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Lydia Halbhuber-Gassner, Barbara Kappenberg u.a. (Hrsg.): Wenn Inhaftierung die Lebenssituation prägt

Cover Lydia Halbhuber-Gassner, Barbara Kappenberg, Wolfgang Krell (Hrsg.): Wenn Inhaftierung die Lebenssituation prägt. Lokale Unterstützungsangebote und Online-Beratung für Angehörige. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 277 Seiten. ISBN 978-3-7841-2412-4. D: 18,00 EUR, A: 18,60 EUR.
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Thema als Zusammenfassung

„Inhaftierung ist nicht nur ein gravierender Einschnitt in das Leben der verurteilten Person, sondern auch der Angehörigen: PartnerIn, Kinder, Eltern, Großeltern, Geschwister, enge Freunde. Diese werden häufig von der Inhaftierung überrascht. Neben dem Schock müssen sie auftretende psychische, soziale und materielle Probleme lösen und alleine die Erziehungsverantwortung und Alltagsbewältigung tragen.

Aus Scham und Angst vor Ablehnung sowie sozialer Isolation wird die Inhaftierung vor der Familie und dem Umfeld häufig geheim gehalten. Das hindert die Betroffenen aber auch daran, sich vor Ort Unterstützung zu holen. Hier bietet die Online-Beratung eine gute Möglichkeit, anonym, kostenlos sowie unabhängig von Ort und Zeit Fachleute um Rat zu fragen.
Der Reader präsentiert neben Grundlagen zur Problematik der Angehörigen das breite Spektrum an Hilfeangeboten. Diese reichen von persönlicher Unterstützung, Gruppenarbeit in oder außerhalb der Haft bis zur Online-Beratung. Darüber hinaus werden viele Praxisbeispiele vorgestellt, die Orientierung und Anregung für alle in der Arbeit mit Inhaftierten und vor allem deren Angehörigen geben.“ (Klappentext)

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Lydia Halbhuber-Gassner ist Vorsitzende der Katholischen Bundes-Arbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe in München.
  • Dr. Barbara Kappenberg ist Dozentin an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Wolfgang Krell ist beim Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) in der Diözese Augsburg für Wohnungslosenhilfe und Straffälligenhilfe zuständig.

Aufbau und Inhalt

Nach einer allgemeinen Einführung beschreibt Gabriele Kawamura-Reindl in ihrem Beitrag „Zur ‚Konjunktur‘ der Hilfe für Angehörige Inhaftierter in Deutschland“ Folgen einer Inhaftierung für Angehörige (Stigmatisierung, „Kosten“, um Kontakte zu erhalten, Entfremdungsprozesse, Isolation). Im Folgenden referiert sie die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Zielgruppe, die noch in den 70er-Jahren nur „Nebenadressaten“ von wissenschaftlichen Studien war. Dies änderte sich in den 80er-Jahren. Seitdem werden Studien und Daten zu verschiedenen Problemkonstellationen von Angehörigen Inhaftierter vorgelegt (z. B. zu ökonomischer Perspektive, aus der Krisen- und Stressforschung, zu psychischen Problemen von Kindern). Den Unterstützungsformen aus der Praxis gilt die weitere Aufmerksamkeit der Autorin. Hierin geht es um die Möglichkeiten eines familienfreundlichen Strafvollzugs (z. B. „Family-Mainstreaming-Konzept“ der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe e. V.), aber auch um die Stärkung der Resilienz-Funktion der Familie. Anschließend wird die Arbeit des Nürnberger Vereins Treffpunkt e. V. beschrieben, insbesondere dessen Online-Angebot. Mit dem Befund eines Mangels an Beratungsstellen für Angehörige, der fehlenden Lobby für sie und der Feststellung, dass der „Freiheitsentzug seine zentrale Stellung im Strafensystem“ (S. 33) verlieren müsse, damit die Angehörigen nicht mitbestraft werden, schließt der Artikel.

