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Frank Weidner, Hartmut Emme von der Ahe u.a. (Hrsg.): Alter und Trauma. Unerhörtem Raum geben

Cover Frank Weidner, Hartmut Emme von der Ahe, Anke Lesner, Udo Baer (Hrsg.): Alter und Trauma. Unerhörtem Raum geben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 133 Seiten. ISBN 978-3-86321-336-7. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,60 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das Projekt „Alter und Trauma“ wurde von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und dem Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW gefördert und hatte zum Ziel, traumatisierte ältere Menschen sowie deren Angehörige und Pflegekräfte in der Verarbeitung des Traumas zu unterstützen.

HerausgeberInnen

Herausgeber sind u.a. Frank Weidner, Professor für Pflegewissenschaften an der Philosophisch- Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) und Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung und Hartmut Emme von der Ahe, Diplom Theologe, Geragoge und Case Manager im Gesundheitswesen (DGCC).

Weidner hatte im Projekt „Alter und Trauma“ die Leitung der wissenschaftlichen Begleitung als auch der Evaluation inne und Emme von der Ahe hat die Gesamtkoordination übergenommen.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Vorwort ist das Buch in fünf Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert und beginnt mit einer „Einführung“. Die Publikation ist der Abschlussbericht eines Verbundprojektes „Alter und Trauma“ mit einer dreijährigen Laufzeit (2013 bis 2016), an dem vier Partnerorganisationen aus NRW beteiligt waren.

Unter einem Trauma verstehen die Autoren potentielle oder reale Todesbedrohungen, Verletzung der Unversehrtheit, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert werde (S. 9). Um von einem Trauma sprechen zu können, müssen drei Faktoren erfüllt sein:

  1. Erlebnis einer existentiellen Bedrohung,
  2. es wird bei der Verarbeitung eine Überforderung erlebt und
  3. die Erfahrungen haben nachhaltige Auswirkungen auf die Alltagsbewältigung.

Ca. zwei Drittel der heute 65 – Jährigen hätten im Krieg und in unmittelbarer Nachkriegszeit traumatische Erlebnisse gehabt. Das Selbstbild von „gut funktionierenden Kriegskindern“ und ihre ausgeprägte Identifizierung mit der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg führten dazu, dass sie jahrzehntelang ein Bild anormale Normalität gelebt hätten.

Im Kapitel zwei „Literaturanalyse“ wurden 71 deutschsprachige Quellen, die als relevant für das Projekt „Alter und Trauma“ waren, hinsichtlich der übergeordneten Thematik „Traumaereignisse und -folgen“ sowie „Interventionen“ ausgewertet und zusammengefasst. So wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass das Lebensalter zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung bedeutsam sei und ob es ein einmaliges Erlebnis war oder sich über eine längere Zeit erstreckt habe. Auslösebegünstigende Aspekte für eine Reaktivierung alter Traumata würden folgende Aspekte sein: mehr freie Zeit mit dem Eintritt des Rentenalters, um bisher nicht bearbeitete Lebensthemen zu bewältigen und der Antrieb, unerledigte Aufgaben bearbeiten zu wollen. Unter der Kategorie „Interventionen“ wurden schwerpunktmäßig alle Hilfen und mögliche Therapien für Betroffene evaluiert (S. 25 ff).

In Kapitel drei „Das Projekt ‚Alter und Trauma‘“ werden die vier Partnerorganisationen des Forschungsverbundes und deren spezifisches Profil dargestellt. Das reicht von Traumaarbeit mit älteren Frauen, Erzählcafes, Lehr- und Lernmaterialien, Wertschätzungsgruppen bis zu differenzierten Therapien.

Kapitel vier „Projektergebnisse“ ist der Auswertung der einzelnen Interventionsformen der vier Partnerorganisationen vorbehalten. Mit den Angeboten und Interventionen sei es gelungen, mehr als 10 000 Menschen in NRW erreicht zu haben und etwa 10% davon hätten als Betroffene oder als Angehörige differenzierte Formen der Traumabewältigung in Anspruch genommen (S. 115).

Im letzten Kapitel fünf zum Thema „Diskussion und Empfehlungen“ werden auf der Grundlage der Interventionen, Erfahrungen und Evaluationsergebnisse zu den vier Zieldimensionen – niedrigschwellige und aufsuchende Hilfen, öffentliches Beschweigen aufbrechen, Altenhilfe wachse mit und durch Traumaarbeit, Kompetenzgewinn sei durch spezialisiertes Wissen möglich – zusammengeführt, abschließend diskutiert und Empfehlungen für die weitere Arbeit formuliert.

Fazit

Der vorliegende Bericht ist eine Zusammenführung zu den Ergebnissen der dreijährigen Laufzeit des Projekts von vier Partnerorganisationen in NRW, der zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit, der besseren Erreichbarkeit der Zielgruppen und zur Bearbeitung von spezifischen Bedarfslagen sowie zur Nachhaltigkeit von Strukturen und Prozessen führen sollte. Die Evaluation der vielseitigen Methoden, Arbeitsmaterialien und möglichen Therapien verdeutlicht, dass diese Ziele erreicht werden konnten. Es ist ein Bericht, der nicht auf akademische Standards abzielt und für jeden, der sich dem Thema „Trauma und Alter“ verschrieben hat, leicht zu verstehen ist.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 27.03.2017 zu: Frank Weidner, Hartmut Emme von der Ahe, Anke Lesner, Udo Baer (Hrsg.): Alter und Trauma. Unerhörtem Raum geben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-336-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21791.php, Datum des Zugriffs 27.06.2019.


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