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Saskia Müller, Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945

Cover Saskia Müller, Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-3414-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Die Autoren setzen sich in ihrer Publikation mit dem Zentralorgan des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) und dessen Bedeutung im Nationalsozialismus auseinander. Dabei gehen sie besonders auf die Rolle des Zentralorgans des NSLB in der Verbreitung der Werte des NS-Regimes und die Ideologisierung der Schüler ein und treten damit dem sich hartnäckig haltenden Vorurteil entgegen, der NSLB wäre eine harmlose Institution gewesen.

Autor und Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um einen Teil des DFG-Projektes „Rassismus und Antisemitismus in erziehungswissenschaftlichen und pädagogischen Zeitschriften 1933-1944/45“, welches durch die Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main durchgeführt und die wiederum von Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer geleitet wird. Teile der vorliegenden Arbeit sind dem Dissertationsmanuskript von Saskia Müller entnommen.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation gliedert sich in drei Teile und insgesamt acht Kapitel:

Gleich zu Beginn in der Einleitung verdeutlichen die Autoren ihre Grundthese, dass der NSLB für die Indoktrination der Jugend mit NS-Werten maßgeblich verantwortlich ist: „Der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) war eine verbrecherische Organisation, [dessen] Mitglieder haben sich wissentlich und bewusst an der Unterstützung des NS-Regimes beteiligt.“ (S. 9) Dazu führen sie unter anderem aus, dass nur drei Prozent der Lehrerinnen und Lehrer nicht Mitglied im NSLB waren – „ein Beweis dafür, dass die ‚faule‘ Ausrede, man musste angeblich Mitglied sein, nicht stimmt.“ (S. 11) Die Publikation stützt sich auf die Analyse vor allem des Zentralorgans des NSLB, „eine der wesentlichen, wenn nicht die wesentlichste erziehungspolitische Zeitschrift, die in einer Massenauflage von mehreren hunderttausend Exemplaren verbreitet wurde“. (S. 12) Es steht also nicht der NSLB selbst im Fokus, sondern es ist eine inhaltliche Analyse der über die im Zentralorgan verbreiteten rassistischen und vor allem judenfeindlichen Ausrichtung der Lehrerinnen und Lehrer.

Die Kapitel eins bis vier des Teils A beschäftigen sich zunächst mit dem NSLB und seinem Zentralorgan: mit der fast überall freiwillig verlaufenden Gleichschaltung der Lehrerverbände, mit den Mitgliedern und der Führungsstruktur des NSLB sowie der Funktion des Verbandes und dessen programmatische Basis: „Die hauptsächliche Aufgabe des NSLB bestand in der ideologischen Ausrichtung der pädagogischen Fachkräfte und einer ebensolchen Durchdringung der Schulen und Erziehungseinrichtungen mit der NS-Ideologie.“ (S. 54)

Im Teil B (Kapitel fünf bis sieben) werden die drei Schwerpunkte der NS-Ideologie aufgegriffen, in denen sich das Zentralorgan des NSLB als Wegbereiter und Verfechter besonders hervorhebt: Rassismus, Eugenik und vor allem Judenfeindlichkeit.

Schule war ein wesentlicher Baustein im NS-System und „die Erziehung zum ‚Rassebewusstsein‘ eine zentrale Aufgabe der NS-Pädagogik mit dem Ziel, die Kinder und Jugendlichen zu deutschen Herrenmenschen heranzuziehen.“ (S. 62) Das Zentralorgan lieferte den Lehrkräften zu Themen wie „Rassenlehre“, „Rassenhygiene“; „Volksgemeinschaft“, „Rassenseele“ usw. die Erklärungsansätze, didaktische Materialien und sonstige Tipps. Perfider weise wurden „Formen und Methoden der sogenannten Reformpädagogik mit rassistischen Inhalten gefüllt.“ (S. 94) So leisteten die Lehrkräfte beispielsweise mit den im Unterricht angefertigten Ahnen- und Sippschaftstafeln „Vorarbeit für die rassistische Erfassung der gesamten Bevölkerung“. (S. 100)

Die Sonder- und Hilfsschullehrkräfte wiederum spielten eine besondere Rolle im Rahmen des Euthanasieprogramms, wofür ebenfalls das Zentralorgan den ideologischen Boden bereitete. „Dies wird in der Zeitschrift insbesondere anhand der 1940 bis 1942 stattfindenden Debatte um die Notwendigkeit der Hilfsschule und den Anbiederungsversuchen der Lehrerinnen und Lehrer als Fachkräfte bei der ‚Rassenhygiene‘ wahrnehmbar.“ (S. 118) Sie sammelten Informationen über betroffene Schüler, meldeten diese, erstellten Gutachten usw. – kurz: sie waren an den Säuberungsaktionen in den Schulen maßgeblich beteiligt, denn damit „wurde die Ermordung dieser Kinder und Jugendlichen in den […] Euthanasieaktionen von den Lehrkräften vorbereitet“. (S. 123)

Besonders heftig ausgeprägt schlug sich die Judenfeindlichkeit im Zentralorgan nieder: „Die judenfeindlichen Maßnahmen der Nazis verliefen und steigerten sich in verschiedenen Etappen, von der Beschimpfung und Diskriminierung […] über die Entrechtung und Vertreibung zur organisierten Vernichtung, die auch für die Lehrkräfte im Zentralorgan aufbereitet wurden.“ (S. 162) So wurde regelmäßig antisemitische Hetze betrieben, über die angeblich angeborene Kriminalität der Juden und die jüdische Weltverschwörung aufgeklärt, Juden als Parasiten und Seuche bezeichnet und in der Endkonsequenz deren Entrechtung, Vertreibung bis hin zur Vernichtung teils versteckt, teils sehr offen gefordert. (z.B. Vgl. 168)

