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Sussanne Giel, Katharina Kockgether u.a. (Hrsg.): Evaluationspraxis. Professiona­lisierung – Ansätze – Methoden

Cover Sussanne Giel, Katharina Kockgether, Susanne Mäder (Hrsg.): Evaluationspraxis. Professionalisierung – Ansätze – Methoden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 2. Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-8309-3528-5. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Im Zentrum des Sammelbandes steht die Konzeptualisierung und Reflexion von Evaluationspraxis auf unterschiedlichen Ebenen, um einerseits Evaluationsdurchführende zu orientieren, andererseits den Diskurs über Evaluationen und ihre Praxis voranzutreiben und damit Professionalisierungsprozesse zu unterstützen. Die Herausgeberinnen folgen mit diesem Ansatz einer Aufforderung des Vorstands der DeGEval, im Diskurs über Evaluation an konkreten Fällen anzuknüpfen: „Wenn immer es geht, sollten reale Evaluationsstudien sichtbar gemacht werden: Lernen am Fall“ (Vorstand der DeGEval 2015, S. 145). Die vielfältigen Fragestellungen werden vorrangig aus der Perspektive des seit nunmehr 19 Jahre bestehenden Kölner Institut „Univation“ unter der Leitung von Wolfgang Beywl bearbeitet, dessen „Evaluationsphilosophie“ (S. 12) herausgestellt werden soll. Ein Schwerpunkt des Institutes bildet die Evaluation von innovativen multizentrischen Programmen, die durch heterogene Teams durchgeführt werden. So ist der Sammelband auch als eine Orientierung über eine spezifische Linie von Evaluation zu lesen – auch wenn die Autorinnen und Autoren unterschiedlich intensiv mit dem Institut zusammenarbeiten.

Inhaltliche Veränderungen im Vergleich zur ersten Auflage sind minimal, es liegt aber auch nur ein Jahr zwischen beiden Auflagen. Im Schwerpunkt sind Verbesserungen hinsichtlich Übersichtlichkeit (ein Index zum Nachschlagen im Anhang und Hervorhebung von Glossarbegriffen) und Rechtschreibung vorgenommen worden.

Aufbau

Das 305 Seiten umfassende Sammelwerk ist in drei Teile gegliedert. Jedem der 15 Artikel ist ein eigenes Literaturverzeichnis beigefügt.

Teil I – Professionalisierungsinstrumente (S. 21-86):

  • Melanie Niestroj, Wolfgang Beywl und Berthold Schobert: Beitrag zu einer konsistenten Evaluationsterminologie – das Glossar von Univation
  • Katharina Klockgether: Checklisten zur Planung und Steuerung von Evaluationen
  • Marc Jelitto: Informationssicherheit in der Evaluation
  • Shahrzad Farrokhzad: Interkulturelle Kompetenz – ein weiterer Baustein für das professionelle Handeln in Evaluationen
  • Dörte Schott und Wolfgang Beywl: Schwarm-Evaluation als Steuerungsansatz

Teil II – Evaluationsansätze (S. 87-155):

  • Samera Bartsch, Wolfgang Beywl und Melanie Niestroj: Der Programmbaum als Evaluationsinstrument
  • Susanne Giel: Wirkungen auf der Spur mit Programmtheorien
  • Maria Gutknecht-Gmeiner: Developmental Evaluation nach Michael Patton. Begriffsbestimmung und Reflexion der praktischen Anwendung

Teil III – Evaluationsmethoden (S. 158-297):

  • Stefan Schmidt: Nutzen einer wirkungsorientierten Zielsystematik. Bindeglied zwischen Evaluation und Programmsteuerung
  • Katharina Klockgether: Der Umgang mit Monitoring in der Evaluation
  • Matthias Sperling: Interviews mit Jugendlichen. Herausforderungen in der Planung und Umsetzung
  • Ute B. Schröder: Mit Gruppendiskussionen kollektive Orientierungen rekonstruieren
  • Marianne Lück-Filsinger: Die Anwendung der Grounded-Theory in Evaluationen
  • Elitsa Uzunova: Evaluation und das Web
  • Susanne Mäder: Bewertungsverfahren in der Evaluation. Vorgehensweisen und Praxisbeispiele

Zu 1. ‚Professionalisierungsinstrumente‘

Im ersten Teil liegt der Fokus auf der Ebene professionellen Handelns von Evaluatoren und Evaluatorinnen (Kompetenzorientierung und -förderung) sowie auf „Instrumenten für die Professionalisierung der Steuerung von Evaluationen“ (S. 13).

