socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kurt Gerwig (Hrsg.): Mikroprozesse der Bildung

Cover Kurt Gerwig (Hrsg.): Mikroprozesse der Bildung – von Plänen und Konzepten zu Aha-Erlebnissen. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2016. 22,00 EUR.

Ein Essay von Dialogen renommierter ExpertInnen von der Tagung des MBJS Brandenburg in Blossin im Februar 2016. DVD, Laufzeit 75 Min Beteiligte: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Prof. Dr. Frauke Hildebrandt, Prof. Dr. Wolfgang Tietze, Dr. Anna Winner, Dr. Julia Festman, Dr. Hans Rudolf Leu, Hans-Joachim Laewen, Detlef Diskowski.


Thema und Entstehungshintergrund

Der Frage nach der Möglichkeit Bildungsprozesse von Kindern anzuregen, weiterzuführen und damit auch zu initiieren widmete sich die Tagung „Mikroprozesse der Bildung“ des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg im Februar 2016. Sie fand in der „Forscherwelt Blossin“ statt und hatte Pädagog*innen aus Kitas und Grundschulen, Berater*innen aus den entsprechenden Unterstützungssystemen, Aus- und Fortbildner*innen geladen. In den hier stattgefunden Tandem-Dialogen bekannter Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus der Praxis ging es explizit nicht um die großen Konzepte, sondern um die Frage, wie die Momente der kleinen Geistesblitze und „Aha-Erlebnisse“ – die sogenannten „Mikroprozesse der Bildung“- entstehen.

Aufbau und Inhalt der DVD

Auf der DVD präsentiert der Verlag AV1 „ein Essay mit den Essentials dieser Dialoge in fünf einzeln anwählbaren Kapiteln“ (Klappentext DVD). Konkret bedeutet dies, dass nach einer kurzen Einführung in die Tagung die Zusammenschnitte von vier Tandem-Dialogen folgen. Die Kapitel starten jeweils mit dem Dialogtitel und der Namens-/ Institutionsbenennung der beteiligten Personen. Neben den Aufnahmen aus Blossin (der jeweiligen Dialoge auf offener Bühne, dem Publikum und Publikumsfragen) werden Videoszenen anderer AV1-Filme miteingespielt, die den aktuellen Gesprächsinhalt visuell unterstützen sollen. Die Kapitelinhalte setzen sich wie folgt zusammen:

1. Einführung in die Tagung (#00:00:01#). Detlef Diskowski, vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, eröffnet die Tagung. In sechs Minuten führt er versiert und mit persönlichen Einblicken in die Entstehung des Tagungsthemas „Mikroprozesse der Bildung“ ein. Diskowski betrachtet diese als das wahrscheinlich bedeutsamste Element, denn er ist „überzeugt, dass im Kleinen die Wahrheit liegt“ (#00:02:04#).

