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Hans-Wolfgang Nickel (Hrsg.): Spiel - Theater - Medien in Kindheitspädagogik und sozialer Arbeit

Cover Hans-Wolfgang Nickel (Hrsg.): Spiel - Theater - Medien in Kindheitspädagogik und sozialer Arbeit. Schibri-Verlag (Uckerland) 2016. 263 Seiten. ISBN 978-3-86863-167-8. D: 17,50 EUR, A: 18,00 EUR.
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Thema

Der Sammelband stellt Beispiele aus der Kindheitspädagogik vor und betrachtet verschiedene Ausbildungs- und Anwendungsgebiete der Spiel-, Theater- und Medienpädagogik in Theorie und Praxis. Internationale Projekte ergänzen pädagogisch orientierte Ansätze in deutschen Initiativen oder Institutionen, wie Kinderclubs, Theater und Zirkus.

AutorInnen

In dieser Festschrift für die Professorin und Theaterpädagogin Dagmar Dörger finden sich in den einzelnen thematischen Kapiteln Beiträge von circa 28 KollegInnen, Studierenden und Weggefährten aus der Fachhochschule Erfurt, aus Berliner Kindertheaterzeiten und aus internationalen Kooperationsprojekten. Die Autoren sind z.B.

  • Eckard Giese (Kap. Spiel),
  • Kristin Wardetzky (Kap. Erzählen),
  • Louis Naef/H.W. Nickel (Kap. Theater),
  • Cornelia Baumgart (Kap. Tanz),
  • Dirk Wendelmuth (Kap. Zirkus),
  • Martin Geisler (Kap. Medien),
  • Marlene Bock (Kap. Ausbildung).

Entstehungshintergrund

Im kursiven Prolog begründet der Herausgeber Hans Wolfgang Nickel (langjähriger Professor für Spiel- und Theaterpädagogik an der Hochschule der Künste Berlin, jetzt UdK) als Kollege, beruflicher Weggefährte und Lebenspartner von Dagmar Dörger, dass ihr vorzeitiger Ausstieg aus dem Hochschulkontext viel mit den neuen Lehrbedingungen durch den sogenannten Bologna-Prozess zu tun hat. Durch die veränderten Studienbedingungen im Bachelor und Master ginge es überwiegend nur noch um Points und Credits, würden Studierende zu Konkurrenten und Dekane zu Einzel- und Wettkämpfern um knappe Ressourcen. Für an ihrem Fach und den Studierenden leidenschaftlich interessierte Lehrende bliebe kein Raum mehr für engagierte kollegiale Forschung und Ausbildung. „Insofern ist diese Publikation auch, so leid es mir tut, eine Erinnerung an die ‚gute alte Zeit‘ der Hochschulen.“ (Nickel im Prolog)

Aufbau

Auf die Einleitung von Hans-Wolfgang Nickel mit Erläuterungen zur Entstehung und sukzessiven Ausweitung der Thematiken dieser Publikation folgen die unterschiedlich umfangreichen Kapitel:

  • SPIEL mit 8 Beiträgen (Eckart Giese, Ursula Lehner-Bundi, Marlies Krause, Gaby Kunde, Ingrid Ollrogge, Marion Küster, Kadir Cevik, Antonios Lenakakis)
  • ERZÄHLEN mit 2 Beiträgen (Kristin Wardetzky, Hans-Wolfgang Nickel)
  • THEATER mit 8 Beiträgen (Ursula Ulrich, Günter Jankowiak, Ninette Kühne, Ipek Apali, Gabi dan Droste, Karen Giese, H.W. Nickel, Louis Naef)
  • TANZ mit 3 Beiträgen (Cornelia Baumgart, Jie Yu, Gabi dan Droste)
  • ZIRKUS mit 2 Beiträgen (Dirk Wendelmuth, Anja Oberländer)
  • MEDIEN mit 4 Beiträgen (Martin Geisler, Dörte-K. & Elsa Peter, Jeannette & Helene Mardicke)
  • AUSBILDUNG mit 2 Beiträgen (Hermann Bullinger, Marlene Bock)
  • ANHANG mit Epilog und ausführlichen Angaben zu den AutorInnen

