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Petra Gregusch: (...) Selbstverständnis von Beratung in der Sozialen Arbeit

Cover Petra Gregusch: Auf dem Weg zu einem Selbstverständnis von Beratung in der Sozialen Arbeit. Beratung als transprofessionelle und sozialarbeitsspezifische Methode. socialnet Verlag (Bonn) 2016. 372 Seiten. ISBN 978-3-936978-04-9. 19,90 EUR.
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Thema

Das Buch setzt sich mit professionsübergreifenden Merkmalen von Beratung sowie mit spezifischen Merkmalen von Beratung in der Sozialen Arbeit auseinander. Entlang einer handlungswissenschaftlichen Systematik und auf dem Hintergrund des Systemtheoretischen Paradigmas der Sozialen Arbeit werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Beratung in psychosozialen Professionen kenntlich gemacht.

Autorin

Petra Gregusch, Dr. phil., ist Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit. Ihre Themenschwerpunkte sind Theorien Sozialer Arbeit, Professionalisierung Sozialer Arbeit, Diagnostik und Beratung.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um die Dissertation der Autorin. Der Vorsatz, Beratung als transprofessionelle wie als professionsspezifische Methode der Sozialen Arbeit zu fassen, gründet in ihrer kritischen Perspektive auf die Entwicklung einer eigenständigen psychosozialen Beratungsprofession und Disziplin und den drohenden Verlust von Beratung als zentrales Arbeitsfeld Sozialer Arbeit. Dem will sie ein gefestigtes Verständnis von Beratungshandeln in der Sozialen Arbeit gegenüberstellen, indem sie Beratung aus einer wissensbasierten Perspektive erstens als professionelles Handeln fasst und zweitens als sozialarbeiterische Beratungspraxis begründbar macht. Sie wählt den Weg der theoretischen Integration, da sie die kritisierte Entwicklung auch als Reaktion auf einen unbefriedigenden Austausch zwischen den beteiligten Disziplinen und Professionen sieht. Dies führt sie zur Suche nach grundlegenden Gemeinsamkeiten.

Aufbau

Der vorliegende Band umfasst (ohne Inhaltsverzeichnis) 334 Seiten und ist in sechs Teile (A bis F) gegliedert, von denen die Teile B bis E je der Untersuchung eines zentralen Aspekts der Fragestellung gewidmet sind; jeder Teil umfasst zwischen vier und fünf Hauptkapitel, die in rund 50 Unterkapitel untergliedert sind. Umfang und Tiefe der Auseinandersetzung mit dem Thema lassen es nicht zu, den Inhalt des Bandes mehr als nur anzudeuten.

Die nachfolgende Darstellung der Hauptkapitel, die je einer eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit entsprechen, sowie Hinweise auf einige zentrale Aspekte erlauben einen Überblick über Struktur und Inhalte.

Zu Teil A Einleitung

Das Integrationsvorhaben der Autorin zeigt sich zuerst in ihren Fragestellungen, die sich an der Suche nach Verbindungen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden orientieren:

  • Was verbindet und was trennt Beratungsbegriffe in psychosozialen Professionen?
  • Welche wissenstheoretischen Grundlagen können Professionen (nicht) teilen bzw. welches sind wissenstheoretische Voraussetzungen einer transprofessionellen und professionsspezifischen Beratungstheorie?
  • Was haben Beratungsansätze gemeinsam? Worin unterscheiden sie sich?
  • Welche Folgerungen ergeben sich für die methodische Konzeption von Beratung?

Der integrative Zugang mit Orientierung an einer transdisziplinär abgestützten, systematischen und kohärenten Verknüpfung beratungstheoretischen Wissens verspricht Lesenden aus der Sozialen Arbeit wie aus anderen Beratungsprofessionen einen grossen Gewinn. Die Einleitung enthält neben Informationen zu Absichten und Zielen der Arbeit eine grafische sowie eine ausformulierte Orientierung über den Aufbau der Arbeit und das methodische Vorgehen. Angesichts des Umfangs und der Komplexität des Buchs erweisen sie sich als hilfreiche Navigationshilfe.

