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Dorit Kluge, Hartmut Sangmeister (Hrsg.): Gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Innovationen

Cover Dorit Kluge, Hartmut Sangmeister (Hrsg.): Gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Innovationen. Macht. Kultur. Zukunft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 140 Seiten. ISBN 978-3-8487-2802-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

„Macht“, „Kultur“ und „Zukunft“ – drei Begriffe, mit einem Punkt voneinander abgegrenzt, wollen eigenständig erfasst und in ihrer Wechselwirkung begriffen werden. Kultur ist ohne Macht nicht denkbar, dennoch ist sie eigenständig und mit ihrer eigenen Wirkungsmacht allen politischen Mächten überlegen. Beide, Kultur und Macht, wirken zukunftsgerichtet. In der Aneinanderreihung ohne Interpunktion ergibt sich eine Frage: Macht Kultur Zukunft? Und diese Frage ist zweifelsfrei gemeint, wenn die Überschrift lautet: „Gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Innovationen“. Ist gesellschaftlicher Wandel Folge kultureller Innovationen oder bringt gesellschaftlicher Wandel kulturelle Innovationen hervor? Hat Kultur Wirkmacht für die Zukunft oder reagiert Kultur auf Macht? Klassische Henne-Ei-Fragen, denen die Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur, Berlin Ende 2015 in einer Ringvorlesung mit ausgewählten Politikern, Funktionären und Wissenschaftlern nachgegangen ist.

Herausgeber

Seit April 2014 lehrt Dorit Klugeals Professorin für Tourismus und Management in Berlin. Sie studierte 1993-1999 Kunstgeschichte, Journalistik und Romanistik in Metz, Pavia und Leipzig. Anschließend arbeitete sie für einen großen Tourismuskonzern in Dresden und machte einen Masterabschluss in BWL. 2006 promovierte sie in Kunstgeschichte an der Universität Koblenz und lehrte bis 2014 an der Koblenzer Partneruniversität Clermont-Ferrand Kunstgeschichte und Tourismus. 2014 folgte der Ruf auf die Professur für Tourismus und Marketing an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur (HWTK), Berlin.

Hartmut Sangmeister ist Präsident dieser Hochschule und hat wohl auch aufgrund dieser Funktion das Vorwort als Mitherausgeber unterschrieben. An der Entstehung des eigentlichen Werkes ist er anscheinend nicht beteiligt gewesen.

Autoren

  • Dorit Kluge hat im Wintersemester 2015/16 gemeinsam mit sieben anderen Referenten die Ringvorlesung veranstaltet.
  • Joachim-Felix Leonhard (geb. 1946) promovierte 1976 in Geisteswissenschaften, war Direktor der Uni-Bibliothek Tübingen, später Generalsekretär des Goethe-Instituts in München, wurde dann als Parteiloser Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (2003-2007).
  • Richard Meng (geb. 1954) studierte Lehramt, promovierte in Sozialwissenschaften, arbeitete seit 1984 als Journalist bis 2007 bei der Frankfurter Rundschau. Meng, SPD-Mitglied, wurde dann bis 2014 Staatssekretär und Sprecher des Berliner Senats unter Klaus Wowereit.
  • Wolfgang Mühl-Benninghaus (geb. 1953) studierte Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaftsgeschichte, promovierte 1978, habilitierte 1988. 1993 erhielt er einen Ruf als Professor für Theorie und Geschichte des Films an der Humboldt Universität Berlin und machte sich als Medienwissenschaftler einen Ruf.
  • Olaf Zimmermann (geb. 1961) war Kunsthändler, Galerist und Publizist, wurde 1997 Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, ist Herausgeber und Chefredakteur der Kulturzeitschrift „Politik & Kultur“.
  • Claudia Roth (geb. 1955) hat nach Abitur und Abbruch eines Studiums bis zum Beginn ihrer parteipolitischen Karriere im Jahr 1989 als Europaabgeordnete an Theatern und als Managerin für die Band Ton-Steine-Scherben gearbeitet. Sie war bis 2013 für in Summe 12 Jahre Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen, ist seit Ende 2013 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.
  • Siegmund Ehrmann (geb. 1952) ist als 16-Jähriger in den öffentlichen Dienst in Moers eingetreten und hat dort als SPD-Mitglied eine Karriere bis zum politischen Wahlbeamten / Fachdezernenten gemacht. 2002 wurde er Mitglied des Deutschen Bundestages und in den Jahren 2003 – 2007 war er Sprecher der SPD-Fraktion für die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“. 2014 wurde Ehrmann zum Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Medien gewählt.
  • Gert Weisskirchen (geb. 1944) wurde über den zweiten Bildungsweg Realschullehrer und Professor an Fachhochschulen. Als Mitglied der SPD war Weisskirchen in den Jahren 1976 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Entstehungshintergrund

