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Peter Stemmann: Mini-Handbuch Enneagramm

Cover Peter Stemmann: Mini-Handbuch Enneagramm. Das 81-Stufen-System für mehr Klarheit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 203 Seiten. ISBN 978-3-407-36615-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

„Erkenne dich im Enneagramm und die Welt offenbart sich dir.“ Seit einiger Zeit interessiere ich mich für das Enneagramm, um mich selbst und andere besser verstehen zu lernen. Dabei habe ich festgestellt, dass es sehr verschiedene Herangehensweisen gibt von sehr christlich über psychologisch bis zur sogenannten mündlichen Tradition (siehe auch www.socialnet.de/rezensionen/17628.php).

Ich komme am besten mit einer Sichtweise zurecht, die die Beschreibungen der verschiedenen Typen als Hilfsmittel zur Erkenntnis sieht, als Anregung, bei sich zu forschen, was die Motive für mein Handeln und Fühlen sein können. (Richtig gelesen: Warum fühle ich Wut oder Ärger, wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt? Das muss ich nicht!)

Daher nahm ich dieses „Mini-Handbuch“ gerne zur Kenntnis in der Hoffnung auf weitere und tiefere Er-kenntnis-se.

Autor

Korai Peter Stemmann ist Zenlehrer, freier Coach, Trainer und Vice-President der European Coaching Association. (homepage: www.korai.eu)

Entstehungshintergrund

Auf dem Buchdeckel empfiehlt der Autor dieses Buch zum Selbststudium wie auch als Teilnehmerunterlage für Trainer, da es didaktisch und methodisch als Lehrvariante angelegt sei. Eine Leseprobe findet sich unter www.beltz.de, der empfohlene Enneagrammpraxistest auf derselben Web-Seite war nicht auffindbar.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

  1. In der Einführung (10 Seiten) werden die neun Enneagramm-Typen jeweils kurz – in zwei Sätzen – sowie ein sogenanntes „Kontinuum der 9 Charakterstufen“ jeden Typs als Tabelle dargestellt.
  2. Im zweiten Teil „Das Enneagramm“ (60 Seiten) werden die „Weisheit des Enneagramms“ und mathematischen Zusammenhänge bzw. zahlenmäßige Gegebenheiten beschrieben. Es folgt eine ausführliche Erläuterung der neun Enneagramm-Typen.
  3. Der dritte Teil beschreibt auf 120 Seiten „Das filigrane Delta der 72 Nebenströme im Enneagramm“. Mit Bezug auf die Tabellen aus der Einführung „…finden wir die ganze Bandbreite der Entwicklungsstufen vom Niederen bis zum Höheren…Wer sich einmal darin gefunden hat, kann nichts mehr davon verlieren, denn er kennt seinen Weg und seine Richtung.“ (S. 83) Ein großartiger Anspruch, wird er eingelöst und wenn ja, wie viele?

Inhalt

Das Buch beginnt in Teil 1 mit einem praktischen Beispiel – einer kleinen Geschichte über einen Motorradfahrer, der seinen Weg sucht – als Allegorie für den Lebensweg.

Es folgt das „Kontinuum der Charakterstufen“, das sind tabellarische Übersichten für alle neun Typen des Enneagramms; und liest sich dann zum Beispiel so für:

„Die Eins

entwickelt

Stufe 1

der weise Realist

S.97

Stufe 2

der vernunftbegabte Mensch

Stufe 3

der prinzipentreue Leehrer

durchschnittlich

Stufe 4

der idealistische Reformer

Stufe 5

der Ordnungssüchtige

Stufe 6

der besserwisserische Perfektionist

pathologisch

Stufe 7

der intolerante Prinzipienreiter

Stufe 8

der zwanghafte Heuchler

Stufe 9

der gnadenlose Rächer“

(S. 13).

In dieser bzw. weiteren acht Tabellen soll sich jedeR verorten und kann im dritten Teil ausführliche Beschreibungen dazu finden.

Der zweite Teil beschreibt die Geschichte des Enneagramms seit dem Mittelalter und die Verfestigung dieser Lehre seit den 1960er-Jahren. Ausführlich wird auf die Neuner-Symbolik eingegangen, und Bezüge zu den neun Sphären des Universums, neun Musen im klassischen Griechenland, im Feng-Shui, usw. hergestellt; „auch in China durchzieht die Zahl Neun die gesamte Mythologie“ (S.20).

