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Hans Günter Hockerts, Günther Schulz (Hrsg.): Der "Rheinische Kapitalismus" in der Ära Adenauer

Cover Hans Günter Hockerts, Günther Schulz (Hrsg.): Der "Rheinische Kapitalismus" in der Ära Adenauer. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. 211 Seiten. ISBN 978-3-506-78270-0. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Das zu besprechende Werk ist eine Veröffentlichung der Bundesstiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus – Rhöndorfer Gespräche – und beinhaltet die Beiträge einer Tagung von 2011 (!), deren verzögerte Publikation einem Verlagswechsel geschuldet ist, was aber auf der Habenseite die Integration der neuesten Forschung ermöglicht. Die neueren Veröffentlichungen der Stiftung richten ihren Fokus weniger auf die Person Adenauers, sondern sollen „vielmehr über seine Zeit nachdenken und dabei – wie jede nachrückende Generation es tut – neue Fragen an die Geschichte richten“. Hierbei werden Themen behandelt werden, die „im Lichte gegenwärtiger politischer Fragen und Problemstellungen betrachtet werden können“.

Der vorliegende 26. Band der Rhöndorfer Gespräche greift diesen Neuansatz auf, indem er sich nicht mehr auf die wirtschaftspolitischen Konzepte Konrad Adenauers konzentriert, sondern den „Rheinischen Kapitalismus“ ins Auge fasst, der sich in der Zeit des ersten bundesdeutschen Kanzlers herausbildete und die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland prägte. Dieser deutsche „Rheinische Kapitalismus“ wird dabei in die aktuellen Diskussionen um „Spielarten des Kapitalismus“ verortet.

Herausgeberin und Entstehungsgrund

Bei der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, die im Anwesen des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland residiert, handelt es sich um eine bundesunmittelbare und überparteiliche Stiftung öffentlichen Rechts, die dem Andenken des Staatsmannes Konrad Adenauer verpflichtet ist. Das wesentliche Anliegen der Stiftung liegt darin, Menschen aller Altersgruppen zu erreichen und das Leben des ersten Bundeskanzlers in seinem historischen Kontext zu verankern. Die Herausgeber des Bandes sind als Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung tätig. Sämtliche Autoren der Beiträge arbeiten als Wissenschaftler an Universitäten bzw. wissenschaftlichen Akademien.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Hans Günter Hockerts und Günther Schulz folgen die Beiträge von

  • Jan-Otmar Hesse („Abkehr vom Kartelldenken? Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen als ordnungspolitische und wirtschaftstheoretische Zäsur der Ära Adenauer“),
  • Boris Gehlen( „Die Industrie- und Handelskammern im Netzwerk der Kooperation von Wirtschaft und Staat“),
  • Christoph Boyer („Ständisches Privileg oder Garant des Leistungswettbewerbs? Die Bundeshandwerksordnung und der gewerbliche Mittelstand im Nachkriegsboom“),
  • Wolfgang Schroeder( „Die Rolle der Gewerkschaften im ‚Rheinischen Kapitalismus‘“),
  • Ralf Ahrens („Kreditwirtschaft im ‚Wirtschaftswunder‘ – Strukturen und Verflechtungen“),
  • Friederike Sattler („Unternehmensfinanzierung im ‚Rheinischen Kapitalismus‘ der Ära Adenauer“),
  • Christopher Kopper („Versicherungskonzerne in der ‚Deutschland AG‘“) und
  • Hans Günter Hockerts („Konrad Adenauer – ein ‚Rheinischer Kapitalist‘“?).

