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Stefan Huster, Thomas Schramme (Hrsg.): Normative Aspekte von Public Health

Cover Stefan Huster, Thomas Schramme (Hrsg.): Normative Aspekte von Public Health. Interdisziplinäre Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 214 Seiten. ISBN 978-3-8487-2789-6. D: 54,00 EUR, A: 55,60 EUR.
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Thema

Der Sammelband beinhaltet Beiträge zu normativen Aspekten von Public Health. Dies geschieht in Form von Aufsätzen von Wissenschaftler/innen verschiedener Disziplinen – von Gesundheits- bis Rechtswissenschaften – die für ein Semester gemeinsam als Forschungsgruppe agierten. Aspekte staatlicher Gesundheitsfürsorge mit Fokussierung auf soziale Gesundheitsungleichheiten werden im Spannungsfeld zwischen politischen, gesellschaftsrelevanten Public-Health-Entscheidungen, dem Recht auf Selbstbestimmung von Individuen, dem Abwägen von Risiken und Nutzen sowie dem Wissen um beschränkte Mittel und der Frage nach Umverteilung diskutiert.

Herausgeber

Der Herausgeber Prof. Dr. Stefan Huster ist Jurist und hat an der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl Öffentliches Recht II: Staats- und Verwaltungsrecht mit besonderer Berücksichtigung des Sozialrechts inne.

Der Herausgeber Prof. Dr. Thomas Schramme ist Philosoph, hatte bis 2016 an der Universität Hamburg den Lehrstuhl für Praktische Philosophie inne und folgte im selben Jahr dem Ruf an die University of Liverpool.

Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Siegfried Geyer, Holger Kilian, Prof. Dr, Petra Kolip, Dr. Frank Lehmann, Dr. Andrea Mielck, Dr. Oliver Rauprich, Prof. Dr. Oliver Razum, Dr. Harald Schmidt, Prof. Dr. Volker H. Schmidt, Prof. Dr. Stephanie Stock, Dr. Kristin Voigt.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Kontext einer im Wintersemester 2013/14 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld (ZiF) eingerichteten interdisziplinären Forschungsgruppe. Die Gruppe arbeitete von Oktober 2013 bis März 2014 zusammen, ihre Mitglieder waren in unterschiedlichen Disziplinen verortet – Philosophie, Rechts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaft.

Aufbau

Das Buch ist eine Herausgeberschrift mit rund 200 Seiten und enthält knapp über zwanzig Fachbeiträge. Es ist in Form von Debatten aufgebaut und spiegelt die unterschiedlichen disziplinären Perspektiven auf Public Health wider. Zentrale normative Perspektiven von Public Health werden jeweils aus der Sicht von Vertreter/inne/n einer Wissenschaftsdisziplin dargestellt, die sodann von Vertreter/inne/n anderer Disziplinen aufgegriffen und kommentiert werden.

Inhalt

Der Beitrag von Volker Schmidt „Ausweitung der Gesundheitszone: Medizin- und Gesundheitssystem als Agenten von Medikalisierungs- und Vergesundheitlichungsprozessen“ plädiert für eine Unterscheidung der Begriffe Gesundheitssystem und Medizinsystem und führt dies entsprechend aus. Davon ausgehend wendet sich der Beitrag dem Prozess der Medikalisierung zu und setzt einem negativ behafteten Verständnis eine produktive, gestaltende Betrachtungsweise entgegen, die mit der Logik von Vergesundheitlichungsprozessen sodann in einem Gesamtkontext gesetzt wird. Normative Aspekte beschließen den Beitrag. Hier wird insbesondere die Frage der Mittelallokation aufgegriffen und daraus resultierende Konflikte bei einer möglicherweise stärkeren Gewichtung des Gesundheits- statt des Medizinsystems.

Siegfried Geyer greift in seinem Beitrag „Medizin, Public Health und Medikalisierung: Terminologische Unschärfen“ die Ausführungen von Schmidt auf und konstatiert, dass die benannte Unterscheidung „eher unüblich [ist], weil sie etablierte inhaltliche Behauptungen ignoriert“ (S. 29) und führt dies an Beispielen aus.

Stefan Huster stellt in „Konkrete und statistische Leben“ fest, dass eine Umverteilung der Mittel aus einem Medizinsystem in ein Gesundheitssystem – wie von Schmidt diskutiert – Auswirkungen auf das Rechtssystem hätte, das primär auf individuelle medizinische Versorgung ausgerichtet ist. Die Behandlung einer Erkrankung steht der populationsbezogenen Reduktion eines Erkrankungsrisikos gegenüber. Kriterien müssten benannt werden, in welchem Neben- bzw. Miteinander medizinische und gesundheitliche Versorgung stehen sollten bei begrenzten Mitteln.

