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Thomas Grundmann, Achim Stephan u.a. (Hrsg.): "Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?"

Cover Thomas Grundmann, Achim Stephan, Sabine Flick, Erika Alleweldt, Eric Anton Heuser u.a. (Hrsg.): "Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?". Philosophische Essays. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2016. 155 Seiten. ISBN 978-3-15-011073-7. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.
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Thema

Im Jahr 2015 wurde von der Bundesregierung beschlossen, die deutschen Grenzen nicht zu schließen und sich den mit dem Flüchtlingsstrom wachsenden Herausforderungen und Problemen zu stellen, die nicht allein Deutschland, sondern ganz Europa betreffen. Die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Zustroms sind in all ihren Ausmaßen auch bis jetzt noch unklar. Die Sozialphilosophie bietet für die damit komplexen Wertediskussionen die Möglichkeit, moralische Prioritäten vorzuschlagen, unterschiedliche Blickwinkel und Perspektiven zu beleuchten und so eine Unterstützung für die mündige Meinungsbildung anzubieten, die idealerweise in gut begründete konkrete wie verantwortliche Politik einmündet.

Entstehungshintergrund

Während einer Fachtagung der Gesellschaft für analytische Philosophie 2015 in Osnabrück wurde dieses Thema aus sozialphilosophischer Sicht diskutiert. Ein Ergebnis war, dass die Philosophie zu diesem Thema nicht schweigen sollte. Daraus ergab sich das Ausschreiben einer Preisfrage: „Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?“

Dr. H. Fricke Sonnenschein vom Reclam Verlag stieß die Veröffentlichung eines Sammelbandes mit zehn von der Jury ausgewählten Essays an.

Aufbau und Inhalt

Dies sind die von der Jury ausgewählten Beiträge der Preisträger Matthias Hoesch, Marcel Twele und Fabian Wendt sowie sieben weitere von der Jury ausgesuchte Artikel.

In dem Beitrag „Allgemeine Hilfspflicht, territoriale Gerechtigkeit und Wiedergutmachung: Drei Kriterien für eine faire Verteilung von Flüchtlingen- und wann sie irrelevant werden“ von Matthias Hoesch werden die Pflichten und die nach seiner Meinung aufzunehmende Flüchtlingszahl der Aufnahmestaaten abgeleitet aus dem Wohlstand und dem erwartbaren Integrationserfolg sowie aus den natürlich vorhandenen Ressourcen der Länder und dem Verhalten der jeweiligen Bevölkerung in der Vergangenheit (S.24-27). Diese Forderung wird sehr umfangreich und metaphorisch, und sogar mit einem inspirierend gedachten kurzen Abschweifen in eine ideale Welt dargestellt.

Fabian Wendt thematisiert in seinem Essay „Gerechtigkeit ist nicht alles: Über Interagtion und sozialen Frieden“, dass die Werte Gerechtigkeit und sozialer Frieden eng zusammenspielen, um eine wertebewusste Sozialkultur zu realisieren. Allerdings seien diese Werte auch als Selbstzweck eigenständig zu betrachten. Ein potentieller Vorrang sozialen Friedens gegenüber der Gerechtigkeit wird behauptet (S.54-55). So müsse etwa in Deutschland ein mögliches Umkippen zu einer gefährlich ablehnenden Stimmung berücksichtigt werden.

Der Beitrag „Wenn das Recht an Verbindlichkeit verliert und die Zonen der Unordnung wachsen, rettet uns keine kosmopolitische Moral“ von Marie-Luisa Frick veranschaulicht den Status-quo, die Gefahren und Auswirkungen der jetzigen Flüchtlingspolitik, zeigt herausfordernde Lösungsvorschläge jenseits einer unbedachten Willkommenskultur. Proaktive Aufnahmepolitik sei eine bislang unterschätzte Option. Auch wird die österreichische Grenzschließung alssozialethisch notwendig verteidigt. Denn die Frage, welche und wieviele Menschen eine Gesellschaft unter welchen Bedingungen und mit welcher Akzeptanz aufnehmen sollen und können, rüttelt an den Wurzeln des jeweiligen gesellschaftlichen Wertefundaments. Bewusst schreibt Frick über die Auswirkungen und möglichen Konsequenzen der Flüchtlingsaufnahme provozierend (S.74-77), um die Leser aus den aus ihrer Sicht sozialromantischen Utopien wachzurütteln und für die realen Herausforderungen zu sensibilisieren.