Melanie Niestroj, Wolfgang Beywl und Berthold Schobert betonen die hohe Bedeutung einer einheitlichen Begriffsterminologie für die Disziplin und Profession, in dem sie die Entstehungsgeschichte und Nutzung des Glossars von Univation – das Eval: Wiki – nachzeichnen. Mit dem Hinweis auf die Einrichtung von Online-Werkstätten und abschließender „Einladung zur Mitarbeit“ (S. 29) ist der Beitrag auch als Appell zur stärkeren terminologischen Auseinandersetzung und Konsensbildung zu verstehen.

Katharina Klockgether untersucht das Verhältnis von Checklisten, Evaluationspraxen und Evaluationstheorien unter einer „best practice“ Perspektive. Sie sieht in Check-Listen eine Reflexionsfolie. Deren Verwendung erfordert aber spezifische Kompetenzen, die Novizen und Novizinnen erst erwerben müssen. Somit kann der Erwartung einer „Rezeptlösung“ (S. 31) entgegengetreten werden.

Marc Jelitto widmet sich der Informationssicherheit in Evaluationen. Systematisch werden Gefahrenquellen, Informationen und Ziele von Informationsschutz erörtert, um im Anschluss konkrete Vorschläge für die Evaluationspraxis zu generieren.

Schahrzad Farrokhzard geht der Frage nach, inwiefern Interkulturelle Kompetenzen in Evaluationen erforderlich sind. Mit Hilfe des Transfers eines Modells aus der Sozialen Arbeit (Fischer 2006) kann sie zeigen, dass Interkulturelle Kompetenzen in Evaluationen als Erweiterung eines Kompetenzprofils zu betrachten sind, welches in den „Empfehlungen für die Aus- und Weiterbildung in der Evaluation“ (2008) sowie in den „Standards der Evaluation“ (2008) der DeGEval verankert ist. Kultur- bzw. migrationssensible Vorkehrungen sind aus ihrer Sicht in Evaluationen auf jeden Fall von Vorteil.

Dörte Schott und Wolfgang Beywl nähern sich der Evaluation von komplexen, grenzüberschreitenden Programmen auf Ebene der Steuerung. Sie gehen der Frage nach, welche Strukturen heterogene Evaluationsteams bei einem ressourcenorientierten Vorgehen unterstützen können. Die Idee, das Konzept der „Schwarmintelligenz“ als Steuerungsansatz zu implementieren wird theoretisch entfaltet und mit Hilfe eines Praxisbeispiels reflektiert.

Zu 2. Evaluationsansätze

Der zweite Teil fokussiert überwiegend (komplexe) Programme als Gegenstände von Evaluationen:

Samera Bartsch, Wolfgang Beywl und Melanie Niestroj stellen den von Univation entwickelten ‚Programmbaum‘ als „Hilfsmittel für die Planung und Durchführung von Evaluation“ (S. 89) vor. Diesen betten sie theoretisch in die Gruppe der ‚Logischen Modelle‘ ein. In der Detaillierung des ‚Programmbaums‘ knüpfen sie an das bereits eingeführte Glossar an (Eval: Wiki, siehe Niestroj, Beywl und Schobert). Neben dem Nutzen werden einige Kritikpunkte diskutiert, welche die Gruppe der ‚Logischen Modelle‘ insgesamt betreffen, so insbesondere die Gefahr der vereinfachenden Darstellung komplexer Sachverhalte.

Susanne Giel erörtert wirkungsorientierte Evaluationsansätze, die mit einer ‚Programmtheorie‘ arbeiten. Dafür ordnet sie theoriebasierte Evaluationen in den Kanon wirkungsorientierter Verfahren ein und verdeutlicht in diesem Zuge, was diese unter welchen Voraussetzungen (nicht) leisten können. Der Schwerpunkt liegt in der Demonstration eines „dynamischen Forschungsprozess[es]“ (S. 117), der in fünf Phasen eingeteilt ist. Anhand zweier Evaluationsbeispiele aus der eigenen Praxis wird pointiert herausgearbeitet, welche Fragen in diesem Vorgehen bearbeitet werden können.