Die Abhandlung von Stefan Huster und Thomas Schramme trägt den Titel „Normative Aspekte der staatlichen Gesundheitsfürsorge“ und stellt u.a. die Fragen „Ist die bestmögliche Gesundheit zur Pflicht geworden? Darf man bald gar nichts mehr Ungesundes tun?“ (S. 37) Die Bandbreite zwischen Verboten und Überwachung, eigenen unvernünftigen Entscheidungen und dem Einfluss von sozioökonomischen Faktoren auf Gesundheit wird dargelegt. Normative Aspekte der Public Health-Perspektive werden aufgezeigt, der Gesundheitsbegriff mit Public Health Perspektive versus Medizin-Perspektive wird unterschieden. Das normative Problem vom staatlichen Handeln im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen und einer möglichen Beschränkung zum Wohle von Bürger/inne/n durch eine staatliche Gesundheitsfürsorge wird aufgezeigt. Dies geschieht mit dem Blick auf ein weiteres Spannungsfeld, jenes zwischen intuitiven Meinungen und rationalen Entscheidungen bei komplexen gesundheitsrelevanten Themen in einem gesellschaftspolitischen Rahmen.

Petra Kolip greift in ihrem Debattenbeitrag die Frage von Huster und Schramme, „ob Unterschiede in Gesundheit und Krankheit, die sich entlang sozialer Variablen beschreiben lassen, immer ‚ungerecht‘ sind“ (S. 59) aus der Perspektive „Geschlecht als Dimension sozialer Ungleichheit“ auf. Kolip führt aus, dass gerade das Geschlecht ein gutes Beispiel für Unterschiede im biologischen (sex) und sozialen (gender) Sinn ist. Mortalität und Morbidität im Vergleich der Geschlechter sind gesellschaftlich und sozial bedingt und beinflussbar. Andreas Mielck fragt bezugnehmend auf dem Beitrag von Huster/Schramme „Welches Argument wird von welcher sozialen Gruppe betont, und warum?“ und Volker Schmidt „Paternalismus non grata?“

Der dritte Abschnitt mit dem Aufsatz „Interventionen zur Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit. Der kommunale Partnerprozess ‚Gesundheit für alle‘“ von Andreas Mielck, Holger Kilian und Frank Lehmann stellt die Entwicklung des Kooperationsverbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“ und des kommunalen Partnerprozesses „Gesundheit für alle“ sowie die Empfehlungen für Maßnahmen in der Kommune inklusive Kriterien Guter Praxis dar und schließt mit einer normativen Bewertung. Flankiert wird der Aufsatz durch die Statements „Verantwortung für Public Health“ von Stefan Huster und „Qualitätsmanagement von Public Health Maßnahmen und das Ziel der Verringerung von gesundheitlichen Ungleichheiten“ von Thomas Schramme.

Siegfried Geyer geht folgenden Fragen nach: „Die Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheiten: Wie weit können wir gehen, wie weit sollen wir gehen, wie weit dürfen wir gehen?“. Der Aufsatz widmet sich dem Thema der sozialen Ungleichverteilungen von Gesundheit respektive Krankheit und Sterblichkeit sowie der Diskussion über „das Ob und Wie“ der Reduktion. Am Beispiel spezifischer und unspezifischer Interventionen werden Möglichkeiten und Grenzen dargestellt. Beispiele für gesundheitliche Ungleichheiten werden benannt (z.B. unterschiedliche Risiken einen Herzinfarkt zu erleiden nach Einkommen oder beruflicher Position und Unterschiede in der Mundgesundheit, hier Karies, nach Schulbildung). Einheitliche, singuläre Erklärungen für das Auftreten gesundheitlicher Ungleichheiten existieren nicht, sondern verschiedene, z.T. verknüpfte Faktoren, wie Bildung, berufliche Position und Einkommen. Geyer konstatiert, dass Schulbildung im diskutierten Kontext eine zentrale Rolle spielt, da sich Beruf und Einkommen diesem Faktor anschließen. Schulbildung ist das „Gegenteil gelernter Hilflosigkeit, was Individuen die Chance gibt, ihr Leben so zu gestalten und zu beeinflussen, dass ihre Gesundheit geschützt und gefördert wird“ (S. 104). Überlegungen zu spezifischen – verhaltens- oder verhältnispräventiven Maßnahmen werden diskutiert (der Appell der Verhaltensänderung folgt dem Prinzip der Eigenverantwortung, soziale Unterschiede werden jedoch nicht beeinflusst sondern „auf höherem Niveau reproduziert“ (S. 109). Verhältnispräventive Maßnahmen – wie z.B. Fluoridierung des Trinkwassers – erfordert kein individuelles Verhalten, es ist aber auch nicht „umstandslos möglich sich zu entziehen“ (S. 109). Geyer stellt fest, dass die „gesundheitliche[n] Disparitäten zwar gut erklären werden, bei der Umsetzung können die beteiligten Wissenschaften jedoch nur wenig beitragen“ (S. 111).