Ähnlich, nur etwas detailreicher, beleuchtet Sylvia Starke die Situation der Kinder Inhaftierter und zieht daraus Forderungen an den Justizvollzug (z. B. regelmäßiger Kontakt, freundliches Besuchspersonal, eine „kurze Anleitung ggf. mit Bildern, was das Kind beim Besuch erwartet“, S. 41) sowie das soziale Umfeld (z. B. „absolute Akzeptanz und Toleranz ihrer Situation v. a. von Seiten der Familie“, S. 41). Unter Bezugnahme auf die UN-Kinderrechtskonvention formuliert die Autorin Kinderrechte (z. B. Mitbestimmung der Kinder in Gerichts- und Verwaltungsverfahren), ohne jedoch, wie sie betont, „die Inhaftierung als Sanktion“ abschaffen zu wollen (S. 45).

Um die psychosoziale Dimension geht es auch Janne Fengler und Klaus Roggenthin in ihrem Beitrag „Bindungsträume – Bindungsräume“. Neben den schon in den beiden anderen Artikeln dargestellten Folgeerscheinungen entwickeln die Autoren konkrete an der Inhaftierung ansetzende Empfehlungen, um zusätzliche Belastungsfaktoren zu vermeiden. So sollen z. B. die festnehmenden Beamten dafür sorgen, dass die Kinder „eine altersentsprechende Erklärung erhalten“ (S. 50), die Schulen der Kinder von inhaftierten Eltern sollten über die Situation informiert werden, damit sie den Leistungsabfall richtig einordnen können, und die Familien sollten sorgfältig auf die Entlassung vorbereitet werden (S. 51). War dieser Teil pragmatisch-praktisch, wird im Folgenden eine wissenschaftliche Perspektive zum Thema „Bindung“ eröffnet. Gelingende Bindung und die Folgen unfreiwilliger Trennung von Bindungen für das Bindungsverhalten der Kinder sowie Testverfahren für die empirische Erfassung von Bindungsverhalten sind wichtige Themen dieser Abschnitte. Das Fazit: „Unbestritten ist (…), dass die Inhaftierung eines Elternteils einen hohen Vorhersagewert für bestimmte Symptome kindlicher Psychopathologie darstellt und dass dem Bindungs-Konzept hierbei eine bedeutende Rolle zukommt – als Risikofaktor, aber auch als Schutzfaktor.“ (S. 60) Mit Blick auf das Thema Bindung empfehlen die Autoren eine anregende Umgebung, „welche zu einem großen Spektrum an Erfahrungsqualitäten zwischen Annäherung und Distanzierung, zwischen Eigenaktivität und gemeinschaftlichem Handeln einlädt.“ (S. 62)

Drin ist nicht raus aus der Familie. Der systemische Arbeitsansatz mit Familien, bei denen mindestens ein Familienmitglied inhaftiert ist“ überschreiben Annett Engelmann und Wolfram Palme ihren Artikel. Beide Autoren sind bei der „Beratungsstelle zur täterorientierten Anti-Gewaltarbeit“ (Triade) in Leipzig beschäftigt. Zunächst wird ein „Leitfaden zur Intervention“ von P. Boss vorgestellt, der helfen soll, Dilemmata und Ambivalenzen bewusst zu reflektieren. Wichtig ist den Autoren das Thema „innere Repräsentanzen“: „Die Idee der inneren Repräsentanzen geht davon aus, dass die Art und Weise, wie ein Mensch seine Umwelt und deren Zusammenhänge wahrnimmt (individuelle Wirklichkeitskonstruktionen), die bisher gemachten Lebens- und Beziehungserfahrungen widerspiegeln.“ (S. 73) Ziel ist es, diese inneren Repräsentanzen erfahrbar und damit veränderbar zu machen. Dabei spielt die (systemische) Anwesenheit des Abwesenden (Inhaftierten) eine große Rolle. Um „beide Ebenen“, die extramuralen Angehörigen mit dem intramuralen Inhaftierten, in Austausch zu bringen (S. 75), werden zirkuläre Techniken verwendet; im Artikel kurz dargestellt werden auch „Skulpturarbeit“, „Arbeit mit dem Familienbrett“, „Arbeit mit dem Lebensfluss“ (nach Nemetschek).

In einem sehr kurzen Beitrag beschreibt Barbara Zöller die Gruppenarbeit mit Inhaftierten und ihren Angehörigen in der JVA Butzbach. Es geht im Wesentlichen um das Thema Väter-Kind-Besuche und Möglichkeiten ihrer Gestaltung.

