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Werner Nickolai, Eckhart Knab (Hrsg.): Wir bilden Zukunft (Erziehungshilfe)

Cover Werner Nickolai, Eckhart Knab (Hrsg.): Wir bilden Zukunft. Innovative Projekte in der Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 211 Seiten. ISBN 978-3-7841-2776-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Eine Weg-Gabe für Norbert Scheiwe.
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Thema

In diesem Buch beschreiben diverse Autoren aus unterschiedlichen Professionen die verschiedenen Projekte und Schwerpunkte der Arbeit in und um das Campus Christopherus Jugendwerk (CJW). Dabei wird in jedem Beitrag Bezug auf Norbert Scheiwe genommen, der maßgeblich deren Umsetzung beeinflusst oder überhaupt erst möglich gemacht hat.

Herausgeber

Prof. Werner Nickolai (geb. 1950) ist Professor für Soziale Arbeit und Straffälligenhilfe an der Katholischen Hochschule Freiburg. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Gedenkstättenpädagogik und Sozialarbeit im Nationalsozialismus.

PD Dr. Dipl. Psychologe Eckhart Knab (geb. 1940) war Gründungsdirektor des Institutes für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ) in Mainz. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Dokumentation und Evaluation erzieherischer Hilfen, Psychomotorik, Ressourcenorientierte Pädagogik.

Autorinnen und Autoren

  • Monsignore Bernhard Appel; Diözesan-Caritasdirektor Vorstandsvorsitzender Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg e.V.
  • Diana Bäuerle; Leiterin Flex Fernschule, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Hermann Barth; Leiter Berufsausbildungszentrum, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • David Büchner; Flexible Hilfen, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Jürgen Dettling; Swingin´ Pictures, Waldkirch
  • Heilpädagogin BA Regina Fendt; Erziehungsleitung, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Michael Hennes; Leiter Flexible Hilfen, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Thomas Köck; Stellvertretender Heimleiter, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Alexander Koepchen; Schulleiter Erich-Kiehn-Schule, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Prof. Dr. Edgar Kösler; Rektor Katholische Hochschule, Freiburg
  • Dipl. Sozialpädagogin, Dipl. Heilpädagogin Margit Mai; Erziehungsplanung, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Dipl. Sozialpädagoge Jürgen Mall; Training-Seminare- Beratung, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Prof. Dr. Michael Macsenaere; Geschäftsführender Direktor am Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbh, Mainz
  • Betriebswirtin Karin Racky; Krankenhaus- und Sozialmanagement Flexible Hilfen, Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Dipl. Sozialarbeiter Hans Scholten; Vorsitzender BVkE, Direktor Jugendhilfezentrum Raphaelshaus, Dormagen
  • Medienpädagoge BA Michael Siebert; Management von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, Multiple Mind, Jugendwerkß, Breisbach
  • Schreinermeister Dietmar Steiger; Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach
  • Prof. em. Gerhard Veith; Katholische Hochschule, Freiburg
  • Pastoralreferent, Diakon Andreas Wilhelm; Kirche im Europa-Park, Lahr
  • Dipl. Sozialarbeiterin Susanne Zancanella; Campus Christophorus Jugendwerk, Breisbach

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist aufgrund des Ausscheidens des Leiters des Christophorus Jugendwerks Norbert Scheiwe publiziert worden. Es soll sein Lebenswerk in dieser Einrichtung umreißen und würdigen.

Aufbau

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln, die jeweils mit Beiträgen unterschiedlicher Autoren gefüllt sind.

  1. In Kapitel 1 wird zunächst die Person des Norbert Scheiwe und seine berufliche Laufbahn kurz umrissen.
  2. Kapitel 2 beschäftigt sich mit den veränderten Bildungsangeboten, die das Christopherus Jugendwerk entwickelt hat.
  3. Kapitel 3 legt den Fokus auf die pädagogischen Schwerpunkte.
  4. Kapitel 4 stellt die pädagogischen Projekte vor.
  5. Die Bildungs- und Kulturarbeit in Europa werden in Kapitel 5 erläutert.
  6. Kapitel 6 bietet Informationen zur Vereins- und Stiftungsarbeit und
  7. Kapitel 7 schließt mit dem Transfer von Wissenschaft und Praxis.

