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Zekirija Sejdini (Hrsg.): Islamische Theologie und Religionspädagogik in Bewegung

Cover Zekirija Sejdini (Hrsg.): Islamische Theologie und Religionspädagogik in Bewegung. Neue Ansätze in Europa. transcript (Bielefeld) 2016. 178 Seiten. ISBN 978-3-8376-3395-5. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Zum „Beheimatungsprozess“ des Islam in Europa

Ein Blick in die Geschichte bringt es an den Tag: Über vier Jahrhunderte war al-Andalus mit der Hauptstadt Córdoba eine der am stärksten bevölkerte, wohlhabendste und kulturell reichste Stadt in Europa. Mose ben Maimon (Maimonides) und Ibn Roschd (Averroës), zwei herausragende Denker der Zeit, überzeugten die Zeitgenossen und weit darüber hinaus durch ihre in Arabisch verfassten Schriften. Sie knüpften an die Tradition der klassischen Antike an, und brachten den kulturellen Universalismus mit einer friedlichen und fruchtbaren Koexistenz der drei großen monotheistischen Religionen – Islam, Judentum, Christentum – zur Blüte. Mit seiner „Entscheidenden Abhandlung über die Harmonie von Religion und Philosophie“ legte Ibn Roschd den Grundstein für ein Bewusstsein, dass Religion eine „politische Kunst“ sei. Damit ebnete er der östlichen, muslimischen Moralphilosophie die Türen und mahnte, dass unterschiedliche Meinungen, Glaubensauffassungen und Weltanschauungen objektiv auf den Wahrheitsgehalt hin überprüft werden sollten. Nur dann nämlich sei es möglich, dass die Menschen friedlich und gleichberechtigt zusammen leben könnten ( Averroes / Maimonides. Zwei große Denker des 12. Jahrhunderts, in: UNESCO-Kurier 9/1986 ). In den folgenden Jahrhunderten hat es immer wieder Bemühungen gegeben, gegen die hereinbrechenden Glaubenskriege Dominanzen, Ethnozentrismen und Unterdrückungen das anthropologische und philosophische Bewusstsein von der Menschenwürde und der Gleichheit der Menschheit in Vielfalt zu wecken (siehe auch: Jos Schnurer, Gehört der Islam zu Deutschland? 25.6.2016, www.sozial.de(index/php?id=94).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

An der Universität Innsbruck wird seit dem Wintersemester 2013/14 ein Bachelorstudium „Islamische Religionspädagogik“ angeboten. Im Sommersemester 2015 hat das Institut für Fachdidaktik die Ringvorlesung „Neue Ansätze in der islamischen Theologie und Religionspädagogik im europäischen Kontext: Binnen- und Außenperspektiven“ durchgeführt. Als ein Grund für die Abwehr, Minder- und Missachtung des (religiösen) islamischen Denkens in Europa kann sicherlich auch darin gesehen werden, dass im intellektuellen Diskurs islamische Theologie an den europäischen Hochschulen kaum eine Rolle spielte. „Erst durch die Etablierung theologischer Zentren an österreichischen und deutschen Universitäten in den letzten Jahren ist es einigermaßen gelungen, verschiedene gesellschaftspolitisch relevante Themen auch aus einer innerislamisch verankerten universitären Perspektive zu beleuchten“ (vgl. auch: Katajun Amirpur, Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15400.php).

Der Professor für islamische Religionspädagogik am Innsbrucker Institut für Fachdidaktik, Bereich: Islamische Religionspädagogik, Sejdini Zekirija, gibt den Sammelband mit dem Ziel heraus, „ausgehend von der reichen islamischen theologischen Tradition, theologische Positionen zu erarbeiten, die sowohl den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs als auch den durch Säkularisierung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und weltanschaulich-religiöse Pluralität geprägten europäischen Kontext berücksichtigen und ihm gerecht werden“. Die zehn für diesen Denk- und Innovationsprozess ausgewählten Beiträge haben gemeinsam, „die Weiterentwicklung von neuen Ansätzen in der islamischen Theologie und Religionspädagogik im europäischen Kontext zu befördern“.

