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Fatima El-Tayeb: Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen (...)

Cover Fatima El-Tayeb: Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2016. 252 Seiten. ISBN 978-3-8376-3074-9. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Thema

Vor 60 Jahren begann die Bundesregierung, Arbeitskräfte aus dem Mittelmeerraum anzuwerben. Auch noch Angehörige der 2. oder 3. Generation werden – überwiegend freundlich und wohlwollend – gefragt, woher sie denn „eigentlich“ kämen. Das Faktum der Migration wird also immer und immer wieder, ganz ebenso bei geflüchteten und asylsuchenden Menschen, herausgestellt, um sie vom weißen Europa abzugrenzen. Rassismus, sagt die Autorin, brauche keine Fremden, um zu existieren, er produziere sie.

Autorin

Fatima El-Tayeb ist eine Historikerin aus Hamburg, die an der Universität von Kalifornien in San Diego „Literature and Ethnic Studies“ lehrt und dort auch das Programm der „Critical Gender Studies“ leitet.

Aufbau

Der Band konzentriert sich in drei großen Kapiteln auf die Bezugspunkte, die für die europäische, speziell deutsche Identitätsbildung von Bedeutung sind, als da wären:

  1. „Postkolonialer Kapitalismus“
  2. „Postsozialistische Vergangenheitsbewältigung“
  3. „postfaschistischer Multikulturalismus“

Inhalt

Die Autorin will eine „marginalisierte Perspektive“ einnehmen, nämlich deutsche Geschichte und Gesellschaft aus der Sicht derjenigen betrachten, die als nicht-zugehörig, ja (deshalb) bedrohlich gelten. Bislang werde, statt diese Personen einzubeziehen und gleichzustellen, Europa so als Ganzes neu zu definieren, die Alternative realisiert, sie zu „rassifizieren“, d.h. sie zu kennzeichnen, ihnen kollektiv Eigenschaften zuzuschreiben, sie zu Außenseitern zu machen.

Die Krise Europas ist unübersehbar, an den Ost- und Südgrenzen eskaliert das Elend. Europa gibt sich dabei als Hort der universellen Menschenrechte. Tausende Menschen sind auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken, und zwar nicht erst 2015 oder 2016. Während Geflüchtete schnell als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden, ist eine historische Tatsache, dass der europäische Wohlstand mit den Ressourcen des Südens erkauft wurde. Heutzutage sind die Fischbestände vor Afrika zerstört, der Coltan-Abbau und damit verbundene Kriege kosten Tausenden von Menschen das Leben.

Zur kolonialen Ideologie gehöre auch, dass die vormaligen Kolonialmächte sich als Beschützer und Bewahrer der Weltkultur ausgeben und so Afrika, Asien und Amerika auch noch die Vergangenheit nehmen. Das Pergamon-Museum in Berlin, Anziehungspunkt für eine Million Besucher im Jahr, steht für diesen Kulturraub. Das neue Humboldtforum wird diesen mit den außereuropäischen Sammlungen noch verstärken.

Die Europäerinnen und Europäer „of color“, die die Autorin zwischendurch terminologisch einführt, werden weiterhin „rassifiziert“, d.h. europaweit als nicht-europäisch adressiert. Das gilt besonders für die Sinti und Roma, die europaweit die größte Minderheit darstellen. Das Skandalurteil des Bundesgerichtshofes von 1956, wonach es sich bis 1943 lediglich um Polizeimaßnahmen gegen Asoziale, nicht um Völkermord handelte, wurde erst 1982 aufgehoben. Seither sind sie als rassistisch Verfolgte und Opfer des NS-Regimes anerkannt. Es dauerte allerdings noch einmal 10 Jahre, bis der Zentralrat ein eigenes Mahnmal zum Völkermord, dem Porajmos, in Berlin durchsetzen konnte.

Für die Attacken auf rassifizierte Menschen, für die rechte Gewalt, von deutschen, weißen, christlich sozialisierten Deutschen ausgeführt, werden in der Regel „Einzeltäter“ verantwortlich gemacht, so auch z.B. für das Oktoberfestattentat 1980. Wenn hingegen ein gewalttätiger, krimineller, frauenverachtender Muslim auftritt, wird dies kollektiv allen zugeschrieben, die in diese Kategorie passen und deshalb insgesamt eine Bedrohung darstellen. Gewalt gegen Frauen ist untragbar, wenn sie von Rassifizierten verübt wird; Gewalt gegen Rassifizierte, auch von staatlichen Akteuren, etwa im Polizeigewahrsam, ist normal; Gewalt von weißen, deutschen Männern gegenüber Frauen gehört zum Alltag.