Im letzten Teil C (Kapitel acht) schließlich geht es um das Erbe des NSLB nach 1945. Nachdem in den vorherigen Kapiteln die wesentliche Rolle der Lehrkräfte im NS-System deutlich gemacht worden ist, stellen die Autoren jetzt fest, dass „die Erforschung der Anstrengungen der Alliierten, die Nazis bis 1949 aus den Reihen der Lehrerinnen und Lehrer zu entfernen“ nicht nur besonders sondern vor allem kaum erforscht ist. Nach der Auflösung des NSLB 1945 wurde 1949 die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Rahmen des Deutschen Gewerkschaftsbundes gegründet, die sich lediglich zu Beginn und auch dann nur minimal mit der Nazi-Vergangenheit der Lehrkräfte auseinandersetzte, ganz zu schweigen von der Aufarbeitung ihrer Rolle im NS-System. Die Autoren gehen basierend auf der vorhandenen Quellenlage davon aus, „dass die GEW prozentual wohl den größten Anteil an ehemaligen Mitgliedern der NSDAP im Vergleich zu den anderen DGB-Gewerkschaften in ihren Reihen hatte.“ (S. 176) Und nicht zuletzt der gewerkschaftliche Rechtsschutz der GEW trug nach Ansicht der Autoren zur Renazifizierung der Schulen bei, da dieser von den Mitgliedern genutzt wurde, „um sich gegen die angeblich ungerechte Zurückweisung durch die Alliierten und deutsche Behörden durchzusetzen, was soweit es rekonstruiert werden kann, weitestgehend gelang.“ (S. 176 f.) Beispielhaft dafür gehen die Autoren auf den geschichtsrevisionistischen Umgang der Hamburger GEW bezüglich des Erwerbs eines sich ursprünglich in jüdischem Besitz befindlichen Grundstücks ein. Sie plädieren letztlich dafür, den daran beteiligten GEW-Akteur Max Traeger, der nicht nur an der Gleichschaltung seines Lehrerverbandes vor 1933 beteiligt war, sondern auch bis 1945 Mitglied im NSLB, ebenso neu zu bewerten wie die Kontinuität zwischen NSLB und GEW aufzuarbeiten. So wäre es „ein öffentliches Zeichen von selbstkritischem, pädagogischem und politischem Verantwortungsbewusstsein, wenn die GEW ihrer Zentrale und ihrer bundesweit bekannten Stiftung den Namen eines Menschen übertragen würde, der wirklich als Vorbild für Lehrerinnen und Lehrer, für Erzieherinnen und Erzieher gelten kann. Das würde heißen: Heinrich-Rodenstein-Haus statt Max-Traeger-Haus!“ (S. 188)

Diskussion

Etwas unbefriedigt bleibt man als Leser dahingehend zurück, dass sich der Erkenntnisprozess der Analyse nicht richtig nachvollziehen lässt: Zwar wird kurz darauf eingegangen, dass es sich um eine dokumentarische Analyse des Zentralorgans des NSLB handelt, aber weder ist das konkrete Vorgehen beschrieben noch werden beispielsweise quantitative Ergebnisse daneben gestellt, um die qualitativen Erkenntnisse besser einordnen zu können.

Die vorliegende Publikation leistet jedoch einen ganz wesentlichen Beitrag zur Aufhellung der Rolle der erziehungswissenschaftlichen Zeitschriften, insbesondere des Zentralorgans, im NS-System. So wird mehr als deutlich, inwiefern sich ihre Autoren an der Verbreitung und Indoktrination der Kernelemente der NS-Ideologie beteiligten, in dem sie in ihren Artikeln dazu beitrugen, die kruden Erklärungsmuster der Nazis zu einem großen Ganzen zu erklären und widersprüchliche Stellen mit Pathos und Nationalgefühl zu überziehen. Darüber hinaus wurde erkennbar, wie über das Zentralorgan die Lehrkräfte mit dem NS-Gedankengut soweit infiziert wurden, dass sie sich sogar als Handlanger und Wegbereiter für beispielsweise das Euthanasieprogramm anbiederten. Das ist umso bedenklicher, hält man sich die fehlende Bereitschaft zur Aufarbeitung der eigenen Rolle nach 1945 vor Augen.

Fazit

Die Publikation ist neben ihrem Beitrag zur oben beschriebenen wissenschaftlichen Aufarbeitung vor allem ein Plädoyer für die Stärkung der Demokratieerziehung in der Schule und hat gerade in den heutigen Zeiten, in denen Rechtspopulismus und sogenannte „Alternativfakten“ Hochkonjunktur haben, an Aktualität gewonnen. Denn sie macht eindrucksvoll deutlich, wie prägend Schule und Erziehung in diesem Prozess sind und welche wesentliche Rolle und Verantwortung die Lehrkräfte und nicht zuletzt auch die Bildungspolitik dabei haben.


Rezensentin
Anja Herold-Beckmann
M. A., Master of Criminology and Police Sience
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Zitiervorschlag
Anja Herold-Beckmann. Rezension vom 08.02.2017 zu: Saskia Müller, Benjamin Ortmeyer: Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945. Herrenmenschentum, Rassismus und Judenfeindschaft im Nationalsozialistischen Lehrerbund. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3414-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21801.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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