Zu Kapitel 1

In Kapitel 1 wird Norbert Scheiwe von Bernhard Appel und Hans Scholten vorgestellt. Appel beschreibt Scheiwes Herkunft und Berufsbiographie, sowie seine Beweggründe, sich nach einer erfolgreichen Ausbildung als Bankkaufmann für die stationäre Jugendhilfe zu entscheiden.

Ab 1988 Leiter des CJW entwickelte Scheiwe ein neues Konzept, dass vor allem erlebnisorientiert war. Zielgruppe waren junge Menschen, an denen das bisherige Hilfesystem gescheitert war. Er trieb die Zusammenführung von den inzwischen immer häufiger werdenden Vernetzungen Schule, Erziehung und Bildung voran. Sein Anliegen war es, auch Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Milieus gleiche Chancen zukommen zu lassen. Des Weiteren hat er sich gezielt mit der Flüchtlingsarbeit auseinandergesetzt. Dank seinem Engagement genießt das CJW heute ein großes Ansehen.

Hans Scholten lässt in seinem Beitrag Kollegen zu Wort kommen, die ihr Kennenlernen mit Norbert Scheiwe beschreiben, welche Erinnerungen sie mit ihm verknüpfen und was sie ihm für die Zukunft wünschen.

Zu Kapitrel 2

Kapitel 2 legt den Fokus auf die schulische Ausbildung im CJW.

Regina Fendt und Alexander Koepchen beschreiben in ihrem Beitrag die Entwicklung einer geänderten Haltung gegenüber dem Bildungsauftrag. Scheiwe initiierte 2009 eine interdisziplinäre Konzeptionsgruppe, das Projekt „LuSt (Leben und Schule trainieren)“ wurde entwickelt. Das Thema Bildung sollte zukünftig nicht mehr nur auf den schulischen Kontext begrenzt bleiben. Dabei findet eine Vernetzung von Schule, Arbeit und Leben statt. Der Hilfeplan wurde neu strukturiert und durch die multiprofessionellen Blickwinkel aus den unterschiedlichen Arbeitsgebieten führte diese Kooperation zu einer deutlichen Bereicherung. Der Kontaktbetreuer hat nun die Aufgabe, diese Vernetzung voranzutreiben. Die Jugendlichen werden an dem Prozess beteiligt und können so auch Einfluss darauf nehmen. Im Folgenden wird die Umsetzung des LuSt Projektes anhand eines Fallbeispiels anschaulich dargestellt.

Diane Bäuerle geht in ihrem Beitrag auf die Flex-Fernschule ein, deren ursprüngliche Idee es ist, jedem Jugendlichen einen Schulabschluss zu ermöglichen. Dabei soll aufgrund der Dezentralisierung und der dadurch fehlenden reglementierenden Wirkung des Klassenverbandes an den individuellen Bedürfnissen der jungen Menschen Anschluss gefunden werden. Die Schüler werden anhand eines Testes in Lernstufen eingeteilt. Ihre Arbeitsmaterialien erhalten sie per Post. Sie gestalten den Lernprozess mit und sind so in der Lage, Eigenverantwortung zu entwickeln. Die zu Anfang noch sehr präsenten Lernbegleiter unterstützen die Schüler und motivieren sie. Dies geschieht im Sinne einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Die Flex-Fernschule ist offen für alle jungen Menschen, die eine weiterführende Schule besuche, egal ob sie in stationären Jugendhilfeeinrichtungen leben oder nicht. Seit 2014 werden neue Methoden zum Spracherwerb für Flüchtlinge entwickelt (Flex-DAZ, Deutsch als Zweitprache), der Lernerfolg kann durch Goetheinstitute oder eine örtliche Volkshochschule überprüft und zertifiziert werden.