Inhalt

Die Einführung von Hockerts und Schulz diskutiert zunächst den Terminus „Rheinischer Kapitalismus“ im Kontext der Debatte über Formen bzw. Varianten des Kapitalismus und nimmt seinen Ausgang von der strikten Abgrenzung eines „Rheinischen Kapitalismus“ vom „neo-amerikanischen“ Kapitalismusmodell durch den französischen Ökonomen Michel Albert, der den Rheinischen Kapitalismus schwerpunktmäßig in Deutschland verankert. Verkürzt formuliert differieren die beiden Formen einerseits als Stakeholder Value, also als partnerschaftliche und sozialstaatlich orientierte Organisationen im Unterschied zum Shareholder Value, d.h. Unternehmen, bei denen nur das Aktionärsinteresse zähle. Dazu folgt ein historischer Blick auf die Herausbildung der beiden „Modelle“, wobei das radikalere amerikanische Unternehmensideal sich erst seit den Reaganomics Anfang der 1980er Jahre herausbildete.

Das seit den 1990er Jahren in die Kritik gekommene Modell des „Rheinischen Kapitalismus“ weist in Anlehnung an Abelshauser eine Reihe von Merkmalen auf wie langfristige unternehmerische Entscheidungshorizonte, eine Unternehmensfinanzierung durch eher risikoscheue Universalbanken einschließlich intensiver Verflechtungen zwischen diesen und den Unternehmen, kooperativ ausgerichtete Arbeitsbeziehungen mit dem Kernelement der Mitbestimmung, das duale System der Berufsausbildung usw. Diese in die Kritik geratenen Elemente des „Rheinischen Kapitalismus“ erfuhren seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008 eine neuerliche, positivere Bewertung, denn das amerikanische Shareholder Value Modell mit kurzfristigen, riskanten Renditeeinsatz war für die Krise hauptverantwortlich. Dass Deutschland durch ein Zusammenwirken zwischen Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften sozialverträglicher die Krise bewältigen konnte, untermauert den besonderen Stellenwert des deutschen Modells, dessen wohl wichtigstes Unterscheidungsmerkmal in der Institutionalisierung von sich widerstreitenden Interessen festgemacht werden kann. Begrifflich werden unterschiedliche Termini mit unterschiedlicher jeweiliger Gewichtung wie „Rheinischer Kapitalismus“, „Deutschland AG“, „korporative Marktwirtschaft“ oder „Soziale Marktwirtschaft“ verwendet. Letztere hat in der Ära Adenauer ihre Ausprägung gefunden und ist historisch auf den Ordoliberalismus (Eucken, Böhm, Müller-Armack u.a.) mit seiner Hervorhebung der Freiheit und einem im Umfang kontrovers diskutierten sozialen Ausgleich zurückzuführen, wobei man sich an einem christlich fundierten Leitbild des „selbstbestimmten, doch sozial verantwortlich handelnden Menschen“ orientierte.

Dieses Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft basiert nicht nur auf der Ideenwelt der deutschen Ordoliberalen, sondern hier machten sich auch Einflüsse der amerikanischen Besatzungsmacht, des Sozialkatholizismus mit den Begriffen der „Solidarität“ und der „Subsidiarität“ bemerkbar. Soziale Marktwirtschaft fungierte auch im politischen Kampf gegen von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Seite verfochtene sozialistische Ideen einer v.a. staatlichen Lenkung der Wirtschaft. Insgesamt gesehen sei aber in der Realität der Sozialen Marktwirtschaft viel Pragmatismus eingeflossen wie staatliche Interventionen und Klientelpolitik. Nach der Ära Adenauer/Erhard erfolgte im Geiste Keynes ein von der nun regierenden Sozialdemokratie forcierter sozialstaatlicher Ausbau, den auch die Regierung Kohl nicht grundlegend veränderte und „marktradikale[n]“ Umbauten wie in den USA unter Reagan oder Großbritannien unter Thatcher ausblieben.

