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Gernot Sonneck, Nestor Kapusta u.a. (Hrsg.): Krisenintervention und Suizidverhütung

Cover Gernot Sonneck, Nestor Kapusta, Gerald Tomandl, Martin Voracek (Hrsg.): Krisenintervention und Suizidverhütung. Facultas Verlag (Wien) 2016. 3., aktualisierte Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-7089-1416-9. D: 20,99 EUR, A: 21,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Immer wieder geraten Menschen aus schwerwiegenden Gründen in Krisen, die ihr seelisches Gleichgewicht so gefährden, dass sie allein mit ihren Widerstandskräften nicht damit fertig werden. Sie brauchen Andere, die sie ihrer seelischen Not annehmen und ihnen Hilfe anbieten. Oft sind das nahestehende Personen aus dem sozialen Umfeld. Wenn diese nicht zur Verfügung stehen oder sich überfordert fühlen, gibt es seit vielen Jahren professionelle Dienste, die Krisenintervention und Suizidverhütung zu ihrer Aufgabe gemacht haben. Krisenintervention „umfasst alle Aktionen, die dem Betroffenen bei der Bewältigung seiner aktuellen Schwierigkeiten helfen“ (S. 15). Betroffen ist nicht nur die Person im Focus. Betroffen sind in einem weiteren Sinne oft auch Nahestehende und die Helfer selbst.

Krisenintervention hat eine lange Tradition. Das erste Suizidpräventionszentren in Europa entstand in Wien auf Initiative von Erwin Ringel (1921-1994), der die Erforschung und Verhütung von Suizidalität zu seiner Lebensaufgabe machte. Bis heute gehört sein „präsuizidales Syndrom“ zu den wichtigsten Methoden zur Aufdeckung suizidaler Gefährdung.

Das vorliegende Werk behandelt in der Nachfolge von Erwin Ringel das breite Spektrum von Forschung und Praxis der Krisenintervention und Suizidverhütung. Es liegt nun in 7. Auflage vor. Allein die weite Verbreitung im deutschsprachigen Raum spricht für seine Langlebigkeit und Akzeptanz in unterschiedlichen Leserkreisen. Im Vorwort zu dieser Auflage heißt es, seit der ersten Auflage habe sich das Buch „zu einem weitrezipierten Klassiker der Krisenintervention im deutschsprachigen Raum“ entwickelt. Auch in seinem Appeal (Einband, grafische Gestaltung, Layout, Aufbau) hat das Werk nichts eingebüßt. Das Interesse an diesem „Klassiker“ scheint weiterhin ungebrochen zu sein. Das hat selbst die Herausgeber überrascht.

Das Buch wurde ausgezeichnet mit dem Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich für Medizin.

Autoren

Erwin Ringel hatte als Psychiater und Hochschullehrer viele Schüler, die sich aus unterschiedlichen Fachrichtungen der Krisenintervention und Suizidverhütung verschrieben. Zu ihnen gehört auch der Erstautor des vorliegenden Werkes, Gernot Sonneck, em. Uni. Prof., Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeut, der unter Mitarbeit zahlreicher Fachvertreter des Kriseninterventionszentrums und der Werkstätte für Suizidforschung in Wien das Werk vor Jahren in erster Auflage konzipierte und herausgab.

Die Herausgeberschaft erweiterte sich im Laufe der Zeit um weitere Experten aus Medizin und Psychologie (Nestor Kapusta, Gerald Tomandl und Martin Voracek). Die Anzahl derer, die über die Zeit am Buch als Autor und/oder Mitarbeiter beteiligt waren, ist nach wie vor umfangreich (s. S. 351-352). Die Namenslisten überschneiden sich und lassen offen, in welcher Weise die Genannten bei der Abfassung des Buches mitgewirkt haben. Ungewöhnlich ist diese Art, Mitarbeit und Autorenschaft vieler Personen zu würdigen, allemal.

Aufbau und Inhalt

Inhaltliche Strukturierung und formaler Aufbau des Buches folgen über die Jahre einem bewährten Muster. Auch das fördert die ungebrochene Akzeptanz und das weit verbreitete Interesse nicht nur in Fachkreisen. Zudem wurde das Werk bewusst nicht mit Suizidstatistiken und komplizierten Tabellen überfrachtet. Die Herausgeber und Autoren verfolgen vielmehr das Konzept einer „weitgehenden Abgeschlossenheit jedes Kapitels“ mit dem Ziel, dass Leser sich über ein Thema, das sie aktuell interessiert, rasch und möglichst praxisnah informieren können (s. Vorwort). Es wird Wert gelegt auf Praxisbezüge und konkrete Handlungshinweise zum Umgang mit Krisen, Suizidgefährdung und deren Entstehung in unterschiedlichen Lebenssituationen und Betroffenengruppen. Instruktive Falldarstellungen und grafische Anschauungshilfen schaffen dazu einen geeigneten Zugang.

