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Erhard Eppler, Niko Paech: Was Sie da vorhaben, ist ja eine Revolution!

Cover Erhard Eppler, Niko Paech: Was Sie da vorhaben, ist ja eine Revolution! Ein Streitgespräch über die Wege aus der Wachstumsgesellschaft. oekom Verlag (München) 2016. 176 Seiten. ISBN 978-3-86581-835-5. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Das Streitgespräch dreht sich um die Frage, wie das wirtschaftliche Wachstum, das bereits zur Übernutzung des Planeten geführt hat und dessen Dynamik zur Bedrohung für das Überleben der Menschheit wird, gebremst bzw. gestoppt werden kann. Über die Dringlichkeit der Frage sind sich die Kontrahenten einig. Strittig ist primär die Strategie. Es handelt sich um einen Beitrag zum Degrowth-Diskurs.

Autoren

Erhard Eppler ist ein prominenter Politiker aus der alten Garde der SPD (1968 – 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit), der schon Anfang der 1970er Jahre die Dringlichkeit des Degrowing erkannte. Mit seinem Buch „Ende oder Wende“ versuchte er 1975 als Publizist ein entsprechendes Problembewusstsein zu wecken.

Niko Paech hat sich im deutschsprachigen Raum unter anderem mit dem Buch „Befreiung vom Überfluss“ (2012) als Wachstumskritiker einen Namen gemacht. Neben seiner Professur für „Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg wirbt er in Vorträgen und als Mitglied verschiedener Netzwerke für die Idee der Postwachstumsgesellschaft.

Aufbau und Inhalt

Das Streitgespräch wird (vermutlich von Christiane Grefe als Moderatorin) mit einer knappen Vorstellung und Würdigung der beiden Gesprächspartner und ihrer Positionen eingeleitet. Sie werden als die Vertreter von „zwei Generationen der Ökobewegung“ vorgestellt (7). Ergänzt wird das Gesprächsprotokoll mit je einem kurzen Essay von Eppler und Paech, in dem sie ihre Positionen nochmals verdeutlichen und begründen.

In dem Dialog, der mit einem Rundgang im Garten der Familie Eppler eingeleitet wurde, werden zunächst die Gemeinsamkeiten betont und die beidseitigen Verdienste gewürdigt, bis das Streitgespräch allmählich Fahrt aufnimmt, und die Kontroverse deutlich wird. Das signalisieren auch die als Zwischenüberschriften verwendeten Zitate von Eppler: „Eine Zahl (das BIP, G.A.) kann doch nicht Ziel der Politik sein“ und „Entschuldigung, Ihr Pessimismus leuchtet mir nicht ein…“

Für Paech ist der Planet bereits übernutzt, und er sieht deshalb absolut keine Möglichkeit für weiteres Wachstum, auch keine Chance für einen „Green New Deal“. „Technische Innovationen verlagern Umweltschäden, statt sie zu lösen“ (109, 189). Passivhäuser, E-Mobile, Solarthermie etc. verlangen Infrastruktur und wecken von Neuem Nachfrage. Auch der Übergang zu erneuerbaren Energien löst die Probleme nicht. Die Zukunftsvision von Paech ist „eine Kultur der Suffizienz“, der Selbstgenügsamkeit (194), basierend auf Subsistenzwirtschaft (ebd.). D.h. die künftigen „Prosumenten“ stellen ihre langlebigen Güter selbst her. Die dazu erforderliche gesellschaftliche Transformation kann nach Paech nicht politisch durchgesetzt werden, solange die Politiker*innen auf die Konsumwünsche breiter Wählerschichten Rücksicht nehmen müssen. Vorher muss der Massenkonsum, „ein kulturelles Phänomen“ (70), von einer Avantgarde von Ökopionieren praktisch in Frage gestellt werden, die mit einer Vielfalt kleiner Projekte, als „Reallabore“ bezeichnet (144), den notwendigen kulturellen Wandel anstoßen.

Eppler ist dieser utopischen Zielsetzung gegenüber wie gegenüber der Strategie skeptisch. Er plädiert für ein „selektives Wachstum“, orientiert an „Grundbedürfnissen“ (90). In der Strategie des „Green Growth“ sieht er seine politische Konzeption von ehedem bestätigt. Der Einstieg in den Übergang zu erneuerbaren Energien ist für ihn ein hoffnungsvoller Anfang, wenn damit eine dezentrale Energieversorgung verbunden ist (121). Seinem Kontrahenten wirft er eine Trennung von Politik und Zivilgesellschaft vor (147). Er erinnert ihn an die Macht der Konzerne (80), möchte aber deshalb nicht resignieren, sondern den Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft zurückgewinnen (180). Solange dies nicht gelingt, sind radikale Änderungen des Systems für Eppler illusorisch. Will die Politik wieder mehr Unabhängigkeit erreichen, darf sie nicht länger „Wachstum zum übergeordneten, allgemeinen Ziel“ erheben (178).

Diskussion

Die Konfrontation der beiden Positionen in dem schmalen Bändchen ist sehr aufschlussreich, weil sie zur Orientierung in dem noch relativ jungen Diskurs über Degrowing oder Postwachstum verhilft. Zur Verdeutlichung der Differenz seien beide Positionen nochmals holzschnittartig charakterisiert:

  • Paechs utopische Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft soll über eine Kulturrevolution erreicht werden. Die Machtfrage interessiert ihn nicht; denn das entlastet nur die einzelnen von ihrer Verantwortung für die Welt (81). Zunächst ist Konsumverzicht gefordert, eine neue Moral (133). Ökologie wird damit zum missionarischen Auftrag. Dass Paech daneben auch eine politische Agenda formuliert („verteilungspolitische Maßnahmen“ etc., 137) irritiert.
  • Eppler strebt demgegenüber einen maßvollen Rückbau an, und zwar erstens im Bewusstsein der Machtverhältnisse und zweitens unter Beachtung sozialer Ungleichheit und bisher vernachlässigter Bedürfnisse. Ziel und Strategie sind pragmatisch, wobei er auf dem Primat der Politik insistiert, den es allerdings erst wieder zu erringen gilt. Der neoliberalen Politik seiner eigenen Partei steht Eppler unversöhnlich gegenüber.

Fazit

Das Bändchen verhilft zur Orientierung in dem noch relativ jungen Diskurs über Degrowing oder Postwachstum. Deshalb ist es sowohl für Novizen als auch für die lesenswert, die sich mit solchen Fragen schon länger theoretisch oder praktisch auseinandersetzen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 21.11.2016 zu: Erhard Eppler, Niko Paech: Was Sie da vorhaben, ist ja eine Revolution! Ein Streitgespräch über die Wege aus der Wachstumsgesellschaft. oekom Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-86581-835-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21769.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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