Die Beiträge des Sammelbandes sehen im „Rheinischen Kapitalismus“ ein historisches Phänomen mit „Einflüssen, Intentionen und Interessenkämpfen“ in einer günstigen Epoche und rücken wesentliche Aspekte dieses Gesamtkomplexes mit einer Fokussierung auf Deutschland in ihren Mittelpunkt. Die beiden Herausgeber verweisen auf drei tiefgreifende, veränderte Rahmenbedingungen wie die globalisierten und deregulierten Finanzmärkte mit ihrem zunehmenden Einfluss auf Unternehmen, die Standortkonkurrenz zwischen Staaten und die von der Europäischen Union vorangetriebene „Freisetzung von Marktkräften auf dem Gemeinsamen Markt“ unter Einengung nationaler Handlungsspielräume. Zwar haben diese Einflüsse das deutsche Modell des regulierenden „Kapitalismus“ verändert und u.a. zu einer Erosion der Deutschland-AG vor allem durch steuerliche Liberalisierungen geführt. Aber dennoch hätten sich die in der Ära Adenauer implementierten wirtschaftspolitischen Festlegungen weitgehend auch heute bewährt.

Mit dem „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ von 1957, das als ein „Wirtschaftliches Grundgesetz“ die in der deutschen Tradition fest verankerten Kartelle verhindern sollte, dann aber doch mit zahlreichen Ausnahmen durchsetzt worden sei, beschäftigt sich Hesse. Zunächst skizziert der Autor knapp die Entstehungsgeschichte dieses Gesetzes, das nach 1945 von den Alliierten der Bundesrepublik nachhaltig zur Auflage gemacht worden sei, die die in Deutschland bestehenden Kartelle mitverantwortlich für die kriegerische Aufrüstungspolitik des NS-Regimes machten. Zwar wurde das nach intensiven Diskussionen – u.a. zwischen Bundeswirtschaftsminister Erhard und dem BDI – verabschiedete Gesetz „ein Einschnitt in die deutsche Tradition des Kartellrechts und eine echte wirtschaftspolitische Weichenstellung“. Es konnte aber nur mit Ausnahmen durchgesetzt werden, die die Verkehrswirtschaft, die Deutsche Bundespost, landwirtschaftliche Erzeugerbetriebe, Geschäftsbanken, Sparkassen, die öffentliche Versorgungswirtschaft, Export-, Rationalisierungs- und Strukturkrisenkartelle und auch Preisbindungsabsprachen zwischen Produzenten und Handelsorganisationen (z.B. bei Markenproduktionen) betrafen. Diese Abweichungen vom freien Wettbewerb stimmten nicht mit dem Leitbild eines vollständigen Wettbewerbs (Walter Eucken) im ordoliberalen Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“ überein. Zusammenfassend kommt der Autor zum Schluss, dass zwar ein Bruch im deutschen Wirtschaftsdenken durch dieses Gesetz in Bezug auf Kartelle eingetreten sei, aber letztendlich habe sich eine pragmatische Sicht durchgesetzt.

Industrie- und Handelskammern als öffentlich-rechtliche Organisationen sind eine charakteristische Institution im „Rheinischen Kapitalismus“, die aber nach 1945 durchaus in Frage gestellt wurden. Der Aufsatz von Gehlen skizziert Vorstellungen über diese Einrichtungen in der Nachkriegszeit als Organe staatlicher Wirtschaftsverwaltung, als private Unternehmervereinigung oder als paritätische Selbstverwaltungskörperschaften in einer von Gewerkschaften maßgeblich mitbestimmten Wirtschaft. Tatsächlich wurde keine dieser Ideen umgesetzt und die Kammern blieben mittels der 1956 verabschiedeten gesetzlichen Regelung öffentlich-rechtliche Körperschaften mit Selbstverwaltungsrechten und Pflichtmitgliedschaft. Sie waren im Übrigen vielfach personell vorrangig in Landesparlamenten und in den kommunalen, politischen Organen vertreten. Aber auch im Verbandsgefüge der deutschen Wirtschaft (BDI und BDA) war der Deutsche Industrie- und Handelstag als Dachverband (DIHT) für die Industrie- und Handelskammern vielfach personell und institutionell vertreten, was nicht immer reibungslos ablief. Schließlich stellt Gehlen die Berufsausbildung (Duale Ausbildung) als eine wesentliche Aufgabe der Kammern vor, die über rein berufliche Aspekte hinausging und auch gesellschaftspolitisch von Bedeutung war. Zwar erfolgte 1969 durch das Berufsausbildungsgesetz eine grundsätzliche staatliche Regelung, aber letztendlich verblieb die „Berufsausbildung eine Aufgabe unternehmerischer Selbstverwaltung“. Insgesamt war die Ära Adenauer für die Industrie- und Handelskammern eine prägende Epoche, so in Bezug auf die Zuständigkeit in der Berufsausbildung oder in der Abwehr von weitergehenden Mitbestimmungswünschen der Gewerkschaften. Die Kammern blieben „Standesorganisationen und Interessenvertretungen der Unternehmer“ als eine „spezifisch deutsche Ordnungstradition“, die in der Adenauerzeit ihre Ausprägung im Kontext des „Rheinischen Kapitalismus“ gefunden hatte und über diese Ära hinaus ihre Mittlerfunktion zwischen Wirtschaft und Staat beibehalten konnte.