Inhalt

  1. Im ersten Kapitel „Spiel“ verweist der Beitrag „Games People Play. Soziale Gruppenarbeit im Wandel der Zeit“ bereits auf das letzte Kapitel mit der Überschrift „Ausbildung“ mit den Themen Spielbiografien und Supervision in der Sozialen Arbeit. Gleich zu Beginn geht Giese in diesem ersten Beitrag auf den Klassiker „Spiele der Erwachsenen“ von Eric Berne (2001) ein, der ihn zum Spiel in der sozialen Gruppenarbeit, zu Gruppendynamischen Prozessen, zur Unverzichtbarkeit von Selbsterfahrungsübungen in der Ausbildung zum/zur Sozialpädagogen/in führt. Die weiteren Beiträge in diesem Kapitel behandeln das Spielfeld Sprache (Marlies Krause u.a.), Förderung des Teamgefühls in Schulklassen und Klassencoaching (Gaby Kunde, Ingrid Ollrogge) sowie Spiel- und Theaterpädagogik im internationalen Kontext, wie z.B. in einem Dorf in Brasilien M. Küster) oder auf Kreta (A. Lenakakis).
  2. Im Kapitel „Erzählen“ spricht die Erzählforscherin Kristin Wardetzky von einer seit 30 Jahren bekannten Renaissance des Erzählens, der ‚new orality‘, die in dieser Zeitspanne natürlich so neu nicht mehr ist. Erzähler sind Zauberer, ihre Geschichten sind nicht national beschränkt, sondern atmen ‚Welthaltigkeit‘ (S. 61). Nickel beschreibt, wie sich das Erzählen lernen lässt, und wie diese spielerischen Strukturerkundungen an der Hochschule Erfurt gelehrt wurden.
  3. Im Kapitel „Theater“ konstatiert der Beitrag „Mit Vielfalt auf Vielfalt regieren“ (Ursula Ulrich), dass theaterpädagogische Projekte viele Gesichter haben und umkreist das Themenfeld Ästhetik-Lebenswelt-Bildung. Es werden verschiedene ‚Theaterwerkstätten‘ mit unterschiedlichen Zielgruppen vorgestellt. Welche Haltung er zum Kinder- und Jugendtheater hat, beschreibt Günter Jankowiak in 12 tiefgründigen Sätzen. Ninette Kühne stellt ein kleines Theaterstück für Kinder vor und Ipek Abali das Westfälische Landestheater, ebenfalls bezogen auf die Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ein weiteres Projektbeispiel ist „Sonderbar“ am Theater an der Parkaue, das Gabi dan Droste anhand von Arbeitsschritten und Schwerpunkten veranschaulicht. Karen Giese hinterfragt in ihrem Beitrag zur Stückentwicklung mit Kindern das Vorurteil, dass man Kindern keine schwierigen Themen zumuten kann. Kinder sind Beobachtungskünstler, so Hans-Wolfgang Nickel in seinen Bemerkungen zur Ästhetik eines Theaters für die Allerkleinsten (S. 106). Lous Naef beschließt dieses Kapitel mit einem langen nachdenklichen Weg von Rousseaus komplexen Denkwelten über eigene Naturerfahrungen bis hin zu seinem über viele Jahre ausgereiften Landschaftstheater nicht nur in der Schweiz.
  4. Im Kapitel „Tanz“ wird der Boom beschrieben, der auch durch Projekte, wie ‚Rhythm is it‘ in Schulen ausgelöst wurde (Cornelia Baumgart), und die daraus folgenden, strukturellen und tanzpädagogischen Entwicklungen. Jie Lu stellt ein eigenes Tanzprojekt mit Kindern im Erholungspark Marzahn vor, das traditionelle wie auch moderne Tanz- und Musikelemente aus China einbezieht. Gabi van Droste stellt die Frage, wie sich Kinder durch Tanz und Theater Wissen aneignen können, und worin die Qualität dieses Wissens besteht. Dabei geht es auch um die Frage, wie Erwachsene für sich neue Bewegungsformen lernen können, indem sie dem Bewegungstrieb der Kleinen einfach zuschauen und sie nachahmen. Ein besonderes Projekt entstand über das Analysieren von Dingen durch Kaputtmachen, das bei Kindern besonders beliebt ist und worin sich ihr Forschergeist ausdrückt.
  5. Das Kapitel „Zirkus“ stellt den Kinder- und Jugendzirkus Tasifan als auch internationale Vereinigung für Jugendarbeit und Jugendbildung in seinen Strukturen und Inhalten vor (Dirk Wendelmuth). Anja Oberländer ergänzt, dass der Zirkus aus der Sicht der Kinder wie eine Familie empfunden und teils mit der eigenen Familie gelebt wird.
  6. Digitale „Medien“ in der frühen Kindheit werden im folgenden Kapitel von Martin Geisler als Schlüsselaufgabe für Eltern, Lehrer und pädagogischen Multiplikatoren gesehen und einer differenzierten Betrachtung einschließlich Diagrammen zur Mediennutzung oder Medienbindung unterzogen. Junge Frauen (Schülerin/Studentin) beschreiben am Ende dieses Kapitels ihre Medienbiografie, warum und wie sie sich dem Kinderfernsehen verbunden fühlen.
  7. Die Publikation zur Spiel-Theater-Medienpädagogik in der Kindheitspädagogik und Sozialen Arbeit schließt mit dem Kapitel „Ausbildung“, das mit der Frage beginnt, wie sich innerhalb des Studiums zur Frühpädagogik die Biografiearbeit einbeziehen und gestalten lässt (Hermann Bullinger). Die Bedeutung der Supervision in der Ausbildung von SozialpädagogInnen untersucht Marlene Bock im letzten Kapitel.

