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Michael Wunder, Ingrid Genkel u.a.: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr

Cover Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. überarbeitete Neu- Auflage. 400 Seiten. ISBN 978-3-17-031532-7. 24,00 EUR.
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Vorbemerkung und Entstehungshintergrund

Als ich vor nunmehr 50 Jahren in Hamburg Abitur machte, sagte unser Klassenlehrer zu uns: „Wir machen jetzt einen letzten gemeinsamen Ausflug – und zwar zu den Alsterdorfer Anstalten, damit Ihr seht, dass es nicht nur Freude auf der Welt gibt, sondern auch viel Leid.“ Obwohl die Teilnahme freiwillig war und im Jahre 1967 – die ersten Anzeichen der Studentenbewegung waren bereits deutlich spürbar – nicht unbedingt unserer Vorstellung von zivilgesellschaftlichem Engagement entsprach, gingen die meisten von uns mit. Ohne Zweifel waren wir beeindruckt und auch betroffen von dem, was wir dort sehen konnten – aber über die Geschichte der vielen Opfer und die Arbeitsbedingungen der Anstalten im Nationalsozialismus hat man uns damals nichts erzählt. Wahrscheinlich haben diejenigen, die uns damals durch die Abteilungen führten, selber keine fundierten Kenntnisse über die wechselvolle Geschichte der Anstalten gehabt.

Deshalb war es sehr zu begrüßen, als Michael Wunder, Ingrid Genkel und Harald Jenner 1987 durch ihre Aufarbeitung der Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus wenigstens einen Abschnitt dieser Geschichte ausgeleuchtet haben, der vermutlich das dunkelste Kapitel der gesamten Anstaltsgeschichte darstellt. Der Erfolg und die große Anerkennung dieser Arbeit hat dazu beigetragen, dass jetzt bereits die dritte Auflage der Publikation – nunmehr in überarbeiteter Form – vorliegt.

Aufbau und Inhalte

Auf der Verlagsseite findet sich das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Was sind die ‚Alsterdorfer Anstalten‘ und was ist mit ihnen und in ihnen in der NS-Zeit passiert? Die Einrichtung, 1863 von dem Pastor Heinrich M. Sengelmann im Norden Hamburgs gegründet, ist zum Zwecke der Pflege und Heilung behinderter Kinder und Erwachsener entstanden, war aber bereits vor 1933 zunehmend geprägt von den Ideen der Eugenik und Ausgrenzung, die mit dem Beginn der Nazizeit zur ‚Ausmerze‘ geführt haben. Insgesamt sind ab 1933 über 600 Menschen aus ‚Alsterdorf‘ abtransportiert worden. 500 davon wurden getötet.

Das Buch von Wunder/Genkel/Jenner stellt Personen – vor allem die Opfer – in den Mittelpunkt der Darstellung. Die Leserinnen und Leser lernen einzelne Kinder und Erwachsene kennen, die mit der Diagnose ‚schwachsinnig‘ oder ‚geistig minderwertig‘ als ‚lebensunwert‘ eingestuft wurden – in der NS-Zeit das Todesurteil. Es geht aber auch um die Täter, in diesem Fall um den Pastor Friedrich Lensch, von 1930-1945 Leiter der Alsterdorfer Anstalten und um Dr. Gerhard Kreyenbaum , leitender Arzt der Einrichtung in der NS-Zeit. Vor allem anhand dieser beiden Biographien wird deutlich, in welchem Umfang sowohl Mediziner wie auch Vertreter der evangelischen Kirche in die Ermordung von Menschen eingebunden waren, die von ihnen eingestuft, abgeurteilt und ausgeliefert wurden ohne ihnen den Schutz zugutekommen zu lassen, zu dem sie ihre Profession, ihr Berufsethos, eigentlich verpflichtet hat.

