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Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung

Cover Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 279 Seiten. ISBN 978-3-8487-3386-6. D: 54,00 EUR, A: 55,60 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Dieser erste Teil einer Recherchestudie konzentriert sich auf eine Analyse des aktuellen Standes der Inklusion an deutschen Hochschulen. Er ist Teil einer Reihe von Studien zum sozialen Dasein der Person, die seit 2012 von Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt im Nomos Verlag herausgegeben werden.

Im vorliegenden Band untersucht Petra Stemmer gesetzliche und rechtliche sowie normative Entwicklungen der Rahmenbedingungen behinderter Studierender und daraus folgende Anpassungen der Inklusionspraxis an Hochschulen. Dabei stellt sie nicht nur dar, wie Inklusion allgemein gestaltet werden kann, sondern arbeitet vorangehende Fragestellungen, Herausforderungen und Konflikte heraus, denen sich Hochschulen individuell stellen müssen. Bezugnehmend auf aktuelle Daten zur Studienwirklichkeit behinderter Studierender, zeigt sie anhand von Good Practice Beispielen auf, wie Hochschulen den verschiedenen Beeinträchtigungsformen Studierender bei der Gestaltung von Inklusion gerecht werden können.

Autorin

Petra Stemmer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität zu Köln. Zuvor war sie u.a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Universität zu Köln tätig. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich vorwiegend mit Schnittmengen in Themenfeldern der Diversität im Hochschulbereich sowie Fragestellungen der Assistenz behinderter Menschen.

Aufbau

Der Band umfasst die Abschnitte A und B.

Zu Abschnitt A

Einleitend gibt Abschnitt A einen Überblick über, für die Untersuchung notwendige, Begriffsbestimmungen. Dabei wird insbesondere die Abgrenzung der Behinderung per Definition (international & national) von einer Behinderung per amtlicher Feststellung betont. Die gelungene Gegenüberstellung von statistischen Daten zur Beantragung einer amtlichen Feststellung der Behinderung und der Behinderungsform gibt einen ersten Hinweis darauf, dass sowohl bei Betroffenen, als auch in den Institutionen Aufklärungsbedarf hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung psychischer Erkrankungen besteht.

Nachfolgend wird der Begriff der studienerschwerenden Beeinträchtigung konkretisiert, um die zu untersuchende Bezugsgruppe, nämlich beeinträchtigt Studierende, deren gesundheitliche Beeinträchtigung das Studium erschwert, festzusetzen. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention wird, als Basis einer ressourcen- und kompetenzorientierten, umfassenden Analyse, das Lebenslagenkonzept nach Schulz-Nieswandt auf die Situation Studierender mit Beeinträchtigung angewandt.

Zu Abschnitt B

Abschnitt B befasst sich mit der normativ-rechtlichen Entwicklung im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Stemmer betont dabei, dass Inklusion, ob an Hochschulen oder im gesamtgesellschaftlichen Kontext, nur dann erfolgreich sein kann, wenn sich entsprechende Werte, Denk- und Handlungsschemata im Bewusstsein einer Gesellschaft verankert haben. Diese unstrittige Grundannahme, die sich auf die Strukturen einer Hochschule übertragen lässt, bezieht laut Stemmer nicht nur Menschen mit Behinderung, „sondern alle unterschiedlichen Gruppen mit Zugangs-Barrieren“ ein.

Nachfolgend werden in Kapitel I bedeutende rechtliche Entwicklungen in Bezug auf Teilhabe, chronologisch beginnend mit dem 1994 in Kraft getretenen Benachteiligungsverbot für Behinderte, über das SGB IX, das neue Klassifikationssystem ICF, das Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 (BGG), das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006 (AGG) und der Ratifizierung der Bundesrepublik der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 (UN-BRK), skizziert. Benannt und beschrieben werden hier außerdem die Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) „Eine Hochschule für Alle“ von 2009, der „Aktionsplan Inklusion“ von 2010, der „Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-BRK“ von 2011 sowie die Evaluation der genannten HRK-Empfehlung von 2013.

