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Gerd Gehrmann, Uwe Säuberlich u.a.: Integration durch nachbarschaftliches Engagement

Cover Gerd Gehrmann, Uwe Säuberlich, Klaus D. Müller: Integration durch nachbarschaftliches Engagement. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-8029-7545-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Das Autorenteam sieht angesichts der großen Herausforderungen, welche die aktuell nach Deutschland – und Europa allgemein – drängenden Flüchtlinge für die Politik und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeuten die Zeit gekommen, über ihre langjährigen Erfahrungen aus dem Projekt „Familien im Stadtteil“ zu berichten. Dies in erster Linie vor dem Hintergrund, daß in diesem Projekt wertvolle, auch auf andere Situationen übertragbare Erfahrungen in der nachhaltigen Integration von Migrantinnen und Migranten gemacht werden konnten und das Potenzial namentlich von Frauen in Migrationsfamilien dargelegt werden kann. In zweiter Linie ist das Buch jedoch auch ein Beispiel dazu, wie flexibles und situationsangepasstes Projektmanagement die ursprüngliche Zielsetzung erweitern und anpassen kann. Obwohl das Buch nicht als Anleitung für Integrationsprojekte gedacht ist, können viele Gedanken und auch konkrete Schritte für andere Integrationsprojekte angepaßt werden. In diesem Sinne ist das Buch auch eine Praxisanleitung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Integration durch nachbarschaftliches Engagement“ beschreibt das in Bremerhaven in Deutschland beheimatete Projekt „Familien im Stadtteil“ (FiS). Um stressbedingte Gewalt in Familien zu verhindern oder zu vermindern, welche sich in physischer und/oder verbaler Gewalt von Eltern gegen Kindern oder auch von älteren Kindern gegen jüngere Geschwister äußert, sollen Freiwillige in den Familien entlastende Tätigkeiten übernehmen. Ziel dieses Gewaltpräventions-Projekts es, durch kurzfristige und sozusagen spontane Hilfe von „Nachbarinnen um die Ecke“ besonders stressgeladene Momente im Alltag zu entschärfen. Die Freiwilligen, „FiS-Assistentinnen“ genannt, sind meist Frauen zwischen 40 und 55 Jahren. Sie werden von ausgebildeten Fachpersonen der Sozialen Arbeit ausgewählt, geschult und währende ihres Einsatzes begleitet, unterstützt und gecoacht. Die Einsätze in einer „Klienten-Familie“ werden für die Dauer von maximal sechs Monaten vereinbart und können auf gegenseitigen Wunsch noch einmal auf total ein Jahr verlängert werden.

Das Projekt beruht auf Freiwilligkeit, das heißt, neben den freiwillig engagierten FiS-Assistentinnen beteiligen sich auch die besuchten Familien freiwillig am Projekt. Die genauen Tätigkeiten der FiS-Assistentinnen werden in jeder Familie „maßgeschneidert“ vereinbart. Häufig gewünschte Unterstützungen sind „zu den Kindern schauen“, „Kinder in Schule / Kindertagesstätte bringen“ sowie Hilfe resp. Begleitung bei Behördenkontakten oder Arztbesuchen. Die Unterstützung resp. Entlastung ist zeitlich begrenzt mit der Idee, daß durch die so geschaffenen Kontakte nachhaltige Netzwerke entstehen. So soll die durch das Projekt geförderte Entlastung später ohne Projektunterstützung im Alltag geschehen können. Neben der eigentlichen Projekttätigkeit in den Familien finden für die Freiwilligen – oft in Eigenregie entwickelte – Gruppenaktivitäten wie Ausflüge, aber auch Deutsch- oder Schwimmkurse statt.

Im Projektverlauf hat die Trägerorganisation bemerkt, daß speziell die FiS-Assistentinnen mit Migrationshintergrund aus ihrer Tätigkeit als Freiwillige einen großen Gewinn an Selbstvertrauen und Selbständigkeit ziehen konnten. Die häufig aufgrund von Mundpropaganda oder eigene Teilnahme am Projekt an der Schulung als FiS-Assistentin interessierten Migrantinnen konnten über ihr Freiwilliges Engagement soziale Anerkennung und persönliches Wachstum erlangen. Für sich und ihre Familien, aber auch für den Stadtteil und die Stadt Bremerhaven hat sich ihr Engagement als effektiver „Integrationsmotor“ erwiesen. Aus dem ursprünglichen Präventionsprojekt ist darüber hinaus ein Befähigungs- und Ermächtigungsprojekt für die soziale Anerkennung und soziale Teilhabe geworden.

Neben der Schulung zu Themen wie Nähe und Distanz, Menschenrechte als Basis der Sozialen Arbeit oder Grundsätze der Kindererziehung erhalten die Freiwilligen eine Aufwandsentschädigung von 50 Euro pro Monat. Diese soll Fahrspesen, Eintrittskosten und ähnliches während der Arbeit mit den Familien abdecken. Die ausgebildeten Fachkräfte im Projekt lehnen ungeeignete Bewerberinnen ab, wobei die wichtigsten Gründe für eine Ablehnung eigene nicht verarbeitete Probleme, Ambitionen, andere missionieren zu wollen und Ressentiments gegenüber Migrant_innen sind (S. 76). Über das genaue Verfahren der Rekrutierung und wie gegenüber den als ungeeignet erscheinenden Bewerberinnen kommuniziert wird, steht im Buch nichts.

