socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Miriam Morgan: Erziehungs­partnerschaft und Erziehungsdivergenzen

Cover Miriam Morgan: Erziehungspartnerschaft und Erziehungsdivergenzen. Die Bedeutung divergierender Konzepte von Erzieherinnen und Migranteneltern. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 401 Seiten. ISBN 978-3-658-12762-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Was früher die „Elternarbeit“ der Kita war, heißt heute Erziehungspartnerschaft, also Partnerschaft zwischen Kita und Eltern. Wie partnerschaftlich geht es da zu? Was ist, wenn die Eltern und die Erzieherinnen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die Kinder sich verhalten, was sie lernen sollen? Die Frage stellt sich noch schärfer dann, wenn es sich bei den Eltern um Einwanderer handelt.

Autorin

Miriam Morgan ist mit dieser Studie promoviert worden und arbeitet derzeit am Institut für Interkulturelle Kommunikation der Universität München.

Aufbau

Miriam Morgan setzt sich, nach der Einleitung (1.), zunächst mit den zentralen Themen und dem Forschungsstand hierzu auseinander, nämlich 2. Multikulturalität, 3. Erziehung in Migrantenfamilien, 4. Erziehungskonzepte in deutschen Kindergärten und 5. das Zusammenwirken von Kita und Eltern. Im 6. Kapitel erläutert sie ihre Methodologie und kommt damit zur Empirie: 7. Gemeinsamkeiten und Divergenzen der Konzepte und 8. Wahrnehmung und Bewertung der Divergenzen, 9. Strategien des Umgangs damit. Das 10. Kapitel ist ein Fazit in Form von fünf Thesen.

Inhalt

Diese Studie lebt von der teilnehmenden Beobachtung in drei Kitas, den Gesprächen mit den dort tätigen Profis, insbesondere aber den Interviews mit insgesamt 14 Eltern (bzw. In einem Fall der sorgeberechtigter Großmutter), die aus Nigeria, Togo, Angola, Polen, Albanien, Südkorea und (als Kurden) aus dem Irak, teils vor Jahren, teils unlängst eingewandert sind. Einige der Migranteneltern sprechen gut Deutsch, einige nicht.

Methodisch folgt Morgan der sog. Grounded Theory, also einer qualitativen Empirie, die Material verdichtet, Ergebnisse interpretiert und in eine nächste Phase überführt.

Obgleich die „Erziehungspartnerschaft“ zum gängigen Term erhoben worden ist und prominent z.B. im „Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung“ (2006) behauptet wird, ist sie konzeptionell nicht wirklich durchdacht und in der Praxis, wie auch Morgan belegt, nicht realisiert: Für die „Fachkräfte“ in der Kita sind die Eltern natürlich die Expertinnen/Experten für ihr Kind, sie selbst aber die Fachleute für Erziehung und Bildung schlechthin. Es bleibt da nicht aus, dass die Erzieherinnen die Eltern „belehren“. Das ist umso seltsamer, als den meisten von ihnen (noch) gar nicht bewusst ist, welche Konzeption sie in der Praxis verfolgen.

Die Eltern von Kita-Kindern mit Migrationshintergrund sehen und benennen durchaus einige Divergenzen, überraschenderweise kaum im Bereich der Religion (vielleicht weil diese von vornherein zu erwarten waren). Die Eltern mit Migrationshintergrund wollen deutlich mehr Vorbereitung auf die Schule, erwarten schon in der Kita erste Lerneinheiten im Rechnen, Lesen und Schreiben. Sie finden demgegenüber das Freispiel übertrieben: Die Kinder müssen sich selbst beschäftigen!?

Die Erzieherinnen sehen Divergenzen vor allem im Bereich der Autonomie und Eigenverantwortung. Die Kinder sollen ihrer Konzeption zufolge früh selbständig werden – ein Unterschied, der den befragten Migranteneltern so gar nicht aufgefallen ist.

Die Autorin kommt generell, durch die Bobachtungen wie die Interviews, zu dem Schluss, dass die Erzieherinnen divergierende Erziehungskonzepte grundsätzlich nicht thematisieren. Sie gehen zwar davon aus, dass sich der kulturelle Hintergrund der Familien sehr wohl von ihrem eigenen unterscheidet, setzen dies aber nur leicht folkloristisch um (exotisches Essen, Tänze aus den Heimatländern). Von den Migranteneltern und ihren Kindern erwarten sie deutlich Assimilation, zu der diese auch generell bereit sind; auch deshalb vermieden sie es wohl weitgehend, Unterschiede der Erziehungskonzeptionen anzusprechen. Aus alldem folgert die Autorin, dass das Kita-Personal sehr viel mehr und intensiver für kulturelle Unterschiede zu sensibilisieren sei.

Diskussion

Die vorliegende Studie ist vorbildlich gegliedert. Zu Beginn jedes Kapitels erklärt Morgan das Vorgehen, gibt eine Zusammenfassung am Ende, schließlich ein Fazit. Sie formuliert und argumentiert gut verständlich, vermeidet Jargon. Die Terminologie stimmt, erfrischend z.B.auch ihr Verdikt zu „Zuwanderung“ (da will bloß jemand die faktische Einwanderung nicht wahrhaben). Der Begriff „Migranteneltern“ ist allerdings kein Gewinn.

Methodisch überzeugt die Studie zunächst durchaus, hat aber doch eine kleine Schwachstelle dadurch, dass die Kinder der befragten Eltern nicht immer die Kitas besuchten, die genauer in den Blick genommen wurden. Damit wird nicht nur die reale Konstellation ausgeblendet, sondern die Chance vertan, ein und dieselbe Situation aus Sicht der Kinder, Eltern und Erzieherinnen zu beleuchten. Interkulturelles Lernen, wofür Morgan sich so engagiert ausspricht, ist immer noch bestens mit Critical Incidents in Gang zu setzen: Verschiedene Menschen handeln in einer Situation nach Regeln, die nicht die gleichen sind. Sie können ver-handeln, wenn die Macht nicht einseitig verteilt ist, nämlich allein schon dadurch, dass die Erzieherinnen beanspruchen, die Einhaltung der Regeln durchsetzen zu müssen und damit doch autoritär sind, wie Morgan schön herausarbeitet.

Mit einem Critical Incident-Ansatz wäre auch jede Kulturalisierung ausgeschlossen, da ja Situationen betrachtet werden, in denen kulturelle Unterschiede (Rituale, Handlungsmaximen, Wahrnehmungsmuster etc.) eine Rolle spielen können, aber nicht müssen, schon gar nicht einheitlich, homogen nach Herkunftsland sortiert. Divergenzen sind natürlich keineswegs nur oder immer dann zu erwarten, wenn Migranteneltern beteiligt sind. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass Eltern ohne Migrationsgrund und die Erzieherinnen in der Kita unterschiedliche Erziehungskonzeptionen haben; Morgan sieht in ihrem Fazit hierzu ganz explizit Forschungsbedarf. Zurecht.

Fazit

Die vorliegende Dissertation ist gut lesbar, formuliert interessante, weithin offene Fragen der frühkindlichen Bildung, denen sich Theoretiker wie Praktiker stellen sollten.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.11.2016 zu: Miriam Morgan: Erziehungspartnerschaft und Erziehungsdivergenzen. Die Bedeutung divergierender Konzepte von Erzieherinnen und Migranteneltern. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-12762-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21759.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung