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Martin Schmoranz, Julia Müller: Gruppenarbeit mit Kindern psychisch erkrankter Eltern

Cover Martin Schmoranz, Julia Müller: Gruppenarbeit mit Kindern psychisch erkrankter Eltern. Ein Handbuch. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 142 Seiten. ISBN 978-3-7841-2892-4. 23,00 EUR.
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Thema

Kinder psychisch erkrankter Eltern sind vielen psychosozialen Belastungen ausgesetzt, die das Risiko erhöhen, schon in der Kindheit Bindungs- oder Verhaltensstörungen und später psychische Erkrankungen zu entwickeln. Diese Tatsache ist aus englischen Untersuchungen von Rutter (1966) bereits seit den 1960er Jahren bekannt, wurde aber im deutschen Sprachraum erst sehr viel später zur Kenntnis genommen (Lenz 2014, 5). Kinder psychisch kranker Eltern waren noch lange nach diesen ersten Forschungsarbeiten die „vergessenen Angehörigen“. Noch Mitte der 1990er Jahre, bereits lange nach dem großen Boom der systemischen Ansätze und der systemischen Familientherapie, mussten Remschmidt und Mattejat (1994) darauf aufmerksam machen, dass das Thema kaum in der Fachöffentlichkeit präsent war (Lenz 2014).

In den letzten 20 Jahren hat sich allerdings sehr viel getan und die psychosoziale Versorgung der Kinder psychisch kranker Eltern hat sich durch eine Vielzahl und ein breites Spektrum an Hilfsangeboten deutlich verbessert: Präventions- und Früherkennungsprogramme, problemspezifische und multimodale Programme, Mutter-Kind- und familienorientierte Interventionen fanden breite Anwendung. Theoretisch und methodisch trugen Ressourcen- und salutogenetische Orientierung, die massive Verbreitung systemisch orientierter Ansätze ebenso zu den Behandlungen bei wie das Wissen um Resilienz und Coping, Trauma und Traumabewältigung und viele neuere therapeutische und psychosoziale Wissensbestände, die therapierelevant wurden und nicht nur die Risiken, sondern auch die Potenziale, Stärken und Überlebensstrategien dieser Kinder zeigten.

Das Gruppenprogramm für Kinder, das im Buch vorgestellt wird, lässt sich dem familienorientiert-psychoedukativen Interventionsspektrum für Kinder psychisch kranker Eltern zuordnen. Die Autoren leiten dieses seit mehr als zehn Jahren und teilen im Buch theoretische Grundbestände, Erfahrungen und methodische Hilfen und Bausteine in der Gruppenarbeit mit Kindern zwischen sieben und 13 Jahren.

Sie leisten damit eine überaus bedeutsame Arbeit für die betroffenen Kinder, ihre Eltern und die Gesellschaft – eine Arbeit notabene, der trotz großer politischer Versprechen („kein Kind zurücklassen!“) und offensichtlicher Bedarfe immer noch nicht die nötigen gesellschaftlichen Ressourcen zuteil werden und die auf private Unterstützer angewiesen ist, da „die Arbeit der Beratungsstelle seit Jahren ohne amtlich geregelte, angemessene Finanzierung geleistet wird“ (Caritasverband Gießen e.V. 2016).

Autor und Autorin

Martin Schmoranz ist Diplom-Pädagoge und Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Familien in eigener Praxis. Er leitet seit mehr als zehn Jahren die Gruppenarbeit für Kinder psychisch erkrankter Eltern beim Caritasverband Gießen e.V.

Julia Müller ist Diplom-Pädagogin und angehende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Sie arbeitet an der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle der Caritas Gießen und betreut mit Martin Schmoranz gemeinsam die besagte Kindergruppe des Caritas-Verbands Gießen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Hauptteile, die Autoren führen in die Thematik ein, beschreiben vier Fallgeschichten, umreißen grundlegende psychologische Wissensbestände, sie beschreiben detailliert das Gruppenangebot in seiner Struktur und Methodik und die Reflexion ihrer Arbeitserfahrungen. Es beginnt mit „Gebrauchsanweisung und Danksagungen“, die die Zielgruppe des Buchs beschreiben (Fachkräfte, betroffene Erwachsene und Angehörige und im weiteren Sinn mit der Thematik befasste Menschen) und die Ziele des Buchs vorstellen – Öffnung der Wahrnehmung für die Kinder, Erschließung neuer Handlungsräume, Sensibilisierung und Stärkung der Interessenvertretung für die betroffenen Kinder.

Inhalt

Das erste Kapitel „Einführung“ gibt auf vier Seiten eine grundlegende Orientierung zur Situation der Kinder psychisch kranker Eltern und zu Grundprinzipien des Gruppenangebots.

Im zweiten Kapitel „Fremde und eigene Empirie“ werden einmal aus Betroffenen- und dreimal Fachkräftesicht Fallgeschichten beschrieben. Das Kapitel startet mit einem autobiographischen Text, der als Rede an einem Symposium zum Thema 2012 gehalten wurde. Die Rednerin schildert dabei ihr Leben als Tochter einer psychisch kranken Mutter in den 1950er bis 1980er Jahren. Drei weitere Fallberichte schildern Lebenssituationen und Entwicklungsverläufe von Kindern aus den Gruppen der Autoren.

