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Anja Steingen, Melanie Gehring-Decker u.a.: Mädchengewalt. Verstehen und Handeln

Cover Anja Steingen, Melanie Gehring-Decker, Katharina Knors: Mädchengewalt. Verstehen und Handeln. Das Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 496 Seiten. ISBN 978-3-525-70161-4. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 50,90 sFr.
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Thema

Wenn von Anti-Gewalt-Programmen die Rede ist, ist die Zielgruppe in der Regel männlich. Spezielle theoretische Ansätze und in der Praxis erprobte Programme für Mädchen und junge Frauen fehlen. Diese Lücke will der über 450 Seiten starke Band in Theorie und Praxis schließen.

Autorinnen

Alle drei Autorinnen kommen aus dem Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen der Fachstelle für Gewaltprävention der Arbeiterwohlfahrt Köln.

  • Anja Steingen ist Diplom-Psychologin, Anti-Aggressivitätstrainerin und zertifizierte Kinderschutzfachkraft. Sie ist langjährige Trainerin im Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen.
  • Die Sozialpädagogin Melanie Gehring-Decker ist seit 15 Jahren in der Anti-Gewalt-Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen und im speziellen Programm für Mädchen aktiv.
  • Die Sozialpädagogin Katharina Knors hat von 2008 bis 2009 im Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen mitgearbeitet. Seit 2010 wirkt sie in der vollstationären Betreuung von Mädchen.

Alle drei Autorinnen sind Fachpädagoginnen für Psychotraumatologie.

Entstehungshintergrund

Modelle des Anti-Gewalt-Trainings für Jungen und junge Männer können nicht einfach in die Arbeit mit Mädchen übernommen werden. Zu unterschiedlich sind die gesellschaftlichen und individual-psychologischen Hintergründe, Zuschreibungen und Erwartungen. Die Kölner Fachstelle für Gewaltprävention der Arbeiterwohlfahrt hat sich dieser Herausforderung gestellt und seit 2004 das erste deutsche Anti-Gewalt-Training für Mädchen entwickelt, das 2010 vom Deutschen Jugendinstitut wirkungsevaluiert wurde.

Aufbau, Inhalt und Diskussion

Das Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen ist ein individualpräventives Programm für mehrfach gewalttätige Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren.

Das geschlechtersensible Programm, das die Arbeit in kleinen Gruppen mit flankierenden Einzelgesprächen verknüpft, hat seine theoretischen und lerntheoretischen Wurzeln in folgenden Ansätzen, die die Autorinnen im ersten Teil des Buches darlegen und zielgruppenspezifisch erläutern:

Aus dem Kreis der psychodynamischen Konzepte verbindet das Projekt die Theorie lebenslangen Lernens von Erik Erikson mit Konzepten von Bewältigung, Abwehr und Fragmentierung als Antwort auf Herausforderungen aus der Umwelt. Traumapädagogik und Ansätze kognitiver Lerntheorien (Verstärkungslernen, Lernen am Modell) ergänzen die (lern-)theoretische Basis.

Nach der theoretischen Basis beschreiben die Autorinnen den gesellschaftlichen Stellenwert von Mädchengewalt im Hell- und Dunkelfeld, um sich dann den komplexen Hintergründen von Mädchengewalt bei den Teilnehmerinnen des Programms zuzuwenden. Einfache Kausalmodelle eignen sich nicht, um die komplexen Entwicklungen zu begreifen, die schließlich in gewalttätiges Verhalten münden. Signifikante Unterschiede gibt es zum Beispiel in den Entwicklungslinien abhängig vom Alter, in dem massiv gewalttätiges Verhalten zum ersten Mal auftritt. Bei allen Unterschieden haben die meisten Mädchen eigene Gewalterfahrungen und komplexe Traumatisierungen erlebt und überlebt und Schaden in ihrer Entwicklung genommen.

Im zweiten Teil des Buches wird unter dem Obertitel „Veränderungen ermöglichen“ das praktisch-didaktische Gerüst des Programms beschrieben.