Herrmann Barth beschreibt die von Norbert Scheiwe mitunterstützte Entwicklung der Solarofenprojekte in Indien. Das erste Projekt startete im November 1990 mit vier Jugendlichen und sechs Mitarbeitern des CJW. Den finanziellen Grundstock bildete ein Benefizkonzert in Hamburg, u.a. durch Spendenbeiträge und die Einnahmen eines Flohmarktes im CJW. Zur Veranschaulichung des Beginns führt Barth unbearbeitete Projektberichte an, die die ungewöhnliche Umsetzung des Projektes deutlich machen. Eine Herausforderung für junge Menschen, die sicherlich nachhaltig ihren Blick verändern wird. Barth berichtet von diversen Möglichkeiten, Geld für die Jugendlichen zu generieren, wobei auch oft zunächst ungewöhnliche Wege beschritten wurden. So wird beispielsweise die Finanzierung von Kleinbussen dadurch gewährleistet, dass sie als Werbefläche genutzt werden. Durch solche und andere innovative Ideen konnten Ausbildungen professionalisiert werden, von denen aktuell auch die Flüchtlinge profitieren.

Zu Kapitel 3

Das 3. Kapitel setzt sich mit den pädagogischen Angeboten des CJW auseinander.

Thomas Köck beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem „SoliG (Soziales Lernen Gruppen)“. Das Projekt startete im Jahr 2003 und hat das Ziel, Kernkompetenzen zu vermitteln. Hierfür wurden die Lernfelder Kochen und Versorgung, Hauswirtschaft und Atmosphäre, Finanzen und Gruppensprecher definiert. Bis 2006 wurde das Konzept in allen Wohngruppen des CJWs umgesetzt. 2009/2010 wurde das Konzept um das Lernfeld Freizeit erweitert. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, selbst ihre Bereiche zu gestalten, übernehmen Verantwortung und erhalten so die Chance, partizipierend zu lernen. Kerngedanken des Konzeptes sind die Themen Kinderrechte, Bildung und Ressourcenorientierung. Köck bietet einen kurzen Abriss dieser drei Themenfelder und stellt sie in Beziehung zu „SoliG“.

Jürgen Mall konzentriert sich in seinem Beitrag auf den erlebnispädagogischen Aspekt. Er stellt die Entstehung des Konzeptes: „Alltagsorientierte Erlebnispädagogik im Christophorus Jugendwerk – das Kurssystem“ (S. 70) dar. Alle Mitarbeiter sollen an der Umsetzung des Konzeptes beteiligt werden. Hierzu wurden sowohl ein finanzielles Budget, als auch ein Zeitkontingent zur Verfügung gestellt. Das erlebnispädagogische Kernkonzept richtet sich zunächst auf Angebote, die im Alltag umsetzbar sind. Dadurch, dass die Mitarbeiter eigeninitiativ Angebote machen können, ergab sich eine enorme Vielfalt. Die Angebote werden jeweils zu Beginn eines Schuljahres ausgeschrieben und die Jugendlichen müssen sich verbindlich dafür anmelden. Zusätzlich kann jede Wohngruppe einmal monatlich ein weiteres erlebnispädagogisches Angebot in Anspruch nehmen. Hierbei handelt es sich um aufwändigere Aktivitäten, wie Trekkingtouren oder Höhlenbegehungen. Im Winter werden regelmäßig Skitage angeboten, sowie im Sommer Sommerfreizeiten. Auch hierfür sind die Mitarbeiter verantwortlich und die Jugendlichen können ihre Ideen einbringen. Besonders ist, dass diese Aktivitäten immer gruppenübergreifend sind, so dass jeder sich individuell seinen Neigungen entsprechend entscheiden kann.