Zu Teil B Der Beratungsbegriff – Bestandesaufnahme, Klärungsbedarf, Klärungsversuche

Teil B behandelt Fragen nach dem Verbindenden und Trennenden der Beratungsbegriffe in psychosozialen Professionen und klärt begriffliche Voraussetzungen für eine Konzeption von Beratung als transprofessionelle Methode einerseits wie als sozialarbeitsspezifische Methode andererseits. Das Ergebnis zeigt, dass die Entwicklung eines professionsbezogenen Beratungsverständnisses u.a. durch unterschiedliche metatheoretische, theoretische und methodische Begründungen von Beratung erschwert wird wie auch durch theoretische Begründungen, die nicht zu Sozialer Arbeit in Bezug gebracht werden können.

Eine differenzierte Untersuchung zentraler disziplinübergreifender Abgrenzungsdiskurse zwischen Sozialer Arbeit, Pädagogik, Beratungspsychologie und Psychotherapie kommt zum Schluss, dass diese weder zu einem transprofessionell vergleichbaren, noch zu einem sozialarbeitsspezifischen Beratungsverständnis verhelfen.

In der Folge geht die Autorin den Zuständigkeits- und Kompetenzansprüchen hinsichtlich Beratung und damit dem Verhältnis von psychosozialer Beratung, Psychotherapie und Sozialarbeit nach, dies auf Basis eines handlungswissenschaftlichen Professionsbegriffs. Thema ist der Umstand, dass Soziale Arbeit, Pädagogik, Psychotherapie und Beratungspsychologie zwar den Gegenstand teilen (Einzelne, Dyaden, kleinere und grössere soziale Systeme), ebenso das theoretische Gegenstandsverständnis (indem potenziell multidisziplinäre theoretische Ansätze zugrunde gelegt werden), nicht aber ihre Problematik. Mit dem Lösungsvorschlag, Beratungsprofessionen über ihre Zuständigkeit für bestimmte Problemklassen und -arten voneinander abzugrenzen, das theoretische Problemverständnis aber zu teilen, bleibt sowohl ein Bezugsrahmen für professionelle Abgrenzung erhalten wie für Kooperation. Aus Platzgründen ist es leider nicht möglich, Greguschs sehr instruktive, theoretisch und empirisch fundierte Analyse der Handlungsformen Beratung, Behandlung und Erziehung näher wiederzugeben. Sie kommt zum Schluss, dass die Handlungsformen Beratung, Behandlung und Erziehung professionsübergreifend sind, so dass auch Soziale Arbeit alle drei Handlungsformen einsetzt und auf keine verzichten kann.

Die nachfolgende Thematisierung von Beratung in der Sozialen Arbeit verdeutlicht, dass Beratung kein Ersatzbegriff für Soziale Arbeit ist, sondern eine abgrenzbare Methode zur Mobilisierung und Entwicklung von Selbststeuerungskräften. Demgegenüber sieht die Autorin transprofessionelle Beratung als allgemeine sozialdiagnostische Methode, auf deren Basis erst geklärt werden kann, welche spezifische Methode, sei es Beratung oder eine andere, indiziert ist. Diese doppelte Bestimmung von Beratung – als überprofessionelle (diagnostische) Methode und als spezifische Interventionsform – stellt ein zentrales Element des von der Autorin entwickelten Konzepts von Beratung dar. Sie sieht deshalb kein Erfordernis für eine eigene Beratungsprofession und -disziplin, sondern argumentiert für die Professionalisierung von Beratung innerhalb der sozialen und pädagogischen Professionen.

Zu Teil C Anforderungen an Beratungstheorien – Bestandesaufnahme, Probleme, Lösungen

Teil C thematisiert theoretische Probleme der Entwicklung einer allgemeinen integrierenden Beratungstheorie wie auch solche der Beziehung zwischen interprofessionellen und professionsspezifischen Beratungstheorien.

Das erste Kapitel befasst sich mit der Klärung des beratungsheoretischen Begriffs. Durch Heranziehen eines wissensstrukturellen Modells werden die verschiedenen Theorie-Ebenen begrifflich auseinandergehalten. Beratungsmethoden, Theorien des Beraterhandelns, Gegenstands- und Problemtheorien sowie Beratungsansätze können dadurch voneinander unterschieden werden. Eine entsprechende Bestandsaufnahme verweist auf die Gründe für die Vielzahl von Beratungstheorien und die Hindernisse für deren Integration.

