Rainer Balloff, Peter Wetzels et al. (Hrsg.): (...) Begutachtung in familiengerichtlichen Verfahren
Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 11.01.2017
Rainer Balloff, Peter Wetzels, Manfred Löwisch (Hrsg.): Prinzipien, Grundlagen, Methodik und Qualität psychologischer Begutachtung in familiengerichtlichen Verfahren. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 130 Seiten. ISBN 978-3-8487-3104-6. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
RPsych - Sonderband.
Thema
Die stets virulente Debatte um die Qualität familienpsychologischer Gutachten hat in den vergangenen Jahren noch einmal erheblich an Lebhaftigkeit und Schärfe zugenommen, befeuert nicht allein durch medial diskutierte dramatische Einzelfälle, sondern insbesondere durch die so genannte „Hagener Studie“ von Salewski und Stürmer (2014), welche auf angeblich fundamentale Fehler und Mängel von Sachverständigengutachten verweist. Der vorliegende Herausgeberband leistet vor diesem Hintergrund einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung in der familienpsychologischen Begutachtung. Er thematisiert zentrale Aspekte der wissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Fundierung psychologischer Sachverständigentätigkeit in familiengerichtlichen Verfahren.
Herausgeber und Herausgeberin
Dr. Rainer Balloff ist Jurist und Psychologe. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie der Freien Universität Berlin und gehört zu den geschäftsführenden Gesellschaftern des Instituts für Gericht und Familie (IGF) in Berlin. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Rechtspsychologie; unter anderem ist er mit Sachverständigengutachten in familienrechtlichen Angelegenheiten (z.B. Sorgerechtsfragen, Umgangsverfahren) betraut.
Prof. Dr. Peter Wetzels hat den Lehrstuhl für Kriminologie an der Universität Hamburg inne. Auch er verfügt über Studienabschlüsse in den Fächern Psychologie und Rechtswissenschaften sowie über umfassende Forschungs- und Praxiserfahrungen, unter anderem im Bereich der familienpsychologischen Begutachtung.
Autorinnen und Autoren
Bei den weiteren Autor/innen der einzelnen Kapitel handelt es sich überwiegend um Wissenschaftler und Praktiker (Prof. Dr. Harry Dettenborn, Prof. Dr. Wilfried Hommers, Dr. Jörg Fichtner, Dr. Eginhard Walter), die im Themenfeld Familien- und Rechtspsychologie einschlägig qualifiziert, als Sachverständigengutachter tätig und durch ihre bisherigen Publikationen als Experten ausgewiesen sind. Jelena Zumbach und Prof. Dr. Ute Koglin, die Autorinnen eines Kapitels zur Validität von zeichnerischen Untersuchungsverfahren, gehören der Fachgruppe Sonder- und Rehabilitationspädagogische Psychologie an der Universität Oldenburg an und forschen dort zu entwicklungspsychologischen Fragen.
Entstehungshintergrund
Der Band wurde als Sonderheft der Zeitschrift „Rechtspsychologie“ herausgegeben. Er basiert im Wesentlichen auf verschriftlichten und aktualisierten Vorträgen, die im Rahmen einer interdisziplinären Fachtagung „Qualität familienrechtspsychologischer Gutachten“ gehalten wurden, welche 2015 am Institut für Gericht und Familie (IGF) stattfand. Zusätzlich wurden eine empirische Studie zur Diagnostizität von Kinderzeichnungen, ein bereits anderweitig veröffentlichter Aufsatz zur Bedeutung von Alter und Entwicklungsstand des Kindes für die Gestaltung des elterlichen Umgangs sowie eine aktuelle gutachtenrelevante Entscheidung des Kammergerichts Berlin aufgenommen.
Aufbau und Inhalt
Der Band enthält neben einem Editorial der Herausgeber Balloffs und Wetzel acht Kapitel.
Dettenborn beschreibt realitätsnah und pointiert die Rolle von Gutachtern „zwischen den Fronten“, Er schildert konflikthafte Erfahrungen aus der Praxis der Begutachtung, die sich aus teils unvereinbaren und überhöhten Erwartungen von Politik, Gesellschaft, Medien, Gerichten, Berufsverbänden und Verfahrensbeteiligten in konkreten Fällen ergeben.
Walter erläutert normative Anforderungen an familienpsychologische Gutachten, die sich aus rechtlichen und ethischen Standards ergeben. Er orientiert sich dabei an den vier Grundprinzipien, die im ethischen Meta-Code der European Federation of Psychologists´ Association (EFPA) festgeschrieben sind, konkretisiert diese und ordnet sie in einen rechtlichen Rahmen ein: Achtung vor den Rechten und der Würde des Menschen, Kompetenz, Verantwortung gegenüber Klient und Gemeinschaft sowie Integrität im wissenschaftlichen Arbeiten, Lehre und Praxis.
Fichtner unternimmt eine kritische Reflexion der Behauptung, fachgerechte Gutachten müssten stets auf einer systematischen Prüfung eingangs formulierter Hypothesen beruhen. Sein Kapitel zeigt Möglichkeiten und Grenzen der Hypothesenformulierung und -prüfung im wissenschaftlichen Sinne auf.