Mit der gleichen Systematik führt Maria Gutknecht-Gmeiner den Ansatz einer ‚Developmental Evaluation‘ (Patton) ein. Im Anschluss an eine knappe theoretische Einbettung verdeutlicht sie die Bedarfe, auf die der Ansatz antwortet, erläutert Ziele und Einsatzmöglichkeiten. An Hand eines Beispiels aus eigener Evaluationspraxis reflektiert sie Gelingensbedingungen und die erforderlichen (zum Teil hoch voraussetzungsvollen) Kompetenzen einer Evaluatorin bzw. eines Evaluators.

Zu 3. Ausgewählte Evaluationsmethoden

Bewusst wird eine Einschränkung auf die „klassisch“ sozialwissenschaftlichen quantitativen und qualitativen Datenerhebungs- und Auswertungsverfahren vermieden, sondern ein weit gefasster Methodenbegriff zugrunde gelegt.

Stefan Schmidt beschäftigt sich mit dem Nutzen einer wirkungsorientierten Zielsystematik, auch als Bindeglied zwischen Evaluation und Programmsteuerung. Die Zielklärung ist in Evaluationen nämlich mit Aushandlungsprozessen mit Stakeholdern verbunden. Er ordnet Ziele zum einen nach dem Grad ihrer Abstraktheit, zum anderen nach der Ebene der Resultate, um den Nutzen in verschiedenen Dimensionen zeigen zu können. Mit einem Praxisbeispiel demonstriert er abschließend den Prozess der Entwicklung von Zielen.

Katharina Klockgether zielt auf Potentiale und Risiken beim Einsatz von Monitorings in Evaluationen. Dabei stößt sie auf eine große Nähe der beiden Ansätze, gerade wenn Monitorings auch Resultate eines Programmes berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund arbeitet sie anhand von zwei komplexen Praxisbeispielen das Spannungsfeld zwischen Evaluation und Monitoring ab.

Matthias Sperling erörtert Herausforderungen in der Durchführung von Interviews mit Jugendlichen. Ausgehend von den Spezifika der Jugendphase werden Konsequenzen für die methodische Anlage von Interviews sowie erforderliche Kompetenzen in Evaluationen thematisiert. Im Zentrum stehen Herausforderungen im direkten Kontakt mit Jugendlichen in der Durchführung sowie Verhaltensvorschläge.

Ute Schröder führt in Potentiale qualitativer – oder wie sie genauer formuliert: rekonstruktiver – Auswertungen von Gruppendiskussionen in der Theorietradition der dokumentarischen Methode der Interpretation (Bohnsack) ein. Pointiert wird die Methode in den Evaluationskontext eingeordnet und auf Implikationen für diesbezügliche Erhebungen abgehoben. Das besondere Potential identifiziert sie in der Dimension des „impliziten Wissens“, der Werthaltungen: Geht es in Evaluationen doch stets um Beurteilungen, stellt eine Ausdifferenzierung von expliziten Beurteilungen und „impliziten Werthaltungen“ eine Bereicherung dar, die vor vereinfachenden Werturteilen schützen kann.

Marianne Lück-Filsinger demonstriert die Anwendung der Grounded Theory (GT) in Evaluationen. Eine wesentliche Herausforderung für deren Einsatz in Evaluationen wird im Theoretical Sampling verortet, der Fallauswahl geleitet durch Datenauswertungen. Entlang eines mehrjährigen Evaluationsprojekts mit vier Erhebungszeitpunkten wird das Vorgehen der GT anhand der einschlägigen Kodierschritte (Strauss/Corbin) rekonstruiert bis hin zur Entwicklung einer gegenstandsverankerten Theorie veranschaulicht sowie eine für Evaluationen einsetzbare Strategie der Fallauswahl vorgeschlagen. Reflektiert werden sowohl die Potentiale für einzelne Evaluationsfunktionen als auch die Nähe der Grounded Theory Methodologie zu den Standards der DeGEval.

