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Norbert Nicoll: Adieu, Wachstum!

Cover Norbert Nicoll: Adieu, Wachstum! Vom Ende einer Erfolgsgeschichte. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 431 Seiten. ISBN 978-3-8288-3736-2. D: 18,95 EUR, A: 18,95 EUR.
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Thema

Die schon als säkular zu bezeichnende wirtschaftliche Stagnation veranlasst zusammen mit der festgestellten Verknappung von Rohstoffen immer mehr Wissenschaftler*innen, nach den Grenzen des Wachstums zu fragen, und zwar unter rein wirtschaftlichen, aber auch unter ökologischen Aspekten. Denn vielen wird bewusst, dass der entfesselte globale Kapitalismus den Planeten überfordert. Ist ein Kapitalismus ohne Wachstum denkbar? Und wie lange können wir in den Metropolregionen uns den luxuriösen Lebensstandard noch leisten? Was müssen wir tun? Das sind die Fragen des Autors.

Autor

Nicoll hat in Politikwissenschaft promoviert und lehrt an der Universität Duisburg-Essen im Themenbereich Nachhaltige Entwicklung. „Über das Ende des Wachstums und die kommenden Krisen“ hat er bereits 2011 ein Buch publiziert. Ein Taschenbuch über den Neoliberalismus erschien 2013. Nicoll ist Mitglied der NGO Attac (Klappentext), die er 2005 in einer Publikation vorgestellt hat.

Aufbau und Inhalt

Das umfangreiche Werk ist in 28 Kapitel untergliedert. Darüber zeigen sieben Überschriften an, was in den jeweils nächsten Kapiteln thematisch im Fokus ist. Der bekannte Wachstumskritiker Ulrich Brand (Univ. Wien) hat ein Geleitwort verfasst.

Da es unmöglich ist, im Rahmen der Rezension auf die vielfältigen thematischen Aspekte einzugehen, sei auf das Inhaltsverzeichnis auf der Verlagshomepage verwiesen.

Nicoll lässt die Leser*innen anfangs wissen, dass er mit der Schrift „kein streng wissenschaftliches Buch, sondern ein politisches“ vorlege (10). Ja, er bezeichnet es bescheidenerweise sogar als Sachbuch. Dabei werden alle Daten und Aussagen auf das Gewissenhafteste in Fußnoten belegt. Den Kriterien der Wissenschaftlichkeit fügt sich das Buch nur insofern nicht, als darin keine fachspezifische Fragestellung mit entsprechender Methodik verfolgt wird. Wie das Inhaltsverzeichnis verrät, greift der Verf. Gesichtspunkte, Argumente und Fakten aus der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaft, der Ökologie, den Naturwissenschaften, der Geologie und Soziologie auf, die er als Politikwissenschaftler in einen politischen Kontext stellt. In manchen Passagen scheut er auch nicht philosophische Reflexionen.

Seine „Provokation“ am Anfang besteht in einer Warnung: „Wir verbrauchen heute in einem Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde im gleichen Zeitraum zur Verfügung stellt bzw. regenerieren kann“ (13). Das ist der Auftakt zu einer Abhandlung, in der auf mehr als 400 Seiten die Unverträglichkeit und mangelnde Nachhaltigkeit unserer Produktions- und Lebensweise unter wechselnden Perspektiven beleuchtet wird.

Nachdem der Blick auf die „Vielfachkrise“ gelenkt, die exponentielle Entwicklung von Weltsozialprodukt und Ressourcenverbrauch veranschaulicht und an den Klimawandel erinnert wurde, verdeutlicht Nicoll das Versagen der Politik und die Ignoranz und Abwehrhaltung von uns allen. Dann holt er in einem historischen Exkurs weit aus, um im Rückblick auf die Neolithische Revolution das verhängnisvolle Spezifikum der Industriellen Revolution oder m.a.W. den Unterschied zwischen Agrargesellschaft und modernem Naturverhältnis sowie zwischen Feudalismus und Kapitalismus zu verdeutlichen (Kapitel 2 bis 10).

