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Imre Kertész: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991 - 2001

Cover Imre Kertész: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991 - 2001. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-498-03561-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Es handelt sich um Beschreibungen und persönliche und politische Reflexionen, die weit über die angegebenen Jahre hinausreichen, sowohl im Ausblick als auch Rückblick auf ein bewegtes Schriftstellerleben, das eine entscheidende Prägung 1944 mit 14 Jahren erfuhr durch die Verschleppung in die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau.

Autor

Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, wurde wegen seiner jüdischen Herkunft im Juli 1944 mit 14 Jahren nach Auschwitz und Buchenwald verschleppt. Nach dem Abitur, einer Tätigkeit als Journalist und der Absolvierung des Miltärdienstes wurde er 1953 freier Schriftsteller, aber eingeschränkt durch den ungarischen Aufstand 1956. 1996 (1975 ungarisch) publizierte er den „Roman eines Schicksallosen“, der von einem staatlichen Verlag in Ungarn 1973 zunächst abgelehnt worden war; dem folgten später weitere autobiographische Werke, die ihn seit der Wende 1989 auch zunehmend im Westen bekannt machten und für die er 2002 den Nobelpreis für Literatur bekam. Kertész starb 2016 in Ungarn.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund des Buchs ist eine mit dem Alter zunehmende kritische Auseinandersetzung mit seinen persönlichen privaten und politischen Lebenserfahrungen. Ich konzentriere mich in der Rezension ganz auf die politischen Erfahrungen und Analysen, weil diese – verstreut unter den persönlichen und privaten Ereignissen – einen Versuch darstellen, die politische „Groteske, die mein Leben begleitet“, in ihrer Sinnlosigkeit zu analysieren und zu verstehen.

Aufbau

Der Aufbau hält sich nicht an einen vorgefertigten Rahmen, sondern erschließt sich dem Leser thematisch verstreut unter privaten und persönlichen Notizen. Es ist ein musikalisch zu lesendes Buch, indem sämtliche Töne der politischen Begleitmusik – wie in der modernen Zwölftontechnik – ihren Platz und eine Ordnung finden, die sich dem Leser allerdings erst allmählich erschließt. (Seitenangaben in Klammern)

Inhalte

1992. Die Aufzeichnungen beginnen (und enden) mit der Kultur des Massenmords. Bereits das Nachdenken darüber empfindet Kertész als eine Fron (7), der er sich dennoch unterzieht, weil Auschwitz für den europäischen Geist ein Trauma sei und der Antisemitismus den Mythos Europa (7/8) in Frage stelle. Er lebe in einer Welt, in der er sich trotz aller Anerkennung heimatlos fühle, was Todessehnsucht, aber keine Todesromantik, hervorrufe, sondern den Wunsch anstelle eines Ameisenlebens (17) ein selbst bestimmtes Leben zu führen und sich deshalb auch nicht von den Nazis zum Juden stempeln zu lassen. Die Nostalgie einer unbestimmten Vergangenheit (12) sehe er als ein Ausweichen vor der Gegenwart einer Mehrheit in Ungarn, die eine ideologische Diktatur wolle (32). Die „Schlechtweggekommen“ (original deutsch) schlössen sich im Nazismus und Kommunismus, in der jeweils siegreichen Ideologie zusammen und entschädigten sich durch Welt- und Wertezerstörung (33).

1993. Schreiben bedeute für ihn, in Kontakt mit der ihm zugefügten schweren Verletzung zu bleiben (39), in Kontakt mit dem Bösen, wenn das Gute und Richtige prinzipiell infrage

gestellt werde und nicht mehr selbstverständlich sei, sondern man dafür kämpfen müsse (50/51).