Die „Menschen haben zu allen Zeiten und in allen Kulturen versucht, die Welt zu verstehen und zu erklären.“ (S.22) Das Enneagramm bietet ein Modell dazu, indem es die Gesamtperspektive als eine Kreisbahn darstellt, auf der neun Punkte liegen, die sternförmig als eine Figur verbunden sind. Die Punkte stehen für jeweils unterschiedliche Möglichkeiten die Welt wahrzunehmen. Diese neun Typen werden unter 20 Aspekten ausführlich mit je 4-5 Seiten Text beschrieben.

Hier drei Aspekte für den Enneagrammtyp Zwei: „Die Zwei: der alterozentrierte Menschenfreund

  • Archetyp der Seele: Dein Opfer! Diese Welt braucht Hilfe und du gibst sie ihr. Du selbst hast dir die zu liebenden Personen ausgesucht. Egal, ob diese das wollen oder nicht: du hilfst- du opferst dich auf- du schmeichelst dich ein! Heimlich und unbewusst erwartest du Dankbarkeit, aber sie bleibt dir versagt. Deshalb belohnst du dich selbst. Du hältst es für Liebe, aber die Wahrheit ist anders: Es ist Egoismus! Das ist es, was dich treibt. Tief in dir glaubst du: `Ich werde gebraucht!´ Deswegen erkennst du nicht, wer die meiste Liebe braucht: du selbst. Erkenne deine Liebesbedürftigkeit und verstecke dich nicht hinter deinem Stolz und die Welt wird harmonisch!“ (S.34)
  • „Enneagrammthema: die Zwei will Liebe, Zustimmung und die Erfüllung ihrer persönlichen Bedürfnisse durch die Sorge um andere erhalten. Deswegen ist es nötig, anderen zu geben, was diese brauchen. Dummerweise erwartet sie Belohnung dafür, und weil diese ausbliebt, führt das in einen Kreislauf.
  • Stärke: die Zwei ist hilfreich und gebend, romantisch und empfindsam. Dafür entwickelt sie unglaubliche Energien. Sie ist lebendig und ausdrucksstark und mit einem großen Willen ausgestattet.“ (S.35)

Der dritte und Hauptteil des Buches handelt von den 72 „Charakterstufen“, dazu nutzt der Autor das Bild eines Flussdeltas, in dem am Ende alle (Neben-)Ströme in ein großes Meer fließen, auf dieser (höchsten) Stufe gibt es daher keine Unterscheidung mehr.

Jeder Enneagramm-Typ befindet sich auf einer von neun Stufen von pathologisch über durchschnittlich bis hin zu entwickelt; die höchste Stufe als am meisten entwickelte Form wird Erlösung genannt und wird entsprechend der asiatischen Philosophie als „ewig, heiter, selbstlos und rein“ bezeichnet, die typenmäßige Differenzierung entfällt. Das ergibt 9 mal 8 = 72 Charakterstufen, die hier nach folgender Gliederung näher beschrieben sind:

  • „Enneagrammnummer
  • Stufe …auf der Entwicklungsleiter…
  • Qualität (pathologisch, durchschnittlich oder entwickelt)
  • Benennung ( z.B. der gnadenlose Rächer)
  • Anspruch: wie diese Enneagrammnummer die Welt anspricht und wie sie sich von ihr ansprechen lässt
  • Antwort: Das ist ihre tiefe Motivation, die ihrem Denken und Handeln zugrunde liegt
  • Verantwortung: Hier wird festgehalten, was sie über die Folgen sagt, die sich aus der Begegnung mit der Welt für sie individuell ergeben
  • Störung: …was sie vom Aufstieg in die nächste Entwicklungsstufe trennt.
  • Chance: die Tür zur Weiterentwicklung…
  • Ziel: die große Überschrift des Entwicklungsgipfels…
  • Metapher: eine Entsprechung …in einem Zitat“ (S.83f.)

Auch hier wieder ein Beispiel für Enneagramm-Typ Sechs: „Auf Stufe 3, der engagierte Freund:…

  • Anspruch. Sie hat wenige echte Freundschaften, weil sie bisher oft enttäuscht wurde. Sie schützt sich vor Frustrationen, indem sie sich niemandem aufdrängt…sie liest zwischen den Zeilen und stellt Vermutungen an…durch Zuneigung und Wärme versucht sie sich die Zuneigung der Freunde zu sichern.
  • Antwort. Vorsicht, Ratschläge, Deutungen. Sie verhält sich abwartend, weil sie viel Zeit braucht, um eine Sache von allen Seiten abzuwägen. Sie zögert, denn sie sieht zuerst die Gefahr…
  • Störung. Sie wirkt nicht nur unsicher, sie findet tatsächlich die ganze Welt unsicher. …sie hält die Medien für ein relevantes Abbild der Welt…zwei Airbags sind besser als einer.
  • Chance: Überwindung der Verängstigung
  • Ziel: Ausgleich, Polarität
  • Metapher: `Unser Leben ist das, was unsere Gedanken daraus machen (Marc Aurel)´“ (S.159 f.)

