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Jutta Standop: Werte in der Schule

Cover Jutta Standop: Werte in der Schule. Grundlegende Konzepte und Handlungsansätze. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-407-25759-8. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Werte vermitteln Orientierung, sie geben Halt und sind Grundlagen von Überzeugungen, die das Leben beeinflussen und es ermöglichen, in Freiheit und Selbstbestimmung zu existieren. Damit verknüpft sind gesellschaftlich sehr geschätzte Aspekte wie Verantwortungsbewusstsein, moralische Urteilsfähigkeit und Persönlichkeit. Jedoch sind stabile Werte keineswegs genetisch als Teil der menschlichen Anlagen determiniert, sondern werden weitgehend im Laufe des Sozialisations- und Enkulturationsprozesses erworben. In vier Kapiteln vermittelt das Lehrbuch von Jutta Standop das relevante Wissen über die Intensionen des Wert-Begriffs, die Relevanz für das Individuum und den – vorrangig schulisch orientierten – Prozess sowie die Nachhaltigkeit der Werte-Erziehung. Die Autorin vertritt dabei ein Konzept der bewussten Werte-Erziehung als Kernaufgabe einer demokratischen und humanen Bildung.

Autorin

Dr. Jutta Standop lehrt seit 2011 als Professorin Schulpädagogik an der Universität Trier. Nach dem Studium für das Lehramt an Primarstufe an der Universität zu Köln und mehreren Jahren im Schuldienst arbeitete sie an der Universität Bielefeld, wo sie 2001 promoviert wurde. Arbeitsschwerpunkte der Bildungswissenschaftlerin sind u. a. die Schul- und Unterrichtsforschung, Allgemeine Didaktik sowie Theorie und Praxis der Werteerziehung.

Entstehungshintergrund

2005 erschien im Beltz-Verlag die erste Auflage des Buches von Jutta Standop unter dem Titel „Werte-Erziehung – Einführung in die wichtigsten Konzepte der Werteerziehung“. Die vorliegende zweite Auflage basiert konzeptionell auf dieser Publikation und aktualisiert bzw. ergänzt sie um die Forschungsdebatten und Konzepte der Zwischenzeit sowie neue thematische Aspekte.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch bietet einleitend ein knappes Vorwort des Reihenherausgebers Eiko Jürgens, in dem – konform der Beltz-Reihe „BildungsWissen Lehramt“ – betont wird, dass Standops Anliegen einerseits als „eine fundierte theoretische Klärung und andererseits als ein grundlegendes praxisbezogenes Projekt aufzufassen“ (S. 10) sei.

Daran knüpft sich eine kompakte Einleitung der Autorin an, die erörtert, welche Gründe es für eine konstatierte „erzieherische Abstinenz der Schule“ (S. 11) in der Nachkriegszeit gegeben hat. Statt dieser tendenziellen schulischen Ferne zur expliziten Werte-Erziehung plädiert sie für eine „bewusste und vernunftorientierte Werteerziehung“ (S. 12) als Voraussetzung moderner demokratischer Gesellschaftsorganisation.

Der Band ist im Folgenden in vier Kapitel gegliedert, die durch ein Literaturverzeichnis und Sachregister ergänzt sind:

  1. Theoretische Grundlegung zum Thema Werte
  2. Werte und ihre Bedeutung für das Individuum
  3. Werteerziehung in der Schule
  4. Wie kann Werteerziehung erfolgreich in Schule stattfinden?

Im ersten Kapitel untermauert Jutta Standop den Anspruch des wissenschaftlich fundierten Lehrbuchs durch die Beschäftigung mit einer theoretischen Betrachtung des Werte-Konzepts. Einführend wird die Komplexität des Begriffs „Werte“ erläutert und aus verschiedenen Perspektiven (u. a. kulturell, ethisch, sozial und funktional) analysiert. Daran schließen sich materialreiche und differenzierte Ausführungen zu den Teilaspekten des Werte-Konzepts an, etwa zum Verhältnis zu Normen, zum Terminus Tugend sowie zu Ethik und Moral. Jedoch hat sich eine fachspezifische Wertekonzeption entwickelt, die aus den Bezugsdisziplinen Pädagogik, Psychologie, Soziologie im Speziellen generiert wird, des Weiteren aber auch gesellschaftliche Dimensionen aufweist – wie dies der Begriff „Wertesystem“ summiert. Auf dieser Basis unterscheidet Standop Grundwerte, Pluralismus, Werterelativismus und Wertewandel, um abschließend auf die komplexen Bereiche moralische Urteilsfähigkeit und Urteil-Handlungszusammenhang einzugehen. Besonders fokussiert sie deshalb „reifes moralisch-demokratisches Verhalten“, welches durch eine „ganzheitliche Erziehung des moralischen Verhaltens“ (S. 47) angestrebt werden sollte.