Das Buch beginnt („für den eiligen Leser“) mit einem Überblick über Krisenintervention und Umgang mit akut Suizidgefährdeten (Kap. 1).

Das 2. Kapitel befasst sich dann ausführlich mit der Vielfalt und Eigenart von „Krisen im menschlichen Leben“. Verbunden damit wird ein „kurzer Leitfaden zur Bewältigung von Krisensituationen“ beschrieben.

Im 3. Kapitel stehen Begriff, Prinzipien und praktische Durchführungsschritte der „Krisenintervention“ im Mittelpunkt. Zentral für den Helfer sind das Erkennen des Bedingungsgefüges, dem er in der Krisenintervention begegnet, und der Aufbau und die Gestaltung einer durch das Gespräch vermittelten unterstützenden Beziehung zum Klienten. Zu den Leitgedanken von Krisenintervention gehört die Förderung von Eigenaktivität und Selbsthilfemöglichkeiten (S. 80). Angesprochen werden in diesem Kapitel z. B. auch Inhalte wie „Krisenintervention und Medikamente“, „Telefonische Krisenintervention“ (wobei die neuen sozialen Medien eine immer stärker werdende Funktion ausüben! N. E.) und die „Organisation von Krisenintervention“.

Das 4. Kapitel greift in Kurzform ein von Sonneck u. a. entwickeltes „„BELLA“-System“ der Krisenintervention auf. Es besteht aus fünf Schritten: Beziehung, Erfassen der Situation, Linderung von Symptomen, Leute einbeziehen, die unterstützen, Ansatz zur Problembewältigung.

Das 5. Kapitel widmet sich mit Unterstützung von Falldarstellungen ausführlich der „Speziellen Krisenintervention“ mit mehreren Unterkapiteln, die wie folgt überschrieben sind: Krisen und Familie, Krisen in Paarbeziehungen, Entwicklungskrisen bei Jugendlichen, Der krisengefährdete Schüler, Krisen und Gewalt, Krisen von Patienten im Krankenhaus, Krisen älterer Menschen.

Das 6. Kapitel erweitert die Schlüsselbegriffe Krisen und Krisenintervention um den der Suizidgefährdung. Es berücksichtigt alle begrifflichen Unterscheidungen und fachlichen Aspekte, die die heutige Suizidologie beizusteuern in der Lage ist. Es ist daher das umfangreichste Kapitel des Buches. Es folgt dem geläufigen Verständnis von Suizidalität, bei dem über Suizidgedanken, Suizidversuchen bis zum Suizid der Handlungsdruck immer stärker wird. Es werden präventive, interventive und postventive Zugänge und Maßnahmen behandelt. Wegen der inhaltlichen Fülle können nur einige der Unterkapitel benannt werden. Ein Unterkapitel beschäftigt sich mit der Einschätzung der Suizidalität. Folgerichtig werden dann Möglichkeiten, Formen und Fehlerquellen einer „antisuizidalen Therapie“ aufgegriffen. Ein wichtiger Aspekt ist der „Umgang mit Hinterbliebenen nach Suizid“, veranschaulicht durch Falldarstellungen. Welche Rolle der Hausarzt bei der Suizidprävention spielt, beleuchtet ein anderes Unterkapitel. Angesprochen wird auch das „suizidale Verhalten in Institutionen“, z. B. im Psychiatrischen Krankenhaus und Strafvollzug. Pointiert abgehandelt werden „Ethische Fragen im Umgang mit Suizidgefährdeten“ und die „Auseinandersetzung des Beraters mit sich selbst“.

Unter der Überschrift „Chronische Suizidalität“ werden in Kapitel 7 „psychoanalytische bzw. psychodynamische Erklärungsmodelle“ aufgegriffen und damit assoziiert Überlegungen zur psychotherapeutischen Behandlung angestellt.

Kapitel 8 thematisiert kurz „Suizidalität und Arbeitslosigkeit“, Kapitel 9 „Suizid und Kultur“. Kapitel 10 befasst sich unter dem Titel „Suizid – Klischee und Wirklichkeit“ vor allem mit dem ambivalenten Einfluss von Medien (Presse, Internet) auf den Suizid. Beigesteuert werden Empfehlungen für eine angemessene Berichterstattung über Suizid. Beispielhaft geht um den Einfluss von Medien auf die Inanspruchnahme des Wiener Kriseninterventionszentrums. Aufgenommen werden in dieses Kapitel trotz ihrer „beschränkten Aussagekraft“ (Vorwort zur 5. Auflage 1999) auch statistische Daten zur Suizidproblematik.

Unter dem Titel „Wie lerne ich Krisenintervention?“ (Kapitel 11) kommen Anmerkungen und Erfahrungen eines Lernenden zu Wort.