Nach der entsprechenden Auflistung für alle 72 Entwicklungsstufen schließt der Band mit zwei Seiten Literaturhinweisen zum Thema.

Diskussion

In der Einleitung verspricht der Autor: „Direkt und ohne Umwege erhältst du dein individuelles Rezept zur wirksamen Einflussnahme auf dich selbst…und mit etwas Übung erkennst du auch andere und kannst dich effektiv darauf einstellen“(S. 10)

Das halte ich für etwas gewagt und in Bezug auf andere für an der Grenze zur Manipulation. Aufgrund von Überschriften wie „Der intuitiv Lebende“ oder „Der durchsetzungsfähige Narzisst“ soll ich mich erkennen! Das „Rezept“ für „Der intuitiv Lebende“ lautet dann: „Überwindung der Schwerelosigkeit. Sie befasst sich ausschließlich mit schweren Themen, weil sie diese für leicht hält. Sie könnte lernen, für individuelle Themen auch unterschiedliche Werkzeuge einzusetzen.“ (S.135)

Diese Art von Rezepten liefert der Autor mit diesem Handbuch. „Das Enneagramm zeigt das Kontinuum der Entwicklung, die immer gleiche Form der Entwicklung…bis zur höchsten Stufe…“(S.27) „Wir Menschen entwickeln uns den Lebenszyklen gemäß vom Säugling bis ins hohe Alter. Dabei gibt es zwei Qualitäten in der finalen Ausprägung: entweder werden wir kindisch oder weise! Welche Stufe der hohen Weisheit wir ansteuern, entscheidet jeder für sich in einem ganz bestimmten Moment: Jetzt! …Wie man die Spirale des Lebens erklimmt und wie man den Absturz vermeidet, das sagt uns das filigrane Delta der 72 Nebenströme im Enneagramm.“(S.83)

Der Autor setzt Charakterstufe mit Entwicklungsstufe gleich und geht alternativlos von einer vertikalen Entwicklung aus, dem ich so nicht zustimme.

Ich vermisse in der gesamten Darstellung die Einteilung in die drei Zentren Kopf, Herz und Bauch als Basis für die weitere Differenzierung. Diese Zentren spielen in allen mir bekannten Veröffentlichungen eine grundlegende Rolle, ihnen sind dann jeweils drei Typen des Enneagramm zugeordnet.

M.E. bietet das Enneagramm als Modell Entwicklungsmöglichkeiten, indem man am Ausgleich der drei Zentren arbeitet und/oder die Hinweise beachtet, die sich aufgrund der Verbindungsstrahlen (so ist z.B. die 1 mit der 4 und der 7 auf der Kreisbahn verbunden), als Entwicklungslinien nutzen lassen.

Da der Autor nur in der vertikalen Richtung „arbeitet“, fehlen diese Aspekte! Der Autor geht lediglich auf die sogenannten Flügel ein, je nachdem zu welchem Nachbartyp jemand neigt. Eine Dreiteilung wird im Zusammenhang mit der „christlichen Trinitäts- und Neunersymbolik“ erwähnt.

Die Gliederung des Buches von differenzierten Entwicklungsstufen zu generalisierten Typen und anschließender Erläuterung des Enneagramms vom Ursprung her finde ich nicht gelungen. Für nicht mit dem Enneagramm Vertraute kann das verwirrend sein. Als Handbuch mit Nachschlagecharakter ist die Reihenfolge eher nachrangig.

Fazit

Für Menschen, die bei K. P. Stemmann in einer Ausbildung zum Enneagramm-Lehrer/Berater sind, ist das Handbuch hilfreich, weil es verschriftlichtes Lehrmaterial darstellt; für alle, die andere Konzepte kennen oder eventuell das Enneagramm noch gar nicht kennen, stelle ich mir den Zugang schwierig vor. Es fehlt zudem eine Darstellung der drei grundlegenden Zentren Kopf, Herz und Bauch.


Rezensentin
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin BM e.V., tätig u.a. im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
Homepage www.sabine-kamp.de
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Zitiervorschlag
Sabine Kamp-Decruppe. Rezension vom 08.12.2016 zu: Peter Stemmann: Mini-Handbuch Enneagramm. Das 81-Stufen-System für mehr Klarheit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-36615-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21820.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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