Wenn Personen „mit Migrationshintergrund“ in Deutschland geboren wurden (witzigerweise oft viel früher als die deutschen Gegner), wenn ihnen (zumindest bis zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts 2000) systematisch das Deutschsein verweigert wurde, dann sollten sie nach Auffassung der Autorin „Migrantisierte“ genannt werden.

In der „Tiefenstruktur“ der europäischen und deutschen Gesellschaft seien Muster angelegt, die dafür sorgen, dass das Selbstbild mit Zivilisation und Menschenrechten aufrechterhalten werden kann, selbst bei Krisen; diese kommen (angeblich immer) von außen nach Europa. Rassifizierte und Migrantisierte nicht als Teil der Bevölkerung, solange wie möglich als Außenseiter zu behandeln, scheint eine eigene Strategie zu sein, mit dem gesellschaftlichen Wandel umzugehen.

Der Alltagsrassismus in Europa, insbesondere der gegen Schwarze, lasse auf eine unverarbeitete Kolonialgeschichte schließen. Dass gerade Belgien und Frankreich von islamistischer Gewalt betroffen sind, korrespondiere auffällig mit der Tatsache, dass deren Kolonialregime (Kongo, Algerien) extrem brutal gewesen war.

Diskussion

Die vorliegende Analyse ist eine intellektuelle Herausforderung. Der Abstraktionsgrad ist enorm. Ich bin mir sicher, dass ich nicht alles verstanden habe.

Sobald konkrete Ereignisse oder Beispiele aus dem wirklichen Leben angeführt werden, wird vieles diskussionswürdig. Wenn sich ein Mitglied der deutschen Gesellschaft als Deutsch-Türke oder Türkisch-Deutscher (je nach individueller Gewichtung) fühlt und sich selbst bestimmt, wenn er auf seine Wurzeln (Plural!) stolz ist, was ist dann daran „migrantisiert“? Das ist er meines Erachtens allenfalls dann, wenn er gegen seinen Willen so adressiert wird oder wenn er selbst oder andere seine Herkunft ins Spiel bringen, wo sie gar nicht hingehört.

El-Tayeb erwähnt zurecht die Intersektion, also die Überschneidung verschiedener Zugehörigkeiten in einer Person (etwa Frau-Schwarz-Lesbe-Atheist..). Je nachdem hat für die Person dann die eine oder andere Kategorie identitätsbildende Bedeutung, zählen Gemeinsamkeiten oder Unterschiede. Weshalb aber sollen diese Kategorien immer und überall dominieren? Für mein Empfinden werden diese Kategorien zu sehr betont, hochgespielt – auch durch politische Kräfte, auch durch die Wissenschaft.

Die Kapiteleinteilung ist etwas verwirrend. So ist der Teil 2 der „postsozialistischen Vergangenheitsbewältigung“ gewidmet, handelt aber nur am Rande von dieser (DDR kommt kaum vor), ist indes ein sehr sorgfältiger Bericht über die anhaltende Diskriminierung der Roma und Sinti, weit über die NS-Zeit hinaus.

Was nun das sog. Flüchtlingsproblem anbelangt, so ist es auffällig, dass gerade die europäischen Peripherien damit belastet werden, ja sogar Maghreb-Staaten oder die Türkei „plötzlich“ zu sicheren Drittstaaten oder gar Herkunftsländer befördert werden, insofern also doch wieder zu Europa gehören – auch wenn es nur darum geht, Schwarzafrikaner fernzuhalten.

Fazit

Fatima El-Tayeb konfrontiert den Leser/die Leserin mit den Tatsachen des Rassismus, speziell der antischwarzen Variante; aktuell trifft der Rassismus die Menschen, die aus den Ländern des Südens nach Europa flüchten. El-Tayeb fordert dazu auf, sich mit der Kolonialgeschichte ernsthaft auseinanderzusetzen. Es geht ihr darum, die vielfach behauptete Dichotomie von (westlicher) Demokratie und östlich/orientalischem Totalitarismus aufzubrechen und darauf aufmerksam zu machen, dass es auch in demokratischen Ländern strukturellen Rassismus geben kann.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 02.12.2016 zu: Fatima El-Tayeb: Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3074-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21722.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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