Die folgenden Unterkapitel beschreiben, welche (Selbst-)Verpflichtungen diese Entwicklungen für die Hochschulen generieren und welche Maßnahmen diesbezüglich ergriffen wurden. Während im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung eher allgemeine Zielsetzungen formuliert sind, gehen aus der Empfehlung der HRK konkretere Handlungsleitlinien für die Mitglieder hervor. Sie beinhalten verbindliche Standards, die langfristig den Weg zu inklusiver Hochschulbildung aufzeigen. Neben dem Ausbau von Studienorientierungsangeboten, der Einrichtung von Nachteilsausgleichen, der Flexibilisierung der Studienstruktur, der baulichen Barrierefreiheit und dem Zugang zu barrierefreien Kommunikationsmöglichkeiten, sollen die Hochschulen vor allem die Stellung der Vertretungen behinderter und chronisch Kranker Studierender (Beauftragte) Stärken und Lehrende hinsichtlich inklusiver Lehre/Didaktik schulen.

Kapitel II geht, wie zu Beginn des Abschnitts B schon angeschnitten, auf die Voraussetzungen für eine „Hochschule für Alle“ ein. Es wird aufgezeigt, welche Vorteile eine inklusive Hochschule für Hochschulangehörige, aber auch für die Gesellschaft insgesamt generiert. Zur Erfassung aller Dimensionen von Diversität ist laut Stemmer ein integriertes Gesamtkonzept, welches nicht nur alle Formen der Barrierefreiheit umfasst, sondern auch die Partizipationsrechte Aller an der Ausgestaltung der Hochschule berücksichtigt, unabdingbar.

Kapitel III setzt sich mit den konkreten Herausforderungen der Hochschulen hin zur Inklusion auseinander. Dies beinhaltet Fragen der Realisierbarkeit, der Finanzierung, des realistischen Zeitrahmens und Möglichkeiten der Individualisierung und des Eingehens auf die Bedürfnisse Einzelner. Es wird die grundsätzliche Frage diskutiert, ob die Schwerpunktsetzung auf bestimmte Beeinträchtigungsformen einiger Hochschulen, dem Inklusionsvorhaben widersprechen. Gleichermaßen kontrovers sind laut Stemmer die Positionen zu Exzellenzinitiativen einiger Hochschulen. Als mögliche Lösung wird das in der Bundesrepublik bisher wenig beachtete Konzept des Universal Designs vorgestellt.

Kapitel IV stellt den aktuellen Stand der Inklusion an deutschen Hochschulen anhand der best-Umfrage von 2012 und der Evaluation der HRK-Empfehlung „Hochschule für Alle“ von 2013 dar. Es führt übersichtlich durch die, in den Umfragen mit betroffenen Studierenden, identifizierten Problemlagen und stellt nachvollziehbare Zusammenhänge zu den Daten aus der Evaluation her. So kann beispielsweise ein Grund für die teilweise noch geringe Nutzung von Beratungsangeboten beeinträchtigt Studierender, in der oft fehlenden Sichtbarkeit von Angeboten und der mitunter mangelhaften zeitlichen und personellen Ausstattung der Beauftragten für die Belange von Studierenden mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, gefunden werden. Neben baulichen und strukturellen Mängel der Barrierefreiheit werden Desiderata in der Hochschuldidaktik benannt, welche derzeit aufbauend auf ein von Selektion und Homogenität angelegtes Schulsystem, angepasst werden müssen.

Aufbauend auf Kapitel V, welches sich der Studienwirklichkeit beeinträchtigt Studierender widmet und zwischen den unterschiedlichen Beeinträchtigungsformen differenziert, werden in Kapitel VI Umsetzungen zu den daraus folgenden Anforderungen anhand von Good Practice Beispielen vorgestellt. In acht Kategorien werden jeweils zunächst die speziellen Anforderungen, die eine Beeinträchtigungsform mit sich bringen kann, beschrieben und anschließend Konzepte einzelner Hochschulen mit entsprechenden Maßnahmen vorgestellt. Besondere Beachtung erfährt dabei das Thema „Psychische/Seelische Erkrankungen“ bzw. Schnittmengen aus psychischer Beeinträchtigung und Migration. Weiterhin werden Good Practice Beispiele zu verschiedenen Themengebieten der Inklusion, wie z.B. dem Übergang Schule/Studium, der Beratung beeinträchtigt Studierender barrierefreiem Bauen, inklusiver Didaktik und E-Learning sowohl tabellarisch, als auch deskriptiv vorgestellt, was dem/der LeserIn einen schnellen, umfassenden und vergleichenden Überblick verschafft.