Elitsa Uzunova zeigt in ihrem Beitrag „Evaluation und das Web“ sehr verdichtet eine beeindruckende Fülle an neuen webbasierten Möglichkeiten für den gesamten Evaluationsprozess. Die Nutzungsmöglichkeiten bettet sie in den Kontext mediatisierter Lebens- und Arbeitswelten ein. Eine wesentliche Herausforderung für Evaluationen erkennt sie in dem kaum noch zu überschauenden Angebot an technologischen Lösungen sowie bezüglich der Informationssicherheit. Deshalb mahnt sie an „diese Möglichkeiten und Probleme (…) auf Fachforen (…) anzusprechen und in einer gemeinsamen Position festzuhalten“ (S. 275).

Susanne Mäder nimmt schließlich den Bewertungsprozess in Evaluationen in den Blick. Ausgehend von interaktionistischen Prämissen (Bewertung als interaktiver Prozess, S 281; Bedeutung des Dialogs, S. 282) werden zwei systematische Strategien der Bewertung in Evaluationen fokussiert aufbereitet und abschließend Möglichkeiten und Grenzen der vorgestellten Verfahren aufgezeigt.

Diskussion

Den verschiedenen Autorinnen und Autoren des Sammelbandes ist es ausgesprochen gut gelungen, ausgehend von ihrer eigenen Evaluationspraxis relevante Fragestellungen zu bearbeiten und somit einen reflexiven Beitrag zu einschlägigen Diskursen in der Profession zu leisten. Damit ist dem Titel und dem Anspruch des Bandes, nicht zuletzt mit Blick auf die Zielgruppe der Evaluationsdurchführenden, Rechnung getragen. Ausdrücklich positiv ist ferner hervorzuheben, dass auf eine feldspezifische Gliederung des Bandes verzichtet wird (ohne aber feldspezifische Differenzierungen komplett auszublenden). Stattdessen wird das professionelle Handeln fokussiert und somit der Blick auf Verbindendes gerichtet. Dies ist unverkennbar eine Stärke des Bandes. Den Schwerpunkten des Institutes Univation folgend wird ein breites Spektrum an Evaluationen in Sozialen Dienstleistungen, im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt, von europäischer bis zur kommunalen Ebene, aus Deutschland und der Schweiz, berücksichtigt, wenngleich einige Felder fehlen. Betrachtet man die Designs und das daran anknüpfende Methodenspektrum, scheint zwar ein qualitativer Schwerpunkt über die Beiträge hinweg auf. Dennoch stellt eine methodische Verortung keine dominante Betrachtungsweise dar, vielmehr steht die Gegenstandsangemessenheit im Vordergrund.

Eine weitere Klammer bietet das Institut Univation und seine „Produkte“ (z.B. das Logische Modell des ‚Programmbaums‘; das Glossar Eval:Wiki), die in etlichen – aber nicht allen – Artikeln Aufmerksamkeit erfahren. Dadurch lässt sich eine von den Herausgeberinnen angekündigte „Evaluationsphilosophie“ erkennen, zumindest ein spezifisches Verständnis von Evaluation. Nicht unerwartet, aber nicht verwerflich, wird das Institut Univation prominent platziert und positiv gewürdigt. Besonders deutlich wird dies durch die Verwendung einer einheitlichen Terminologie. So wird etwa mehrfach auf das hauseigene Glossar verwiesen, welcher online allgemein zur Verfügung steht. Dies gibt den Leserinnen und Lesern eine gute Orientierung und eröffnet die Möglichkeit zu einer eigenen Positionierung. Im Hinblick auf die Kategorien, die zur Systematisierung des Bandes verwendet werden, sind jedoch einige Kritikpunkte in Anschlag zu bringen. Die gewählte Einteilung in ‚Professionalisierungsinstrumente‘, ‚Evaluationsansätze‘ und ‚Evaluationsmethoden‘ ist nicht in allen Teilen nachvollziehbar. Trotz des hohen Engagements für eine einheitliche Begrifflichkeit liegt hier eine Schwäche: So werden ‚Professionalisierungsinstrumente‘ im ersten Teil vorgestellt, wobei nicht hinreichend geklärt wird, was unter „Professionalisierung“ zu verstehen ist. Auch soll Steuerung von Evaluationen hierunter gefasst werden, aber ein Artikel betrachtet in einem anderen Teil ebengenau diese Dimension in der Diskussion des „Nutzen[s] einer wirkungsorientierten Zielsystematik“ (Schmidt). Der Fokus auf Professionalisierung liegt nach der Lektüre erkennbar eher auf der Ebene des individuellen, professionellen Handelns und knüpft hier an Ideen der Kompetenzorientierung an. Offen bleibt jedoch, ob Instrumente geeignet sind, Kompetenzen zu fördern. Im dritten Teil wird der in Anschlag gebrachte Methodenbegriff dann sehr gut entfaltet. Aber der Beitrag zur „Evaluation und das Web“ (Uzunova) will sich hier nicht ganz einpassen, da ebenso Skizzen zu Ausgangsbedingungen und Handlungsbedarfen für das Evaluationsfeld vorgelegt werden.

