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Rebekka Schmidt: Mit Kunstwerken zum Denken anregen

Cover Rebekka Schmidt: Mit Kunstwerken zum Denken anregen. Eine empirische Untersuchung zur kognitiven Aktivierung im Rahmen der Kunstrezeption in der Grundschule. kopaed verlagsgmbh (München) 2016. 282 Seiten. ISBN 978-3-86736-440-9. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Gegenstand ist eine videobasierte Forschungsstudie, die Unterrichtseinheiten im Fach Kunst in den Blick nimmt und hinsichtlich des Konstrukts ‚kognitive Aktivierung‘ analysiert. In der empirischen Bildungsforschung gilt kognitive Aktivierung als ein Schlüsselkriterium für guten Unterricht. Denkprozesse sollen angeregt, vertieft und verknüpft werden. Entlang des videographischen Materials von insgesamt 33 Doppelstunden, in denen sich Kinder der zweiten Grundschulklasse mit einem Bild von Joan Miró befassen, identifiziert Rebekka Schmidt Merkmale und Lehrerverhalten zur kognitiven Aktivierung. Als Analyseinstrument entwickelt sie ein Ratingverfahren, mit dem sich Häufigkeit, Intensität und Ausprägung der kognitiven Aktivierung erfassen und bewerten lassen.

Autorin

Rebekka Schmidt ist seit 2015 Professorin für Kunstdidaktik mit besonderer Berücksichtigung der Inklusion an der Universität Paderborn. Seit März 2017 wird sie als Fellow innerhalb des Programms der gemeinsamen Programmlinie des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Stifterverbandes gefördert. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte beziehen sich auf Unterrichtsqualität im inklusiven Kunstunterricht sowie den Einsatz von Tablets in heterogenen Lerngruppen.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt eine überarbeitete Fassung der Dissertation von Rebekka Schmidt zur Erlangung des Grades des Doktors der Philosophie aus dem Jahre 2014 dar.

Die Forschungsarbeit von Rebekka Schmidt basiert auf Datenmaterial, das in der ersten Projektphase der Forschungsprojekts PERLE (Persönlichkeits- und Lernentwicklung von Grundschulkindern) – durchgeführt in den Jahren 2006 bis 2008 - erhoben wurde. Im Rahmen dieses Projekts zeichnete ein Forscherteam um Greb et al. in insgesamt 33 Schulklassen erstmalig auch Unterrichtseinheiten im Fach Kunst auf (Greb, Poloczek, Lipowsky, Faust 2009). Das so entstandene videographische Datenmaterial dient Rebekka Schmidt als Primärquelle für ihre eigene Forschungsarbeit.

Grundlage ihrer Untersuchung ist folglich nicht ein von ihr selbst, sondern von dem PERLE-Projektteam nach bestimmten Vorgaben generierter Datenkorpus. Die an der Videostudie teilnehmenden staatlichen Grundschulen stammten ausschließlich aus Sachsen. Zusätzlich wurden Grundschulklassen von privaten Trägern in Sachsen, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen einbezogen.

Aufbau

Das Buch entspricht in Duktus und Strukturtypus einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Nach der Darstellung der Forschungsausgangslage und des Forschungsinteresses gliedert sich der Textkorpus in folgende Kapitel:

  • Kognitive Aktivierung als Merkmal von Unterrichtsqualität
  • Kunstrezeption in der Grundschule unter dem Fokus kognitiver Aktivierung
  • Präzisierung der Forschungsfrage und theoriebasierte Konzeptualisierung kognitiver Aktivierung für die Kunstrezeption
  • Methodisches Vorgehen
  • Kognitive Aktivierung im Rahmen der Kunstrezeption – Erfassung, Vorkommen und Dimensionen
  • Diskussion und Ausblick

Im Anhang findet sich zudem das von der Autorin entwickelte Manual für das zum Einsatz gekommene Ratingverfahren. Items zur Erfassung der Merkmale des Konstrukts der kognitiven Aktivierung werden benannt und beschrieben, positive und negative Indikatoren definiert und mit einer vierstufigen Bewertungsskala unterlegt.