Da unter dem Komplex des „Rheinischen Kapitalismus“ nicht nur Großindustrie und Großfinanzwirtschaft sondern auch der gewerbliche Mittelstand subsumiert werden muss, beschäftigt sich Boyer mit der Bundeshandwerksordnung – also der bundesdeutschen Handwerkswirtschaft und der Handwerksverfassung als Teilelement der „koordinierten Marktwirtschaft der Adenauerzeit“. Dabei fasst er die Kernelemente der deutschen Handwerksordnung, den Befähigungsnachweis und die Kammer- bzw. Innungsorganisation ins Auge. Der sog. Große Befähigungsnachweis, die Meisterprüfung, bildet zum einen die Voraussetzung für die Gründung eines selbständigen Handwerksbetriebs und wird hier aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet (u.a. als Wettbewerbshindernis und als Protektionismus). Daneben werden die Handwerkskammern und Innungen, die vom Staat übertragene Aufgaben besorgen und demzufolge den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts besitzen, beleuchtet. Des Weiteren folgt eine knappe historische Analyse bis zur Bundeshandwerksordnung von 1953 ausgehend vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und die NS-Zeit bis zur Nachkriegszeit und hier in Konflikt mit dem US-amerikanischen Prinzip der Unternehmensfreiheit. Die Bundeshandwerksordnung von 1953 als eine der „großen Wirtschaftsrechts-Kodifizierungen der frühen Bundesrepublik“ machte die Meisterprüfung zur einzigen Grundvoraussetzung einer Betriebsgründung und legte den Kammerzwang fest, was bis heute gilt. Die historisch gewachsene Bundeshandwerksordnung erwies sich kompatibel mit dem „generell vergleichsweise hohen Regulierungsniveau der westdeutschen Wirtschaftsordnung“. Seit den 1990er Jahren hat sich ein neuerlicher Wandel im Kontext verstärkter Deregulierung, Globalisierung und von der EU energisch vorangetriebenen Europäisierung im Wirtschaftsleben bemerkbar gemacht, die aber den Meisterzwang weiterhin unangetastet lassen. Letztendlich passt die Charakteristik des „Rheinischen Kapitalismus“ mit ihren korporatistischen Regelungsinstrumentarien gut mit der Handwerksordnung zusammen, die weitgehend im Einklang mit einer deutschen Traditionslinie steht, allerdings durchaus auch Bestandteil einer europäischen Gemeinsamkeit ist.

