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Anselm Böhmer: Bildung als Integrations­technologie?

Cover Anselm Böhmer: Bildung als Integrationstechnologie? Neue Konzepte für die Bildungsarbeit mit Flüchtlingen. transcript (Bielefeld) 2016. 120 Seiten. ISBN 978-3-8376-3450-1. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.
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Thema

Kindern und Jugendlichen, die nach Deutschland geflüchtet sind, sollen alle Wege offen stehen, sodass sie schnell Deutsch lernen, die Kita besuchen, die Schule abschließen bzw. eine Berufsausbildung beginnen können.

Damit ist die Frage gestellt, wie unsere Gesellschaft dieses große Versprechen, gemeinhin „Integration“ genannt, einlösen kann.

Autor

Dr. Anselm Böhmer ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Aufbau

Die vorliegende Schrift hat folgende Kapitel und Themen:

  1. „Geflüchtete“,
  2. „Bildung“, speziell Migrationspädagogik
  3. „Empirie zur Bildung Geflüchteter“, speziell in der Schule und im Übergang zur Ausbildung, mit Bezug auf MigrantInnen.
  4. „Strukturen der Bildung von Geflüchteten“, mit Bezug auf „Fremde“, „Subversion“ und „Inklusion“
  5. „Bildung als Integrationstechnologie?“

Inhalt

Der Autor benutzt den Terminus „Geflüchtete“, da „Flüchtling“ zwar in etlichen Dokumenten genannt ist, aber doch verkleinernd, abwertend anmutet.

Geflüchtete werden denn in der sozialen Praxis durch Zuschreibungen und Abgrenzungen als eine Figur konstruiert, die die Persönlichkeit der Individuen zurücktreten lässt. Immigranten werden als Fremde erfahren und erfahren sich selbst als solche, während letztendlich alle Menschen innerhalb einer spätmodernen Gesellschaft von „Befremdungen“ affiziert werden

Der Autor referiert etliche Studien, die u. a. gezeigt haben, dass ausländische (!) Kinder und Jugendliche weniger weiterführende Schulen besuchen als ihre Altersgenossen mit deutschem Pass. Der Schulerfolg sei jedoch nicht unterschiedlich, wenn die Kinder in ähnlichen sozialen Lagen aufwachsen.

Für junge Menschen mit Fluchterfahrungen liegen nach Angaben des Autors noch keine Befunde vor, auch für den Übergang in die Ausbildung nicht.

Inklusion, so der Autor im Anschluss an Anna Amelina, darf immer nur auf „Teilausschnitte von Handlungsroutinen“ zielen, d.h. muss die Mehrfachzugehörigkeiten abbilden: Geflüchtete haben, ungeachtet des prekären Aufenthaltsstatus, Gemeinsamkeiten mit der Aufnahmegesellschaft, also mit Personen gleicher sexueller Identität, politischer Überzeugungen oder Religion.

Bildungsprozesse sollten nicht nur in Sprachkursen, sondern in „offenen Räumen“, auch in „non-lingualen Formaten“, sprich bei Kunst, Musik oder auch Sport stattfinden können.Wer mit Geflüchteten in Bildungsprozessen steht, sollte diese als kompetente Gesprächs- und LernpartnerInnen anerkennen.

Diskussion

Böhmer hat einen hohen bildungstheoretischen Anspruch, der jedoch dem Leser nichts nützt, wenn er ihn nicht versteht. Bildungsprozesse lassen sich, so meint z.B. der Autor auf S.77, „nur als subjektivierende Subversionen und subversive Subjektivierungen“ auffassen. Oder: „Das Subjekt der Bildung wird stets schon vom Anderen seiner selbst her adressiert und in das Bildungsgeschehen hineingerufen“. Tja.

Die empirischen Grundlagen, die Böhmer referieren kann, betreffen den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund generell; selbst eine Differenzierung nach Generationen und Herkunftsländer würde hier nicht reichen, die Traditionen (mithin Aspiration) und Familiengeschichten sind zu unterschiedlich. Dass es zu den Bildungsprozessen von Kindern mit Fluchterfahrung in den letzten Jahren keine Empirie gibt, hat nicht der Autor zu verantworten, aber dann sollte er diese auch nicht ankündigen. Derzeit wäre vielleicht mit Fallstudien, Beispielen, Anschauung aus ausgewählter Praxis eher geholfen.

Wenn es um die ganze Person geht, die sich selbst bestimmt und vielfältig bildet, ist der mittlerweile sehr übliche, auch von Böhmer gewählte Terminus „Geflüchtete“ eigentlich auch reduktionistisch, eindimensional. Da ist m.E. doch besser von Persönlichkeiten mit Fluchterfahrungen die Rede.

Der Autor schließt erfreulicherweise mit 12 Seiten „praktische Konsequenzen“. Tatsächlich ist dies ein Katalog von Vorschlägen im Nominativ, so dass nicht klar ist, wer wofür zu sorgen hat. Einige Überlegungen sind einleuchtend („Offenheit für Motivationen, Kompetenzen und Belastungen der Geflüchteten“), manche erläuterungsbedürftig („Mögliche Fremdheit des Bildungssystems als Abweichung von der gegebenen Super-Diversität umstrukturieren“), manche eher befremdlich („Kooperationen von Schulen … mit sozialräumlichen Akteuren ermöglichen, … um Raum für weiterreichende Befremdungen zu eröffnen“).

Grundsätzlich ist ihm zuzustimmen: Bildung heißt nicht, Neuankömmlinge unreflektiert in die Institutionen und Lehrpläne einzupassen.

Fazit

Anselm Böhmer hat eine bildungstheoretische Abhandlung vorgelegt, die für Bildungstheoretiker verständlich und interessant sein dürfte, für die Praxis der Bildungsarbeit aber noch aufbereitet werden muss.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 25.10.2016 zu: Anselm Böhmer: Bildung als Integrationstechnologie? Neue Konzepte für die Bildungsarbeit mit Flüchtlingen. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3450-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21726.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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