Wenngleich als gemeinsamer Bezugspunkt die Reflexion von Evaluationspraxis in den einzelnen Beiträgen deutlich wird, stellen sich bei genauerer Betrachtung die Herangehensweisen sehr unterschiedlich dar. Je nach Problemstellung setzen die Beiträge an einem unterschiedlichen Niveau an und sprechen damit verschiedene Zielgruppen an. Für eine neue Auflage könnte es hilfreich sein, zwischen Beiträgen zu unterscheiden, die sich mit dem „Handwerkszeug“ in Evaluationen befassen und solchen, die evaluationstheoretische und methodologische Konzepte zur Anwendung bringen. In der ersteren Gruppe finden sich Beiträge, die konkrete Instrumente, Strategien und Querschnittsthemen aufgreifen und darlegen: Behandelt werden ein Thesaurus, Checklisten, Informationssicherheit, Monitoring, Zielfindungssystematiken, Interviewdurchführung mit Jugendlichen, Evaluationen und das Web sowie Bewertungsprozesse. Die Beiträge in dieser Gruppe zeichnen sich durch einen stärkeren informierenden, instruktiven und praxisorientierenden Charakter aus, der sich auch für Neueinsteiger und Neueinsteigerinnen als gut geeignet erweist. Beispielsweise sind die Beiträge von Schmidt zur Zielsystematik und von Mäder zu Bewertungsprozessen nachvollziehbar, gut strukturiert und durch eigene Evaluationsprojekte ausgesprochen anschaulich dargelegt. Die Beiträge von Uzunova und Jelitto ermöglichen über Internetadressen und Nennungen von Software instruktive Einblicke. Einlassungen von Klockgether zu Checklisten nehmen eine ungewohnte Perspektive auf, was zu überraschenden Erkenntnissen zu deren Einsatzmöglichkeiten führt.

In der zweiten Gruppe werden theoretische Ansätze und Konzepte referiert, transformiert, umgesetzt und/oder reflektiert: Interkulturelle Kompetenz, Schwarmintelligenz als Steuerungsansatz, der Programmbaum, theoriebasierte Evaluation, Developmental Evaluation, Rekonstruktive Auswertungen und die Grounded Theory Methodologie. Die besondere Relevanz dieser Vorgehensweise resultiert aus den evaluationseigenen Spannungsfeldern, die zwischen Wissenschaftlichkeit, Nützlichkeit und Zwängen der Praxis angesiedelt sind. Aufgezeigt wird, welches Vorgehen für welche Ausgangslage und Fragestellungen (bzw. noch nicht vorhandenen Fragestellungen) geeignet und durchführbar erscheint. Dies wird in Folge nicht nur theoretisch entworfen und angeleitet, häufig müssen situative Entscheidungen in der Praxis getroffen werden, deren Reflexion erst im Nachhinein erfolgen kann. An dieser Stelle setzen diese Beiträge an. Übergreifend bieten sie dabei nicht nur Anregungen für die eigene Evaluationspraxis, auch geben sie Hinweise für eine theoretisch-konzeptionelle Diskussion. Erkennbar richten sich die Beiträge an die Zielgruppe der Evaluationsdurchführenden, können aber auch den Diskurs in der Evaluations-Community befruchten. Angestrebt wird zwar kein Band zur Forschung über Evaluation, aber etliche Anregungen für Forschungsvorhaben sind deutlich erkennbar; zum Teil werden explizit Forschungsdesiderate herausgearbeitet. Eine ausgesprochen lesenswerte konzeptionelle Aufbereitung liefert Farrokhzard zur Interkulturellen Kompetenz, andere Artikel finden neben einer fachlich anspruchsvollen Erörterung auch einen motivierenden Stil (vgl. Gutknecht-Gmeiner). Für Interessierte an anspruchsvollen qualitativen Designs bieten Schröder und Lück-Filsinger aufschlussreiche Hinweise für rekonstruktiv angelegte Vorhaben.