Manfred Kappeler schreibt in seinem Standardwerk „Der schreckliche Traum vom vollkommenen Menschen – Rassenhygiene und Eugenik in der Sozialen Arbeit“ (Marburg 2000): „Viele bedeutende Protestanten hatten zu den Folgen der ‚naturwissenschaftlichen Revolution‘ durch den Darwinismus ein offenes bis positives Verhältnis, so dass sich von Anfang an eine größere Nähe zwischen Protestantismus und rassenhygienischem/eugenischem Denken herausbilden konnte.“ (S. 585)

Diese Öffnung gegenüber eugenischen Idealen hat ganz offensichtlich viele Vertreter der evangelischen Kirche dazu veranlasst, ihre seelsorgerischen Pflichten zu vernachlässigen und sich ab 1933 in den Dienst des Staates und seiner Prinzipien der Auslese und Ausmerze zu stellen. Im Bereich der Medizin hatte sich eugenisches Denken schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts – als Leitlinie spezifischer präventiver Maßnahmen – ausgebreitet. Deshalb kommt der Alsterdorfer Anstaltsarzt Kreyenbaum u.a. auch zu der Schlussfolgerung: „Es gilt in den kommenden Jahren, unser Hauptaugenmerk auf schwachsinnige Mädchen und Mütter zu lenken und sie mit rücksichtloser Strenge zu sterilisieren, um eine weitere Verbreitung der Erbkrankheiten des deutschen Volkes zu verhindern.“ (zit. In Wunder u.a. S. 157)

Diskussion

Das Buch von Michael Wunder, Ingrid Genkel und Harald Jenner ist eine Geschichte der Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus – und in diesem Zusammenhang hauptsächlich eine Geschichte ihrer ‚Insassen‘, die zu Opfern wurden. Das ist gut so – und das ist verdienstvoll. Sie tun dies allerdings weitgehend aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft ohne den Bogen zu dem Blickwinkel und den Forschungszugängen herzustellen, die durch die Wohlfahrtshistoriographie aus der Perspektive der Sozialen Arbeit erwachsen ist. Jürgen Reyer beschreibt in seinem Buch „Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege – Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.“ (Freiburg 1991) den Zusammenhang zwischen Eugenik und Sozialer Arbeit auf eindrucksvolle Weise: „Der Leitgedanke ist, dass die rassenhygienische Infiltration in fürsorgerisch bedeutsame Gruppierungen und in den Träger-, Verwaltungs- und Arbeitsbereich der Fürsorge und Wohlfahrtspflege einerseits von Prozessen der Delegitimierung und Entwertung fürsorgerischer Arbeit begleitet war, andererseits als Prozess der Funktionalisierung des Fürsorgeapparats für rassenhygienische Zielsetzungen analysiert werden kann.“ (Reyer, S. 10)

Der Gedanke, die Alsterdorfer Anstalten in diesem Sinne als eine Einrichtung Sozialer Arbeit zu begreifen und zu analysieren, kommt in dem vorliegenden Band zu kurz. Dass es trotzdem sinnvoll, anregend und berührend ist, die mit der Anstalt verbunden Biographien zur Kenntnis zu nehmen, ist unbestritten.

Fazit

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf, die auf eine über 150jährige Geschichte zurückblicken kann, beschäftigt heute mehr als 6.000 Mitarbeitende an 180 Standorten in Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen im Bereich der Hilfen für behinderte Menschen und ihrer Familien. In die Diffamierung und Verfolgung dieser spezifischen Zielgruppe in der NS-Zeit sind auch die Alsterdorfer Anstalten einbezogen gewesen. Die Darstellung dieses Teils der Geschichte der Einrichtung, die 1987 zum ersten Mal erschien, hat viel Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Die jetzt erschienene überarbeitete dritte Auflage hat nicht nur neue Forschungserkenntnisse einbezogen, sondern auch die seit Erscheinen des Buchs entstandene »Kultur des Gedenkens« in Alsterdorf gewürdigt, vor allem aber „die Schicksale der Opfer: Menschen mit Behinderung, deren Lebens-und Leidensweg zum Teil bis in die Tötungsanstalten verfolgt wird,“ (Michael Wunder) in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt.

Angesichts der bis heute andauernden mangelnden Bereitschaft zahlreicher bedeutender Träger der Sozialen Arbeit, sich mit der Geschichte der Organisation in der NS-Zeit auseinanderzusetzen, stellt der vorliegende Band eine der positiven Ausnahmen dar. Es wäre wünschenswert, wenn diesem Vorbild andere Einrichtungen folgen würden.


Rezensentin
Prof. Dr. Sabine Hering
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Zitiervorschlag
Sabine Hering. Rezension vom 21.03.2017 zu: Michael Wunder, Ingrid Genkel, Harald Jenner: Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr. Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. überarbeitete Neu- Auflage. ISBN 978-3-17-031532-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21749.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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