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Frank Schulz-Nieswandt, Eva Feldbaum: Inclusion and Local Community Building in the Context of European Social Policy and International Human Social Right

Cover Frank Schulz-Nieswandt, Eva Feldbaum: Inclusion and Local Community Building in the Context of European Social Policy and International Human Social Right. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 53 Seiten. ISBN 978-3-8487-3501-3. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Studien zum sozialen Dasein der Person, 23.
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Thema

Das Thema der Inklusion ist nicht nur ein rechtliches Thema, das in der EU vom Völkerrecht und vom Europarecht gerahmt und weiterentwickelt wird. Es stellt gleichermaßen ein kulturelles Phänomen dar, das sowohl auf der individuellen als auch gemeinschaftlichen Ebene Transformation erfordert. Hier spielt die kommunale Sozialpolitik eine bedeutende Rolle. Ausgehend von diesen Überlegungen stellt Frank Schulz-Nieswandt Überlegungen zum Gelingen von Inklusion in Europa an.

Autor

Frank Schulz-Nieswandt ist Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung an der Universität Köln.

Entstehungshintergrund

Das Werk ist in der Reihe „Studien zum sozialen Dasein der Person“ erschienen, die der Autor selbst herausgibt. In dieser Reihe werden sozialpolitisch relevante Themen bearbeitet, die neben sozialen Problemen auch die personale Ebene des Menschen beleuchten. Die hier erschienenen Bücher sind interdisziplinär ausgerichtet und umfassen sowohl empirisch angelegte Studien als auch – wie der vorliegende Band – theoretische Überlegungen.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick das vollständige Inhaltsverzeichnis mit sieben Kapiteln.

Der Autor beginnt im ersten Kapitel mit einer knappen Charakterisierung der Sozialstruktur moderner Gesellschaften, die sich durch die Produktion einer Vielzahl von sozialen Differenzen und Ungleichheiten auszeichnen. Diese Situation sieht der Autor konfrontiert mit den Werten der Französischen Revolution Realität Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als Solidarität. All diese Werte harren nach wie vor der Verwirklichung, die letztlich von der Idee der Inklusion getragen werden.

Im zweiten Kapitel diskutiert Schulz-Nieswandt Dimensionen und Aspekte von Inklusion und konstatiert zunächst, dass das Konzept der Transformation von Außenseitern (Outsider) in Zugehörige (Insider) nicht nur sehr alt ist, sondern auch in allen Kulturen zu finden ist. Ausgehend von der Figur des homo patiens (vgl. Frankl 1987), der sich seines eigenen Daseins bewusst wird und so erkennt, dass er sein Leben selber durchleidet, sieht der Autor den Menschen per se als Außenseiter. Dieses Außenseitertum ist begründet durch das Anderssein jedes Menschen, d.h. dem generalisierten Anderen. So entstanden soziale und räumliche Ordnung, die von Exklusion und Abgrenzung charakterisiert sind. Im evolutionären Prozess sind mit der Entwicklung der moralischen Ordnung die o.g. binären Codes entstanden. Hieraus entspringt eine Vielzahl von Ambivalenzen, die sich nicht nur auf der individuellen Ebene jeder Person finden, sondern auch auf der institutionellen Ebene ihren Ausdruck finden. So lässt sich im Bereich von Gesundheit und Pflege zeigen, dass es hier tiefe Ambivalenzen und Ambiguitäten gibt. So ist sind hier beispielsweise Empathie und Altruismus zu finden, während gleichzeitig Hierarchie und Paternalismus beobachtbar sind.

Im dritten Kapitel widmet sich der Autor der Fragestellung, wie Inklusion zu erreichen ist. Dies erfordert das Erlernen einer neuen Grammatik von Denkweisen und den daraus folgenden Mustern sozialer Interaktion. Die Herausforderung besteht darin, Furcht und Aggression in Fürsorge und Liebe zu verwandeln und so die soziale und räumliche Ordnung von Zugehörigen und Ausgeschlossenen in eine Kultur der Inklusion zu verwandeln. Unter Inklusion versteht der Autor vor allem Gemeinschaftsbildung, die soziales Kapital generiert. Dazu gehört u.a. auch die gegenseitige Anerkennung von Diversität. Um dies zu ermöglichen, ist Politik auf allen Ebenen erforderlich, um so ein inklusives Rechtssystem zu implementieren.

Das vierte Kapitel widmet sich den rechtlichen Rahmen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union, die beide vom Denkmodell der Inklusion getragen sind. Beide Rechtsrahmen orientieren sich am Lebenszyklus von Geburt bis zum Tod der Person. Dies lässt sich z.B. anhand der UN-Konventionen zu Kinderrechten sowie zu Rechten von Menschen mit Behinderungen zeigen. Aber auch die Charta der fundamentalen Grundrechte der EU sieht Schulz-Nieswandt entlang des Lebenszyklus des Menschen organisiert.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Grammatik intergenerationaler Solidarität, die durch ökonomische Modernisierung in Kombination mit regionaler Mobilität und Ressourcen soziale Netzwerke unter Druck gerät. Dabei zeigt sich, dass Globalisierung und sozialer Wandel dazu beitragen, dass lokale Gemeinschaften und Nachbarschaften gestärkt werden sowie die Bedeutung des Dritten Sektors zunimmt. Diese Prozesse sind aber allesamt von großen Ambivalenzen gekennzeichnet.

Das sechste Kapitel beleuchtet das Europäische Sozialmodell, das Schulz-Nieswandt als „modern society of cultural embedded persons“ (S. 35) charakterisiert. Kennzeichnend für die Architektur der europäischen Politik ist das komplexe Mehrebenensystem mit der Interdependenz von politischen Entscheidungen, die institutionellen Verflechtungen und einer Vielzahl von Akteuren.

Im siebten Kapitel geht Frank Schulz-Nieswandt der Frage nach, was nun zu tun sei. Hier betont er den Stellenwert von Normen und Werten als Grundlage moderner Gesellschaften. Dem Staat kommt hier die Aufgabe zu, diese normativen Grundlagen bei zu berücksichtigen. Schließlich betont der Autor die Bedeutung der erlernten Kompetenz von Empathie, die ihrerseits ihre Wurzeln in der Erfahrung der Person von Liebe und Vertrauen im unmittelbaren sozialen Umfeld hat.

Fazit

Der schmale Band befasst sich auf äußerst knappen Raum mit der hochkomplexen Fragestellung der Inklusion als Aufgabe von Staat und Gesellschaft. Sehr interessant sind dabei die Bezüge, die Frank Schulz-Nieswandt hier zwischen individueller Person, Gesellschaft und internationaler Politik und internationalem Recht herstellt. Gelegentlich sind einige Gedankengänge sehr knappgehalten, die zwar immer wieder mit umfangreichen Literaturverweisen abgestützt werden, es wäre dennoch wünschenswert gewesen, wenn z.B. noch ausführlicher auf den homo patiens eingegangen worden wäre. Insgesamt stellt dieses Buch Überlegungen an, die zu weiterem Nachdenken anregen und für Fachleute aus den Bereichen der politischen Philosophie, Sozialphilosophie, Sozialstaatsforschung sowie Sozialpsychologie von großem Interesse sein dürften.

Literaturverweis

Frankl, Viktor (1987): Logotherapie und Existenzanalyse. München: Piper


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 17.12.2018 zu: Frank Schulz-Nieswandt, Eva Feldbaum: Inclusion and Local Community Building in the Context of European Social Policy and International Human Social Right. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-3501-3. Studien zum sozialen Dasein der Person, 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21715.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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