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Wolfgang Halbeis: Das Gewissen als pädagogisches Problem

Cover Wolfgang Halbeis: Das Gewissen als pädagogisches Problem. Gewissensregungen als Chancen und Risiken für Bildungsprozesse. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 220 Seiten. ISBN 978-3-8309-3522-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Autor

Wolfgang Halbeis ist Grund- und Hauptschullehrer für die Fächer Englisch und evangelische Religion. Von 2009 bis 2015 war er Mitarbeiter im Institut für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe

Thema

Diese Veröffentlichung setzt sich mit dem Gewissen als pädagogisches Problem auseinander. Es reflektiert dabei insbesondere das Verhältnis von Bildung und Gewissen und folgt in dieser bildungstheoretischen Interpretation des Gewissens der Frage, inwieweit sich und unter welchen Umständen ein gutes bzw. ein schlechtes Gewissen in einem wechselwirksamen Verhältnis zur Bildung eines Menschen auswirkt.

Ziel

Einer hermeneutischen Argumentation folgend will der Autor eben nicht nur die Wechselwirksamkeit von Gewissen und Bildung aufzeigen, sondern er bemüht sich vielmehr darum der darin enthaltenen pädagogischen Dimension und Fragestellung nachzugehen, diese im Blick auf bereits bestehende Positionen neu zu beleuchten und so einen Beitrag für nachfolgende Diskurse leisten.

Im Wesentlichen konzentriert er sich dabei auf die Kernfrage der Wirkung von zu viel bzw. zu wenig schlechten Gewissens bzw. guten Gewissens auf die Bildungsprozesse eines Menschen.

In diesem Kontext ist diese Arbeit in die Frage nach der moralischen Bildung des Menschen eingebunden.

Aufbau und Inhalt

Diese Veröffentlichung ist in drei große Abschnitte eingeteilt.

Der erste Abschnitt „pädagogische Themenfelder“ konzentriert sich auf die Frage der Bildung mit den Teilaspekten

  • „Bildung und Andere“,
  • „Bildung und Selbst“ sowie
  • „Bildung und Gesellschaft“.

Dabei wird Bildung in dieser dreifachen Ausrichtung verstanden und im Blick auf einschlägige Veröffentlichung dazu näher erläutert. Dieses Bildungsverständnis wird dabei durchweg durch den Topos geprägt, das Wesen und Ziel von Bildung die kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit sich selbst, den Anderen sowie der Gesellschaft in ihrer Konstitution und ihrem Wandel ist.

Das zweite Kapitel widmet sich dem „Problemfeld des Gewissens“. Der Autor folgt dabei weiterhin der für ihn schon im Bildungsbegriff implizierten dreifachen Perspektive auf sich selbst, den Anderen und der Gesellschaft und zeigt das Problem des Gewissens als Gegenstand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf. Stellvertretend für diese drei Zugänge bzw. Sichtweisen vom Gewissen geht er auf die Sichtweisen von Paulus von Tarsos (Gewissen und Andere), Johann Friedrich Herbart (Gewissen und Selbst)und Hannah Arendt (Gewissen und Gesellschaft) näher ein.