Das Kapitel 3 will eine „kurze wissenschaftstheoretische Verortung“ leisten. Die Überschrift ist allerdings irreführend, denn auf den folgenden 27 Seiten werden psychologische, therapeutische und sozialpädagogische Fachinformationen vermittelt. Zuerst wird die erhöhte Krankheitsgefährdung der betroffenen Kinder beschrieben und die genetischen Dispositionen, die besondere Vulnerabilität und bekannte Umwelt- und Stressfaktoren geschildert. Die Autoren nennen ihren Blick auf Probleme und Stärken der betroffenen Kinder „beidäugiges Sehen“ und beschreiben daher die Risiken und Gefährdungen ebenso ausführlich wie anschließend die Ressourcen und Schutzfaktoren. Resilienz, die Widerstandsfähigkeit von Menschen trotz widrig-belastender Lebensbedingungen dient dabei als zentraler Frame. Resilienz entsteht durch personale, familiäre und weitere soziale sowie spezielle Schutzfaktoren für die Kinder, die im Kapitel kurz umrissen werden. Leider halten Schmoranz & Müller ihre eigene Systematik nicht ein, die Kategorien werden etwas arg beliebig gefüllt und vermischen sich. Die Autoren stellen anschließend kurz das Salutogenese-Konzept von Antonovsky (Antonovsky & Franke 1997) vor, das mit den drei Coping-Faktoren „Verstehen“, „Sinn geben“ und „Handhaben“ die Interventionsrichtung des Programms leitet. Die Autoren schließen das Kapitel mit grundlegenden rechtlichen und konzeptionellen Informationen zum Kindeswohl und Kinderschutz und zu Herausforderungen und Orientierungen der Kooperation zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie.

Das vierte Kapitel stellt das „Gruppenangebot für Kinder psychisch erkrankter Eltern“, seine Grundprinzipien, den Verlauf, die Übungen, Spiele, weiteren Angebote und dazugehörigen Arbeitsmaterialien thematisch und methodisch ausführlich vor.

Die Gruppengröße beträgt acht Kinder bei zwei Leitern, die Gruppen bleiben personell konstant (keine laufende Aufnahmen und Austritte von Kindern), die Dauer des Programms blieb mir unklar.

  1. Das Programm beginnt mit einer Kennenlern- und Gruppenbildungsphase, die kleine Spiele, Übungen und Rituale nutzt: Die Kinder erhalten eine persönlich zu gestaltende Mappe, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kinder werden thematisiert, ein Gruppenname und -maskottchen werden gestaltet und Gruppenregeln werden miteinander geklärt.
  2. Arbeitsphase 2 thematisiert „die Sache mit den Gefühlen“. Schmoranz & Müller beschreiben Kinder psychisch kranker Eltern als „doppelt verschwiegene Kinder“, die nach außen auf Tabuisierung psychischer Krankheit und nach innen auf eigene belastende Empfindungen und Gefühle hin verschwiegen reagieren. Mit Spielen und Übungen werden die Kinder ermutigt, Gefühle wahr- und ernstzunehmen, Vertrauen zueinander zu finden oder auch Verhaltensweisen, die Gefühle abwehren oder „entgrenzt“ kompensieren im geschützten Raum zu entdämonisieren (S. 79). Dazu dient eine Vielzahl von Spielen und Übungen, wie sie in Programmen zur sozialen und emotionalen Kompetenz für Kinder bekannt sind: Gefühlsuhr, Gefühle sammeln, Weinen-Wüten-Lachen-Fotos, u.a.m.
  3. Arbeitsphase 3 fokussiert auf Psychoedukation, das Herzstück der Arbeit, das nun beschrieben wird. Die Arbeit nimmt die Bilder der Kinder von ihren psychisch kranken Eltern mit kreativen Methoden auf und fördert so Selbstexploration und Explikation dieser Bilder von Krankheit der Eltern. Diese werden mit einem Bild psychischer Gesundheit/gesunden Zeiten/Zuständen der Eltern kontrastiert. In den anschließenden Sitzungen werden mit Informationen über die entsprechenden Krankheitsbilder das Wissen und Verstehen der Kinder über die Krankheit ihrer Eltern angeregt. Dazu instruiert das Buch zu kindgerechten Informationen und stellt Handzettel dazu zur Verfügung.
  4. Die Arbeitsphase 4 thematisiert das Leben mit einem psychisch erkrankten Familienmitglied und fokussiert auf Antonovskys Dimension der „Handhabung“ belastender Lebensumstände. Familienbilder und darin auftauchende Muster sowie wiederkehrende Familienszenen und Möglichkeiten zu deren Bewältigung werden erarbeitet und mit Interventionen begleitet, in denen die Kinder sich schützen und proaktiv handeln lernen. Durch Zeichnen, Vorlesen, Gespräch, musik- und spielgestützte Methodenbausteine werden Reaktions- und Handlungsmöglichkeiten der Kinder in herausfordernden Situationen erarbeitet.
  5. Arbeitsphase 5 leitet den Abschied aus der Gruppe ein. Die Autoren beschreiben ihre Werkzeuge zur Sicherung der Erfolge, zur Ablösung der Kinder und zum Umgang mit Notfallsituationen. Ein nicht näher beschriebenes Abschiedsfest beendet schließlich das Programm.