Ringvorlesungen richten sich an die Öffentlichkeit und versuchen den Studierenden, Vorträge zumeist von Praktikern oder externen Wissenschaftlern zu bieten. Sie helfen, die Mär von der Hochschule als Elfenbeinturm aufzubrechen, dienen aber vor allem den Ringvorlesungen organisierenden Professoren zur eigenen Profilierung und Netzwerkpflege.

Als vergleichsweise junges Mitglied im Professoren-Kollegium der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur fällt Dorit Kluge das Verdienst zu, mit der Ringvorlesung einer aktuellen Frage nachzugehen: Wie kann eine immer auf kulturelle Identität und Homogenität zielende Kulturarbeit mit kultureller Vielfalt, Multikulturalismus und kultureller Globalisierung umgehen?

Aufbau

Das Buch gibt nach dem Vorwort der Herausgeber die acht Fachvorträge der Ringvorlesung wieder.

Inhalt

Joachim – Felix Leonhard beginnt seinen Beitrag „Kultur als Faktor der Identifikationsstiftung in modernen Gesellschaften“ mit dem Versuch einer Begriffsbestimmung. Kultur postuliert Leonhard als dynamisierten Prozess, als reaktive Entwicklung auf gesellschaftliche Veränderungen. Kulturpolitik richtet sich nach Leonard auf eine soziale Integration, muss also Veränderung ständig mitdenken.

Richard Meng gibt seinem Beitrag die Überschrift „Die tägliche Krise – Wenn Kommunikation zum Kern und Alarm zum Prinzip wird“. Er stellt fest: „Wir leben heute in einer Gesellschaft, die … verlernt, den Zeitfaktor zu sehen, dass jeder echten kulturellen Entwicklung innewohnende Prozesshafte, bei dem heute falsch sein kann, was schon morgen richtig ist – und umgekehrt.“ (S.37)

Wolfgang Mühl-Benninghaus schreibt über den Einfluss der Digitalisierung auf Kultur, die „für die Kultur permanente Kommunikation mit allen möglichen Bezugsgruppen und Individuen.“ (S. 63)

Olaf Zimmermann ist Lobbyist. Er nutzt seinen Beitrag dazu, gegen das schlechte Image von Lobbyarbeit anzugehen. Er beendet sein Beitrag mit dem Satz: „Lobbyarbeit .. ist viel mehr harter Arbeit und ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, wofür einzutreten sich lohnt.“ (S. 75)

Claudia Roth versteht sich als Aktivistin mit der Mission zur Weltverbesserung. Sie schreibt, anekdotisch und autobiografisch über Beobachtungen, die sie empörend findet. So berichtet sie von einem Flüchtlingslager in Jordanien, dass für eine Kapazität von 125.000 Menschen errichtet wurde. „Und Deutschland hat auch ein bisschen geholfen, eine Straße zu bauen. Die erste Unterstützung war allerdings, dass man aus Deutschland Straßenschilder geschickt hat. Ich weiß nicht, ob das das Allerwichtigste war, aber die Menschen dort, die so kreativ sind, weil sie viele Ideen haben, die haben dann in der Nacht die Schilder abmontiert, es war kein Straßenschild mehr da. Und daraus sind dann kleine Designtische gebaut worden, Teetische. Das heißt, es gibt nun kleine Container oder Zelte, wo man Tee trinken kann an kleinen Tischen mit deutschen Stoppschildern.“ (S. 90)