2. Auszüge aus dem Dialog „Mikroprozesse der Bildung- Was bedeutet Orientierung am Kind?“ (#00:06:39#). Prof. Dr. Marcus Hasselhorn vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung/DIPF verweist in diesem Zusammenschnitt zunächst auf das Drei-Dimensionen-Modell „Teaching through interaction“ von Bridget Hamre et al (2013), welches er als eine fundierte Grundlage für den Kindertagesstättenbereich und der Frage nach, was vermittelt werden müsste, betrachtet. Mit der Unterdimension „Orientierung am Kind“ verdeutlicht er, dass sowohl die Interessen des Kindes als auch Themen der Fachkräfte Ausgangspunkt der pädagogischen Gestaltung sind. Hier sieht Hasselhorn den Unterschied zur „traditionellen Schuldidaktik, in der man eine Stofforientierung hat“ (#00:09:55). Für die Fachkräfte ergibt sich hieraus eine große Aufgabe, denn sie benötigten ein hohes Wissen über die Kinder. Prof. Dr. Frauke Hildebrandt von der FH Potsdam und als Vertreterin der Forscherwelt Blossin verweist auf die Bedeutung einer anregenden Lernumgebung, in welcher sich die Kinder ihren Interessen widmen können. Marcus Hasselhorn sieht in diesem Prozess die Aufgabe der Fachkraft in der Beobachtungstätigkeit, um nachfolgend eine Vertiefung gestalten zu können. Diese „individualisierte Form“ würde er sich wünschen, wenn es um Kindorientierung geht (#00:11:32#). Weiter führt er aus, dass jedoch eine „Funktionalität“ in der Vorgehensweise bei Kindern mit Entwicklungsrisiken unerlässlich ist. Hildebrandt versucht nachfolgend auf ihre Hauptfrage zurückzukommen, „welche Kompetenzentwicklung unterstützt wird, wenn man die Interessen der Kinder fokussiert, so wie wir es tun?“ (#00:14:12#). Hasselhorn betont an dieser Stelle erneut, dass er aus Sicht der Kinder mit Entwicklungsrückständen auf das Thema blickt. Bleibt man bei einer reinen Interessenorientierung, dann können eventuell „Schwächen nicht geschwächt werden“ (#00:15:00#), denn hierfür bedarf es einer funktionalen Vorgehensweise. Frauke Hildebrandt versucht erneut eine Antwort auf ihre Frage zu erhalten und präzisiert eindringlich und anschaulich ihre Eingangsfrage. In der Beantwortung bleibt Hasselhorn zunächst ein wenig vage, um dann die Bedeutung der volitionalen Entwicklung herauszustellen. Diese würde durch eine reine Kindorientierung weniger gefördert. Es folgen unterstützende Beiträge aus dem Publikum von Wolfgang Tietze (FU Berlin/Pädquis) und Dr. Hans- Rudolf Leu (ehemals Deutsches Jugend Institut (DJI), sowie einer weiteren Frage bezüglich des Programms „Haus der kleinen Forscher“. An dieser Stelle erklärt Marcus Hasselhorn deutlich, dass er einem Curriculum für den Kindertagesstättenbereich, so wie es Prof. Dr. Dr. Fthenakis mit dem Bildungsplan Hessen umgesetzt hat, kritisch gegenüber steht. Frauke Hildebrandt ergänzt diese Aussage und verweist darauf, dass bei einer solch curricularen Zielorientierung übersehen wird, was Kinder tatsächlich denken. Hasselhorn fügt hinzu, dass diese funktionale Vorgehensweise nur bei Kindern mit Einschränkungen nötig sei, um bestimmte Bereiche zu fördern. Beide Diskutanten einigen sich zum Schluss darauf, dass auch eine Grundschule wie die Forscherwelt Blossin organisiert sein könnte: Nicht fachspezifisch, sondern an den Interessen der Kinder orientiert!

3. Auszüge aus dem Dialog: Beobachtungen und deren Auswirkungen im Team (#00:31:46#). Hans- Joachim Laewen (Instituts für angewandte Sozialforschung und frühe Kindheit e.V./infans) beginnt mit der Beantwortung einer vorherigen Publikumsfrage (Welche Chance eine Fachkraft hat, die Interessen von 17 Kindern zu erfassen?) Er kommt zu dem Ergebnis, dass „eine Fachkraft alleine kein anspruchsvolles Konzept umsetzen kann- sie braucht für gelingende Mikroprozesse ein kooperatives Team.“ (#00:32:33#) Teamkommunikation ist für Laewen unerlässlich, um Beobachtungen, die quasi als Lupe die Mikroprozesse der Bildung erfassen können, auszuwerten. Dies wird jedoch zu wenig praktiziert, was zum Teil an den Rahmenbedingungen liegt. Er verweist an dieser Stelle auf die Studie von Wertfein (2012) in welcher herausgearbeitet wurde, dass „die Qualität der Teamkommunikation, die Rahmenbedingung bricht“ (#00:35:43#). Aus diesem Grund sind für Hans Joachim Laewen die funktionierenden Teams ausschlaggebend für gelingende Mikroprozesse. Nach zwei Ergänzungen aus dem Publikum,, die Dr. Hans- Rudolf Leu (ehemals Deutsches Jugend Institut/DJI) dankend aufnimmt, bestätigt Leu Laewen hinsichtlich der Bedeutung der Teamfrage für die Qualität. Er sieht es als ihrer beider Plädoyer, dass es guter Teams bedarf damit Mikroprozesse stattfinden können (#00:41:25#). Diese Teams benötigen Teamleitungen, die die Qualität der pädagogischen Arbeit in das Zentrum stellen, nicht das „sich mögen“. Erschwert wird eine gelingende Teamarbeit durch die hohe Fluktuationsrate und dem Fachkräftemangel. Leu bekräftigt, dass dennoch einzig eine konzeptionell reflektierte Pädagogik des gesamten Teams zu hochwertigen und begründeten pädagogischen Handlungen führen kann.