Diskussion

Teil I dieser Recherchestudie informiert umfassend über verschiedenen Aspekte inklusiver Hochschule und nutzt dazu aktuelle Daten qualitativer und quantitativer Forschung zum Thema. Die einleitende Umrahmung des Behinderungsbegriffs mag für LeserInnen, die bereits über eine gewisse Expertise verfügen, möglicherweise etwas ausgedehnt sein, für „Neulinge“ bzw. zukünftige Experten auf dem Gebiet, stellt sie aber sowohl eine umfassende Informationsbasis, als auch eine gebündelte Argumentationshilfe zur Durchsetzung der Rechte behinderter und chronisch kranker Studierender dar.

Die Autorin verweist nicht erst in ihrem Fazit darauf, dass der Weg hin zu Inklusion an Hochschulen, Teil eines Gesamtkonzepts sein muss, das Diversität als Zugewinn für die Gemeinschaft empfindet und Barrieren im gesamtgesellschaftlichen Kontext abbaut. Diese Haltung entspricht den Grundsätzen modernen Diversity Managements und sollte unbedingt unter Berücksichtigung unterschiedlicher Entwicklungsstände an den Hochschulen und unbedingter differenzierter Betrachtung der verschiedenen Teilhabehindernisse konzipiert werden.

Insgesamt wird der/die LeserIn mit sehr vielen Informationen versorgt, die, je nach Intention, unterschiedlich bedeutsam sind. Für Mitarbeiter an Hochschulen, die an der Mitwirkung zur Inklusion betraut sind, bieten die zahlreichen Beispiele aus der deutschen Hochschullandschaft zwar Anregung, eine Adaption gemäß der Beispiele wäre aber aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen kaum möglich und entspräche nicht zwangsläufig den Bedarfen der eigenen Studierendenschaft. Für beeinträchtigte Schüler, die eine geeignete Hochschule für sich ausfindig machen wollen, werden die Angebote einzelner Hochschulen übersichtlich dargestellt, die Aufstellung ist hier allerdings unvollständig, da durchaus auch weitere Hochschulen ihre Strukturen den Anforderungen beeinträchtigt Studierender angepasst haben.

Neben den Good Practice Beispielen sind für Wegstreiter besonders die vielen vorangehenden Fragestellungen interessant, die oft neue Perspektiven auf (vermeintlich) bereits durchdachte Problemlagen eröffnen. Das Buch liefert wertvolle Informationen zum Status Quo der Inklusion an Hochschulen und bietet für die einzelnen Fragestellungen individuelle Lösungsvorschläge an.

Fazit

Petra Stemmers Studie „Studieren mit Behinderung/Beeinträchtigung“ führt zunächst in die grundsätzliche Thematik des Behinderungsbegriffs und die Entwicklung der Rechte behinderter und chronisch kranker Menschen ein und untermauert die erläuterten Definitionen mit Erhebungsdaten, die Art und Umfang der Bezugsgruppe verdeutlichen. Im zweiten Abschnitt werden zunächst die gesetzlichen Rahmenbedingungen und deren Entwicklung erläutert und anschließend die daraus folgenden Verpflichtungen der Hochschulen benannt. Nach der Auseinandersetzung mit normativ-rechtlichen sowie ethischen Fragestellungen zu Verantwortung, Umsetzbarkeit und Finanzierung von Inklusion, wird das Konzept des Universal Designs vorgestellt. Es folgen differenzierte Analysen des Status Quo der Inklusion an deutschen Hochschulen und von Erhebungen zur Studienwirklichkeit beeinträchtigt Studierender. Abschließend werden den ermittelten Bedarfen und Anforderungen, Lösungsvorschläge anhand von Good Practice Beispielen, sowohl nach Beeinträchtigungsformen, als auch nach Themengebieten sortiert, gegenübergestellt.


Rezensentin
Mira Schiffer
Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Barrierefreies Studium der Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Mira Schiffer. Rezension vom 02.08.2017 zu: Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-3386-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21720.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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