Die meisten der knapp 170 FiS-Assistentinnen (78%) hatten im Jahr 2014 eine Einsatzdauer von 9 bis 12 Monaten; dabei fanden in 60% der Fälle 31 und mehr Kontakte pro Familie statt. Im Buch sind zahlreiche Tabellen zu finden, welche jedoch nicht immer erklärend sind. So ist beispielsweise nicht zu erkennen, ob die steigende Anzahl Kontakte pro Familie nur mit der zunehmenden Anzahl von FiS-Assistentinnen und begleiteten Familien und/oder der steigenden Betreuungsdauer pro Familie zu erklären ist, oder ob die Anzahl der Kontakte pro Familie pro Woche gestiegen ist. Ebenso wenig wissen wir über die Verteilung der Kontakte: werden manche Familien sehr intensiv, andere eher locker begleitet? Und wie groß ist allenfalls die Streuung der Kontakte? Ebenso addieren sich die Prozentzahlen in zahlreichen Tabellen nicht zu 100, ohne daß in der Legende erklärt würde weshalb (S. 85, 87, 97, 108, 119).

Diskussion

Die beschriebenen Einschränkungen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß in diesem Projekt Pionierarbeit geleistet wird, welche unbedingt auf andere Städte ausstrahlen sollte. Im Folgenden sollen die wichtigsten Pluspunkte des Projektes aufgelistet werden:

  • FiS-Assistentinnen mit und ohne Migrationsgeschichte nennen als Motivation „Menschen helfen“ ungefähr gleich häufig. Für eingewanderte Frauen ist das Engagement darüber hinaus deutlich mit dem Interesse an der Integration in die Einwanderungsgesellschaft verbunden. Damit leistet das FiS-Projekt Pionierarbeit. Denn bisher haben sich Migrant_innen wohl ebenfalls ehrenamtlich und freiwillig engagiert, jedoch waren es bisher schwergewichtig Männer, welche sich in den eigenen Communities und dort vornehmlich in den Bereichen Kultur und Religion engagiert haben (Halm/Sauer 2007).
  • Klare Grundlagen des Programmes: positives Menschenbild der humanistischen Psychologie; Sicht der Klient_innen als Partner; Orientierung an Stärken, nicht an Problemen; Respekt vor Lebensstilen und -entwürfen der Familien; Akzeptanz der Klient_innen, Respekt ihrer Lebenswelt und Privatsphäre; Berücksichtigung der Tatsache, daß man als FiS-Assistentin nur mit einem Auftrag der Familie aktiv wird; Arbeit in der Wohnung der Klient_innen als Gäste; Bewusstsein der Ambivalenzen von Hilfe und Repression, Nutzen und Schaden der Intervention; Vorrangigkeit der Sicherheit von Kindern und Familienmitgliedern; Selbst- und Mitbestimmung über Ziele, Umfang, Planung und Arbeitsweisen. (S. 143/144)
  • Sobald Konflikte auftreten, sei es in Bezug auf Nähe-Distanz-Problematik, Ablösungsprozesse, in Kontakten mit anderen sozialen Diensten etc. sind gut ausgebildete, interkulturell kompetente Sozialarbeiter_innen als Ansprechpersonen erreichbar.
  • Das Projekt richtet sich nicht spezifisch an Migrant_innen und leistet damit einen größeren Beitrag zur sozialen Integration als das bestgemeinte „Migrantenprojekt“, ist jedoch flexibel genug, bei Bedarf z.B. mit Schwimmkursen für Frauen auf migrantinnenspezifische Bedürfnisse zu reagieren.
  • Die Hilfeleistungen im FiS-Projekt gehen nicht nur an Familien gleicher ethnischer und kultureller Herkunft.

Fazit

Angesichts der großen Anzahl von Einwandernden müssen sich die europäischen Gesellschaften nach Ansicht der Autorenschaft der Herausforderung der Integration stellen, wenn sie nicht auseinanderbrechen wollen. Integration soll dabei gleichberechtigte Teilhabe am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Aufnahmegesellschaft, Förderung der Bildung und der Teilnahme am Arbeitsmarkt heißen. Integration bedeutet Akzeptanz der in der Aufnahmegesellschaft geltenden Grundwerte und bedeutet Bewegung auf beiden Seiten. Es ist dabei mehr als ratsam, das große Integrationspotenzial und die Ressourcen speziell der Frauen zu beachten. Dazu braucht es weniger spezielle „Migrant_innenprojekte“, sondern vielmehr mehr solche Gelegenheiten wie das Programm „Familie im Stadtteil“, welche Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte gleichermaßen ansprechen.

Das Buch ist für alle Inspiration und Handlungsanleitung, welche in der heutigen Gesellschaft ein wirksames, die Ressourcen der Menschen einbeziehendes Projekt initiieren möchten.

Literatur

Halm, D. / Sauer, M.: Bürgerschaftliches Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland, herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wiesbaden 2007.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 22.03.2017 zu: Gerd Gehrmann, Uwe Säuberlich, Klaus D. Müller: Integration durch nachbarschaftliches Engagement. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-8029-7545-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21804.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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