Ein in einem Journal schon einmal erschienener Artikel von Richard Reindl ist überschrieben mit „Psychosoziale Onlineberatung – von der praktischen zur geprüften Qualität“. Dieser Artikel ist sehr allgemein gehalten und geht nicht auf die Bedingungen und Möglichkeiten der Straffälligenhilfe ein.

Ebenso verfährt Jörg Eisfeld-Reschke mit seinem Beitrag „Mediale Herausforderungen für die Beratung von morgen“. Auch hier ist die Straffälligenhilfe mit keinem Wort erwähnt.

Vom „Mythos Unmittelbarkeit im Face-to-Face-Kontakt“ schreibt Joachim Wenzel. Auch sein Beitrag ist von einem Journal übernommen und überträgt sein Wissen nicht auf die signifikanten Beratungssituationen in der Straffälligenhilfe.

Ganz anders als diese drei letztgenannten Autoren beschreibt Cornelius Wichmann sehr spezifisch die Möglichkeiten der „Online-Beratung für Angehörige von Straffälligen“. Angesichts der Tatsache, dass es bislang kein flächendeckendes Netz an Beratungsstellen für Angehörige von Straffälligen gibt, geht der Autor der Frage nach, ob eine Online-Beratung dieses Problem lösen könnte. Im Folgenden stellt er die Online-Beratungsplattform der Caritas vor. Sehr detailreich werden Beratungsteam, Schulungen und Beratungskonzept gezeigt. Der anschließende Teil beschreibt die Erfahrungen (Nutzungszahlen, Arbeitsbelastung, Beratungsinhalte). Interessanterweise sind es offenbar eher praktische Fragestellungen, mit denen die Beratungskräfte konfrontiert werden, die Befürchtungen, es könnten schwer lösbare Konflikte (z. B. Suizidandrohungen) online präsentiert werden, haben sich nicht bewahrheitet. Mit einem Dank an die Fachkräfte schließt der Artikel.

Ergänzend dazu geben die Autorinnen Sabine Macion, Emily Trombik und Elisabeth Zaun Einblick in die „Online-Beratung“ der Caritas mit ihrem „Bericht aus der Praxis“. Den geschilderten vielfältigen Nöten der Angehörigen von Inhaftierten begegnen sie mit einer Haltung, die sie mit einem – für eine Caritas Beratungsstelle vielleicht nicht ganz üblichen – Zitat von Bruce Lee beschreiben: „Man kann Dir den Weg weisen, gehen musst Du ihn selbst.“ (S. 153)

Ein besonderes Angebot stellen Christel Brendle und Beate Wölfel vor: „Online-Beratung für Kinder, die Antworten auf Fragen rund um die Haft suchen“. Ihre Internetseite www.juki-online.de will Kindern und Jugendlichen einen persönlichen Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

Noch einmal meldet sich Cornelius Wichmann mit dem Beitrag „Ich besuche Dich im Gefängnis. Eine Website (nicht nur) für Kinder von Gefangenen“ zu Wort. Das Angebot richtet sich an acht bis 13 Jahre alte Kinder. Der Autor lässt den Leser in Fußnoten und im Text an den verschiedenen (nicht weiter verfolgten) Ideen und Entwicklungsstadien teilnehmen. Anschließend übermittelt der Autor noch die recht beachtlichen Nutzerdaten.

Familien- und justizpolitische Geländer für einen Mentalitätswechsel im Umgang mit Eltern inhaftierter Kinder“ überschreibt Klaus Roggenthin seinen Artikel. Es geht ihm um die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Kinder von Inhaftierten. Er fordert einen „Mentalitätswechsel im Strafvollzug“, indem Letzterer nicht nur für die Inhaftierten, sondern auch für deren Angehörigen zuständig ist. So sollen z. B. Kinderbeauftragte eingesetzt und das Gefängnispersonal für den Umgang mit Kindern und Angehörigen qualifiziert werden. Besonders die Gerichte nimmt der Autor in die Pflicht, sie sollten die Situation der Kinder mit bedenken und beispielsweise mittels der Gerichtshilfe den Kontakt zu Beratungsstellen herstellen. Er fordert von Lobbyverbänden, das Thema „Fürsorge und Rechte für Kinder Inhaftierter so lange auf ihre Agenden zu setzen, bis sich flächendeckend nachhaltige Verbesserungen für die betroffenen Minderjährigen abzeichnen“ (S. 174).

