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Asmus Finzen, Harald Scherk et al.: Medikamenten­behandlung bei psychischen Störungen

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 10.03.2017

Cover Asmus Finzen, Harald Scherk et al.: Medikamenten­behandlung bei psychischen Störungen ISBN 978-3-88414-585-2

Asmus Finzen, Harald Scherk, Stefan Weinmann: Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 17., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 274 Seiten. ISBN 978-3-88414-585-2. D: 29,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Thema

Viele psychisch kranke Menschen und auch manche Therapeuten glauben, dass psychischen Störungen mit Medikamenten ursächlich behandelt werden können. Das ist ein Mythos, der vielleicht den Interessen der Arzneimittelhersteller gefallen mag, der aber keineswegs der Tatsache entspricht, dass Psychopharmaka „nur“ symptomatisch wirken. Das Wissen über die biologischen Hintergründe psychischer Störungen ist auch im Jahre 2017 noch viel zu gering, „als dass man auch nur an den Versuch denken könnte, in ihr Ursachengefüge mit Medikamenten eingreifen zu können.“ Das Medikament löst also die Probleme des psychisch Kranken nicht. Allerdings können Medikamente psychisch kranken Menschen helfen und dazu beitragen, ihre Leiden zu lindern und ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Deshalb gehört die Medikamententherapie seit Jahrzehnten mit Recht zum psychiatrischen Alltag. Doch ist Vorsicht geboten: Die Medikamentenbehandlung ist keine einfache Angelegenheit, sondern Grundkenntnisse aus dem Bereich der gesamten Psychiatrie und Medizin sind genauso erforderlich wie ein profundes pharmakologisches Wissen. Von wegen! – einfach Pillen verschreiben. Darüber hinaus muss die Psychopharmakotherapie in andere therapeutische Bemühungen eingebunden sein wie zum Beispiel der Sozialtherapie und der Psychotherapie. Medikamentenbehandlung ist immer vor dem Hintergrund eines integrierten therapeutischen Konzeptes zu sehen.

Autoren

  • Prof. Asmus Finzen ist Psychiater, Nervenarzt und Wissenschaftspublizist. Ehemals leitender Krankenhausarzt in Deutschland (Wunstorf 1975 bis 1987) und der Schweiz (Basel bis 2003). (http://www.finzen.de)
  • Privatdozent Dr. med. Harald Scherk ist seit 2014 Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Riedstadt. Er hat sich über die Neurobiologie bipolarer Erkrankungen habilitiert. Zudem hat er das Studium „Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen“ absolviert.
  • Dr. med. Dr. P. H. Stefan Weinmann ist Psychiater und Psychotherapeut und hat zusätzlich Gesundheitswissenschaften/ Public Health studiert. Er arbeitet als Oberarzt an den Psychiatrischen Kliniken in Basel.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage dieses Buches hatte Asmus Finzen zum Autor und erschien 1979 im Psychiatrie Verlag. Im Laufe der Jahre hat das Buch dann 16. Auflagen erlebt und wurde zu einem Bestseller des Verlages. Natürlich wurden die Ausgaben in dieser Zeit überarbeitet und erweitert.

Jetzt aber nach bald vierzig Jahren war die Zeit gekommen, dem Buch mit einer erweiterten Besetzung eine gründliche Verjüngungskur zu verabreichen. Stetig neue klinische Erfahrungen aus der Anwendungspraxis, die berücksichtigt sein wollen, wirkten in die gleiche Richtung. Die Intention des von Grund auf erneuerten Buches ist jedoch gleich geblieben: Anlässlich eines Besuches in dem Niedersächsischen Landeskrankenhaus Wunstorf bei Hannover, so berichtet Asmus Finzen in meiner Auflage aus dem Jahre 1981, hat der italienische Reformpsychiater Franco Basaglia gesagt: „Richtig angewandt ist das Medikament in der Psychiatrie ein Instrument der Befreiung.“ Nach rationalen und kritischen Maximen also sollen Medikamente verschrieben werden, wie es im neuen gemeinsamen Vorwort der Autoren heißt.

Aufbau und Inhalt

Mit den Grundlagen der Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen beschäftigt sich das erste Kapitel:

Im einführenden Abschnitt werden u. a. folgende Themen behandelt:

  • Notwendige Kenntnisse im Umgang mit Psychopharmaka,
  • Moderne Medikamentenbehandlung,
  • Informed Consent,
  • Komplikationen und Wechselwirkungen zwischen Psychopharmaka,
  • Risiko-Nutzen-Abwägung und Aufklärung des Patienten,
  • Einteilung der Psychopharmaka,
  • Dosierung/ Wirkung und Anwendungsform,
  • Adhärenz: vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Behandlung und Unerwünschte Wirkungen.

In einem zweiten Abschnitt wird zunächst die Wirkungsweise der Psychopharmaka beschrieben:

  • Wirkungsort,
  • Hauptwirkungen,
  • das neuronale Netz,
  • Gehirn als selbstreferentielles Organ.