Der Beitrag von Schroeder beleuchtet die Rolle der Gewerkschaften als stabilen Faktor im Kontext der deutschen Variante des Kapitalismus, der Sozialen Markwirtschaft. Nachdem vom letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts bis ungefähr 2005 das deutsche Modell der Sozialpartnerschaft, der Tarifautonomie sowie der betrieblichen Mitbestimmung eher kritisch und als Gefahr für die deutsche Exportwirtschaft beurteilt worden war, erfährt es seit der Finanzkrise 2008/09 wiederum eine positive Einschätzung im Rahmen der Krisenbekämpfung. Im deutschen Modell fungieren die Gewerkschaften einerseits als System unterstützender „produktiver Teil des deutschen Kapitalismus“ und sind andererseits auch ein konstruktiver Kritiker kapitalistischer Auswüchse. Der Beitrag skizziert die historisch gewachsenen Strukturen, in denen die Gewerkschaften und ihre handelnden Akteure wirkten und stellt die Adenauer-Ära als maßgebliche, auch unsere Gegenwart prägende Epoche dar. Hier spielt die nach 1945 entstandene neue, parteiunabhängige Einheitsgewerkschaft mit dem Dachverband (DGB) und Einzelgewerkschaften eine besondere Rolle. Die in den 1950er Jahren gegründeten christlichen Gewerkschaften blieben ein Randphänomen.

Inhaltlich konzentrierten sich die neuen Einheitsgewerkschaften nach anfänglichen Plänen einer Sozialisierung auf den Kampf um die Mitbestimmung, worunter man die Tarifautonomie und die betriebliche Mitbestimmung verstand (paritätische Montanmitbestimmung 1951, Mitbestimmung im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes 1952 und die unterparitätische Mitbestimmung in Großbetrieben durch das Mitbestimmungsgesetz 1976). Die Epoche zwischen 1945 und 1960 wird als „politische Erprobungsphase“ angesehen, in der die Interaktionen der beteiligten Akteure Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Staat eingeübt wurden. Die Tarifvertrags-, Betriebsverfassungs- und Mitbestimmungsgesetze in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren bildeten die entscheidenden Rahmenbedingungen für die Rolle der Gewerkschaften im „koordinierten“ Kapitalismus, wobei sich eine pragmatische Gewerkschaftspolitik durchsetzte. Seit den 1970er Jahren wirkten Globalisierung und der Neoliberalismus auf die Gewerkschaften ein und auch die „privilegierte Partnerschaft“ zwischen der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften bröckelte.

Infolge der Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verloren die Gewerkschaften viele Mitglieder, das Tarifvertragssystem lockerte sich auf und es kam zu Fusionen einzelner Gewerkschaften wie u.a. der neuen Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und dem Ende der Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG). Als „fortschreitende[n[ Segmentierung] der Gewerkschaftslandschaft“ gründeten sich im Laufe der letzten Jahre kleine Berufsgewerkschaften wie z.B. der Marburger Bund oder die Gewerkschaft der Lokführer (GdL), die exklusiv die Interessen ihrer Mitglieder vertreten.

Ausgehend von der These einer engen Verflechtungen zwischen Großbanken und Großindustrie als wesentliches Merkmal des „deutschen Kapitalismus“ bzw. des „Rheinischen Kapitalismus“ fragt der Beitrag von Ahrens, inwieweit die Banken mit ihren Verflechtungen tatsächlich die Macht in der Ära Adenauer gehabt haben. Jedoch sei dies wegen der vielen Forschungslücken derzeit nur eingeschränkt machbar. Dabei referiert er kurz die Entwicklung der Kreditwirtschaft in den 1950er und 1960er Jahren mit dem Fokus auf die drei Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank, deren Anteil am gesamten Geschäftsvolumen der Branche zwischen 1950 und 1960 zurückgegangen sei, während die Sparkassen und Girozentralen ihren Anteil steigern konnten. Industrie-, Auslands- oder Börsengeschäfte verblieben demgegenüber Domäne der Großbanken. Inwieweit man angesichts der engen personellen und finanziellen Verflechtungen zwischen den Banken und der Großindustrie tatsächlich von einer „Bankenmacht“ sprechen könne, sei angesichts des Forschungsstandes noch nicht angemessen zu beantworten. Abschließend verweist Ahrens darauf, dass die in jüngster Zeit eingetretene Erosion der im „Rheinischen Kapitalismus“ historisch gewachsenen Verflechtungen zwischen Banken, Versicherungen und Industrie und die seit den 1980er Jahren verfolgte Orientierung am anglo-amerikanischen, sehr profitablen, kurzfristig ausgerichteten Investmentbanking erhebliche Risiken beinhalte wie die Turbulenzen der jüngsten Finanzkrise offenbarten.