Entscheidender Aspekt ist, dass sich auf Ebene der Theorie-Praxis-Integration „verkürzte“ Modellvorstellungen von Beratungsproblemen oder -handlungen ergeben, die professionellem Handeln entgegenstehen. Weil eine Basis für begründete Interventionsentscheidungen nur über die objekt- und handlungstheoretische Integration der entsprechenden Theorien gewonnen werden kann, führt Gregusch in der Folge als Integrationsrahmen zentrale theoretische Elemente des Systemtheoretischen Paradigmas Sozialer Arbeit (SPSA ) ein. Gestützt darauf begründet sie Beratung theoriebasiert als professionsübergreifende sozialdiagnostische Methode und unterscheidet sie von spezifischer Beratung als Interventionsmethode, wodurch sie als unverzichtbarer Bestandteil jeder psychosozialen Profession verstanden werden kann. Der erwähnte Integrationsrahmen dient zur Bereinigung begrifflicher Verwirrungen im sozialarbeitstheoretischen Methodendiskurs. Die Diffusion zwischen Handlungsansätzen und Methoden bedingt gemäss Gregusch zu ihrer Klärung eine Differenzierung der Konzepte und die Beantwortung der Methodenfrage. Sie propagiert ihren integrierenden „Versöhnungsvorschlag“ (ebd.: 102) zwischen Methoden „als Suchstrategien der jeweils zu erfindenden Lösungen“ und Methoden „als wissensbasierten Technologien“ (ebd.) durch die Konzipierung einer allgemeinen normativen Beratungstheorie.

Weiter untersucht Gregusch alternative Integrationsansätze gestützt auf Forschung und Theoriebildung in der Psychotherapie. Sie kommt zum Ergebnis, dass aus handlungswissenschaftlicher Perspektive alle thematisierten Integrationsmodi (Common-factors-Ansätze, technische Ansätze sowie theoretische Ansätze) notwendig sind. Ein „Schlüsselaspekt“ ist die metatheoretische Basis, die es erlauben soll, Erklärungs- und Handlungswissen zu verknüpfen statt zu vermischen. Für einen expliziten metatheoretischen Bezugsrahmen spricht, dass dieser sowohl zur Entwicklung von integrativer Professionalität beitragen kann wie zur Behebung eines die Professionalisierung behindernden fachterminologischen Mankos.

Zu Teil D Grundlagen der Beratung nach dem Systemtheoretischen Paradigma – Beschreibung, Analyse und Vergleich mit ausgewählten Beratungsansätzen

In Teil D werden verschiedene Ansätze auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht: Der personen- oder klientenzentrierte, Selbstmanagement, der systemisch-konstruktivistische, der lösungsorientierte, der kooperative, der lebensweltorientierte und der ressourcenorientierte Ansatz. Die Ergebnisse sollen die allseitige Kommunikation und Kooperation zwischen den entsprechenden Disziplinen bzw. Professionen erleichtern und zu einer Schärfung der jeweiligen Beratungsverständnisse beitragen.

Gregusch postuliert die Gemeinsamkeiten der verschiedene Ansätze mit Bezug auf das Beratungshandeln trotz Unterschieden in den metatheoretischen Positionen. Darauf gründet als erster Fokus des Teils D die Darstellung des Gegenstands-, Problem- und Interventionsverständnisses. Der zweite Fokus zielt auf die Analyse der Gemeinsamkeiten der Beratungsansätze.

Den Anfang des Teils D bildet, ausgehend vom Systemistischen Paradigma Sozialer Arbeit (SPSA), die Darstellung philosophischer und deskriptiver Aspekte des Menschenbildes. Es folgen Ausführungen zur Theorie menschlicher Bedürfnisse, zur Bild-Code-Theorie und zur erklärenden Theorie intentionaler Handlungen. Massgebende Annahmen betreffen das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt sowie die Mechanismen von Stabilität und Wandel in sozialen Systemen. Die Diskussion rund um das Menschenbild berührt auch normative Aspekte, u.a. systemistische Axiologie und Ethik zwecks Beurteilung von Sachverhalten und zur moralischen Begründung von Interventionen. Thema des Teils D sind auch systemistische Problemtheorien. Gregusch verweist darauf, dass Staub-Bernasconi (2007) und Obrecht (2002) Kategorien für die Klassifikation sozialer Probleme vorschlagen. Diese erlauben es, zusätzlich zu Klassen auch Arten von Problemen zu bezeichnen bzw. zu unterscheiden. Weitere Erläuterungen betreffen Zusammenhänge zwischen sozialen und psychischen Problemen und deren Relevanz für die Psychodiagnostik.