Die in verschiedenen Artikeln bereits mehrfach angesprochene UN-Kinderrechtskonvention ist auch das Thema von Claudia Kittel („Die Rechte der Kinder von Inhaftierten“). In den Passagen über die Umsetzung in Deutschland entwirft die Autorin ein düsteres Bild: „Blicken wir nun auf die Situation von Strafgefangenen in Deutschland, so können wir festhalten, dass Deutschland die völkerrechtlichen Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention für diese Gruppe von Kindern nicht erfüllt. Kinder von Strafgefangenen in Deutschland erleben entgegen der Vorgaben aus Artikel 2 der UN-Kinderrechtskonvention aufgrund des Status ihrer Eltern eine Diskriminierung.“ (S. 182)

Michaela Strang-Kempen beschreibt ein Projekt namens „Kid-Mobil“. Dieses ist ein „ehrenamtlicher Begleitdienst für die Kinder, damit diese ihre Mütter im Gefängnis auch dann besuchen können, wenn dies durch andere Bezugspersonen nicht geleistet werden kann.“ (S. 188).

Ebenfalls eine Projektdarstellung ist der Artikel von Kathrin Schuppert („Eltern-Kind-Projekt Chance“). Dieses will die Situation von Kindern inhaftierter Eltern verbessern. Mit Fallmanagement werden die Unterstützungsbedarfe der Familien bearbeitet, häufig materielle Probleme, aber auch Fragen des innerfamiliären Umgangs. In einem abschließenden sehr eindrücklichen Fallbeispiel wird besonders die Besuchsproblematik deutlich, die dann entsteht, wenn sich die Partner trennen, die Kinder aber Kontakt auch zu dem inhaftierten Elternteil aufrecht erhalten wollen.

Die Anlaufstelle „Rückenwind“ wird von Melanie Bonifas beschrieben. Das Team dieser auf die Angehörigen Inhaftierter spezialisierten Besucher-Kontaktstelle besteht aus zwölf Mitgliedern, davon nur eine hauptamtliche Pädagogin mit einer Halbtagsstelle. „Das vielseitige Beratungsangebot bietet den Betroffenen Unterstützung durch Allgemeine Sozialberatung, Informationen zum Strafvollzug und beim Umgang mit der Haftsituation.“ (S. 199)

Heike Krüger stellt die „budopädagogische Vater-Kind-Gruppe im Strafvollzug“ vor. Das budopädagogische Angebot richtet sich an Kinder ab fünf Jahren und deren Väter im offenen Vollzug. „Budopädagogik ist eine wissenschaftlich fundierte und anwendungsorientierte Disziplin der Pädagogik, in der die Erziehungsprinzipien des Budo (Oberbegriff für die asiatischen Kampfkünste wie z. B. Judo, Aikido, Kendo usw.) zielgruppenspezifisch angewendet werden. Wiederkehrende Konfliktsituationen werden anhand asiatischer Kampfkunstübungen reflektiert, körperlich bewusst nachempfunden und alternative Handlungsmöglichkeiten eingeübt.“ (S. 203) Die Autorin zeigt sich überzeugt, dass dieser bewegungspädagogische Ansatz „die Rückfallquote in die Straffälligkeit erheblich mindern kann“ (S. 207), ohne hierfür allerdings konkrete empirische Belege anzufügen.

TAKT. Ein Sensibilisierungskonzept für den Umgang mit Kindern von Inhaftierten“ überschreibt Sylvia Starke ihren zweiten Artikel in diesem Buch. Sie bemerkt zu den Intentionen: „Das Ziel soll es sein, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Kindern Inhaftierter zu lenken und die relevanten Berufsgruppen mit fundiertem Detailwissen auszustatten.“ (S. 210) Ein Angebot an Schulungen richtet sich an Organisationen und Personen, die mit Kindern Inhaftierter in Berührung kommen (Polizei, Gefängnisse, Jugend- und Sozialämter). Inhalte sind z. B. das Hintergrundwissen zum Strafvollzug, die Auswirkungen der elterlichen Inhaftierung auf Jugendliche und Kinder, Resilienzfaktoren und Gesprächsführungstechniken.