Inhalt

Ist der Kunstunterricht ein Ort vertieften Nachdenkens und elaborierter Auseinandersetzung mit einem Unterrichtsgegenstand? Ist die Rezeption von Kunstwerken geeignet, um bei Lernenden „vielfältige Denkprozesse und geistige Anstrengung“ (Schmidt 2016, 17) hervorzulocken? Und wenn ja, wie lässt sich dies in der Forschung erfassen und operationalisieren?

Zu Beginn ihrer Untersuchung stellt Rebekka Schmidt zunächst fest, dass keine empirisch gesicherten Daten zu diesen Fragen vorlagen. Landläufig gelten Kunstwerke aufgrund ihrer Verdichtung, Symbolik und Mehrdeutigkeit zwar als „mustergültige Übungsfelder für ein bewegliches Denken“ (Legler 2005, 30, zit. n. Schmidt 2016, 18), doch wie sich dies in der Unterrichtspraxis verhalte, blieb ungeklärt. Diese Forschungslücke will Rebekka Schmidt mit ihrer Studie schließen.

Startend mit einer theoretischen Auseinandersetzung über das Konstrukt der kognitiven Aktivierung in der empirischen Bildungsforschung, beschreibt sie danach Grundzüge der Kunstrezeption, der Kunsterfahrung und des Kunstverstehens im schulischen Unterricht und formuliert daraus ableitbare Anforderungen an die Lehrkraft. Wie dies Lehrkräften exemplarisch in der Umsetzung gelingt, wird sodann anhand der Besprechung von Mirós Werk ‚Gepflügte Erde‘ überprüft. Dieses, dem Surrealismus zugeordnete Kunstwerk, stellt Rebekka Schmidt in einem eigenen Abschnitt umfassend vor und versorgt den Leser dadurch mit wichtigen Informationen zur Genese und biographischen Bedeutung des Werkes von Miró.

In der Vorstellung der Ergebnisse der Videoanalyse fragt Rebekka Schmidt kritisch pointiert nach, ob „Denken erlaubt?“ (S. 138 ff.) sei. Die Gesamtbilanz ihrer Analyse fällt ernüchternd aus. So kommt sie zu folgendem Schluss: „Grundsätzlich kann an dieser Stelle bereits festgehalten werden, dass auf Basis des vorliegenden Ratingsystems eine kognitive Aktivierung der Lernenden während Kunstrezeptionen in der untersuchten Stichprobe in eher geringem Ausmaß zu beobachten war“ (S. 182). Weiter stellt sie fest, dass „den Lernenden insgesamt kaum Möglichkeiten angeboten wurden, sich über ihr individuelles Empfinden dem Bild anzunähern. Ähnliches gilt für das Vorwissen, das entweder nicht erfragt oder wenn dann nur ansatzweise mit den neuen Inhalten in Verbindung gebracht wurde“ (S. 185). Zudem attestiert sie einigen Lehrkräften fachliche Fehler in Aussagen über Mirós Werk.

In der sich anschließenden Diskussion der Ergebnisse und Reflexion ihres methodischen Vorgehens erwägt Rebekka Schmidt zwar mögliche Verzerrungen durch das von ihr aufgestellte Ratingraster und hinterfragt, ob das den Lehrkräften zur Kunstrezeption vorgegebene Werk ‚Gepflügte Erde‘ tatsächlich für den Unterricht in Klassen der Stufe 2 geeignet war. Dies begründet sie mit der Vielfigurigkeit des Bildes, die eine hohe Anforderung an alle Beteiligten stelle und mehr zur Klärung der Bildgegenstände als zum anregenden und vertiefenden Denken auffordere. Dennoch bleibt im Fazit ihrer Studie das Gesamtbild stehen, dass das Potenzial, das der Rezeption von Kunstwerken inneliegt, von Lehrkräften nur ansatzweise genutzt bis untergraben wurde. Eine „starke Lenkung durch die Lehrkraft“ (S. 210) bei gleichzeitig wenig Gestaltungsspielraum für die Lernenden skizziert einen Kunstunterricht, der unter seinen Möglichkeiten bleibt. Ungeklärt ist jedoch, wer hier überhaupt unterrichtet hatte. Denn Daten darüber, ob die teilnehmenden „Lehrkräfte Kunst als Haupt-, Didaktikfach oder gar nicht studiert hatten“ (S. 213) existieren nicht. Inwieweit hier also fachfremde Lehrkräfte in der Videoanalyse zu ihrer Performanz im Kunstunterricht nach Kriterien der Kunstrezeption bewertet wurden, lässt sich nicht sagen, sondern allenfalls vermuten.

