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Wiltrud Gieseke, Dieter Nittel (Hrsg.): Handbuch Pädagogische Beratung über die Lebensspanne

Cover Wiltrud Gieseke, Dieter Nittel (Hrsg.): Handbuch Pädagogische Beratung über die Lebensspanne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 870 Seiten. ISBN 978-3-7799-3128-7. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR, CH: 124,00 sFr.
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Thema

Das Handbuch „Pädagogische Beratung über die Lebensspanne“ ist eine Einführung in pädagogische Beratungsformate. Es soll dazu beitragen, ein inhaltliches Verständnis zwischen den differenzierten Beratungsformen herzustellen, weiterführende Theoriebildung unterstützen sowie die empirische Forschung weiter fundieren.

Herausgeberin und Herausgeber

Wiltrud Gieseke ist Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitet auf dem Gebiet der Beratungs- und Programmforschung sowie in der Erwachsenenbildung und ist mit Dieter Nittel, Professor an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main, Herausgeberin des Bandes. Er beschäftigt sich vorwiegend mit der Professions- und Organisationsforschung sowie der qualitativen Bildungsforschung.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung ist das Buch in sieben Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert. Es folgt ein Anhang mit den Autoren und Autorinnen des Buches.

In der Einleitung „Pädagogische Beratung über die Lebensspanne“ wird in die Breite der pädagogischen Beratungsformate eingeführt. Der Fokus liegt auf der reflexiven, lernenden Auseinandersetzung über die Lebensspanne hinweg, um das Individuum zu befähigen, mit Problemen und Entscheidungsanforderungen durch auswertendes Abwägen bestehen zu können. Das erziehungswissenschaftliche Profil des Handbuches soll durch Fokussierung pädagogischer Denk- und Argumentationsmuster gewährleistet und unter dem Gesichtspunkt der wachsenden Diversität zentraler gesellschaftlicher Funktionssysteme diskutiert werden. Autoren und Autorinnen sind interdisziplinäre Wissenschaftler, die aus ihrer spezifischen fachwissenschaftlichen Sicht Beratung in verschiedenen Lebenslagen zu erhellen versuchen.

Im ersten Kapitel „Grundlegende Perspektiven“ wird heraus gearbeitet, dass die individuelle Beratung auf die Ressourcenentwicklung des Menschen ausgerichtet sei, um sich infolge der eigenen Entscheidung, neue Möglichkeiten und Freiheiten zu eröffnen. Allerdings werde von ihnen erwartet, sich möglichst schnell an die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen und dennoch effizient zu sein (S. 18). Weitere Ausführungen beziehen sich auf die geschichtliche Entwicklung der Beratung, deren rechtlichen Grundlagen und die Kriterien zur Beurteilung pädagogischer Handlungsformen.

Kapitel zwei „Theoretische Zugänge“ verdeutlicht einzelne konzeptionelle Denkweisen und Schulen, die ein neues Verständnis von Zusammenhängen, Regeln und Mustern zwischen Mensch und Welt zeigen (S. 72). So hat beispielsweise die Systemtheorie ein Gerüst von Grundbegriffen entwickelt (System, Element, Relation, Systemumwelt), die der Klärung von Sachverhalten in den unterschiedlichen Beratungssettings dienen sollen. Sowohl die individuelle Beratung als auch die von Organisationen seien als funktionale Problemlösungen zu verstehen, um eine Dauerbereitschaft für das Lernen herstellen zu können. Beratung beziehe sich immer auf Veränderung und Veränderungsbegleitung. Insofern arbeite die systemische Beratung mit Wertschätzung und Ressourcenstärkung, um die teilweise als bedrängend empfundenen Zustände überwinden zu können. Humanistische und auch linguistische Ansätze werden in den weiteren Betrachtungen verdeutlicht, wobei Beratung nicht als Nötigungs- oder gar Zwangsvorgang zu charakterisieren sei, denn sie sei situativ differenziert und verweise auf eine spezifische Individualität mit einer eigenen Interpretation. Bei allen Beratungstypen gehe es letztlich um eine bessere und passgenauere Entscheidungsfähigkeit des Individuums.