Aus einer historischen Perspektive untersucht Sattler den „Rheinischen Kapitalismus“ und hier das auf traditionellen deutschen Universalbanken beruhende, weniger auf dem Kapitalmarkt ausgerichtete System der Unternehmensfinanzierung. Nach einem kurzen Forschungsüberblick über diese relativ wenig erforschte Materie skizziert die Autorin die Etappen der Unternehmensfinanzierung zwischen der Währungsreform 1948 und der Rezession 1966/67, wobei die ersten Jahre im Wesentlichen durch eine auch steuerlich begünstigte Selbstfinanzierung der Unternehmen mittels einbehaltener Gewinne und Abschreibungen gekennzeichnet gewesen seien. Anfang der 1950er Jahre begann eine intensivierte, liberalisierende Wiederbelebung des Kapitalmarktes, den die Industrie auch in wachsendem Maße in Anspruch nahm. Dennoch blieb die Selbstfinanzierung der Unternehmen bis zur Rezession 1966 von großer Bedeutung. Insgesamt verblieb die durch Universalbanken und nicht durch den Kapitalmarkt organisierte Unternehmensfinanzierung „pfadabhängig“, d.h. dort wo schon vor dem Ersten Weltkrieg starke Universalbanken bestanden, konnten diese sich auch nach 1945 behaupten. Erst seit den 1980er Jahren setzte sich im Gefolge der Internationalisierung eine zunehmende Unternehmensfinanzierung durch einen aufstrebenden Kapitalmarkt auch in Kontinentaleuropa und Deutschland durch. Dies impliziert die Ausrichtung der Unternehmen auf den Shareholder Value und auf international tätige Investoren, so dass auf das „geduldige“ Kapital deutscher Großaktionäre verzichtet wurde.

Mit dem in der bisherigen Forschung vernachlässigten Thema der Versicherungen als „Sammelstellen für Geld und Kapital“ beschäftigt sich Kopper und betont die Unterschiede zu den Banken, denn Versicherungen arbeiten eher langfristig (siehe Lebensversicherungen). Damit ist ein Idealbild der stabilisierenden, vielfach verflochtenen „Deutschland AG“ im Kontext des rheinischen Kapitalismus, d.h. eine mehr auf Langfristigkeit und weniger auf eine Renditemaximierung ausgerichtete Anlagepolitik impliziert. In der Phase des Wiederaufbaus entwickelten sich die Versicherungen nach den Banken zur „zweitwichtigsten Gruppe institutioneller Investoren auf dem Aktienmarkt“, während ihre Bedeutung für die Staatsfinanzierung erheblich abnahm. Das vorsichtige Anlageverhalten der Versicherungen garantierte den Aktionären und den Inhabern von Lebensversicherungen ein „hohes Maß an Sicherheit“.

Letztendlich aber entwickelten sich nur die Allianz und die Münchner Rückversicherung, die seit Mitte der 1960er Jahre zur größten Rückversicherungsgesellschaft der Welt herangewachsen war, zu eng verflochtenen, einflussreichen Akteuren der „Deutschland AG“. Bis in die 1990er Jahre begünstigte das Steuerrecht die langfristige Beteiligung an Unternehmen und erst die 2001 beschlossene Steuerfreiheit der Gewinne aus Beteiligungsverkäufen veränderte die langfristiger orientierte „Deutschland AG“. Nachhaltig betont der Beitrag den über die Ära Adenauer hinaus stabilisierend wirkenden Stellenwert der Versicherungen als „tragende[n] Säule“ im „Rheinischen Kapitalismus“.