Im nächsten Kapitel 12 geht es um „Erhöhung der Suizidpräventions-/ Kriseninterventionskompetenz in einer bestimmten Region“. Vorgestellt wird ausführlich ein „Aktionsplan zur umfassenden Suizidprävention“.

Kapitel 13 schließlich geht auf „Mitwirkung am Suizid aus strafrechtlicher Sicht“ in den Ländern Österreich, Schweiz und Deutschland ein.

Kapitel 14 gibt einen Überblick (z. T. in Auswahl) über Einrichtungen, Dienste und Angebote in den drei deutschsprachigen Ländern, die Krisenintervention betreiben. Eine kommentierte Auswahlbibliografie, ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Sachregister und ein spezifiziertes Autorenverzeichnis stehen dem Leser als ergänzende Informationsquellen zur Verfügung.

Diskussion

Das Buch hat sich im Laufe der Jahre über sieben Auflagen zu einem Standardwerk der Krisenintervention und Suizidverhütung im deutschsprachigen Raum entwickelt und bewährt. Zahlreiche andere Publikationen zu den Themen Krisenintervention, Suizidalität und Suizidprävention taten der Langlebigkeit und dem Interesse an diesem Werk keinen Abbruch. Sein Bekanntheitsgrad rührt wohl auch daher, dass es wegen seiner breiten inhaltlichen Auslegung und formalen Gestaltung mehreren Funktionen dienen kann: als Lehrbuch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie als „Nachschlagewerk“ für alle, die sich mit der Komplexität der Thematik auseinandersetzen und mit einzelnen Aspekten vertraut machen wollen. Unter anderem bietet es dem eiligen Leser einen ersten Überblich, lässt einen die Krisenintervention Lernenden zu Wort kommen, behandelt Kriseninterventionskonzepte und -methoden und stellt last not least einen Aktionsplan zur umfassenden Suizidprävention vor. Als Lesehilfe werden Kapitel kurz zusammengefasst und grafisches Anschauungsmaterial eingefügt.

Dem Rezensenten des Buches fällt auf, dass es bei aller Kontinuität über die Zeit in mancher Hinsicht einer Auffrischung bedurft hätte. Nimmt man die Neuerungen in Einbandgestaltung, Literaturverzeichnis und Suizidstatistiken einmal aus, so stimmt die vorliegende Auflage 7 in Umfang, Aufbau und Inhalt mit der 6. Auflage von 2012 völlig überein. Kritisch anzumerken ist die Neigung der Autoren, seit der Auflage von 2000 (Alleinautor: Gernot Sonneck) mit einigen Ausnahmen Vieles nur fortzuschreiben. Neuere Literaturquellen, Erkenntnisse und Fortschritte in der Suizidprävention, hier vor allem in Deutschland, werden kaum zur Kenntnis genommen oder nicht berücksichtigt. Das ist auch deshalb zu bedauern, weil die Autoren die weite Verbreitung ihres Buches über Österreich hinaus explizit begrüßen und dem Erfolg ihres Buches zuschreiben. Zum Beispiel findet das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro), das seit 2002 vieles erreicht hat, keine Erwähnung, wohl aber das Programm „Suizidprävention Austria“ (SUPRA) und andere internationale Suizidpräventionsprogramme (Schlussfolgerung, S. 307). Auch die kommentierte Auswahlbibliografie wurde weitgehend fortgeschrieben. Ihr hätte eine aktuelle Überarbeitung sicherlich gut getan. Gleiches gilt für einige Kapitel, z. B. was Kapitel 13 betrifft. Die Darlegung der Strafrechtslage in Deutschland bezüglich des assistierten Suizids ist nicht mehr zutreffend. Sie hat sich nach langer Behandlung im Deutschen Bundestag seit 2015 gesetzlich geändert.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein inhaltsreiches, in zahlreiche Kapitel und Unterkapitel gegliedertes Werk, die mit Absicht in sich geschlossen konzipiert wurden und deshalb auch im Einzelnen rezipiert werden können. Es ist als vielschichtige Informations- und Arbeitshilfe praxisnah und anwendungsorientiert für Leser konzipiert, die sich auf Aufgaben in der Krisenintervention, unter Umständen der Suizidverhütung vorbereiten, und für Professionelle, die mit Menschen in Krisen und mit Suizidgefährdeten in ihren Berufsfeldern und Einrichtungen zu tun haben. Wer als Betroffener in einer Krise nach Gründen und Auswegmöglichkeiten sucht, kann ebenfalls mit Gewinn das Buch zur Hand nehmen, wenn er sich von der Fülle der Inhalte nicht abschrecken lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Erlemeier
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Zitiervorschlag
Norbert Erlemeier. Rezension vom 02.01.2017 zu: Gernot Sonneck, Nestor Kapusta, Gerald Tomandl, Martin Voracek (Hrsg.): Krisenintervention und Suizidverhütung. Facultas Verlag (Wien) 2016. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7089-1416-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21739.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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