In ihrem zweiten gemeinsamen Artikel betiteln Klaus Roggenthin und Janne Fengler „Kinder, Knast und Kunst. Die Initiative ‚Bindungsräume‘“. Das diesem Projekt zugrunde liegende Problem ist die ungenügende Vorbereitung auf Haftbesuche, die schon von den äußeren Rahmenbedingungen für alle Beteiligten eine Belastung darstellen. An dieser Stelle erfolgt ein theoretischer Einschub („Bindungsträume – Bindungsräume“), der (z. T. in Wiederholung zu ihrem anderen Artikel in diesem Buch) zeigt, welche negativen Folgen die Inhaftierung eines Elternteils auf das Bindungserleben und das spätere Bindungsverhalten von Kindern haben können. Hervorgehoben wird die Bedeutung von gestalteten Räumen und ihre Wirkung auf Menschen: „In Haftanstalten sollte dafür gesorgt werden, dass Räumlichkeiten, in denen Kinder ihre inhaftierten Eltern besuchen, durch verschiedenartig anregende Einrichtungselemente Anregungspotential zum Bindungsverhalten und zum Explorationsverhalten bieten.“ (S. 220) Basierend auf dieser Erkenntnis ist das Projekt „Bindungsräume“ an der JVA Köln entstanden. In einer Kooperation zwischen der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe, der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, der JVA Köln, dem Verein Morning Tears sowie dem Sozialdienst Katholischer Männer und Sozialdienst Katholischer Frauen Köln wurden künstlerisch-pädagogische Ideen gesammelt und umgesetzt, die der Verbesserung der Besuchssituation dienen.

Ihre Vater-Kind-Gruppe („Mein Papa sitzt im Knast“) beschreibt Melanie Mohme. Nach einer längeren lyrisch beschreibenden Einleitung („die Augen aller strahlen vor Wiedersehensfreude – und gestandene Kerle wischen sich verstohlen Tränen aus den Augen …“ S. 228) kommt eine sehr kurze konzeptuelle Schilderung der Gruppenarbeit und einige Forderungen (z. B. Schulung der JVA-Bediensteten, „Täterarbeit“), von denen man nicht genau erfährt, ob sie durch das Projekt verwirklicht werden oder nicht.

Dieselbe Autorin, Melanie Mohme, steuert mit dem Artikel „Kinderbesuchsweg. Projekt in NRW. Familiensensibler Strafvollzug für und von Kinder/n von inhaftierten Eltern im geschlossenen Vollzug“ noch eine Projektbeschreibung bei: JVA-Bedienstete, Besucherabteilung, Sozialdienst und Leitung des allgemeinen Vollzugsdienstes, Väter- und Elterngruppe sowie Kinder gestalten den Besucherweg um (z. B. Holzbild, Metallrabe, Stuhlkissen, Gardinen).

Annette Borgstedt schreibt über „Ein Stück Normalität im Gefängnis. Familienseminare des Caritasverbandes für Bochum und Wattenscheid“. Anhand einer Fall-(Nach-)Erzählung wird das Familienseminar in der JVA Bochum beschrieben.

Helga Bartl berichtet über die „Paargesprächsgruppe in der Justizvollzugsanstalt Köln“. Dabei geht es um den „Gedanken- und Erfahrungsaustausch der betroffenen Paare“ (S. 245). Hier sollen Paare erfahren, „wie wichtig das Ansprechen persönlicher Themen für das Fortbestehen ihrer Beziehung ist.“ (S. 246) Ergänzt wird diese Gesprächsgruppe durch Kooperations- und Kommunikationsübungen (z. B. Paare malen ein gemeinsames Symbol).

An dieser Stelle des Buches kommt eine Betroffene (N. N.) zu Wort, die ihr Leben wie eine Achterbahn der Gefühle beschreibt, und für die die Angehörigenarbeit der Freien Straffälligenhilfe Trost und Hilfe war.