Auf der Basis systemistischer Handlungstheorie wird die Frage aufgenommen, wodurch denn Veränderungen ausgelöst werden. Wichtige Funktionen kommen der Differenzierung von Veränderungszielen, Wirkbedingungen sowie Wirkmechanismen zu, stets mit Blick auf die Veränderung sozialer Probleme. Für diese Veränderungsarbeit wird die Notwendigkeit formuliert, sowohl Hilfeanlässe zu rekonstruieren wie die Sachverhalte der AdressatInnen zu analysieren und zu bewerten. Das methodische Konzept der „Arbeitsweisen“ (Staub-Bernasconi 2007) dient der Verortung von allgemeiner und spezifischer Beratung hinsichtlich der bearbeiteten Probleme und damit auch zur Differenzierung gegenüber anderen Methoden als Beratung.

Ein Zwischenresümee erlaubt eine Übersicht zu den ermittelten Gegenstandsverständnissen. Somit bietet sich Leserinnen und Lesern eine Vergleichsmöglichkeit mit eigenen bevorzugten Ansätzen oder Paradigmen.

Die verschiedenen Aspekte zusammenführend, wird eine systemistische Beratungskonzeption präsentiert, welche das professionelle Selbstverständnis, die Beraterrolle sowie das Verhältnis zwischen allgemeiner (diagnostischer) und spezifischer Beratung umfasst. Auf Grundlage der allgemeinen normativen Handlungstheorie konzipiert Gregusch Beratung als Phasenmodell, schlägt aber vor, beraterische Operationen von allgemein handlungstheoretischen Operationen zu unterscheiden. Als Grundriss der Methoden entsteht eine tabellarische Matrix; die Funktionen der jeweiligen Phasen und Operationen im Beratungsprozess werden differenziert dargestellt und kommentiert. Das Kapitel schliesst mit der Charakterisierung sowohl allgemeiner Beratung wie spezifischer Beratung ab.

Die zweite Hälfte des Teils D fokussiert die Gemeinsamkeiten von Beratungsansätzen. Mittels eines heuristischen Theorievergleichs wird geklärt, inwiefern es sich dabei (problemlösungstheoretisch betrachtet) mindestens implizit um integrative Ansätze handelt. Aus systemistischer Perspektive werden die Ansätze daraufhin untersucht, welche Wirklichkeitsausschnitte sie berücksichtigen und welche Prozessstruktur ihnen zugrunde liegt. Die einzelnen Beratungsansätze werden im Rahmen der Grundstruktur „porträtiert“ und anschliessend folgt eine Zusammenfassung der wesentlichsten Erkenntnisse. Das Ergebnis: Die untersuchten Ansätze lassen sich fast durchgängig als (implizit) alle Problemlösungsprozesse einschliessende Methoden rekonstruieren. Grössere Unterschiede zeigen sich bezüglich der Prozessstruktur. Als Fazit erweisen sich die untersuchten Beratungsansätze tendenziell als beratungstheoretisch integrative Projekte.

Zu Teil E Beratung als allgemeine, spezifische und spezielle Methode Sozialer Arbeit

Teil E löst den Integrationsanspruch durch die systematische Zusammenführung verschiedener Methoden und Submethoden von Beratungsansätzen auf der Basis von Beziehungs- und Handlungstheorien ein. Gregusch stützt ihre Konzeption von Beratung als allgemeine, spezifische und spezielle Methode Sozialer Arbeit mit zentralen empirischen Befunden zu Wirkmechanismen von Beratung ab und konkretisiert das Konzept von (allgemeiner) Beratung als sozialdiagnostischen Prozess, von (spezifischer) Beratung als gezielter Kompetenzförderung sowie von spezieller, situationsspezifischen Bedingungen Rechnung tragender Beratung.