Dann werden Fragen der Wirksamkeitsprüfung bei Psychopharmaka erörtert:

  • Problem der Skalen,
  • das Placebo und Nocebophänomen,
  • Verzerrungen bei Langzeitstudien.

Nach dieser aufklärenden Einführung in die mit dem Medikamentengebrauch verbundenen Fragen und Probleme und der Erörterung ihrer Wirkungsweise und Wirksamkeitsprüfung werden in den folgenden Kapiteln die Anwendung der Psychopharmaka und ihre (unerwünschten) Wirkungen und Grenzen bei den großen Krankheitsgruppen dargestellt:

Psychopharmaka bei Stimmungserkrankungen (Kapitel II):

  1. Antidepressiva und die medikamentöse Behandlung der Depressionen
  2. Medikamentöse Behandlung bei bipolaren Störungen

Psychopharmaka bei Psychosen (Kapitel III):

  1. Antipsychotika und die Medikamentenbehandlung bei Psychosen
  2. Unerwünschte Wirkungen von Antipsychotik
  3. Auswahl, Dosierung, Dauer: rationaler Einsatz von Antipsychotika

Psychopharmaka bei Schlafstörungen, Angst- und Zwangserkrankungen (Kapitel IV)

  1. Tranquilizer und Beruhigungsmittel
  2. Medikamentenbehandlung bei Schlafstörungen
  3. Medikamente bei Angststörungen
  4. Medikamente bei Zwangsstörungen

Psychopharmaka bei Suchterkrankungen, Demenzen und ADHS (Kapitel V)

  1. Medikamente bei Suchterkrankungen
  2. Medikamentenbehandlung bei Demenzerkrankungen
  3. Medikamentenbehandlung bei ADHS

Spezielle Aspekte der Psychopharmakotherapie (Kapitel VI)

  1. Psychische Krankheit, Psychopharmaka und Sexualität
  2. Psychopharmaka in Akutsituationen und bei Suizidgefährdung
  3. Medikamentenbehandlung bei psychischen Begleiterscheinungen körperlicher Erkrankungen

Es folgen ein Literaturverzeichnis, ein Sachregister und ein Medikamentenregister.

Diskussion

Das Buch wird von Klinikern geschrieben, die ihre Erfahrungen aus dem Praxisalltag in der Klinik gewonnen haben. Das ist gut und richtig, insofern unter klinischen Bedingungen die Verlaufsformen der Krankheiten in ihren Wechselwirkungen mit der Medikation besonders gut beobachtet und ausgewertet werden können. Das gibt den Ausführungen auch eine besondere Klarheit, Folgerichtigkeit und Systematik.

Anders stellen sich die Verlaufsformen der psychischen Krankheiten und die Wirkungen der Medikamentenbehandlung jedoch im nicht-klinischen Bereich dar, also in der Familie, im Haushalt, im Beruf, in der Freizeit etc. Sind die Krankheitsverläufe zum Beispiel der bipolaren Erkrankung hier nicht in der Regel viel mehrdeutiger, widersprüchlicher, verdeckter und eruptiver als im Labor der Klinik. Das unmittelbare Umfeld, die Partner und Kinder werden Mitakteure des Krankheitsgeschehens und gestalten es zum Vorteil oder auch nachteilig für den Patienten mit. Die Medikation trifft auf ein lebendig strukturiertes Geschehen, in dem der Kranke gefordert ist, und wirkt deshalb auch auf besondere unvorhersehbare Weise. Leitlinien für den psychiatrischen Alltag unter klinischen Bedingungen sind nicht deckungsgleich mit Leitlinien für den häuslichen Alltag, oder?

Vielleicht kann man dieses zweifellos informative und sachkundige Buch noch um die andere Dimension des Alltags erweitern. Das wird auch deshalb immer wichtiger, weil die ambulanten und aufsuchenden Formen der Behandlung psychischer Erkrankungen immer wichtiger werden.

Fazit

Sicherlich wird dieses Buch über die Medikamentenbehandlung bei psychischen Störungen die 1979 begonnene Erfolgsgeschichte fortsetzen können. Alle psychiatrischen Berufsgruppen (Sozialarbeiter, Psychologen, Ergotherapeuten, Pflegekräfte u. a.), und die Ärzte und Ärztinnen, die die Medikamente ja verordnen, aber auch die psychisch kranken Menschen und ihre Angehörigen können aus diesen Leitlinien für den psychiatrischen Alltag lernen und Nutzen ziehen. Es ist in der Tat eine einzigartige Orientierungshilfe und ein Nachschlagewerk, das den verantwortlichen Umgang mit Psychopharmaka ermöglicht, wie es auch im Klappentext festgestellt wird.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung und Gesundheitsplanung bei der Stadt Herne
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Es gibt 99 Rezensionen von Alexander Brandenburg.

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ISSN 2190-9245