Siegmund Ehrmann schreibt über kulturpolitische Veränderungsprozesse und Tabus. Kultur lebt von der Veränderung, aber Ehrmann sieht das Dilemma der Kulturpolitik: „Es stellen sich Erwartungshaltungen ein, dass der Kulturbetrieb so bleibt, wie man ihn kennt. .. Auf Dauer ermöglicht dies keine Innovation im Bereich der Kultur, manifestiert den Status Quo und hemmt damit auch die Freiheit der Kunst.“ (S. 93)

Dorit Kluge schreibt in ihrem Beitrag, der der umfangreichste in dieser Veröffentlichung ist und fast ein Viertel des gesamten Buches ausmacht, über die Wechselwirkungen von Kultur und Macht. Hierzu wählt sie eine Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung von Frankreich im 18. Jahrhundert. Sie will beweisen, dass „..die Gesellschaft Einfluss auf kulturelle Entwicklungen und auch auf die Kulturpolitik nehmen kann ..“ (S. 111) und folgert: „Insofern zeigt uns der Blick auf das 18. Jahrhundert immer wieder von neuem, dass die heutigen Prozesse und Fragestellungen im Grunde genommen nicht neu sind, sondern nur in veränderten Kontexten wiederkehren.“ (S. 120)

Gert Weisskirchen wählt drei Annäherungen an das Thema. In der ersten stellt er die Frage nach dem Einfluss der Kultur auf die Politik. In der zweiten Annäherung dynamisiert er sowohl seinen Kultur- als auch seinen Politikbegriff. Kultur und Politik befinden „sich in einem stetigen Prozess des Wandels.“ (S. 129) In seiner dritten Annäherung behauptet Weisskirchen, Kultur wende eine Gesellschaft immer zum Guten und Kulturpolitik müsste dafür Sorge tragen, dass sich das „Änderungspotenzial des Ästhetischen“ nicht „in die schiere Marktgängigkeit verschiebt“. (S. 133)

Diskussion und Fazit

Die Ausgangsfragen waren spannend: Wie bedingen sich gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Innovation gegenseitig? Welche Beziehungen gibt es zwischen Macht, Kultur und Zukunft? Man muss schon sehr zwischen den Zeilen lesen, um Antworten auf diese Fragen in dem Buch zu finden oder zu vermuten.

Interessant ist, dass viele Beiträge das damals aktuelle Flüchtlingsthema aufgreifen und auf die kulturellen Chancen durch die Begegnung unterschiedlicher Kulturkreise verweisen. Die Beiträge stammen aus der Zeit vor der Silvesternacht 2016 in Köln. Heute wären einige Aussagen sicher zu relativieren.

Nun ist man in einer Ringvorlesung abhängig von der Qualität der Vortragenden. Und die wiederum ist meist geprägt von der Motivation zum Vortrag. Da es keine monetären Verlockungen bei solchen Vorträgen gibt, hängt die Qualität des Vortrags auch von der Vorbereitungszeit ab, die der Vortragende aufwenden kann.

Das Buch ist eine einzige Enttäuschung. Die kürzesten Beiträge sind die substantiellsten: Olaf Zimmermann räumt die schlechte Reputation von Lobbyisten ab und Siegmund Ehrmann mit dem Vorurteil auf, Kulturpolitik sei stets rückwärtsgewandt. Claudia Roths Beitrag ist peinlich und hat in einem Wissenschaftsbetrieb nichts zu suchen! Nun findet sich einschränkend hinter ihrem Beitrag die Bemerkung: „(Textbearbeitung: Alexa Schönstedt-Maschke und Dorit Kluge)“. Man kann sich ihren Vortrag lebhaft vorstellen.

Die Beiträge stehen zusammenhanglos nebeneinander. Bezüge auf die jeweiligen Vorträge sind selten und ergeben sich aus dem Kontext nicht. Die einzelnen Beiträge gehen überwiegend an den Fragestellungen vorbei und kommen über Plattitüden und Banalitäten nicht hinaus.


Rezensent
Prof. Peter Vermeulen
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Zitiervorschlag
Peter Vermeulen. Rezension vom 13.04.2017 zu: Dorit Kluge, Hartmut Sangmeister (Hrsg.): Gesellschaftlicher Wandel und kulturelle Innovationen. Macht. Kultur. Zukunft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2802-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21718.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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