Der Artikel „Häuser der Angehörigenhilfe in Frankreich“ von Anne-Marie Klopp und Wolfgang Krell beschreibt eine Einrichtung in Frankreich, die sich „Maison d´accueil des familles et proches de personnes incarcérées“ („Häuser der Angehörigenhilfe“) nennt. „Ziel der Hilfen in diesen Häusern ist es, die Beziehung zwischen den Inhaftierten und ihren Familien zu unterstützen und die Verbindung zueinander aufrechtzuerhalten. Die Häuser sind die Orte, wo sich Familien und Angehörige gemeinsam treffen – alle sind in der gleichen Situation, alle kommen aufgrund desselben Problems zur Strafanstalt, der Inhaftierung ihrer Partner und der Väter ihrer Kinder.“ (S. 254) Die Hilfe wird von Freiwilligen geleistet, fast in der Nähe jeder französischen JVA gibt es ein solches Haus. Die lokalen Vereine haben sich zu einem überregionalen Verband zusammen geschlossen, der die Angehörigenarbeit auch politisch unterstützt.

Dem französischen folgt ein dänisches Beispiel, dargestellt von Eva-Verena Kerwien („Alle(s) unter einem Dach! Im Familienhaus Engelsborg leben Inhaftierte gemeinsam mit ihren Familien“). Sie schreibt sehr anschaulich von der Möglichkeit in Dänemark, dass Inhaftierte die letzte Haftphase in einem Familienhaus zusammen mit den Angehörigen und intensiver pädagogischer und therapeutischer Betreuung verbringen. Der ausschlaggebende Punkt ist folgender: Für die Entscheidung der Justiz, jemanden in dieses Haus zu verlegen, ist v. a. das Wohl von Kindern ausschlaggebend. Der Effekt lässt sich aus Sicht der Autorin so beschreiben: „Die Bewohner beginnen, sich mit ihrer Straftat und deren Folgen für die Familie auseinanderzusetzen. Dies bedeutet vor allem auch, als Eltern anzuerkennen, dass sie allein durch ihre Straftat für den Verlust und den Schmerz der Kinder verantwortlich sind. Im Familienhaus müssen sie ihre Opferrolle aufgeben und Fürsorge für sich und ihre Kinder übernehmen.“ (S. 264) Zudem schreibt die Autorin von der Einrichtung von Kinderbeauftragten in jeder dänischen JVA, was zu kleinen Maßnahmen mit großen Wirkungen geführt hat (z. B. räumliche Gestaltung).

Die in Mailand ansässige gemeinnützige Organisation Bambinisenzasbarre beschließt das Buch mit einem Artikel über ihren Erfolg im Strafvollzug in Italien, der sich für die Bedürfnisse der Kinder öffnet. Das Justizministerium, die Kinderschutzbeauftragten und Bambinisenzasbarre haben eine „Charta der Rechte der Kinder von Inhaftierten“ unterschrieben, die im Buch abgedruckt ist.

Diskussion

Das Ziel der Herausgeber ist es, „neben Grundlagen zur Problematik der Angehörigen das breite Spektrum an Hilfeangeboten“ (S. 11) darzustellen. Beides ist ihnen weitgehend gelungen. Sowohl die theoretischen Artikel als auch die Vielzahl der Projekte geben einen guten Überblick über Thematik und Möglichkeiten der Verbesserung der Situation dieser Zielgruppe. Aus Sicht des Rezensenten ist das Autorenduo Fengler/Roggenthin besonders positiv hervorzuheben, weil hier der (geglückte) Versuch unternommen wurde, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Wenngleich manche „Nahtstelle“ in den Artikeln etwas hart ist, kann man hier das Potenzial der kooperativen Wissensgenerierung erkennen. Wenn die beiden Artikel der beiden zusammengelegt worden wären, hätten sich manche Doppelungen vermeiden lassen.

Auch die Beispiele aus Frankreich und Dänemark sind eine Bereicherung. Gleichwohl sollte man sich bei europäischen Vergleichen von Euphorie hüten: Das französische Modell arbeitet flächendeckend auf ehrenamtlicher Basis, was in Deutschland in dieser Art kaum durchsetzbar sein dürfte, das dänische Beispiel ist wegen der hohen Personalkosten nur für eine kleine Gruppe von (sehr integrationswilligen) Menschen möglich, für viele Haftinsassen dürften vermutlich Sicherheitsbedenken vorherrschen.