4. Auszüge aus dem Dialog: Bedeutung der Interaktion zwischen Kindern für ihre Bildungsprozesse und ihre sprachliche Entwicklung ( #00:43:25#). Das Kapitel startet mit der Einladung von Frau Dr. Anna Winner (Fachakademie für Sozialpädagogik München) einer knapp fünfminütigen Filmsequenz zu folgen. Der Film zeigt eine Gesprächsrunde mit Kindern, in deren Mittelpunkt Mehmet über seine Wochenenderlebnisse berichtet. Winner erläutert nachfolgend die Bedeutung des Konflikts (der Kinder untereinander) für die sprachliche Entwicklung, den Mehmet durch seine fabulierende Erzählung erzeugt. Zum einen für die Entwicklung von Wortbedeutungen, indem sich ein „Wortkorb“ (#00:49:42#) zum Thema „Schlangen“ bildet und zu einer leidenschaftlichen Debatte der Kinder untereinander führt. Zum anderen für die Pragmatik, denn durch die Symmetrie der Beziehungen der Peers untereinander, kann im Bereich der pragmatischen Kommunikation auch mehr ausgehandelt und erprobt werden. In diesem Zusammenhang verweist sie auf die Untersuchungsergebnisse von Juliane Stude (2012) www.socialnet.de/rezensionen/16590.php, dass sich metasprachliche Kompetenzen insbesondere in Gesprächen mit Gleichaltrigen entwickeln. Es folgt die Frage aus dem Publikum (00:54:30#), inwiefern es bedeutsam ist, dass Fachkräfte gut deutsch sprechen. Hierzu führt Dr. Julia Festmann (Universität Potsdam) aus, dass es wichtig ist deutlich und angemessen mit dem Kind zu sprechen und sich insbesondere in seinem Sprachverhalten immer wieder selbst zu reflektieren. Sie verweist auf Ergebnisse aus einem Projekt, das jedoch nicht näher (in diesem Zusammenschnitt) erläutert wird. Winner gibt daraufhin zu Bedenken, dass man unterscheiden muss, ob es sich bei den Fachkräften um deutsche Muttersprachler oder um Erzieher*innen, die selbst erst die Sprache erlernen, handelt. Von letzteren würden Kinder nicht die fehlerhafte Grammatik etc. übernehmen, sondern sie als „Inspirationsquelle für Sprache mit der Botschaft ‚Ich lerne hier auch und das gerne‘“ betrachten (#00:57:15#). Explizit widerspricht an dieser Stelle Festmann und erklärt, dass „Kinder sehr wohl davon profitieren, wenn sie ein gutes Sprachvorbild haben“ (#00:57:30#). Deshalb ist die Vorlesekultur von großer Bedeutung, um über die (anspruchsvolleren) Sätze, die über das Lesen erfahren werden, zu einem erweiterten Sprachstil zu gelangen. Julia Festmann schließt damit, dass für sie die Wortschatzbildung zentral ist und diese insbesondere durch andauerndes gemeinsames Nachdenken (Sustained shared thinking) im Kindergartenalltag gefördert werden kann. Anna Winner appelliert zum Schluss, Kinder auch als Worterfinder zu erkennen, die durch ihre Sprache und Spracherfindungen etwas mitteilen, was wir als Erwachsene nicht mehr direkt verstehen können.