Im dritten, dem größten Kapitel mit über 250 Seiten, „Beratung über die Lebensspanne: Handlungs- und Einsatzfelder“ werden die einzelnen Lebensphasen und deren spezifisches Beratungssetting in den Blick genommen. Im Unterkapitel 3.1 werden Beratungskonzepte in der „Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit“ diskutiert (S. 142 ff). So sei es von zentraler Bedeutung, die werdende Mutter darin zu unterstützen, mit ihrem Kind in Kontakt zu kommen, mit ihm innerlich „Zwiesprache“ zu halten, um eine emotional gesteuerte Intuition einer erweiterten Wahrnehmung und Einfühlung zu ermöglichen. Auch sei die Reife sowie die Verantwortung der Eltern für die Entwicklung der nächsten Generation (Generativität) für ein balanciertes Leben in einer immer komplexeren Gesellschaft entscheidend. Weitere Ausführungen beziehen sich auf die Schwangerschaftskonfliktberatung, die pränatale Diagnostik und auf die Geburtsvorbereitung. Es wird fortgefahren mit den Anforderungen an die Erziehungsberatung, die Schuleingangs-, Schullaufbahn- und die Elternberatung (S. 195). Weiter wird die Berufsausbildung, das Studium, die berufliche Rehabilitation die Berufsberatung, über die Erwachsenenbildung bis hin zu sehr differenzierten Beratungsansätzen (Beratung pflegender Angehöriger, Beratung am Lebensende etc.) spezifisch betrachtet.

Pädagogische Forschungsbefunde und Aspekte zu einer Theorie der Beratung mit Schwerpunkt auf die nachschulische Phase“ werden im vierten Kapitel betrachtet. Das lebenslange und somit nachschulische Lernen gelte als Voraussetzung für die eigene Entwicklung und Positionierung initiativ und flexibel Selbstsorge zu betreiben. Interessant sind die Ausführungen zu den Gründen heutiger Arbeitslosigkeit, die im Unterkapitel 4.2 (S. 435 ff) beleuchtet werden. Ab 2000 seien die Ursachen nicht mehr nur fehlende Schulabschlüsse, sondern eine geringere Mobilität und Flexibilität und seit 2010 verstärkt Krankheiten. Süchte, Versagensängste sowie Verhaltens- und Beziehungsstörungen. Weitere Ausführungen beziehen sich auf die biografisch – narrative Beratung, die Fragetechniken oder die emotionale Reflexivität und Beziehungsfähigkeit in der Beratungssituation.

Im fünften Kapitel unter dem Thema „Beratungsfelder quer zur Lebensspanne“ folgen Betrachtungen zu Beratungen in und für Organisationen und zu biografischen Verläufen (S. 536 bis 724). Hier werden sehr spezifische Beratungsfelder wie die von Familien, feministische Ansätze, sexualisierte Gewalt von Frauen oder die Drogenberatung diskutiert. Insgesamt seien diese Angebote allerdings durch die defizitäre Finanzsituation, durch fehlende Vernetzung sowie Bekanntheitsgrad, beschränkte Öffnungszeiten oder schlechte Erreichbarkeit charakterisiert.

Kapitel sechs „Organisationale Beratungskontexte“ greift das Problem der nachhaltigen Implementierung der Bildungsberatung, die meist aus einer Anschubfinanzierung entstanden ist, auf. Es ist ein gegenüber anderen Kapiteln mit ca. 60 Seiten ein kurzes, das sich unter anderem auch der Beratung im Jobcenter dem Coaching von Fach- und Führungskräften oder der Onlineberatung widmet.

Das siebente und damit letzte Kapitel steht unter dem Titel „Professionalisierung und Professionalität von Beratung“. Es wird zusammengefasst, dass Beratung dazu beitragen kann, Kompetenzen und Fähigkeiten zur eigenen Berufsentwicklung, zur Selbststeuerung und besseren Anpassungsfähigkeit anzuregen und Lernprozesse sowie Reflexionsmöglichkeiten ermögliche. Der Kernprozess der Leistungserbringung liege in der gemeinsamen Erarbeitung spezifischer komplexer Problemlösungsstrategien unter Einbeziehung unterschiedlicher Ressourcen von professionell Beratendem und eigenverantwortlichem Handeln der Ratsuchenden.

Fazit

Nach über 850 Seiten Lektüre zu differenzierten Beratungsformen und -angeboten bleibt ein etwas diffuser Eindruck ob der außerordentlichen Breite und der äußerst spezifischen Betrachtungen zurück. Wiederholungen zum Anliegen der Beratungen sind bei dieser Ausführlichkeit vorprogrammiert, die sich insbesondere in den Kapiteln vier bis sieben häufen. Aber, das ist die Kehrseite der Ausführungen, jeder in der Beratung Tätige findet unzählige Anregungen und verdichtete Aussagen zu seiner spezifischen Beratungsform. Die Hoffnung der Herausgeber, das Handbuch möge eine neue Vernetzung in Praxis und Forschung entstehen lassen und die individuelle sowie kollektive Professionalisierung unterstützen, wird auf jeden Fall eingelöst.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 19.01.2017 zu: Wiltrud Gieseke, Dieter Nittel (Hrsg.): Handbuch Pädagogische Beratung über die Lebensspanne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3128-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21774.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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