Sind Obergrenzen für Asyllbewerber moralisch zu rechtfertigen und wo liegen sie? Auf dem Weg zum integrierten Asylberechtigten“, der Beitrag von Bernard Gesang beschreibt die nach seiner Meinung bestehende Pflicht, nicht zwischen Asylbewerbern und Notflüchtlingen zu unterscheiden. Außerdem wird darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig die Prävention in den Krisenländern und die Integration in angrenzenden Staaten sei. Zuwanderung sei erst dann gerechtfertigt, wenn diese beiden Interventionen nicht umsetzbar sind. Ach wird eine ökonomisch leicht messbare Lösung vorgeschlagen: Die Zahl der von einem Land aufzunehmenden Flüchtlinge wird auf das BIP bezogen (S.93-95).

Norbert Paulo schreibt in seinem Essay „Mehr Citoyens! Über die Bedingungen der Möglichkeit: Wie viele Flüchtlinge können wir aufnehmen?“, dass wir in den reichen Ländern alle Flüchtlinge unabhängig vom Grund ihrer Flucht aufnehmen sollten. Die Politik sollte die Bürger nicht weiter dazu anregen, einen abgrenzenden Kommunitarismus zu verstärken, sondern alle Alternativen ausschöpfen, Sozialkultur mit offenen Armen zu gestalten: etwa durch eine proaktive Bestärkung moralisch engagierter Bürger, auch zu öffentlich hörbarem Druck (S.127-128).

Weitere Essays im Sammelband runden den multiperspektivischen Band mit spannenden je eigenen Aspekten ab:

  • „Von Menschenrechten und Hilfspflichten“ von Marcel Twele,
  • „So viele wie nötig und möglich! Die Pflicht zur Aufnahme von Flüchtlingen und die Spielräume politischer Machbarkeit“ von Jan Brezger,
  • „Die Goldene Regel und unser Umgang mit Flüchtlingen: Ein Dialog“ von Matthias Katzer,
  • „Über Hilfe und Aufnahme: Zwei Pflichten und ihre Grenzen“ von Simeon Imhoff und
  • „Wir. Ein gemeines Wesen“ von Patrick Thor.

Diskussion und Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch einen umfangreichen, heterogenen Überblick über das komplexe Thema Flüchtlinge, Aufnahmezahlen, soziale Auswirkungen und eventuelle Obergrenzen bietet. Konträre Positionierungen treffen hier aufeinander. Das macht den besonderen Gewinn für demokratische Streitkultur aus, die ja in den letzten Monaten nicht immer ganz frei war von Denkblockaden einerseits, von Populismen andererseits. Die mit den heterogen argumentierenden Beiträgen gut gelungene Intention des Buches ist es, Leser zu motivieren, ihre eigene Position zur Flüchtlingsfrage kritisch zu hinterfragen, sie mit auch überraschenden Argumenten zu überprüfen und sie auf dieser Grundlage eventuell sogar neu zu formulieren. Deshalb ist diese gelungene Essaysammlung jedem ans Herz zu legen, der sich intensiv mit dem Thema Flüchtlinge auseinander setzten möchte und seinen reflektierten Blick darauf schärfen möchte. Der sachlich sehr fundierte Umgang mit dem Thema neutralisiert dabei die von vielen Medien teilweise sehr polarisierende Darstellung zu Wirkung und Bewertung der Flüchtlingsfragen.


Rezensentin
Roberta Schlüter
Wilhelm Löhe Ethikinstitut Fürth
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Zitiervorschlag
Roberta Schlüter. Rezension vom 25.10.2016 zu: Thomas Grundmann, Achim Stephan, Sabine Flick, Erika Alleweldt, Eric Anton Heuser u.a. (Hrsg.): "Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?". Philosophische Essays. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-15-011073-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21780.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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