Aufbau und Inhalt

Sejdini Zekirja stellt mit seinem Beitrag „Zwischen Gewissheit und Kontingenz“ Wege für ein neues Verständnis von islamischer Theologie und Religionspädagogik im europäischen Kontext vor. Er beschreibt den Ist-Zustand und arbeitet die zwei wesentlichen (festgefahrenen) Positionen heraus: Zum einen die überwiegend von Muslimen geäußerten, apologetischen Auffassungen, dass ihr Glaube keiner Reform bedürfe und sie deshalb eine rückwärtsgewandte, traditionalistische Einstellung praktizieren; zum anderen die meist von Nichtmuslimen vertretenen Einstellungen, dass der Islam zutiefst und unaufhebbar mit Gewalt, Politik und Intoleranz verwoben sei. Die Anerkennung der Menschenrechte und einer demokratischen, säkularen Gesellschaft sei dem Islam wesensfremd. Dagegen setzt der Autor, auf der Grundlage anthropologischen Denkens eine kontingenzsensible Theologie und Religionspädagogik.

Der islamische Religionspädagoge von der Universität in Wien, Aslan Ednan, ist überzeugt, dass „Pluralität als Wille Gottes“ verstanden werden kann. Er nimmt dazu den Begriff D?N (Religion), der im Koran an mehreren Stellen erscheint und vier Dimensionen kennzeichnet: Gelebte Wirklichkeit – Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft – Orientierung des Individuums – Gottesbezug des Menschen. „Die äußeren Differenzen in den Religionen sind nicht nur zu tolerieren, es gilt vielmehr, sie als Zeichen Gottes zu schützen“.

Der Islamwissenschaftler am Seminar Arabistik / Islamwissenschaft der Universität Göttingen, Sebastian Günther, setzt sich mit seinem Beitrag „Bildungsauffassungen klassischer muslimischer Gelehrter“ mit klassischen pädagogischen und philosophischen Schriften und Denkaspekten auseinander, wie sie (von Abu Hanifa bis Ibn Khaldun) zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert überliefert werden. Deutlich wird, dass diese „auch im Kontext moderner multikultureller Gesellschaften interessant (sind), da sie wichtige Lösungsansätze für Kernfragen im Spannungsverhältnis von Bildung und Religion bieten“.

Der Koranexeget vom Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Ömer Özsoy, fragt mit seinem Beitrag „Dekontextualisierung des Korans“ nach modernen Koraninterpretationen oder der Konstruktion moderne Korane. Er verweist auf die Probleme und Gefahren bei der historischen Koranhermeneutik, „moderne Argumente vorzulegen, die mit koranischen Prinzipien, Intentionen und Richtungen unvereinbare Ideen bzw. Praktiken rechtfertigen“. Für den koranischen Diskurs sei es wichtig, „das Ideal, die authentische Bedeutung des Korans in seinem eigenen historischen Bedeutungskosmos zu begreifen, um sie dann in neueren Kontexten aktualisieren zu können“.

Die Kölner Imamin und Vorstandsmitglied des Liberal-Islamischen Bundes, Rabeya Müller, stellt mit ihrem Beitrag „Der Koran im Unterricht“ die Frage: Chance für Geschlechtergerechtigkeit oder Anleitung zum Extremismus? Die Auseinandersetzung und Aufklärung hat zum Ziel, den Koran als Offenbarung (Basmala) zu verstehen und nach dessen Aussagen zur Schöpfung, zum Menschenbild und zum Geschlechterverhältnis zu befragen. Mit ihren Interpretationen bietet sie eine Reihe von Beispielen für einen ergebnisoffenen Unterricht an, der es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, nicht nur den Koran kennen zu lernen, sondern ihnen „Mut zu machen und ihnen die Angst vor diesem Buch zu nehmen“.