Huster kommentiert den Aufsatz von Geyer mit seinem Beitrag „Werte und Wertfreiheit von Public Health“ Schramme mit dem Beitrag „Der Wert von Gesundheit und der Kontrollmöglichkeit des eigenen Lebens“. Die Debatte schließt mit den Kommentaren von Razum „Die Reduzierung gesundheitlicher Ungleichheiten: wie weit wir gehen müssen“ und Voigt „Gesundheitliche Ungleichheiten und individuelles Gesundheitsverhalten: Welche Interventionen lassen sich vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheiten rechtfertigen?“

Oliver Rauprich widmet sich in seinem Beitrag „Gesundheitliche Ungleichheiten als Problem der sozialen Gerechtigkeit“ der ethischen Perspektive von Gesundheitsgerechtigkeit. Er konstatiert, dass „die Forderung nach einem Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten nicht analog zum ethischen Anspruch auf Gesundheitsversorgung begründet werden kann“ (S. 139). Diskutiert werden die „Konzeption von vermeidbaren und nicht selbst verschuldeten Ungleichheiten“ von Margret Whitehead und die „Theorie der gerechten Gesundheit als faire Gleichheit der Lebensmöglichkeiten“ von Norman Daniels. Rauprich stellt u.a. die Frage „Welche gesundheitlichen Ungleichheiten sind ungerecht?“ Mielck kommentiert, indem er den Blick auf Interdisziplinarität respektive dem Selbstverständnis einer Disziplin und den Nutzen von Abgrenzung im Kontext wissenschaftlicher Auseinandersetzung lenkt und das Selbstverständnis der sozial-epidemiologischen Forschung diskutiert.

Der abschließende Aufsatz „Steuerung des Verhaltens ohne Zwang? Die ethische Bewertung von Anreizprogrammen“ von Schmidt, Stock & Voigt wird kommentiert von Huster „Eigenverantwortung und Gesundheitsversorgung“, Mielck „Anreizprogramme zur Veränderung des Gesundheitsverhaltens aus sozial-epidemiologischer Sicht“ und Schmidt „Anreizprogramme und Vergesundheitlichung“.

Diskussion

Die Aufsätze in diesem Werk zeigen die Bandbreite und die verschiedenen Perspektiven „Normativer Aspekte von Public Health“, das Sammelband wird somit seinem Titel gerecht. Der Aufbau des Bandes ist besonders und als Leser/in wird man mitgenommen in die Debatte, die (inter-)disziplinäre Auseinandersetzung. Erfrischend ist nicht nur die intellektuelle Auseinandersetzung der Autor/inn/en, sondern auch die verschiedenen, stets gut lesbaren Schreibstile. Aber – und das ist sicherlich auch Ziel des Konzeptes – zum „Schmökern“ ist das Buch mit seinen Beiträgen nur bedingt geeignet, es bedarf ruhiger Minuten, einem Wirken lassen und ggf. erneutem Nachlesen. Zusammengefasst: es lädt zum Nachdenken und zur Diskussion – mit sich selbst und mit anderen – ein.

Fazit

Der Sammelband stellt normative Aspekte von Public Health facettenreich und interdisziplinär dar. Dem Buch sind die gemeinsame Arbeit und der gemeinsame Diskurs der beteiligten Wissenschaftler/innen anzumerken. Personen (egal welcher Profession), die im Bereich Public Health tätig sind (sei es im wissenschaftlichen, praktischen oder (gesellschafts)politischem Kontext) sei dieses Buch empfohlen. Die aussagekräftigen, gut lesbaren Beiträge wollen jedoch in ruhigen Minuten und Stunden gelesen und durchdacht werden.


Rezensentin
Dr. Andrea Warnke
Pädagogische Hochschule Freiburg Fachrichtung Public Health & Health Education
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Zitiervorschlag
Andrea Warnke. Rezension vom 18.08.2017 zu: Stefan Huster, Thomas Schramme (Hrsg.): Normative Aspekte von Public Health. Interdisziplinäre Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2789-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21714.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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