Als Komponenten der Konzeption von allgemeiner Beratung werden verschiedene Dimensionen der Beziehungsgestaltung aus bedürfnistheoretischer Perspektive betrachtet. Anschliessend wird auf die Funktion der Problem- und Ressourcenanalyse im Rahmen allgemeiner Beratung verwiesen und das Verhältnis zwischen Problemen und Ressourcen thematisiert. Nächstes Thema sind Ziele und Aufgaben der Problem- und Ressourcendiagnostik. Gregusch spricht sich für eine Breitspektrumsdiagnostik aus, auf deren Basis sowohl die professionelle Zuständigkeit wie die Interventionsform begründet werden können. Danach systematisiert und verknüpft sie methodische Aspekte der Problem- und Ressourcendiagnostik im Rahmen allgemeiner Beratung. Beschrieben werden Formen einer durch zahlreiche Methoden und Verfahren vorgenommenen Datenerhebung und -analyse. Jedes der diesbezüglichen Subkapitel: Situationsbeschreibung – Problemhaltige Sachverhalte erforschen, Situationsanalyse – Hypothesen bilden und überprüfen, Ressourcenhaltige Sachverhalte erforschen, stellt die vorgeschlagenen Methoden, Verfahren und Instrumente gestützt auf die entsprechende Literatur vor.

In einem nächsten Schritt umreisst Gregusch die Eckpunkte spezifischer Beratung im Kontext Sozialer Arbeit. Zunächst befasst sie sich mit Kriterien zur Diagnose, Indikation und Kontraindikation spezifischer Beratung. Eine zentrale Diskussion widmet sich dem Erfordernis einer theorie- und empiriegestützten Selektions- bzw. Klassifikationsdiagnostik in der Sozialen Arbeit. Darauf folgt eine Klärung der Entscheidungsgrundlagen für spezifische Beratungsziele und -formen. Spezifische Beratung wird in zwei Varianten präsentiert, von denen eine auf die Reaktivierung vorhandener Problemlösungskompetenzen gerichtet ist, die andere auf die Aneignung von Problemlösungswissen und das Erlernen von Problemlösungskompetenzen.

Weitere Diskussionen betreffen die Unterscheidung der beratungstheoretischen Schritte von Beratung: reflexives Unterstützen oder metareflexives Lernen. Gregusch sieht Beratende nicht nur als ProzessexpertInnen, sondern auch als FachexpertInnen. Deren fachlicher Beitrag besteht darin, „die praktischen sozialen Probleme der KlientInnen stets als Probleme der Beziehung zwischen individuellem sozialem Handeln, sozialer Struktur und Kultur zu modellieren, ihre Veränderungsvorstellungen daran auszurichten und dies in der Beratungskommunikation zum Ausdruck zu bringen“ (ebd.: 290). Besonderheiten der sozialarbeiterischen Beratungsrealität werden nachfolgend in den Mittelpunkt gestellt und Variationen von allgemeiner und von spezifischer Beratung werden thematisiert.

Gregusch thematisiert auch Kontextmerkmale Sozialer Arbeit: Beratung in schwierigen Ausgangssituationen einschliesslich ethischer und machttheoretischer Fragen und den Umgang mit Kontrollaufträgen. Sie befasst sich im Weiteren auch mit beratungsbezogenen Modifikationen im Kontext unterschiedlicher niveaunaler Arrangements, so mit Bezug auf Einzel-, Gruppen-, Organisations- und Gemeinwesenberatung wie auch spezifischen Formen wie Coaching, Supervision etc. Zusätzlich werden Möglichkeiten und Grenzen von Beratung im Rahmen unterschiedlicher räumlicher Arrangements thematisiert, so in geschlossenen, halb-offenen und offenen Settings. Zum Schluss diskutiert sie unter anderem den Bedarf nach einer allgemeinen, in problem- und veränderungsbezogener Hinsicht offenen Beratung. Sie hält fest, dass der Einfluss des institutionellen und organisationellen Settings auf Beratungsprozesse ein noch wenig erforschter Bereich sei. Das illustriert sie anhand einer empirischen Studie und thematisiert davon ausgehend organisationelle Anforderungen und Bedingungen professioneller Beratung.

Zu Teil F Resumee und Ausblick

Abschliessend vermittelt die Verfasserin einen Überblick über die zentralen Ergebnisse ihrer Arbeit und thematisiert den Entwicklungsbedarf hinsichtlich transprofessioneller sowie allgemeiner und spezifischer Beratung in der Sozialen Arbeit. Den pädagogisch und psychologisch tätigen beratenden Professionen empfiehlt sie die Erweiterung der oft theoretisch zu eng gesteckten diagnostischen Bezugsrahmen wie auch die Ergänzung der hauptsächlich an Autonomie orientierten Ethiken durch Werte wie Gerechtigkeit, Teilnahme und Solidarität.