Das zweite Kapitel ist der Genese der Werteinstellungen bzw. moralischen Handlungen und Verhaltensweisen im Kindes- und Jugendalter gewidmet. In fünf Abschnitten geht Standop auf die „Funktionen von Werten und Wertesystemen“, die „Entwicklung von Werthaltungen bei Kindern und Jugendlichen“, die beiden grundlegenden Modelle zur „Entwicklung des Denkens über Moral“ – Kohlbergs Stufenmodell und Gilligans entwicklungstheoretischen Ansatz – ein, ferner auf den Zusammenhang von Erziehung und Ausbildung des individuellen Wertebewusstseins sowie – in Anlehnung an Piaget – die „Achtung vor dem Anderen“. Diese Grundprinzipien und Konzeptionen sind durch zahlreiche Quer- und Quellenverweise verknüpft, sie führen zu der These, dass ein menschliches Bedürfnis existiere, „die eigenen Handlungen in den Stand objektiver (…) Prinzipien zu überführen, denn moralische Fragen setzen die urteilende Person stets in ein Verhältnis zu anderen Menschen.“ (S. 76)

Wie dies konkret im System Schule umgesetzt werden soll, ist Thema des dritten Kapitels mit der Überschrift „Werteerziehung in der Schule“. Zunächst hinterfragt die Autorin, warum die Schule überhaupt Werteerziehung leisten soll. Eine mögliche Legitimation referiert auf die Persönlichkeitsbildung, ferner auf den Ethos von Schule, wie er sich in einer lebendigen Schulkultur artikuliert. „Pädagogische Grundmodelle zur Werteerziehung“ sind historisch gewachsen, etwa in der romantischen Erziehungsphilosophie, dem – durchaus unter dem Aspekt „Normkonformität“ kritisch beleuchteten – technologischen Ansatz und schließlich dem moralpsychologischen Ansatz Kohlbergs, der als progressiv und tragfähig bewertet wird. Dies erzeugt jedoch Forderungen an das System Schule im Allgemeinen, an die spezifische Schulatmosphäre, das Klassenklima und die Unterrichtsqualität, aber auch an die Lehrkräfte als Vorbilder im Speziellen: „Lehrende selbst stellen die Repräsentanz und Akzeptanz von Werten dar und lösen Werteerfahrungen aus.“ (S. 112) Daher bedarf es eines werteorientierten Unterrichts, der sich stets bewusst ist, dass Erziehung und Unterricht zwei Seiten der gleichen Medaille sind, der ferner Konzepte wie Selbsttätigkeit, Modelllernen und Wertepositivismus, Demokratie und Konsens positiv berücksichtigt. Insofern fordert Standop Werteerziehung als „ein durchgängiges Unterrichtsprinzip, das (…) Schüler zur Selbstbestimmung zu führen“ (S. 113) habe.