5. Auszüge aus dem Dialog: Wie lassen sich bildungsförderliche Momente genau feststellen? (#00:59:10#). Detlef Diskowski (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg) leitet dieses Gespräch mit der Erklärung ein, warum Prof. Dr. Wolfgang Tietze (FU Berlin, Pädquis) für die Frage „Kann man Mikroprozesse messen?“ ausgewählt wurde. Als „Erbsenzähler“ in der pädagogischen Szene zu Unrecht verschrien (#00:59:38#), hat er durch seine Arbeit in der Vergangenheit die gängigen Begrifflichkeiten operationalisiert und damit für alle verständlich gemacht. Diskowskis Wunsch an dieser Stelle ist, dass Tietze nun auch die aktuellen Begriffe wie „Ko-konstruktion“ oder „sustained shared thinking“ in messbare Merkmale definieren könnte. Wolfgang Tietze verdeutlicht zunächst, dass dies mit keinem Fragebögen gemessen, sondern nur über Beobachtung erschlossen werden kann. Tietze entwickelt in seinen ruhigen Ausführungen erste Indikatoren, die er sich für eine Messung vorstellen könnte, z.B. „Wie lange ein Dialog dauert“ (#01:00:32#). Bedeutsam sei im weiteren Verlauf, dass Experten aus der Fachpraxis für eine Validierung der Indikatoren miteingesetzt werden. Nachfolgend wirft er Fragen auf, die vor einer weiteren Operationalisierung bearbeitet werden müssten. So ist es für Tietze von Bedeutung, dass geklärt wird, „was denn durch diese Konzepte erreicht werden soll, bzw. was erwartet wird? Was bei vielen Ko-konstruktions- Erfahrungen beim Kind herauskommt oder anders ist?“ (#01:03:35). Diskowski greift eine Aussage von Tietze, über die Bedeutung der Operationalisierung der großen Begriffe, auf: Ziel einer Konkretisierung sei es doch zu wissen was lehrbar und umsetzbar ist und für die Praxis handhabbar zu machen. Tietze bestätigt, verweist aber darauf, dass er noch einen Schritt davor geht und zunächst die Wissenschaft in der Pflicht sieht. Er plädiert dafür, dass Wissenschaftler*innen Konzepte hinreichend prüfen müssen und nicht nur – weil sie „en vogue“ sind – weiterempfehlen. Überaus deutlich gibt er zu verstehen, was Aufgabe und Pflicht der Wissenschaft sei, damit die Praxis nicht mit ungeprüften Konzepten konfrontiert wird. Detlef Diskowski verdeutlicht erneut, dass nicht jeder Begriff gleich ein Konzept sei, sondern wahrscheinlich eher ein Element eines Konzepts. Um genau dieser Unschärfe zu begegnen, bedarf es der Konkretisierung dieser Begriffe. Wolfgang Tietze fordert daher abschließend, dass es eines Diskurses darüber bedarf, wie Kinder ausgestattet werden müssen und welches pädagogische Handeln hierfür erforderlich ist.

Diskussion

Die Tagungsfrage, nach Wahrnehmung und Herstellung von Mikroprozessen der Bildung im Kindertagesstättenbereich, ist eine Frage nach der Didaktik in diesem Feld. Nach wie vor existiert jedoch keine wissenschaftlich fundierte Elementardidaktik, wie bereits 2010 Prof. Dr. Dagmar Kasüschke (PH Schwäbisch Gmünd) konstatierte. Hier kann den Ausführungen und unmissverständlichen Forderungen Wolfgangs Tietzes (#01:05:26#), nach Aufgabe und Pflicht von Wissenschaft, nur zugestimmt werden. Denn solange die Frage der Elementardidaktik nicht geklärt ist, lassen sich die einzelnen ihr zugehörigen Begriffe, wie z.B. Ko-Konstruktion, nur schwer operationalisieren. Den Ausführungen von Detlef Diskowski lässt sich gleichsam zustimmen: Eine Konkretisierung ist notwendig, wenn man das Ganze (Didaktik) und das Element (Mikroprozess) für die Praxis handhabbar machen will.