1994. Ist Siegen erotisch, auch wenn es böse ist? Begegne er immer noch „feindseligen Nazi-Visagen“ auf dem Weg ins Gotteshaus (53)? Die Depression umzingele ihn im Alter wie eine sich auftürmende Wolkenmasse (54). Er dürfe nicht zulassen, dass die Antisemiten aus ihm einen Juden machen (56), weil er für sie den Geist der Zivilisation, der Kultur vertrete und in deren Köpfen kein Platz für (innere) Konflikte sei (59). Stattdessen finde die totale Vernichtung des Wertesystems vor aller Augen statt (61). Armut, Chaos, verlorener Krieg, Aussichtslosigkeit sei durch kein Mittel der Kultur zu rechtfertigen (62). Warum habe sich der Betrieb Auschwitz als funktionsfähig erwiesen, bis er mit Gewalt vernichtet wurde (64/65)? Auschwitz werde abwendbar sein, solange der Mensch Widerstand zu leisten vermöge, auch gegen jeden Fundamentalismus, gleich ob christlicher, jüdischer oder anderer Herkunft, weil dieser den liberalen Kosmopolitismus bekämpfe (66/7). Ihn beschäftige die Sorge um eine schizophrene Lage der Gesellschaft, die einen Drang zur Geltung zu kommen produziere, der wie bei den Nazis oft nur auf niedrigem Niveau und nur mittels der Masse zu befriedigen sei (73). Die Ursache der modernen Aggressivität sei die moderne Existenzunsicherheit (77). Auschwitz sei die schreckliche Geschichte der „Tiefenpsychologie Europas“, die Kulmination dieser Geschichte (79).

1995. Sünde sei es, mit strahlender Energie (Liebe) zu sparen (81). Unklar sei, ob die Abwehr gegenüber großen Dingen nachlasse, oder eine neue Lüge folge (82)? Das von Morastmenschen, die sich am Unglück anderer ergötzen, organisierte Morastleben könne auch ihn mit Morast beschmutzen und, wenn er es zulasse, in Morast verwandeln (86). Man könne nach einer falschen Werteordnung leben, müsse sie dann jedoch auf ein festes Macht- und Wirtschaftsfundament gründen (92/93). Die Realität stehe in vollem Widerspruch zur Darwinschen Theorie: Das Naturprinzip sei die Kontraselektion. Nicht die Besten „herrschten“, sondern die Schlechtesten (93). In Auschwitz offenbare sich extrem die menschliche Natur, so wie andererseits in der Musik oder den Religionen (99). „Nazi“, das sei keine Ideologie, sondern eine Lebensform (101). Im Faschismus/Nazismus verdecke keinerlei Geschwätz den Hass und die Vernichtungswut (103). „Endlösung“ sei auch besser als das Wort Auschwitz: Wer könne sich etwas Treffenderes ausdenken? (111). Ohne Antisemitismus hätte eine gewisse Schicht von Intellektuellen überhaupt keine Identität (113). Der Voyeurismus des Elends (115). Motive des wiedervereinigten Deutschland: Das eine sei das Heimweh nach dem Gefängnis, der Irrglaube, dass mit dem Verlust des ostdeutschen Schreckensreiches auch etwas „Menschliche“, etwas wie „Seele“ verloren gegangen sei, die sogenannte Wärme, Solidarität, die Freundschaften. Man müsste sehen, ob so etwas tatsächlich existiert habe, und wenn es existierte, was dessen wahrer Gehalt gewesen sei. Wenn es sich wirklich um echte Dinge gehandelt hätte, dann wären diese nicht so leicht verloren gegangen (123).

1996. Frei mache den Menschen allein der Glaube, dass er mit seiner Existenz ein Geschenk erhalten habe, für das er selbst die Verantwortung schulde. Wem? Gott? Sei es nicht egal, wie wir es nennen (148/9)? Die grauenvolle Möglichkeit im Nachvollzug sowohl die Opfer wie aber auch die Henkerrolle in sich zu entdecken (151). Der Antisemitismus selbst hätte Auschwitz kaum hervorgebracht: Aber der Totalitarismus habe, um funktionieren zu können, den Hass gebraucht, und das Objekt des Hasses habe ihm der seit Ewigkeiten existierende Antisemitismus geliefert (151/2).