Die individualpädagogischen Hilfen im In- und Ausland stellt Michael Hennes vor. Der Ansatz geht davon aus, dass in Form einer besonderen Hilfe ein Konzept entwickelt wird, dass auf besonders herausfordernde Jugendliche zugeschnitten wird. Dabei partizipiert der junge Mensch an der Ausgestaltung. Hennes legt den Fokus auf die Schwierigkeiten insbesondere in der Entgeltvereinbarung, die solche Hilfen mit sich bringen und macht deutlich, dass Norbert Scheiwe durch seine Initiative den Qualitätsprozess klar voran gebracht hat.

Zum Schluss des 3. Kapitels beschreibt Thomas Köck die Arbeitsentwicklung mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in den letzten vier Jahren einen enormen Stellenwert im CJW eingenommen hat. Aufgrund ihrer Herkunftsgeschichte und der oft schwer traumatisierenden Erfahrungen musste für diese Zielgruppe ein völlig neues Konzept entwickelt werden, zu dem vor allem das Erlenen der deutschen Sprache gehört. Da insbesondere die Zukunftsperspektive, wie die Verweildauer der jungen Menschen nicht sofort geklärt werden können, wurde 2013 ein Inobhutnahmefachdienst mit dem Schwerpunkt Clearing installiert. Im Januar 2014 wurde unter großen Anstrengungen eine weitere Inobhutnahmegruppe eröffnet. Köck beschreibt sehr anschaulich, wie durch hohes Engagement aller Beteiligten diese besondere Form der Hilfe immer wieder modifiziert und den steigenden Zugangszahlen angepasst werden musste. Er macht darauf aufmerksam, dass in der Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen noch viele unbeantwortete Fragen sind, die in alle Bereiche der Gesellschaft hineinreichen.

Zu Kapitel 4

Kapitel 4 beschäftigt sich mit Pädagogik, die sich an Projekten orientiert.

Werner Nickolai beschreibt in seinem Beitrag die Auseinandersetzung mit rechtsradikalem Gedankengut in der Jugendhilfe. Initiiert durch Norbert Scheiwe wurde ein gedenkstättenpädagogisches Projekt entwickelt. 1994 wurde der Verein: „Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke in Ausschwitz-Birkenau e.V.“ (S. 101) gegründet. Das Projekt gliedert sich in acht Bausteine, die Führungen durch die beiden Lager Ausschwitz I und Ausschwitz-Birkenau, das Arbeiten in der Gedenkstätte, Gespräche mit ehemaligen Häftlingen, Soziale Gruppenarbeit, sowie künstlerische Angebote zur Nachbearbeitung des erlebten und die Erstellung einer Projektdokumentation. Zwischenzeitlich gibt es nachmittags immer wieder Phasen der Erholung. Das Projekt endet jeweils mit einer Gedenkfeier. Im Laufe der Jahre haben sich Rahmenbedingungen entwickelt, die Nickolai in zehn Punkten beschreibt. Abschließend betont Nickolai die Wichtigkeit der Vor- und Nachbereitung der Projektarbeit, um eine Weiterentwicklung gewährleisten zu können.

Die Entstehung des Projektes „Bauen und Pilgern“ am Jakobusweg in Spanien ist Inhalt des Beitrages von Susanne Zancanella und Dietmar Steiger. Dabei liegt der Schwerpunkt neben dem Pilgern über den Jakobusweg auch immer auf dem Wiederherstellen alter Gebäude, die den Weg säumen, um sie beispielsweise als Herberge nutzbar zu machen. Im Folgenden zählen die beiden Autoren die realisierten Projekte der letzten 25 Jahre auf.