Dies zeigt auch der Dialogzusammenschnitt von Hasselhorn und Hildebrand. Sie diskutieren letztlich rund um die Frage, wieviel Instruktion im Bildungsprozess notwendig ist. Wenn man an dieser Stelle Comenius bemüht, der in seiner „Didactica magna“ verdeutlichte, dass es sowohl der Kunst des Lehrens (Didaktik) als auch der Kunst des Lernens (Mathetik) bedarf, um einen gelingenden und vergnüglichen Unterricht [1] zu gestalten [2], dann lässt sich damit die Ergänzung von Rudolf Leu (#00:24:03#) in diesem zweiten Kapitel unterstreichen. Die Rezensentin versteht Frauke Hildebrandt in folgendem Sinne: Kinder in ihren Bildungsprozessen zu begleiten, indem man anregende Lernarrangements schafft, bedeutet, dass indirekt auf sie eingewirkt wird. Oder um im didaktischen Duktus zu bleiben, es ist ein lehren, das mittelbar erfolgt und zieloffen erscheint, weil das Ziel die frei gewählte (lern-) intensive Beschäftigung des Kindes ist. Hierin liegt ein weiteres Ziel, nämlich die Entdeckung des Kindes und seiner Interessen bzw. Gedanken. Daraus folgend ist das große Ziel, sowohl bei Comenius, als auch bei dieser Tagung in Blossin, dass Kinder ihre Mathetik (Lernkunst) immer mehr verfeinern können. Hierfür ist auch die Entwicklung weiterer Kompetenzen, wie die der von Hasselhorn erwähnten „volitionalen“ (#00:16:50#) und Fertigkeiten (z.B. Umgang mit Werkzeugen/ Maschinen) von Vorteil, die gelegentlich ein direkteres Einwirken, bzw. ein unmittelbares lehren erfordern [3]. An dieser Stelle ergibt sich einzig die Frage, ob die angestrebte Lernentwicklung als Ziel etwa nicht für alle Kinder oder nur für 20 % eines Jahrgangs -„risikobehaftete Kinder“ (#00:13:40#)- gilt?

Die Bedeutung von Beobachtungen, deren Auswertungen und der Qualität von Teams für die Bildungsprozesse und damit für eine Elementardidaktik, kann uneingeschränkt zugestimmt werden. Zu dem Zusammenschnitt dieses Dialogs im dritten Kapitel zwischen Leu und Laewen gibt es eine ungekürzte Version des Verlags, sowie eine ausgiebige Rezension unter (www.socialnet.de/rezensionen/21798.php), auf die an dieser Stelle verwiesen wird.

In Abgrenzung zu diesen drei Kapiteln, die zuweilen unter den Filmschnitten leiden, weil sie zu Brüchen in den Argumentationslinien und damit zu Verständnisschwierigkeiten führen, erweist sich das vierte Kapitel als erfreulich nachvollziehbar. Durch den Einsatz der Filmsequenz, der nachfolgenden anschaulichen Erläuterung und einem abschließenden offenen, aber fairen „Widerstreit“ (#00:57:25#) zwischen Julia Festmann und Anna Winner, ergibt sich ein kurzes, aber schlüssiges und rundes Bild zu der Bedeutung der Interaktion unter Kindern. Einzig die erwähnte Bezugnahme auf ein Projekt von Festmann ist nicht zu erschließen.