Diskussion

Die von Rebekka Schmidt vorgelegte Forschungsarbeit wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die Wissenschaftlerin mit einem fremd erhobenen Datenkorpus operiert hat, zu dem wesentliche Informationen, wie z.B. die Frage nach der Fachkompetenz der Lehrkräfte, fehlten. So bleibt ungeklärt, ob die Lehrkräfte Übung und Erfahrung in der Bearbeitung und Rezeption von Kunstwerken mit Kindern der Jahrgangsstufe 2 hatten und auch, ob sie dafür überhaupt ausgebildet waren.

Fraglich ist zudem, warum der Inhalt der Kunstrezeption nicht mit den Lehrkräften gemeinsam erarbeitet und abgestimmt, sondern schlicht vom PERLE-Projektteam vorgegeben wurde. Hierdurch entspannt sich eine Paradoxie zwischen dem Anspruch an Lehrkräfte, Lernende aktiv einzubinden, zu beteiligen und kognitiv zu aktivieren und selbst jedoch Adressat klar steuernder Vorgaben zu sein, eine Paradoxie, in deren Spannungsfeld sich kreativitätsfördernder Unterricht entfalten können soll.

Es drängt sich bei der Lektüre des Buches folglich eine ganze Reihe von forschungsmethodischen Fragen auf, die Rebekka Schmidt zwar nicht zu verantworten, aber in ihrer Studie auszubaden hat. Da sie sich in ihrer Analyse auf Fragmente aus dem gesamten Forschungsprojekt von PERLE, also ausschließlich Videoaufzeichnungen, beschränkt, fehlen zudem wichtige Kontextinformationen, die eine Einordnung der Ergebnisse erleichtert hätten. Die Schlussfolgerungen sind daher mit Vorsicht zu ziehen.

Wer schon einmal erleben konnte, mit welcher Begeisterung Kinder im Alter einer zweiten Grundschulklasse vor einem Werk Mirós im Museum stehen und frei assoziieren, denken, verknüpfen und interpretieren, weiß, dass es nicht an den Kindern liegt, wenn kognitive Anregung in der Kunstrezeption misslingt. Wünschenswert sind daher Bildungsformate, die Imaginationsfähigkeit, Phantasie und sinnliche Erfahrbarkeit in der Kunstrezeption in den Mittelpunkt stellen.

Fazit

„Mit Kunstwerken zum Denken anregen“ legt Rebekka Schmidt eine Forschungsarbeit vor, die trotz einiger Ungereimheiten interessante und diskussionswürdige Hinweise zur Qualität und Fachlichkeit des Kunstunterrichts an Grundschulen enthält. Das von der Autorin erstellte Analyseinstrument zur Interpretation videographierten Datenmaterials kann als Anregung und Ausgangsbasis für weitere empirische Studien dienen. In einer zweiten Lesart kann das Buch als Appell zur engeren Verzahnung zwischen kunstdidaktischer und museumspädagogischer Professionalität verstanden werden. Eine kindgerecht agierende Museumspädagogik macht vor, wie gut Kunstrezeption mit Grundschulkindern gelingen kann. Kognitive Aktivierung ist dabei kein Desiderat, das mühsam erarbeitet werden muss, sondern selbstverständliches Nebenprodukt.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage baldusm.twoday.net
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 16.06.2017 zu: Rebekka Schmidt: Mit Kunstwerken zum Denken anregen. Eine empirische Untersuchung zur kognitiven Aktivierung im Rahmen der Kunstrezeption in der Grundschule. kopaed verlagsgmbh (München) 2016. ISBN 978-3-86736-440-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21764.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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