Die meisten Mädchen, die am Programm teilnehmen, kommen durch das Jugendgericht zur Teilnahme, einige aber auch durch das Jugendamt, die Schule oder die stationäre Einrichtung, in der sie leben. Das Programm schließt neben sexuell, religiös und politisch motivierte Täterinnen auch solche aus, die ausschließlich ihre Kinder misshandeln, aus der organisierten Kriminalität kommen oder eine Amoktat begangen haben. Für solche Täterinnen müssten aus Sicht der Autorinnen spezielle Angebote geschaffen werden. Auch manifeste Sucht und akute Psychosen stellen Ausschlusskriterien dar.

Die teilnehmenden Mädchen werden zunächst zu Informations- und Auswahlgesprächen gebeten, in denen entschieden wird, ob sie am Gruppenprogramm teilnehmen können. Die 20 wöchentlichen Sitzungen des Programms finden zwischen 16 Uhr nachmittags und 21 Uhr abends statt und folgen einem festen Ablauf, der den Mädchen Orientierung und Halt gibt. Die pädagogisch-therapeutischen Hilfestellungen sind jedoch vielfältig und differenziert, denn ebenso komplex wie die Ursachen gewalttätigen Verhaltens der Mädchen müssen aus Sicht der Autorinnen die pädagogischen und therapeutischen Antworten ausfallen. Auch auf den ersten Blick widersprüchliche Methoden (z.B. der lösungsorientierte Ansatz, die Traumapädagogik, konfrontative Pädagogik und kognitive Verhaltenstherapie) bilden aus Sicht der Autorinnen unterschiedliche, aber sich ergänzende Sicht- und Herangehensweisen an die komplexen Situationen und ermöglichen je auf ihre Art hilfreiche Veränderungen in Richtung angemessener Verhaltensweisen der einzelnen Mädchen.

Große Ziele des Programms sind schrittweise: psychische Stabilisierung der Mädchen, Förderung der Bindungssicherheit, Förderung der Ich-Entwicklung (beispielsweise Förderung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit), Förderung der emotionalen Entwicklung, Förderung veränderter Einstellungen und Überzeugungen zu Gewalt und Förderung der sozialen Entwicklung.

Der Theorieteil des Buches ist klar gegliedert und legt stringent und mit zahlreichen Literaturverweisen die Basis der Arbeit dar. Im Praxisteil wird die tägliche methodische Arbeit im Programm beschrieben. Mit vielen Transkripten aus Einzel- und Gruppensettings schildern die Autorinnen sehr anschaulich die Anwendung der einzelnen Methoden entlang ihrer pädagogischen und therapeutischen Ziele.

Das Schlusskapitel ist der Evaluation durch das Deutsche Jugendinstitut gewidmet. Das Buch endet in einem Fazit zum politisch-gesellschaftlichen Rahmen, in dem auch Programme wie das vorliegende an ihre Grenzen stoßen.

Fazit

Das Buch ist bei aller Detailliertheit der theoretischen und praktischen Ausführungen stets spannend zu lesen, verbindet Theorie und Praxis in ganz stringenter Weise und zeigt, was Reflexion und methodische Planung auch in komplexen und brisanten Handlungsfeldern vermögen.

Der Stil des Buches ist bei allem theoretischen Anspruch stets verständlich und praxisbezogen.

Das Buch stellt nicht nur ein Grundlagenwerk für die Anti-Gewalt-Arbeit mit Mädchen dar, sondern ist für alle hilfreich, die in ihrer täglichen Arbeit mit Gewalt und/oder Einzel- oder Gruppenarbeit im Zwangskontext befasst sind sowie für alle, die mit Mädchen im stationären Kontext arbeiten.

Es sollte in keiner Bibliothek Sozialer Arbeit fehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 27.03.2017 zu: Anja Steingen, Melanie Gehring-Decker, Katharina Knors: Mädchengewalt. Verstehen und Handeln. Das Kölner Anti-Gewalt-Programm für Mädchen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-70161-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21815.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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