In Kapitel 5 reflektieren Schmoranz & Müller zusammenfassend ihre Arbeitserfahrungen. Diese drehen sich um Vertrauen, Beziehung und Zugehörigkeit, um die Erfahrung von Solidarität unter Kindern mit ähnlichen biographischen Erfahrungen und die Bedeutung einer empowerment- und ressourcenorientierten Grundhaltung. Fragen der Gruppenzusammensetzung werden erläutert, die Strukturiertheit der Arbeit reflektiert und einige Herausforderungen der gemeinsamen Arbeit thematisiert. Dieser Teil bleibt eher an der Oberfläche: Zu Kontraindikationen, Risiken, Grenzen oder auch Scheiternserfahrungen liest man leider nichts.

Diskussion

Das Buch verschafft dem Leser einen kompakten und anschaulichen Einblick in die Arbeit der beiden Autoren. Für Professionals in Kinder- und Jugendpsychotherapie, Sozialer Arbeit und Sozialpsychiatrie gibt es einen kompakten, anschaulichen, persönlich engagierten Einblick in Psychoedukation für Kinder psychisch kranker Eltern.

Das Buch bleibt allerdings in den Zielgruppen unklar und will zu viele zu heterogene Akteure erreichen. Mit 140 Seiten und der praktisch-anschaulichen Orientierung bleibt es hinter dem Anspruch eines „Handbuchs“ (Untertitel, möglicherweise durch den Verlag gesetzt) allerdings weit zurück. Für Fachpersonen sind viele der theoretischen Grundlagen bekannt und zu wenig vertieft, auch auf die Fachliteratur zu Interventionskonzepten wird wenig verwiesen und eine Einordnung des Angebots in die breite Palette pädagogisch-therapeutischer Angebote wird nicht vorgenommen. Indikationen, Kontraindikationen, Risiken oder Grenzen der psychoedukativen Arbeit werden kaum reflektiert.

So bleibt das Buch eher ein Praxisbericht mit Programmbeschreibung und Tools als eine theoriegeleitet-kritische Reflexion. Für Angehörige, also Laien, ist die Sprache des Buchs in Teilen zu fachlich und nicht immer leicht verständlich. Die drei kurzen Fallbeispiele lesen sich wie Ausschnitte aus Berichten für Kostengutsprachen. Das lange Fallbeispiel aus Betroffenensicht (geschrieben als Rede auf einem Symposium) bleibt ein seltsamer Fremdkörper im Buch. Es liegt generationenweit zurück und ist teils nur schwer verständlich.

Gestaltung und Redaktion des Buchs sind zum Teil sehr ansprechend. Unterstützend sind die Kästen, Infoblätter, Ausführungen zu den Übungen. Berührend und mit hohem „Jöööh-Faktor“ sind die Kinderzeichnungen.

Leider finden sich im Buch zu viele Fehler – Lambertus sollte sich ein Lektorat / Korrektorat leisten oder das von den Autoren vorgenommene besser prüfen.

Fazit

Ein insgesamt empfehlenswertes Buch für Professionals therapeutischer, sozialer und pädagogischer Berufe, die einen ersten Einblick in die psychoedukative Arbeit mit dieser Klientengruppe suchen, die bestimmte Tools für die Gruppenarbeit mit Kindern suchen oder ihre eigene Gruppenarbeit mit der der Autoren vergleichen wollen. Eher weniger geeignet für Laien oder Angehörige von Kindern psychisch Kranker, die fachliche Orientierung über das Thema oder zu Hilfemöglichkeiten suchen.

Literatur

  • Antonovsky, Aaron & Franke, Alexa (1997). Salutogenese: zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: DGVT.
  • Caritasverband Gießen e.V. (2016). Hilfen für Kinder psychisch erkrankter Eltern. Pressemitteilung. Zugriff am 7.11.2017, URL: https://www.caritas-giessen.de/aktuelles/presse
  • Lenz, Albert (2014). Kinder psychisch kranker Eltern. 2., vollständig überarb. und erweiterte Auflage. Göttingen: Hogrefe.
  • Remschmidt, Helmut & Mattejat, Fritz (1994). Kinder psychotischer Eltern mit einer Anleitung zur Beratung von Eltern mit einer psychotischen Erkrankung. Göttingen Bern etc.: Hogrefe.
  • Rutter, Michael (1966). Children of sick parents: an environmental and psychiatric study. London: Oxford University.

Rezensent
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Homepage www.widulle.ch
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Zitiervorschlag
Wolfgang Widulle. Rezension vom 15.11.2017 zu: Martin Schmoranz, Julia Müller: Gruppenarbeit mit Kindern psychisch erkrankter Eltern. Ein Handbuch. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2892-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21735.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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