Der islamische Theologe und Didaktiker von der Justus-Liebig-Universität in Gießen, Ya?ar Sarikaya, erläutert mit seinem Beitrag „Der Hadith im islamischen Religionsunterricht“ die religionspädagogischen Herausforderungen und Bedeutung der Berichte und Überlieferungen der Worte und Handlungen des Propheten Mohammad. Aus den zahlreichen Quellen der Hadithsammlungen gilt es, für den Religionsunterricht eine Auswahl vorzunehmen. Einige Kriterien und Anhaltspunkte dafür formuliert der Autor. „Jeder Hadith, der zu einem bestimmten Thema zitiert oder herangezogen wird, (sollte) zuerst darauf überprüft werden (…), ob er den … (fach-)didaktischen Auswahl- und Anwendungskriterien entspricht“.

Der Innsbrucker katholische Religionspädagoge Matthias Scharer nimmt Stellung zu „Eine(r) islamische(n) Theologie und Religionspädagogik, »mit der wir leben können«“, und zwar aus katholisch-religionspädagogischer Perspektive. Er setzt sich mit dem (etablierten) Korrelationsverständnis der christlichen Religionen auseinander. Er sieht darin eine Brücke zum Verständnis und zur interreligiösen Zusammenarbeit: „Wenn Menschen beten, wenn sie einander gedankentiefe Geschichten, Gleichnisse und Metaphern erzählen, religiös bedeutsame Gegenstände verwenden, dann erfüllen sie damit nicht in erster Linie ein Gebot, eine religiöse Norm, sondern stiften Sinn“.

Die katholische Religionspädagogin von der Universität Innsbruck, Martina Kraml, thematisiert „Religionsdidaktik in der Spannung zwischen öffentlichem und religionsgemeinschaftlichem Bildungsauftrag“. Dabei geht es nicht nur um die Frage nach dem Gegenstand der religiösen Vermittlung, sondern eben auch nach der Perspektive, aus der die Sache betrachtet wird. Es geht immer um das Spannungsverhältnis zwischen öffentlichem, religionsgemeinschaftlichen und privatem Raum. Diese Aspekte sollten im inner- und interreligiösem Dialog Gewicht erhalten.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Innsbrucker Institut für Fachdidaktik, Fatima Çavis setzt sich in einer kritischen Analyse mit „Islamische(n) Frauenkatechismen in der religiösen Erwachsenenbildung“ auseinander. Die „Kadin Ilmihalleri“ stellen innerhalb der türkisch-islamischen Kultur wichtige schriftliche religiöse Bezugsquellen dar. Sie „verweist auf die Notwendigkeit einer entsprechenden Öffnung und Kommunizierung von neuen, auf universitärer Ebene ermittelten theologischen Erkenntnissen an die breite Basis durch diverse Medien“.

Der Innsbrucker wissenschaftliche Assistent Mehmet Hilmi Tuna diskutiert „Ansätze im islamischen Religionsunterricht für neue Entwicklungen in Theologie und Religionspädagogik“. Er setzt sich mit absentem Verhalten, Einstellungen und Motiven auseinander, warum muslimische Schülerinnen und Schüler sich vom islamischen Religionsunterricht abmelden. Mögliche, in der Studie ermittelte Gründe werden aufgezeigt, wie z. B.: Unterrichtqualität, Methodik, Kompetenzdefizite, Lehrer-Schüler-Beziehungen: „Die jungen Menschen muslimischen Glaubens (suchen) Antworten, die ihre Lebenswirklichkeit in Österreich und Europa berücksichtigen“.

Fazit

Mit diesem universitären, muslimischen und interreligiösen Dialog wird auf eine Herausforderung verwiesen, wie es gelingen kann, islamische Theologie und Religionspädagogik wirksam(er) an die schulischen und außerschulischen Adressaten heran zu bringen. Es werden Entwicklungen diskutiert, auf Versäumnisse hingewiesen und Perspektiven aufgezeigt, wie Menschen muslimischen Glaubens in Österreich, Deutschland und Europa religiös gebildet werden können: existentiell, aufgeklärt und kritisch!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.11.2016 zu: Zekirija Sejdini (Hrsg.): Islamische Theologie und Religionspädagogik in Bewegung. Neue Ansätze in Europa. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3395-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21779.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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