In seinem abschließenden Beitrag rückt Hockerts den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und den „Rheinischen Kapitalismus“ in den Mittelpunkt, wobei Adenauer selbst wohl den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft bevorzugt hätte. Der Autor grenzt hierbei die Soziale Marktwirtschaft vom Kapitalismus an sich ab, betont aber die definitorische Schwierigkeit des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft, insbesondere die jeweilige Bestimmung von Marktkräften und Staatseinflüssen. Als Elemente der Sozialen Marktwirtschaft nennt er den Wettbewerb, die Lockerung des Kartellverbots 1957, korporative Bestandteile wie die Einbeziehung von Verbänden, die Tarifautonomie als wesentlichen Baustein der Arbeitsmarktverfassung, das Betriebsverfassungsgesetz von 1952, die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie von 1951, die Einbeziehung der Tarifpartner in die Selbstverwaltung der Sozialversicherung sowie die Verflechtungen zwischen Großunternehmen und Banken („Deutschland AG“). Hockerts stellt diesen Merkmalen der Sozialen Marktwirtschaft die Positionen Adenauers gegenüber, wobei er den Stellenwert von Markt und Wettbewerb für Adenauers Ansichten betont (auch unter Heranziehung konfessioneller Denkansätze).

Generell sei aber Adenauer im Unterschied zu Ludwig Erhard ein Pragmatiker gewesen und den genannten Instrumenten des Interessenausgleichs positiv gegenüber gestanden, wobei er die Gewerkschaften in sein gesamtpolitisches Konzept taktisch einbezog. Lediglich die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank widerstrebte ihm. Die entstandenen enormen Besitzungleichheiten beurteilte er kritisch und unterstützte nachhaltig das System der Sozialversicherung als Ausgleich (u.a. die Rentenreform von 1957 als wichtiger Baustein zur Abfederung der Vermögensungleichheit). Insgesamt war für Adenauer Stabilität der Dreh- und Angelpunkt seiner Politik, denn nur bei stabilen gesellschaftlichen Verhältnissen hielt er eine Abwehr sowjetischer Machtansprüche im Kalten Krieg wie auch eine allmähliche Gleichberechtigung für den neuen Weststaat für realistisch. Demzufolge verknüpfte er Wirtschafts-, Gesellschafts- und Außenpolitik miteinander und betrachtete die „ganz großen wirtschaftspolitischen Entscheidungen – wie Montanunion und EWG -“ vorrangig „unter außen und bündnispolitischen Aspekten sowie zur Vertiefung des westeuropäischen Zusammenschlusses“. Insgesamt sei Adenauer geradezu ein Symbol des „Rheinischen Kapitalismus“ gewesen.

Fazit

Der Sammelband beschäftigt sich mit dem „Rheinischen Kapitalismus“, d.h. der weitgehend in der Ära Adenauer grundgelegten Sozialen Marktwirtschaft. Die flüssig geschriebenen Beiträge bleiben nahe am Leitfaden des deutschen „Rheinischen Kapitalismus“. Sicherlich setzen sie ein Maß an Vorwissen voraus, aber insbesondere die Einleitung der beiden Herausgeber und der Schlussbeitrag von Hockerts veranschaulichen sehr instruktiv die Thematik des „Rheinischen Kapitalismus“ bzw. der neuen Sozialen Marktwirtschaft, der man in Zeiten eines weiterhin ungebremsten Finanzmarktkapitalismus mehr globale Verbreitung wünscht. Hierauf deuten auch manche Beiträge – u.a. von Kopper – hin und betonen die Vorteile der historisch gewachsenen bundesdeutschen Wirtschaftsverfassung, die sich ungeachtet mancher Wandlungen letztendlich gerade in der jüngsten weltweiten Finanzmarktkrise bestens bewährt habe.


Rezensent
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 27.01.2017 zu: Hans Günter Hockerts, Günther Schulz (Hrsg.): Der "Rheinische Kapitalismus" in der Ära Adenauer. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78270-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21750.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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