Nach der Erläuterung der beiden Hauptsätze der Thermodynamik, also des Entropie-Problems, werden in sieben Kapiteln die Triebkräfte und Folgen des ungebremsten Wachstums durchleuchtet. Anfangs macht der Verf. vor allem auf den exponentiellen Charakter der Wachstumsprozesse aufmerksam, wobei er durchaus auch auf die Möglichkeit höherer Ressourcenproduktivität und nicht nur auf den damit einhergehenden Ressourcenverbrauch verweist. Andererseits werden der Konsumismus und die sinkende Arbeits- und generell sinkende Faktorproduktivität in Anschlag gebracht (Kapitel 11 bis 18).

Thema der Kapitel 19 bis 23 ist die Erschöpfung der Öl- und Erdgasvorkommen, wobei Nicoll klar stellt, dass Peak Oil noch lange nicht das Aus der Förderung bedeutet. Aber die sinkende Nettoenergie, bedingt durch den steigenden Energieaufwand bei der Förderung, wird als nicht weniger bedrohlich eingeschätzt. Unter anderem ist zunehmende Umweltzerstörung damit verbunden. Als Problem wird die vielseitige Abhängigkeit des fossilen Kapitalismus vom Öl gesehen, so dass das Ende dieser Ära nur auf Kosten Umwelt aufschiebbar ist.

Im letzten Teil (Kapitel 24 bis 28) geht es um die voraussehbare generelle Erschöpfung der industriellen Ressourcen (peak everything) und um die Gefährdung der Ernährungssicherheit unter den derzeit gegebenen Bedingungen. Auch wird das geopolitische Konfliktpotential bei zunehmender Rohstoffknappheit zu Bewusstsein gebracht.

In seinem Schlusswort „Was tun? Gut leben statt unendlich wachsen!“ greift Nicoll die Ideen der Degrowth-Bewegung auf, wobei er Bodenhaftung bewahrt und zum Beispiel davor warnt, einen Keil zwischen Ökologen und Gewerkschaften zu treiben. Er plädiert für eine schrittweise „Wachstumsrücknahme“.

Diskussion

Das Buch ist nicht nur dem Umfang nach, sondern auch hinsichtlich der interdisziplinären Zugänge eine Wucht. Bei seiner Tour de Force durch Ökologie, Ökonomie, Soziologie, Geologie, Geschichts- und Politikwissenschaft wirkt der Autor nie fachlich überfordert. Naturwissenschaftliche Zusammenhänge beispielsweise werden, wenn sie zu einem Teil des Argumentationsgangs gemacht werden, didaktisch kompetent erläutert. Hervorhebens wert ist überhaupt das Bemühen, wissenschaftliche Konzepte oder Fachausdrücke für jedermann verständlich zu machen (z.B. Energie, Entropie, Unterschied zwischen BSP u. BIP). Was der Verf. an Literatur verarbeitet hat, ist horrend, wie das seitenlange Literaturverzeichnis verrät, das leider nur im Internet zugänglich ist. Eine neue Einsicht, wenn auch an Altvater (2009) angelehnt, eröffnen die Ausführungen über die fossilen Energieträger, zuerst die Kohle, als Bedingung der Möglichkeit kapitalistischer Produktion. Sehr sachkundig wird die Frage beantwortet, ob eine absolute Entkoppelung von Ressourcenverbrauch und BIP denkbar ist (161 ff.). Bemerkenswert findet der Rezensent, dass Nicoll auch klischeehafte Überlieferungen korrigiert (Beispiel Malthus, 373ff.). Fragen kann man sich nach der Lektüre lediglich, ob der weit ausholende historische Rückgriff am Anfang notwendig gewesen wäre. Und auch an anderen Stellen hätte ein Lektor vielleicht Kürzungsmöglichkeiten gesehen. (Wozu z.B. die Auseinandersetzung mit dem Evolutionspsychologen St. Pinker, 379f.?)

Fazit

Das Buch erfüllt alle Voraussetzungen, um zum Standardwerk beim Thema Grenzen des Wachstums zu werden. Wer sich mit dieser immer brennender werdenden Frage intensiver auseinandersetzen möchte – und eigentlich wird das für alle mit akademischer Lesekompetenz zu einem „Must“ – dem oder der ist die Lektüre dringend zu empfehlen. Wohl um den Buchpreis in Grenzen zu halten, wurden Literaturverzeichnis und weitere Quellen nicht im Buch abgedruckt, sondern werdeb auf der Verlagshomepage vorgehalten.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 12.12.2016 zu: Norbert Nicoll: Adieu, Wachstum! Vom Ende einer Erfolgsgeschichte. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. ISBN 978-3-8288-3736-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21814.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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