Was in jedem Fall aus der Vielzahl der Artikel deutlich wird: Die Belange der Angehörigen sind im Justizvollzug in Deutschland im Grunde nicht mitgedacht, und das ist politisch skandalös und für zukünftige Generationen riskant, sind doch traumatisierte und bindungsgeschädigte Kinder von heute mögliche Täter von morgen. Dies ins Bewusstsein gerufen zu haben, ist zweifellos das größte Verdienst dieses Bandes.

Was die Herausgeber hätten vermeiden können, ist eine unnötige Aufblähung des Buches mit Artikeln, die in „Zweitverwertung“ aus Journalen übernommen wurden und die keinen Bezug zum Thema oder zur Zielgruppe herstellen. Entweder hätten sich die Autoren die Mühe machen müssen, ihre Konzepte anzupassen, oder man hätte auf sie verzichten können. Im Übrigen wäre dies aus Sicht des Referenten ohne Substanzverlust möglich gewesen.

Drei weitere Anmerkungen seien gestattet:

  1. Auch Praxisartikel sollten eine gewisse konzeptionelle Stringenz aufweisen. Es ist sicher interessant, ein Praxisbeispiel zu lesen, aber dieses ersetzt – zumindest im fachlichen Kontext – nicht die systematisierte Zusammenfassung des dahinter liegenden Konzepts (Zielgruppe, theoretische Grundannahmen, Zielsetzungen, Methoden). Jede fachliche Performance sollte sich bewusst sein, dass mit der Vorstellung von Praxis auch eine Darstellung der Profession nach außen verbunden ist. Dieser Anspruch ist bei einigen Artikeln verwirklicht, bei einigen nicht.
  2. Gerade wenn eine Profession und ein Verband für ihre unterprivilegierte Zielgruppe um deren Bedürfniserfüllung und für sich um Anerkennung seiner Methoden und Vorgehensweisen kämpfen, braucht es empirische Wirkungsnachweise der eigenen Methodik. Diese können nicht durch noch so sprechende Einzelfallbeispiele, moralische Appelle, ja nicht einmal durch normativ-juristische Setzungen (UN-Kinderrechtskonvention) substituiert werden. Über die hier angesprochene „empirische Wende“ hat ausführlich und sehr überzeugend Thomas Rauschenbach schon 2011 referiert. Die fehlende empirische Dimension (z. B. Evaluationsvorhaben oder auch deren Notwendigkeit) ist das Einzige, was der Rezensent in diesem Buch wirklich vermisst.
  3. Ein Lob gebührt schließlich dem Caritasverband, der Katholischen Bundes-Arbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe und allen freien Initiativen: Sie haben mit viel Engagement, Fantasie und Kreativität Modelle entwickelt, die es wert wären, flächendeckend implementiert zu werden. Alle erfüllen damit eine wichtige Rolle in unserem Sozialstaat, sie zeigen modellhaft, was möglich wäre. Die Kostenträger sollten nun das ihre tun.

Fazit

Alles in allem haben wir ein gut lesbares, in seinem Anliegen vorbehaltlos zu unterstützendes Buch vor uns. Insbesondere Praktiker/innen dürften Gefallen an den vielen Ideen haben, die die Herausgeber gesammelt haben. Auch für Studierende, die einen Einblick in das fachliche Tun der Freien Straffälligenhilfe gewinnen wollen, kann dieses Buch gewinnbringend sein.

Literatur

Rauschenbach Thomas (2011): 20 Jahre Kinder- und Jugendhilfe im Spiegel ihrer Statistik. Eine Bilanz der empirischen Wende, in: Rauschenbach Thomas/Schilling Matthias (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfereport 3. Bilanz der empirischen Wende, Weinheim und München, S. 11-24


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Klug
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Wolfgang Klug. Rezension vom 08.02.2017 zu: Lydia Halbhuber-Gassner, Barbara Kappenberg, Wolfgang Krell (Hrsg.): Wenn Inhaftierung die Lebenssituation prägt. Lokale Unterstützungsangebote und Online-Beratung für Angehörige. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2412-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21743.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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