Margit Mai beschreibt das zweite Pilgerprojekt, in dem in 8 bzw. 7 Etappen über mehrere Jahre verteilt eine Gruppe von Mitarbeitern und Jugendlichen von Oberrimsingen zu Fuß nach Spanien, Santiago de Compostella gepilgert ist. Mai beschreibt sehr anschaulich das Erfahren der eigenen Grenzen und das Freisetzen von ungeahnten Kräften in der Gruppe. Jugendliche und Erwachsene begegnen sich auf Augenhöhe und können so voneinander lernen. Der Beitrag schießt mit einer dezidierten Auflistung der Rahmenbedingungen und der Durchführung.

Jürgen Dettling stellt das Projekt „Black Dog Jugend- und Medienbildung e.V.“ (S. 123) vor, das 2005 gegründet wurde. In diesem Projekt haben Jugendliche selber die Chance, einen Film zu drehen, wobei sie selber die Drehbücher schreiben, Schauspielern, Kameraführer sind und die Musik machen. Hierzu werden sie speziell geschult. Die jungen Menschen sind so in der Lage, Filme zu Themen zu machen, die sie wirklich interessieren. Durch dieses Projekt hat auch eine Vernetzung mit anderen Projekten stattgefunden. Beispielsweise entstand so der Film: „Jugendliche sehen Ausschwitz“ (S. 127).

Zu Kapitel 5

Das 5. Kapitel geht auf die Bildungs- und Kulturarbeit auf europäischer Ebene ein.

Der erste Beitrag ist von Karin Racky. Sie setzt sich mit dem Projekt „ASK Europe“ (S. 131) auseinander. Grundgedanke war, dass nicht nur Jugendliche und junge Erwachsene mit höheren Bildungsabschlüssen ein Auslandspraktikum oder ein Auslandsaustausch ermöglicht werden sollte. Dabei steht ASK für Arbeit, Sprache und Kultur. Gefördert werden sollen berufliche und interkulturelle Kompetenzen, die Bereitschaft zur Mobilität und zum Einlassen auf neue Kulturen, das Heranführen an neue Sprachen, sowie die Teilhabe am geeinigten Europa. Der Auslandsaufenthalt dauert zwischen vier bis zehn Wochen, in dem die Jugendlichen in einer deutschsprachigen Gastfamilie leben und ein Praktikum in einem Betrieb absolvieren. Racky schildert den Ablauf und die Modalitäten sowie den Nutzen des Projektes für die jungen Menschen.

Manfred Emiér beschreibt die Arbeit im „HEE, Hogar e Europeo de Encuento“, auf Deutsch „Europäisches Haus der Begegnung“ (S. 143). Die Idee war ein Haus für benachteiligte Jugendliche europaweit auf dem Jakobsweg zu errichten. Der Verein wurde 2003 gegründet und bis 2010 kamen vier weitere Mitgliedseinrichtungen hinzu. Emiér benennt im Folgenden die Schwerpunkte des Projektes. Ab Oktober 2016 startet das Projekt „in Bewegung sein“ (S. 145), bei dem ein Teil des deutschen Jakobsweges begangen werden soll mit dem Ziel, Teil einer großen Pilgergemeinschaft zu werden.

Im zweiten Teil beleuchtet David Büchner mit Blick auf das HEE e.V. seinen persönlichen Bezug zu Norbert Scheiwe. In seinen Ausführungen macht er Scheiwes Talent, Geld für seine Projekte zu akquirieren deutlich. Er zeigt auf, auf welchen Wegen und mit welchem Durchhaltevermögen Scheiwe Netzwerke knüpft und sie geschickt für die Sache zu nutzen weiß, so dass alle Beteiligten etwas davon haben. Die Belegung des Hauses soll am 02.01.2016 starten, Zielgruppe sind Jugendliche, die sich in akuten Lebenskrisen befinden. Sie sollen zur Ruhe kommen, um sich neue Perspektiven erschließen zu können. Büchner schließt seinen Beitrag mit dem Ausblick auf eine konzeptionelle Weiterentwicklung, sowie Öffnung des Hauses für Menschen aus anderen europäischen Ländern.