Balloff diskutiert, inwieweit Sachverständige der ihnen zugeschriebenen Aufgabe gerecht werden können, im Zuge der Begutachtung auf ein Einvernehmen zwischen den Eltern hinzuwirken. Der gebräuchliche Begriff des „lösungsorientierten“ Vorgehens wird als unangemessen verworfen und es wird das Fehlen allgemeingültiger Standards für das Hinwirken auf ein elterliches Einvernehmen problematisiert.
Hommers arbeitet die Anforderungen und Fehlerquellen verschiedener Methoden der Datengewinnung heraus, die in der familienpsychologischen Begutachtung zum Einsatz kommen. Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Darstellung von Forschungsbefunden zur Bindungstheorie, welche die Grenzen bindungstheoretisch fundierter Erhebungsverfahren verdeutlichen. Vor diesem Hintergrund plädiert der Autor für eine Verwendung sog. „eklektisch-pragmatischer“ Verfahren, die standardisiert durchgeführt werden können, jedoch keinem einheitlichen theoretischen Ansatz verpflichtet sind und vor allem für die praktische Handhabung im Zuge einer Begutachtung optimiert sind.
Zumbach und Koglin befassen sich mit der Aussagekraft, die Familienzeichnungen für Variablen besitzen, die für die familienpsychologische Begutachtung von Relevanz sind (elterliches Erziehungsverhalten, elterliches Belastungserleben und Verhaltensauffälligkeiten der zeichnenden Kinder). Hierzu werden Befunde aus einer empirischen Studie an 102 4-6-jährigen Kindern und deren Eltern berichtet, welche die Schlussfolgerung nahe legen, auf die interpretative Verwendung von Zeichnungen im Rahmen von Diagnostik und Therapie zu verzichten und sie allenfalls als Explorationshilfe heranzuziehen.
Balloff und Vogel integrieren psychologische und rechtliche Aspekte der Frage, wie – in Abhängigkeit von Alter und Entwicklungsstand eines Kindes – Häufigkeit, Dauer und Ablauf des Umgangs mit beiden Elternteilen sowie mit weiteren Personen geregelt werden und wie hierbei der Kindeswillen einbezogen werden sollte. Unter Rückgriff auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse werden spezifische Empfehlungen für unterschiedliche Altersstufen (Säuglinge, Kleinkinder bis zum 4. Lebensjahr, Kinder im Kindertagesstättenalter, Vorschulkinder, Kinder im Grundschul- und Jugendalter) erarbeitet.
Eine abschließend ausführlich wiedergegebene Entscheidung des Berliner Kammergerichts befasst sich mit der Frage, wie bei Verdacht einer möglichen Kindeswohlgefährdung mit der Weigerung eines oder beider Elternteile umzugehen sei, an einer Begutachtung teilzunehmen, die der Klärung der elterlichen Erziehungsfähigkeit dienen soll.
Diskussion
Wie das im letzten Kapitel wiedergegebene Kammergerichtsurteil verdeutlicht, müssen Entscheidungen in familienrechtlichen Fragen auch dann getroffen werden, wenn die Informationsgrundlage für den betreffenden Einzelfall dürftig erscheint. Umso bedeutsamer ist, das Vorgehen sorgfältig unter wissenschaftlich-psychologischen, rechtlichen und ethischen Aspekten zu reflektieren. Der vorliegende Band unterstützt diesen Reflexionsprozess. Er beinhaltet ein breites Spektrum an Beiträgen, welche die psychologische Begutachtung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Erfahrungen und Probleme in der Gutachterrolle werden praxisnah und authentisch geschildert, und ethisch-normative Grundprinzipien psychologischen Handelns werden mit Blick auf die Ausübung der Sachverständigenrolle konkretisiert.
Weitere Kapitel zeigen die Grenzen vorgeblicher Selbstverständlichkeiten, Standards und gebräuchlicher Methoden auf und sind dadurch geeignet, eine Diskussion um deren Fortbestand bzw. Revision zu stimulieren. Dies betrifft die Doktrin eines strikt hypothesengeleiteten Vorgehens bei der Begutachtung ebenso wie die Beauftragung „lösungsorientierter“ Gutachten oder die Anwendung bestimmter Erhebungsverfahren, deren psychometrische Qualität und Diagnostizität nicht hinreichend nachgewiesen ist.
Allen Beiträgen gemeinsam ist das Anliegen ihrer Autor/innen, die Praxis der psychologischen Begutachtung in familiengerichtlichen Verfahren auf ein solides wissenschaftliches Fundament zu stellen, ohne dabei pragmatische Gesichtspunkte aus dem Blick zu verlieren und auf diese Weise handlungsunfähig zu werden. Dabei bieten die Kapitel keine einfachen, schematischen Lösungen an, die der komplexen Thematik ohnehin nicht gerecht werden können. Sie bereichern jedoch die Diskussion um Prozesse der Qualitätssicherung um vielfältige differenzierte Überlegungen und um neue empirische Befunde.
Fazit
Der vorliegende Herausgeberband thematisiert zentrale Aspekte der wissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Fundierung psychologischer Sachverständigentätigkeit in familiengerichtlichen Verfahren. Er bereichert so die Diskussion um Prozesse der Qualitätssicherung familienpsychologischer Gutachten um vielfältige differenzierte Überlegungen und um neue empirisch-wissenschaftliche Befunde.
Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information
und Dokumentation (ZPID), Trier
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