Im Weiteren schlägt sie vor, Beratungsmethoden im Rahmen interprofessioneller Kooperation genauer zu beschreiben und zu differenzieren. Das Profil spezifischer Beratung in der Sozialen Arbeit soll geschärft werden – diesem Ziel widmet sie ihre Arbeit. Die sozialarbeiterische Beratungspraxis wäre ihrer Einschätzung nach besonders im Bereich spezieller Beratung hinsichtlich unterschiedlicher Klientel, verschiedener Problematiken und Settingbedingungen weiterzuentwickeln. Als Bedingungen zur Realisierung allgemeiner und spezifischer professioneller Beratung sieht Gregusch am ehesten eine Begründung für eine „psychosoziale Beratungsdisziplin und ‚Beratungsprofessionalisierungsprofession‘“; sie sieht aber auch in interdisziplinären Forschungsprojekten und interprofessioneller Weiterbildung eine Chance zur Erweiterung des Spektrums von Beratung für alle beteiligten Professionen.

Diskussion

Dass Gregusch für ihr Dissertationsprojekt die Frage nach dem Verbindenden und Trennenden von Beratung in psychosozialen Professionen gewählt hat, weist darauf hin, dass es zu dieser Frage noch kaum zufriedenstellende Antworten gibt. Dies gilt besonders für die Soziale Arbeit, welche die Autorin mit ihrem Ziel eines Selbstverständnisses von Beratung in der Sozialen Arbeit vertritt. Sie begegnet der Frage mit einer umfangreichen analytischen und integrativen Leistung.

Was das Buch leistet. Der von Gregusch gewählte Zugang regt an, verschiedene Aspekte von Beratung in weiterführender Hinsicht neu zu denken. Nicht etwa, weil sie das Rad neu erfindet, sondern weil sie das vorhandene Wissen – quer durch die Disziplinen – verknüpft, anreichert und bestehende Konzepte zur Systematisierung und Klärung von Gemeinsamkeiten und Differenzen nutzt. Daraus ergibt sich die entscheidende Folgerung, Beratung in ihrer diagnostischen Funktion als transprofessionelle Methode zu begreifen und sie von Beratung als problemspezifischer und professionsspezifischer Interventionsmethode (in der Sozialen Arbeit wie in den anderen Beratungsprofessionen) zu unterscheiden. Diese doppelte Perspektive zieht sich – wie im Untertitel angedeutet – durch das gesamte Werk bzw. die Bearbeitung aller Fragestellungen hindurch. Indem die Verfasserin das entsprechende Verständnis von Beratung schrittweise erschliesst und dazu die Mittel theoretischer Integration nutzt, stellt sie transdisziplinäres Wissen zur Verfügung, das die Orientierung angesichts des Angebotes an Beratungskonzepten und deren Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Widersprüchen erleichtert. Zudem schliesst es ein kohärentes Begriffssystem als Verständigungsbasis innerhalb der Sozialen Arbeit wie zwischen anderen Professionen ein.

Für wen dieses Buch interessant sein könnte. Ist man sich als Berater/-in im Klaren darüber, welche Profession – die eigene eingeschlossen – für welche Beratungsprobleme zuständig ist und was Beratung in der Beratungspsychologie, in der Pädagogik und in der Sozialen Arbeit verbindet und voneinander trennt, dann wird man das Buch vor allem aus Neugier zu lesen. Wer Indikationen für Beratung kennt und die Wirkmechanismen von Beratung überblickt, kann seine Kenntnisse vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen auffrischen und anreichern. Besonders vielversprechend ist die Lektüre für alle, die interessiert daran sind, ihren Wissensstand zu überprüfen, begriffliche Missverständnisse zu eliminieren sowie den Diskurs über Beratung professionsintern und -übergreifend zu führen. Ebenso für jene, die nach einer Konzeption suchen, um verschiedene Aspekte von Beratung von einer kohärenten, anschlussfähigen Wissensbasis aus zu untersuchen oder zu entwickeln. Lehrende werden im Bestreben unterstützt, ihren Studierenden anstelle eines „Schwedenbuffetts“ an Beratungstechniken und -verfahren, eine konzeptionelle Grundlage zu vermitteln, die es erlaubt, Erlerntes zu verknüpfen und sinnvoll zu ordnen.