Im abschließenden dritten Abschnitt widmet sich der Autor dem Thema des „Gewissens als pädagogisches Problem“. Dieses schließt er mit Hilfe von Paulus von Tarsos, Johann Friedrich Herbart und Hannah Arendt in drei Unterkapiteln auf. Dabei folgt er konsequent der eingangs schon formulierten These, dass sowohl ein gutes wie auch ein schlechtes Gewissen ein pädagogisches Problem darstellt, wenn man dem Anspruch folgt, dass Bildung dazu führen solle, ein kritisch-reflexives Verhältnis zu sich selbst, zu Anderen sowie zur Gesellschaft zu entwickeln. Er problematisiert dabei u.a. den Versuch einem Anderen ein gutes bzw. ein schlechtes Gewissen zu machen, denn dies widerspricht seiner Ansicht nach der begegnungstheoretischen Forderung, den Anderen in seiner Fremdheit und Gemeinsamkeit zu respektieren. In einer subjektbezogenen Perspektive stellt sich ein gutes, ruhiges Gewissen als ebenso problematisch dar, wie das schlechte Gewissen, wenn sich der subjektive Eindruck einstellt, den Anderen und der Welt nicht zu genügen. Zum dritten steht in einer gesellschaftlichen Perspektive der Mensch in den Dimensionen der unkritischen Anpassung an den Mainstream der Gesellschaft (gutes Gewissen) und den internalisierten gesellschaftlichen Sanktionen, wenn Menschen sich eben gegen den gesellschaftlichen Mainstream stellen.

Diskussion

Die Problematik des Gewissens in der Erziehung und Bildung wird derzeit wenig aufgegriffen und diskutiert. Wohl weil Fragen der moralischen Bildung aktuell nicht im Zentrum der gegenwärtigen Diskurse stehen. Deshalb ist es gut, dass es dieser Arbeit gelingt, nicht nur auf die darin liegende Problematik hinzuweisen, sondern vielmehr durchaus beachtenswerte Grundpositionen heraus zu arbeiten. Vor dem Hintergrund scheinen die gewählten Vertreter unterschiedlicher Sichtweisen und Positionen Paulus von Tarsos, Johann Friedrich Herbart und Hannah Arendt klug gewählt.

Sind doch mit dem Gewissensproblem noch einige andere Erziehungs- und Bildungspositionen wie z.B. die Frage der Freiheit, das Verhältnis Individuum und Gesellschaft, Aspekte der individuellen Verantwortung sowie die moralische Dimension der menschlichen Begegnung aufs engste damit verbunden. Alles Fragen, die die Erziehungswissenschaft derzeit bewegen müssen, will sie doch auch den Erfordernissen der Zeit genügen.

Angesichts des enormen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels, welcher auf die pädagogische Praxis einwirkt, hat eine kritische Reflexion jener Themen sowie eine wissenschaftliche Vergewisserung dieser Problemstellung vor dem Hintergrund historisch gewachsener Grundpositionen eine hohe Bedeutung.

Diesen aktuellen gesellschaftspolitischen Kontext noch klarer in den Kontext der hermeneutischen Argumentation des Autors zu stellen, hätte dieses Werk noch bereichern können.

Die Quintessenz der Erkenntnis, die Wolfgang Halbeis am Ende formuliert, „dass sich das Gewissensproblem aus pädagogischer Perspektive nur dann angemessen lösen lässt, wenn all drei Perspektiven zugleich in ihrer Besonderheit bedacht und in einem Zusammenhang betrachtet werden“ ( S. 189) ist gut nachvollziehbar hergeleitet worden, deutet sich bereits in der Einleitung an und lässt dennoch viele Fragen der Realisierung in der aktuellen Erziehungs- und Bildungspraxis offen.

Fazit

In der Summe stellt diese hier von Wolfgang Halbeis vorgelegte bildungswissenschaftliche Studie einen beachtenswerten Beitrag zur Erziehungswissenschaft dar. Sie eignet sich in besonderer Weise zur Auseinandersetzung mit den dort aufgegriffenen Grundfragen und regt ganz im Sinne des Autors zur kritisch reflexives Auseinandersetzung mit dem Gewissen als pädagogisches Problem an und führt zu einer differenzierteren Sichtweise von Bildung im Allgemeinen sowie zum Verständnis des Bildungsprozesses im Besonderen.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Lechner
Hochschule München
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Zitiervorschlag
Helmut Lechner. Rezension vom 20.02.2017 zu: Wolfgang Halbeis: Das Gewissen als pädagogisches Problem. Gewissensregungen als Chancen und Risiken für Bildungsprozesse. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3522-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21730.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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