1997. Der ungarische Antisemitismus sei lapidar: Die Ungarn haben den Juden immer noch nicht verziehen, dass sie sie ausgerottet haben (158). Bitter für ihn: Die Erwartungen an den „Auschwitz-Zirkusdarsteller“ (160). Seine Kultur sei der „Holocaust als Kultur“. Die Kultur, die negative Ethik, die der Holocaust geschaffen habe, sei noch Teil der christlichen Kultur, so wie die Offenbarung Teil der Bibel sei (164). Seine eigenen Wurzeln lägen in Auschwitz und der Offenbarung des Johannes, außerdem in den großen apokalyptischen Werken von Nietzsche, Camus, Kafka, Beckett. Die Kirche und die „Religion“ hätten sich schon so weit von ihrem Ursprung entfernt, so dass die Glaubensausübung wie auch das konfessionelle Glaubensleben keinerlei Sinn mehr erkennen lasse (166/7). Er sei davon ausgegangen, dass in der Welt der Endlösung jeglicher ethische Begriff, jegliche ethische Idee unserer westlichen Kultur total ausgelöscht, verbrannt sei. Wo habe sich Auschwitz ereignet? Im christlichen Kulturkreis? Eine neue Ethik lasse sich nicht auf der Grundlage des Vor-Auschwitzschen Ethikums herstellen. Man müsse wieder am Nullpunkt beginnen (174). Auschwitz und das Kreuz seien Traumata (178). Mit Auschwitz höre die (klassische) Geschichte von Christentum und Judentum auf. Auschwitz sei das Erlöschen einer zweitausendjährigen Kultur (187).

Diskussion

Fasst man die verstreuten Gedanken zusammen, so kreisen sie um das Thema, welche destruktiven Themen und Identifikationen dem 14j. Kertész gewaltsam übergestülpt wurden, ihn lebenslang vereinnahmend begleiteten und sogar eine ansteckende („morastige“) Wirkung entfalteten.  Zum „Juden“ gemacht und damit seinem Heimatland entfremdet zu werden als Schicksal nicht einfach hinzunehmen, sondern den Aggressor zu entlarven, anstatt sich mit ihm und seinen Zuschreibungen zu identifizieren, ist das Thema von Kertész.

Die Ergebnisse: Fundamentalismus und Totalitarismus, gleich welcher Provenienz, ob aus Existenzunsicherheit, Armut, innerem und äußerem Chaos geboren, produziert bei konfliktunfähigen Menschen einen apokalyptischen Hass, der seine Opfer sucht und findet, wo immer sie sich dazu – gesellschaftlich – anbieten. „Nazi“ ist somit keine Ideologie, sondern eine Lebensform, indem eigene unbewältigte Konflikte auf Kosten von anderen „endgültig“ gelöst und die Spuren innerlich – ohne Scham- und Schuldgefühl – und äußerlich gelöscht werden. Diese negative Ethik ist bereits in der Offenbarung Johannes und anderen apokalyptischen Werken als Entfernung vom „Ursprung“ benannt und hat in Auschwitz funktioniert als Teil einer unechten, angeblich christlich geprägten, Kultur, die, wenn sie echt gewesen wäre, nicht so leicht verloren gegangen wäre.

Fazit

Ein eminent politisches, kulturkritisches Buch, das fundamentale Fragen stellt, die von jeder Generation neu beantwortet werden müssen. Denn dass Auschwitz möglich war, zeigt dass die totale Destruktivität nicht ein Mythos, sondern eine menschliche apokalyptische Möglichkeit und damit eine Realität ist.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 05.12.2016 zu: Imre Kertész: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991 - 2001. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2016. ISBN 978-3-498-03561-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21800.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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