nestmann, F. (2002, 2., überarb. u. erw. Aufl.). Beratung - Eine Einführung in sozialpädagogische und psychosoziale Beratungsansätze. Freiburg: Juventa

Zimbardo, Ph. G. & Gerrig, R. J. (2004, 16. akt. Aufl.) Psychologie. München: Pearson Studium


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Terbuyken
Studienleiter i.R. Evangelische Akademie Loccum
Homepage www.loccum.de
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 3. Auflage aus dem Jahr 2004.


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Zitiervorschlag
Gregor Terbuyken. Rezension vom 11.01.2005 zu: Hans-Peter Langfeldt, Werner Nothdurft: Psychologie. Studienbuch für soziale Berufe. UTB (Stuttgart) 2007. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-8296-7. Reihe: UTB L (Large-Format). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2171.php, Datum des Zugriffs 24.02.2018.


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