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Annerose Siebert, Laura Arnold u.a.: Heimkinderzeit (katholische Behindertenhilfe in Westdeutschland 1949-1975)

Cover Annerose Siebert, Laura Arnold, Michael Kramer, Birgit U. Keller, Uwe Kaminsky: Heimkinderzeit. Eine Studie zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe in Westdeutschland (1949-1975). Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-7841-2898-6. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 30,00 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation befasst sich mit den Leiderfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die von 1949 bis 1975 in katholischen Einrichtungen der Behindertenhilfe in Westdeutschland untergebracht waren. Es handelt sich um eine umfassend angelegte empirische Untersuchung im Auftrag des Fachverbandes Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V.

Die Veröffentlichung steht im Kontext der Empfehlungen des „Runden Tisches Heimerziehung in den 50er/60er Jahren“, der – verkürzt gesagt – im Auftrag des Deutschen Bundestages von 2009 – 2011 die Lebensbedingungen und Gewalterfahrungen von etwa 750.000 Jungen und Mädchen in Fürsorgeeinrichtungen der Jugendwohlfahrt sowie in Kinderheimen und anderen Jugendanstalten in der Nachkriegszeit untersuchte. Der Abschlussbericht des Runden Tisches (AGJ 2010). stützte sich auf eigene Recherchen sowie auf wissenschaftliche Expertisen etwa zu Unterstützungsmöglichkeiten für Heimkinder mit traumatisierenden Gewalterfahrungen, zu juristischen Fragen oder zu Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre.

Die betreffenden Heime und Anstalten standen ganz überwiegend in kirchlicher Trägerschaft. Nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit, auch die Fachöffentlichkeit selbst war überrascht und schockiert vom Ausmaß der sichtbar werdenden Rechtsverletzungen in der Heimerziehung der frühen Bundesrepublik. Der Alltag in den Einrichtungen war geprägt durch körperliche Züchtigungen, sexuelle Gewalt, religiösen Zwang, Einsatz vom Medikamenten, aber auch Medikamentenversuche, Arbeitszwang sowie durch verwehrten Zugang zu Schule und Berufsausbildung. Erstaunlicherweise wurde bei den Aktivitäten des Runden Tisches der Personenkreis der Kinder und Jugendlichen, die damals in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie lebten, nahezu ignoriert. Für die betreffenden Menschen setzt sich damit wohl die Erfahrung von Diskriminierung und Abstufung fort.

Die von Annerose Siebert, Laura Arnold und Michael Kramer veröffentlichte Untersuchung für den Bereich katholischer Einrichtungen in Westdeutschland ist somit nicht nur von hoher thematischer Relevanz, sondern auch in vieler Hinsicht längst überfällig.

AutorInnen

Das AutorInnen-Team unter Leitung von Prof. Annerose Siebert kommt von der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Ravensburg-Weingarten. Ergänzende Beiträge stammen von Birgit U. Keller und Dr. Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum, dessen Untersuchungen auch in die Arbeit des Runden Tisches eingeflossen sind (Kaminski 2010).

Aufbau

  • Im Anschluss an ein lesenswertes Vorwort, in dem Vertreter des Caritasverbandes die Studie als „schmerzhafte und wichtige Erinnerungsarbeit“ (S. 10) charakterisieren, ordnet Annerose Siebert die Untersuchung in die politische und fachliche Diskussion ein. Sie umreisst den sozialwissenschaftlichen Rahmen, begründet den historischen Zugang des Forschungsansatzes und erläutert zentrale Begrifflichkeiten im Kontext des gewandelten Verständnisses von Behinderung.
  • Es folgt im 2. Kapitel (Uwe Kaminsky) ein sehr informativer Abriss zur Geschichte der katholischen Behindertenhilfe, der einen lehrreichen Bogen von den Anfängen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart beinhaltet.
  • Damit wird die notwendige Verständnisgrundlage für die eigentlichen empirischen Untersuchungen (Kap. 3 und 4) von Gewalterfahrungen von Kinder und Jugendlichen in katholischen Behinderteneinrichtungen im gewählten Untersuchungszeitraum 1949 – 1975 geschaffen. U.a. beeindruckt die Schätzung dass es sich dabei um eine Größenordnung von 30.000 – 50.000 Personen handelt.
  • Im 5. und 6. Kapitel diskutiert und resummiert Annerose Siebert die Ergebnisse der Leitfaden-gestützten Interviews, die von Michael Kramer und ihr verantwortet werden sowie der ergänzenden quantitativen Befragung (Laura Arnold / Birgit U. Keller).
  • Ein ausführlicher Anhang enthält eine hilfreiche Zusammenstellung von Untersuchungsinstrumenten und anderen Materialien des Forschungsprozesses.

