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Andreas Thedorff (Hrsg.): Schon so spät? Zeit. Lehren. Lernen

Cover Andreas Thedorff (Hrsg.): Schon so spät? Zeit. Lehren. Lernen. Festschrift für Karlheinz Geißler. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2004. 372 Seiten. ISBN 978-3-7776-1323-9. 84,00 EUR, CH: 134,40 sFr.
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Lernzeiten haben ihre eigene Rhythmik

Das Buch ist Karl Heinz Geissler anlässlich seines 60. Geburtstags gewidmet. Wie auch der Jubilar selbst widmen sich die Autoren dem Themenbereich Lernen, Reflexion und Entwicklung in unterschiedlichsten Zusammenhängen. Lernen wird dabei grundsätzlich auch kritisch betrachtet. Insofern als Lernen das Aufgeben von Bewährtem, Bekannten bedeutet, ist es immer auch Risiko und Zumutung. Es ist auch insofern eine Zumutung, als die Anforderung lebenslangen Lernens die Individuen zu Abhängigen der Pädagogik mit all ihren Ratgebern, Checklisten und Lernprogrammen wird. Entsprechend der Tradition von Geißler steht das Thema Zeit in Zusammenhang mit Lernen im Vordergrund. Lernzeiten haben ihre eigene Rhythmik und diese ist nicht immer kompatibel mit gesellschaftlichen Beschleunigungstendenzen. Eine weitere Gemeinsamkeit des Buches mit der Herangehensweise von Geißler ist die Beleuchtung des Themas aus unterschiedlichen Perspektiven ohne Zwang zur paradigmatischen Festlegung.

Inhalt

Wie schon gesagt: Die Artikel sind sehr unterschiedlich, aus verschiedener Perspektive wird der Themenbereich Zeit und Lernen beleuchtet - zu verschieden und auch zu inhaltsreich, um hier im Einzelnen auf sie einzugehen. Allgemeine Artikel zur Avantgarde einerseits, zu zeitlichen Tugenden der Vormoderne und damit auch zu den Grundlagen des modernen Zeitverständnisses werden gefolgt von einem Blick aus politischer Perspektive. Hier wird beispielsweise der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Weiterbildung thematisiert, die zeitpolitischen Anforderungen von Bildung und die Weichenstellungen durch die EU in Sachen Berufsbildung.

Zum Thema Lehren und Lernen wird die Nachhaltigkeit von Lernen, dessen Langzeitwirkung (angesichts rascher Veränderungsanforderungen scheinbar ein Paradox) und seine Voraussetzungen diskutiert, und in einem weiteren Artikel - Zeit lassen - Bildung zwischen Gelassenheit und Getriebensein angesiedelt - zwischen der Notwendigkeit des Zeit Lassens für Lernprozesse und der von außen an Bildungseinrichtungen herangetragenen Beschleunigungsanforderungen. Der Text zur Zeitdimension in Lehr-Lern-Prozessen widmet sich einem ähnlichen Thema mit Schwerpunkt auf Berufs- und Wirtschaftspädagogik.

Ein Abschnitt ist dem Thema Zeit für Beratung gewidmet - hier spiegeln unterschiedliche Sichtweisen zum ausgeschilderten Thema auch unterschiedliche Zugänge zu Beratung an sich wider. Im Artikel "höchste Zeit für Ungewissheit" etwa wird für mutwilliges Vertrauen plädiert - für Mut, potenzielle Verwundbarkeit und Entscheidung auch angesichts immer gegebener Unsicherheiten aufgrund von Veränderungen. Vom Boom der Suche nach Sinn, Ruhe und Schweigen u.a. und damit die Faszination des Buddhismus geht ein weiterer Artikel aus, der die Möglichkeiten des Buddhismus für Management und Beratung differenziert - sowohl der Buddhismus als auch die systemische Beratung konfrontieren das Management mit den eigenen Paradoxien. Im Kapitel "Rat und Unrat" wird aus theoretischer und empirischer Perspektive über die Voraussetzungen des Gelingens von Veränderungsberatung reflektiert, u.a. über die Notwendigkeit von handlungsleitenden positiven Modellvorstellungen statt inhaltlicher Neutralität des Beraters, über die Möglichkeiten und Bedingungen von Strukturänderungen und die notwendige Fähigkeit zur Selbstüberraschung des Beratersystems.

Obwohl in allen Teilen des Buches gegenüber vielem Zeitgeistigem kritische Anmerkungen zu finden sind, wird ein weiterer Abschnitt explizit mit "Kritisches" übertitelt. Wieder geht es hier zunächst um Zeitaspekte von Bildung und Lernen im Modernisierungsprozess. Einem demgegenüber noch weniger behandelten Thema, nämlich dem Vagabundieren in Raum und Zeit über das Internet, und dem Zusammenhang von Mobilität in Raum und Zeit und der Wahrnehmung widmet sich ein weiteres Kapitel. Das Netz bietet hier gleichzeitig Abenteuer und Freiheit, sowie auch Geborgenheit und Bindung - wenn auch in einer virtuellen Community.

Fazit

Die Beiträge sind heterogen, damit auch unterschiedlich interessant - vom Aufbau wie auch vom Inhalt her. Insgesamt ist es anregend, bringt immer wieder neue Perspektiven bzw. ruft auch schon Gelerntes wieder einmal in Erinnerung und löst eigene Reflexionen aus. Einige der Artikel ermöglichen somit Lernen im besten Sinn.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 15.03.2005 zu: Andreas Thedorff (Hrsg.): Schon so spät? Zeit. Lehren. Lernen. Festschrift für Karlheinz Geißler. Hirzel Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-7776-1323-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2172.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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