Andreas Wilhelm beschreibt die Entstehung der Veranstaltung: „Muschel in Europa“ (S. 158), die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein pastorales Angebot in Kooperation mit dem Freizeitpark Rust zu machen. Zur Veranschaulichung hier einige Titel der Veranstaltungen (S. 158):

  • Pilgern, die Brücke zum Übermorgen – die Erschließung für folgende Generationen
  • Der Jakobsweg, ein Weg für alle – Inklusion als Wahrnehmung auf dem Weg
  • Dem Jakobsweg: Atem, Odem, Geist – eine spirituelle Annäherung
  • U.a.

Zu Kapitel 6

Kapitel 6 beleuchtet die Vereins- und Stiftungsarbeit.

Eckhart Knab legt die Entstehungsgeschichte und die Ziele des Fördervereins „European – Charity – University e.V. (ECU)“ (S. 161) dar. Der Verein wurde im November 2014 gegründet, die Gründungsmitglieder kamen hauptsächlich aus der Jugendhilfe. Die Grundidee war es, ethische Normen in allen Bildungsstrukturen sowie in Kultur und Medien zu verankern. Dabei sollten vor allem wissenschaftliche Arbeiten gefördert werden. Knab skizziert die Strukturen der Arbeit des ECU. Seit 2008 werden jährlich Herbstakademien angeboten. Des Weiteren wird ebenfalls jährlich ein Förderpreis verliehen. 2012 entstand das neue Projekt „Academy on Tour“ (S. 165), welches an Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen ein Angebot macht zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik und Werte. Im Jahr 2014 wurde an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln die Arbeitsgruppe „Fachzentrum Erziehungshilfe“ (S. 167) unter der Mitwirkung von ECU gegründet, deren Ziele und Inhalte von Knab kurz beschrieben werden. Weitere Projekte, wie die Zusammenarbeit mit der Stiftung Weltethos, sowie die Gründung einer Frauen – Universität in Indien voran zu treiben, sind geplant.

Michael Siebert geht auf den Entstehungshintergrund und die Arbeit des „L.U.C.Y. Hilfswerk Bildung für Kinder e.V.“ (S. 176) ein. Der Verein wurde 2002 gegründet, er kooperiert eng mit den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz „HOLY CROSS SISTERS“ in Indien.

Zu Kapitel 7

Das 7. Und letzte Kapitel nimmt sich den Themen der Jugendhilfe aus wissenschaftlicher Sicht an.

Michael Macsenaere stellt in seinem Beitrag die katamnestische Studie „Erfolg und Misserfolg in der Heimerziehung“ (S. 184) vor, die 1997 vom CJW, Landschaftsverband Baden und IKJ durchgeführt worden ist. Macsenaere stellt sowohl die subjektiven, also von den ehemaligen Bewohnern eingeschätzten, als auch die objektiven, messbaren Kriterien vor, um sie dann in Bezug zu setzen. Um eine langfristige Qualitätsentwicklung zu gewährleisten, wird die Evaluation Erzieherischer Hilfen konzipiert. Er fasst nochmal die von Norbert Scheiwe initiierten Projekte zusammen und stellt sie in Relation zu ihrem Kosten Nutzen Faktor und schließt mit einem persönlichen Dank an ihn.

Diskussion

Das Buch lässt sich als eine Hommage an Norbert Scheiwe verstehen. Es beleuchtet sehr anschaulich und aus unterschiedlichsten Perspektiven das Lebenswerk des Norbert Scheiwe. Dabei liest es sich teilweise, wie eine Anleitung und ist deshalb als Lektüre jeder Einrichtung in der Jugendhilfe zu empfehlen, die sich auf den Weg machen will, Neues auszuprobieren, um den Fokus weg vom Selbstzweck der Einrichtung hin zu den jungen Menschen zu legen. Denn genau dort gehört er eigentlich hin.

Aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung in der stationären Jugendhilfe weiß ich, dass viel zu oft über die Bewohner hinweg entschieden wurde, was Fachpersonal für gut und richtig gehalten hat. Dabei liegt es doch so nahe, die jungen Menschen zu beteiligen. Nur die Partizipation und Transparenz führt zum Verstehen und Einsehen in die eigene Entwicklung. Die Idee, dass Lernen nicht nur in Bildungseinrichtungen stattfindet, ist nicht neu, findet aber heute immer noch sehr wenig Berücksichtigung. Umso wichtiger ist, dass genau dem Rechnung getragen wird. Natürlich ist Lernen, dass sich am Subjekt orientiert, wo jeder einzelne Verantwortung übernehmen kann und muss, um sich weiter zu entwickeln deutlich eher von Erfolg gekrönt. Dazu muss sich grundlegend die Haltung in der Bildungslandschaft ändern. Durch eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften und den Jugendlichen wird das Machtgefälle abgebaut, das wiederum führt zu mehr Selbstbewusstsein. Die jungen Menschen machen unter Umständen das erste Mal in ihrem Leben die Erfahrung, ernst genommen zu werden. Sie erleben ihre eigene Wirksamkeit und haben so die Möglichkeit im Ausprobieren und sich Auseinandersetzen mit der eigenen Lebenssituation ein eigenes Lebenskonzept zu entwerfen.

Unter der Leitung von Norbert Scheiwe scheint das Programm im CJW geworden zu sein. Er geht sogar noch weiter und überschreitet die von Institutionen und Jugendämtern scheinbar vorgegebenen nationalen Grenzen. Er nutzt ein Land wie Indien, das voller Widersprüche ist, um den Jugendlichen das Angebot zu machen, am Leben selbst zu lernen, über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich auf etwas einzulassen, das bisher völlig unbekannt war. Auch das führt wiederum zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenssituation.

Der Ansatz der Flex Fernschule bedient eine Forderung, die schon seit geraumer Zeit immer lauter wird, nämlich subjektbezogenes Lernen. Lernen funktioniert selten unter Druck und noch viel weniger ohne Motivation. Jeder weiß, dass er nicht immer zur gleichen Zeit gleich aufnahmefähig ist. Das traditionelle Schulsystem bietet da nur wenig Spielraum. Viel zu lange schon ist unser Schulsystem reformationsbedürftig, weshalb solche Modelle nur zu begrüßen sind.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch über eine große Vielfalt an Projekten, die deutlich machen, wie wichtig es gerade in der heutigen Zeit in dieser so komplexen Welt ist, auch mal anders zu denken und sich nicht zu scheuen, Neues auszuprobieren. Insbesondere durch die regelmäßigen Reflexionsmöglichkeiten und durch die wissenschaftlich fundierten Evaluationen bleiben die unterschiedlichen Vorhaben dynamisch an der Zielgruppe orientiert und überprüfbar.

Summary

In this book various authors from different professions describe the different projects and main focuses oft he work in and around the „Campus Christopherus Jugendwerk“.

The book can be understood as a homage to Norbert Scheiwe. It lights up very clearly and from the most different perspectives the life work of Norbert Scheiwe. Besides, it partially reads like an instrucion and is to be recommended therefore as a reading of every team in the youth welfare, which wants to get on the way to try something new focused on the young people and to involve them in the whole process.

A very worth reading book about a big variety of projects, which make clear, as important it is nowadays to think differently. In particular by the regular reflecting possibilities and by the academically evaluations the different plans remain oriented dynamically in the main group and checkable.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster


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Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 04.08.2017 zu: Werner Nickolai, Eckhart Knab (Hrsg.): Wir bilden Zukunft. Innovative Projekte in der Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2776-7. Eine Weg-Gabe für Norbert Scheiwe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21744.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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