Inhalt

Die AutorInnen unternehmen den Versuch, Gewalterfahrungen und Viktimisierungsprozesse von Menschen in Behinderteneinrichtungen zu rekonstruieren, die oft schon lange zurückliegen. Dies erfährt eine Einbettung in den historischen Kontext der Entwicklung katholischer Anstalten insgesamt. Referiert wird in diesem Zusammenhang zur wandelnden Bedeutung der Anstalten für die kirchliche Entwicklung, zum Verhältnis kirchlicher Wohltätigkeit und staatlicher Verantwortung, zur Entwicklung von Platzzahlen und Personal. Erfreulicherweise ohne die schrecklichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen relativieren zu wollen, wird auf die mangelnde Ausbildung und Überforderungssituation der Ordenskräfte hingewiesen, die bis in die 1960er Jahre hinein fast ausschließlich in den katholischen Einrichtungen eingesetzt waren. Erst im Zuge einer allmählich einsetzenden Professionalisierung der Arbeit in den Einrichtungen durch Laienkräfte konnten auch verstärkt fachliche Orientierungen greifen (vgl. S.33 ff.).

Dieser objektivierende Schritt erscheint wichtig, weil sowohl in der anschließend beschriebenen qualitativen Untersuchung als auch in der schriftlichen Befragung wird methodisch auf einen konsequent biografischen Zugang gesetzt wird. Die Ergebnisse der qualitativen Befragung stützen sich auf die Erzählungen von immerhin 45 Personen, die über ihre Erfahrungen als Kinder und Jugendliche in verschiedenen katholischen Einrichtungen berichten. Das Spektrum der Gewalterlebnisse reicht vom Schlagen mit verschiedenen Gegenständen über Wegsperren, Nahrungsentzug, Beschämungen bis hin zu wirtschaftlicher Ausbeutung und sexualisierter Gewalt (vgl. S. 116f.). Die dabei gewonnenen Erkenntnisse über regelhaft erlebte Gewalterfahrungen im Tages- und Wochenablauf werden mit dem darauffolgenden Fragebogen-gestützten Untersuchungsteil plausibel verknüpft. Hier der Versuch unternommen, die Gewalterfahrungen der Einzelfälle quantitativ einzuschätzen. Bei aller berechtigten Relativierung der quantitativen Daten im Hinblick auf den lange zurückliegenden Zeitraum, Erinnerungsverzerrungen oder kognitive Einschränkungen der Befragten bleiben die Ergebnisse dennoch erschreckend (vgl. S. 188ff.). Demnach berichteten 68,4% der in der Studie befragten Frauen und 71,9% der Männer von physischer Gewalt, die sie als Kinder und Jugendliche in katholischen Behinderteneinrichtungen erfahren haben (N = 339). Weiterhin berichteten 30,2 % aller Befragten von erlebter sexualisierter Gewalt und 58,9% von erlebter psychischer Gewalt. Die Ergebnisse zeigen dabei, dass die Gewaltakte ganz überwiegend vom einrichtungszugehörigem Personal ausgingen, aber auch z.T. unter Heimbewohner/innen ein hohes Gewaltaufkommen gegeben war.

Diskussion

Die im Zuge der Untersuchung erarbeiteten Forschungsergebnisse geben einen bisher nicht vorhandenen, differenzierten Einblick in die institutionellen Rahmenbedingungen, das Alltagsgeschehen, die Beschaffenheit der sozialen Beziehungen und in die Organisationskultur von katholischen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Nachkriegszeit. Deutlich wird, wie sehr der Lebensalltag durch immanente Gewaltstrukturen und explizite Gewaltanwendung geprägt ist und wie dadurch die Herausbildung von Angstraumata und psychischen Deformierungen begünstigt wird. Mit dem Ansatz des kontrollierten Fremdverstehens biografischer Erzählungen gelingt es den AutorInnen zu einem tiefgehenden Verständnis der Gewalterlebnisse zu kommen. Wichtig und notwendig ist es auch, dass sich die AutorInnen der Herausforderung gestellt haben, den Umfang der Gewalthandlungen quantitativ einzuschätzen.