Wie man das Buch nutzen kann. Der differenzierte Aufbau des Buches erlaubt es, einzelne Kapitel aus dem Buch „herauszupflücken“, so etwa zur Thematik der Zuständigkeits- und Kompetenzansprüche der verschiedenen Beratungsprofessionen (Teil B) oder zur Frage des beratungstheoretisch Allgemeinen, Spezifischen und Speziellen (Teil C). Leserinnen und Leser erhalten einen Einblick in die Komponenten des Systemistischen Paradigmas Sozialer Arbeit (SPSA) sowie die darauf gestützte integrative systemistische Beratungskonzeption und können die Analyse der Gemeinsamkeiten sowie spezifischen Eigenschaften der sieben untersuchten Beratungsansätze verfolgen (Teil D). Sie lernen Wirkmechanismen bedürfnisorientierter Beziehungsgestaltung kennen, ebenso die Ziele, Aufgaben und Verfahren der Problem- und Ressourcendiagnostik im Rahmen allgemeiner diagnostischer Beratung (Teil E). Ein Tipp der Rezensentin: Ein waches Interesse an der Darstellung der Grundlagen spezifischer Beratung in der Sozialen Arbeit, von der Diagnose, Indikation und Kontraindikation bis hin zu Stabilisierung und Abschluss wird befriedigt (Teil E).

Kritik. Es liegt eine anspruchsvolle wissenschaftliche Abhandlung vor, keine „praxisbezogene Anleitung zu Beratung in drei Schritten“. Neben allen positiven Aspekten des Buches kann man dieses gleichzeitig als Zumutung erleben. Als Zumutung dann, wenn man erwartet, nach kurzer Lektüre einen inhaltlichen Überblick gewonnen und rasch erfasst zu haben, was sich unmittelbar für die Umsetzung in die Praxis eignen könnte. Der hohe Differenzierungsgrad und der minuziöse Argumentationsaufbau im Koordinatensystem des theoretischen Bezugsrahmens setzen aufmerksames und ausdauerndes Lesen voraus. Sowohl der Abstraktionsgrad als auch die Anforderungen an das Vorwissen der Lesenden sind hoch. Es gilt eine Fülle an Information zu verarbeiten. Immerhin tragen die tabellarischen Übersichten und die Resümees am Schluss jeden Kapitels viel zur Orientierung bei.

Fazit

Das Buch ist Angebot und Herausforderung zugleich: Eine grundlegende und weiterführende Auseinandersetzung mit Beratung in psychosozialen Professionen. Die Autorin leistet mit ihrer Klärung nicht nur einen Dienst für die Soziale Arbeit, sondern für alle Professionen und Disziplinen, welche Beratung als Handlungsform einsetzen. Sowohl das Spezifische wie das Gemeinsame werden benennbar und abgrenzbar. Das Gebotene schafft Orientierung und ermöglicht eine Verortung des eigenen Beratungsverständnisses mit dem Angebot, dieses zu erweitern und zu vertiefen. In diesem Sinne ist es eine Fundgrube für alle Professionellen, denen die stete Entwicklung ihres Wissens in Bezug auf Beratung ein Anliegen ist. Und die sich durch die fruchtbaren Zugänge zum Thema motivieren lassen. In derselben Weise vermögen auch Lehrende im Bereich Methoden zu profitieren. Wer seriöse theoretische Grundlagen als unverzichtbar für professionelles Handeln erachtet, erhält mit diesem Buch wertvolles integriertes und integrierendes Orientierungswissen.


Rezensentin
Maria Solèr
MA in Sozialer Arbeit Wissenschaftliche Mitarbeiterin Fachhochschule Nordwestschweiz Hochschule für Soziale Arbeit Institut Soziale Arbeit und Gesundheit
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Maria Solèr. Rezension vom 05.04.2017 zu: Petra Gregusch: Auf dem Weg zu einem Selbstverständnis von Beratung in der Sozialen Arbeit. Beratung als transprofessionelle und sozialarbeitsspezifische Methode. socialnet Verlag (Bonn) 2016. ISBN 978-3-936978-04-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21812.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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