Wenngleich das Thema und die Inhalte hochaktuell und interessant sind, so lässt sich das Manko dieser DVD, in Form der Zusammenschnitte, nicht verbergen. Für Betrachter*innen, die weniger in der Thematik stehen, wird es mitunter schwierig sein den Ausführungen zu folgen, weil Zusammenhänge nicht durchweg erfasst werden können. Insofern ist es mehr als bedauerlich, dass es keine Langfassungen der Dialoge gibt, außgenommen des dritten Kapitels. Denn welchen Sinn sollte ein solcher Einblick in geführte Gespräche erzeugen, wenn nicht die Lust auf mehr? Vielleicht könnte es auch von manchen Betrachter*in als ärgerlich empfunden werden, wenn man mit diesen „offenen Enden“ zurückbleibt. Die DVD lässt sich sicherlich als Anreiz sehen die Tagung in Blossin zu besuchen, denn das Tagungsformat wirkt überaus interessant. Doch ist dies die Absicht des Autors? Dazu würde passen, dass die eingespielten Videoszenen aus anderen Filmen gelegentlich wie Werbeeinblendungen wirken. Die Rezensentin widerspricht diesen Überlegungen selbst, denn der Untertitel verweist auf die Form des Essays, welches gewählt wurde. Diesem stilistischen Mittel ist ein freier und kreativer Zugang, ein Abwägen und Betrachten von verschiedenen Seiten auf ein Phänomen und das Aufwerfen neuer Fragen inhärent. Aus dieser Perspektive heraus ist eine Beurteilung der medialen videografischen Aufbereitung nicht gestattet, denn inhaltlich wird dem Essay entsprochen.

Fazit

Spannende Beiträge für versierte Kenner *innen zum Thema Mikroprozesse der Bildung, einem gewichtigen Element einer Elementardidaktik. In geringen Teilen einsetzbar für Auszubildende und die Praxis; eventuell als kleiner Vorgeschmack auf einen Besuch in der Forscherwelt Blossin.


[1] In Comenius` Überlegungen „Alle alles allumfassend zu lehren“, betraf „Unterricht“ die Altersgruppe von 0-24 Jahren.

[2] Vgl. hierzu Comenius, J.A. (1657/1993). Große Didaktik (hrsg. v. Andreas Flitner). 8. überarbeitete.Aufl. Düsseldorf: Küpper

[3] Vgl. hierzu Boll, A. (2017): Mathetik und Didaktik im Elementarbereich. Auswahlkriterien des Materials „Buch“. Aus: Schmitt, A./ Sterdt, E./ Fischer, L (2017): „Empirisches Arbeiten in der Frühpädagogik im Kontext eines evidenzbasierten Ansatzes“. Kronach: Carl Link.


Rezensentin
Astrid Boll
M.A. Doktorandin und Lehrkraft Hochschule Koblenz, in frühpädagogischer Fort- und Weiterbildung aktiv
Homepage www.hs-koblenz.de/profile/boll-1/?sword_list[]=astr ...
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Astrid Boll anzeigen.


Zitiervorschlag
Astrid Boll. Rezension vom 08.12.2017 zu: Kurt Gerwig (Hrsg.): Mikroprozesse der Bildung – von Plänen und Konzepten zu Aha-Erlebnissen. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2016. Ein Essay von Dialogen renommierter ExpertInnen von der Tagung des MBJS Brandenburg in Blossin im Februar 2016. DVD, Laufzeit 75 Min Beteiligte: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Prof. Dr. Frauke Hildebrandt, Prof. Dr. Wolfgang Tietze, Dr. Anna Winner, Dr. Julia Festman, Dr. Hans Rudolf Leu, Hans-Joachim Laewen, Detlef Diskowski. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21797.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in als Gruppenleitung im Kindergarten, Stuttgart

Erzieher/innen als SOS-Kinderdorfmutter oder SOS-Kinderdorfvater, SOS-Kinderdörfer in verschiedenen Regionen Deutschlands

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!