Dieses Buch vermag – mit einigen Einschränkungen – einen Beitrag zur Professionalisierung zu leisten. Professionalisierung bezieht sich in diesem Kontext auf kompetentes, fachgerechtes Handeln von Evaluierenden und Evaluationsteams (Brand 2009, S. 26ff.). Der bunte Strauß der Beiträge ist aber insgesamt recht lose zusammengehalten. Das Potential, welches vor allem bei der zweiten hier vorgestellten Gruppe für reflexive Diskurse aufscheint, hätte noch etwas besser ausgeschöpft werden können. Übergreifende Fragestellungen, Kontrastierungen und Bezüge scheinen zwar auf, werden aber nicht weiter verfolgt. Als Beispiel sei hier auf zwei Evaluationsansätze verwiesen, die je einzeln in äußerst differenzierter und informierter Weise betrachtet werden: der Programmbaum (Bartsch, Beywl, Niestroj) und theoriebasierte Evaluationen (Giel). Die Frage des Verhältnisses der Ansätze zueinander wird nicht weiter verfolgt, obwohl enge Verknüpfungen deutlich werden. Auch querschnittliche Problemstellungen weisen enge Bezüge zueinander auf, die mit Gewinn hätten vertieft werden können. Beispielsweise beschäftigt sich Uzunova mit der Evaluation und das Web, Jelitto mit Informationssicherheit in Evaluationen. Eine Verbindung hätte besonders die durch Risiken der Informationssicherheit gesetzten Grenzen in Evaluationen stärker erkennbar werden lassen.

Fazit

Insgesamt betrachtet liegt ein Werk vor, das einen instruktiven Einblick in vielfältige Formen der Evaluationspraxis gibt, die in den Beiträgen vor dem Hintergrund von Evaluationsansätzen und methodologischen Entscheidungen systematisch reflektiert werden. Dabei werden verschiedene Zielgruppen angesprochen: Erfahrene Evaluationsdurchführende finden Evaluationsansätze und Konzepte, die sehr differenziert und theoriegeleitet reflektiert werden. Novizinnen und Novizen finden anwendungsorientierte Beiträge, die einen Einstieg in die Praxis bieten, und alle gemeinsam finden Topics, die in einer Profession verhandelt werden (sollten). Der ohne Einschränkung lesenswerte Band leistet alles in allem einen sehr wertvollen Beitrag zur Profilbildung von Evaluation und sollte in den einschlägigen Diskursen in der Evaluationscommunity rezipiert und diskutiert werden.

Literatur

  • Brand, Tasso (2009): Evaluation in Deutschland. Professionalisierungsstand und -perspektiven. In der Reihe: Stockmann, Reinhard (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Evaluationsforschung, Band 7. Münster et al.: Waxmann.
  • DeGEval – Gesellschaft für Evaluation (2015): Professionalisierung in und für Evaluation. Positionspapier des Vorstandes der DeGEval – Gesellschaft für Evaluation. In: Zeitschrift für Evaluation (ZfE), 14. Jg., Heft 1, S. 145-150.

Rezensentin
Jessica Prigge
Master of Evaluation, M.Eval., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Jessica Prigge. Rezension vom 15.02.2017 zu: Sussanne Giel, Katharina Kockgether, Susanne Mäder (Hrsg.): Evaluationspraxis. Professionalisierung – Ansätze – Methoden. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 2. Auflage. ISBN 978-3-8309-3528-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21731.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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