Im umfangreichen vierten Kapitel stellt Standop relevante Gelingensfaktoren für schulische Werteerziehung vor. In acht Teilkapiteln benennt sie relevante Dimensionen und Planungsbereiche für unterrichtliche und schulische Aktivitäten. Zentral sind ihrer Analyse zufolge für eine wertorientierte Unterrichtsgestaltung die didaktischen Prinzipien von Themenzentriertheit, Ganzheit, Realitätsbezogenheit, Vertiefung, Angst und Repressionsfreiheit, Differenzierung, Selbsttätigkeit, Verantwortung, Fehlerakzeptanz, fächerübergreifendem Arbeiten, Bedeutsamkeit des Gegenstands, Problemorientierung und lebendigem Diskurs. Moralkompetenz von Schüler soll auch messbar sein. Dafür stellt die Autorin verschiedene Tests vor, ferner die „Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion“: „So sollte der Lehrer ein semi-reales moralisches Dilemma für die Diskussion auswählen, das genug emotionale Reaktionen (…) erzeugt, um bei den Lernenden kognitive Aktivitäten wie Nachdenken und Diskutieren auszulösen.“ (S. 134) Daneben konstatiert Standop die Bedeutsamkeit des Schullebens für eine nachhaltige Werteerziehung, wie sie sich bereits im Schulprogramm zeige. Exemplarisch erläutert sie dazu Elemente einer „Just Community“ und eines konkreten Umsetzungsversuchs im Rahmen des Modellversuchs der „Gerechten Schulgemeinschaft“ in NRW. Zahlreiche weitere Beispiele schließen sich an, etwa das „Service Learning“ oder das „Child Development Project“, das kooperatives Lernen, demokratische und prosoziale Werte, Schülerautonomie sowie schülerzentrierten Unterricht vom Kindergarten bis zur 6. Klasse erprobte. Im Schlussteil dieses Kapitels liefert die Autorin Hinweise für eine kritisch-konstruktive Unterrichtsplanung, die die Werteorientierung fokussiert: beispielhaft an „Die CO2-Problematik im Zusammenhang mit der Klimaveränderung“ erläutert. Dies mündet in einem konstruktivistischen Lernmodell, bei dem Werte die Kompetenzen als roten Faden didaktisch-methodischer Ausrichtung abgelöst haben und in dem die „(Selbst-)Verantwortungsübernahme“ (S. 172) im Zentrum steht.

Diskussion

Werteverfall, Relativismus sowie Pseudomoral und die Sorge um die Zukunft demokratischer Gesellschaften im Kontext von Populismus und Mediokratie sind omnipräsente Zeitphänomene. Verweise auf die institutionelle Verantwortlichkeit von Schule für die Werte der nachkommenden Generationen und die Rolle von Ethik- und Religionsunterricht als fachspezifischen Instanzen der Wertevermittlung greifen zu kurz. Das Lehrbuch von Standop zeigt dies an vielen Stellen und belegt, warum Werteerziehung eine Sache ist, die alle betrifft, die an Bildungsprozessen beteiligt sind. Die Engführung auf die institutionellen Akteure im Bildungssystem ist dem Umstand geschuldet, dass das Buch für angehende und praktizierende Lehrkräfte verfasst ist, was sich auch an den zahlreichen Abbildungen und Randglossierungen erkennen lässt. Insofern kennzeichnet den Band ein konzises und praxisorientiertes Konzept von Werte-Vermittlung. Besonders das vierte Kapitel ist darum bemüht, einerseits ein konstruktivistisches Lernen von Werten anzubahnen, indem Werte als Gegenstand und Prinzip jedes Unterrichtsfaches und vielfältiger Unterrichtssituationen charakterisiert werden. Wer als Lehrkraft im konkreten Unterricht oder als Funktionsträger in Schulen für die allgemeine Schulentwicklung reflektierend nach Konzepten und Ideen für werteorientierten Herangehensweisen sucht, der wird in Standops Lehrbuch vielfältige Anregungen und theoretisch fundierte Modelle finden.

Fazit

Das Lehrbuch von Jutta Standop ist klar gegliedert und didaktisch orientiert. Es zeigt in vier Kapiteln die zentralen Aspekte der aktuellen Werte-Diskussion und ruft nachhaltig in Erinnerung, dass ein modernes Schul- und Bildungssystem neben dem Erwerb von methodischen und fachlichen Kompetenzen auf einem Fundament an Haltungen und Orientierungen beruhen sollte, um demokratisches und friedliches Miteinander zu ermöglichen. Der erkennbare Schwerpunkt des Buchs liegt auf der Frage, wie Schule und Bildungseinrichtungen werteorientiert gestaltet sein können, darüber hinaus, wie Nachhaltigkeit und Vernetzung in diesem Sinne erfolgreich gelingen können. Standop vertritt dabei dezidiert ein Konzept von Werteerziehung auf der Grundlage eines konstruktivistischen Lernbegriffs. Dies hat zur Folge, dass die Autorin intendiert, Werte im Alltag erfahrbar und erlebbar zu machen, da für nachhaltiges Lernen „das Subjekt mit seiner ihm eigenen Weltsicht zunehmend bedeutsamer“ (S. 173) geworden sei.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 01.02.2017 zu: Jutta Standop: Werte in der Schule. Grundlegende Konzepte und Handlungsansätze. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-25759-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21788.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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