Erhellend ist, wie in der Publikation – gleichsam als Hintergrundfolie der alltäglichen Gewaltstruktur – das repressive Erziehungsverständnis der Nachkriegsgesellschaft erkennbar wird. Dieses wird in den Einrichtungen mit dem starren Einhalten klösterlich-religiöser Regeln und Rituale verknüpft und führt zusammen mit der Tabuisierung von Sexualität zu einem permanenten Angst- und Strafregime. Umso wichtiger ist dann der Verweis der AutorInnen darauf, dass auch in den 1950er und 1960er Jahren die Anwendung körperlich Gewalt in Erziehungsinstitutionen verboten und dies dem Personal wohl auch bekannt war. Den AutorInnen gelingt es auf beeindruckende Weise die Phänomene der berichteten Gewalthandlungen gegen die Kinder und Jugendlichen in den Behinderteneinrichtungen sachlich zu dokumentieren, ohne aber Empathie und Parteilichkeit für die Opfer aufzugeben.

Gut nachvollziehbar wird mit Bezug auf die Arbeit des Runden Tisches (s.o.) dargelegt, warum die Studie sich in ihren Analysen auf den Zeitraum 1949 – 1975 begrenzt. Bei der Analyse gewaltfördernder Bedingungen der kirchlichen Kinder- und Jugendeinrichtungen der Behindertenhilfe hätte man sich allerdings durchaus einen analytischen Blick auch auf die Zeit danach bis zur Gegenwart vorstellen können. Es gibt guten Grund zur Annahme, dass die Heimreform in der Jugendhilfe hin zu familienähnlichen Gruppenformen in der Behindertenhilfe längst nicht in vergleichbarem Maße umgesetzt wurde. Das Heim mit abgegrenzten Campuscharakter ist hier nach wie vor die dominante Struktur. Es ist also wiederum von einer „verspäteten Modernisierung“ (Henkelmann u.a. 2010) zu Lasten von Kinder mit Behinderungen zu sprechen.

Fazit

Das AutorInnen-Team unter Leitung von Prof. Annerose Siebert hat eine vielerlei Hinsicht wertvolle Untersuchung zu Gewaltfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in katholischen Einrichtungen der Behindertenhilfe in Westdeutschland veröffentlicht. Auf methodisch weiterführende Weise wurde ein wichtiger Beitrag geleistet, um die Aufarbeitungslücke zu schließen, die der Runde Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ in Bezug auf viele zehntausende behinderte Jungen und Mädchen gelassen hat. Die Ergebnisse sind sozialgeschichtlich und verbandspolitisch, aber auch fachlich für die Soziale Arbeit und noch mehr für die Heil- und Behindertenpädagogik bedeutsam. In diesem Sinne geben sie profunde Hinweise, wie institutionelle Rahmenbedingungen bei der professionellen Betreuung besonders vulnerabler Personengruppen ausgestaltet werden müssen, um diese vor den verschiedensten Ausformungen totaler Institutionen zu schützen. Man mag beklagen, dass diese Untersuchung spät erfolgte und über Täterinnen und Täter wenig zu erfahren ist, gleichwohl ist die Initiative dazu der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V. positiv anzurechnen. Es wäre zu wünschen, dass andere Verbände ihrer Verantwortung in ähnlicher Weise nachkämen

Literatur

  • Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ (2010): Abschlussbericht des Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“, Berlin siehe: www.rundertisch-heimerziehung.de/documents/RTH_Abschlussbericht.pdf, Abruf am 13.04.2017
  • Uwe Kaminsky: „Die Verbreiterung der ‚pädagogischen Angriffsfläche‘ – eine medizinisch-psychologische Untersuchung in der rheinischen öffentlichen Erziehung 1966“, in: Andreas Henkelmann u.a. (2010): Verspätete Modernisierung. Öffentliche Erziehung im Rheinland – Geschichte der Heimerziehung in Verantwortung des Landesjugendamtes (1945 – 1972), Essen 2010, S. 485 – 494

Rezensent
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
Homepage www.zpe.uni-siegen.de
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Zitiervorschlag
Johannes Schädler. Rezension vom 19.04.2017 zu: Annerose Siebert, Laura Arnold, Michael Kramer, Birgit U. Keller, Uwe Kaminsky: Heimkinderzeit. Eine Studie zur Situation von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Behindertenhilfe in Westdeutschland (1949-1975). Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2898-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21736.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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