Diskussion

Wie für eine Festschrift üblich, bewegen sich die einzelnen Beiträge zwischen persönlichen Erinnerungen, exklusiven Hinweisen und theoretisch reflektierten Themengebieten. In diesem Buch wirkt manches für einen außenstehenden Leser fast zu privat (wer ist z.B. der kleine abgebildete Junge, dessen Älterwerden man Kapitel für Kapitel etwas bang verfolgt?); anderes weitet das inhaltliche Spektrum auf höchst erhellende und vertiefende Weise (z.B. das Unerwartete ím performativen Tanz bei Kindern von Gabi dan Droste).

Insbesondere das letzte Kapitel dürfte für Studierende der Sozialpädagogik interessant in Bezug auf Selbsterfahrungsaspekte im Bereich der eigenen Spielbiografie sein, die bei Bullinger gut nachvollziehbar in Inhalt und Methodik mit ausführlichen Literaturhinweisen beschrieben sind. Auch die Bedeutung der Supervision in Studium und Praxis der Sozialen Arbeit wird von Marlene Bock qualifiziert erörtert.

Und wer ganz tief in das auch widersprüchliche Denken von Rousseau eintauchen möchte, wird bei Louis Naef fündig. Bei anderen Autoren sei hierüber hinaus auf weitere ihrer zahlreichen Publikationen und Projekte verwiesen (Küster, Nickel, Wardetzky, Giese etc.).

Nahezu alle AutorInnen wurden offensichtlich aufgefordert, sich für den Anhang ausführlich in ihrem Werdegang und Bezug zu Dagmar Dörger zu beschreiben, woraus ein buntes Spektrum an engagierten Praktikern und Wissenschaftlern aus den genannten Bereichen entstanden ist.

Fazit

Das Buch bietet einen anschaulichen Überblick zu den Themengebieten Spiel, Theater und Medien im Aktions- und Lehrfeld Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit. Dabei wird die Bedeutung von Supervision und Selbsterfahrungsangeboten für die Studierenden hervorgehoben, die besonders dieses Studium (trotz der mehrfach kritisch thematisierten neuen Studienbedingungen an den Hochschulen) weiterhin begleiten sollte.


Rezensentin
Prof. Bettina Brandi
Theaterwissenschaftlerin mit Zusatzqualifikation Medienpädagogik, Lehrgebiet Theater- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur von 1994 - 2013
Homepage web.hs-merseburg.de/~brandi/
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Zitiervorschlag
Bettina Brandi. Rezension vom 22.02.2017 zu: Hans-Wolfgang Nickel (Hrsg.): Spiel - Theater - Medien in Kindheitspädagogik und sozialer Arbeit. Schibri-Verlag (Uckerland) 2016. ISBN 978-3-86863-167-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21784.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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