socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marcus Roth, Victoria Schönefeld u.a. (Hrsg.): Trainings- und Interventions­programme zur Förderung von Empathie

Cover Marcus Roth, Victoria Schönefeld, Tobias Altmann (Hrsg.): Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie. Ein praxisorientiertes Kompendium. Springer (Berlin) 2016. 212 Seiten. ISBN 978-3-662-48198-1. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Die insgesamt 15 Kapitel sind einzeln für 29,69 € zu kaufen - der Preis liegt dann aber höher als für das gesamte e-book mit 22,99 ISBN 978-3-662-48199-8.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das einleitende erste Kapitel der HerausgeberInnen weist auf Verbreitung und Modernität des Empathiebegriffs hin, der in die Alltagssprache eingegangen sei, aber üblicherweise nicht näher definiert werde. Unter Bezugnahme auf Lipps und Titchener wird das nachgeholt und sowohl auf die kognitiven und affektiven Aspekte (einschließlich Messbarkeit) als auch auf neuronale Netzwerke verwiesen. Die Autoren stellen die zentralen Fragen, ob Empathie eine anthropologisch vorhandene Eigenschaft, eine erlernte Fähigkeit oder eine situativ variierende Verhaltensweise ist. An diesen Fragen arbeiten sich alle weiteren Beiträge im Theorieteil ab und kommen zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.

Überwiegend wird Empathie als Teilkomponente der sozialen Kompetenz angesehen. Die HerausgeberInnen nennen als Ziel des Buches: „Mit dem vorliegenden Kompendium soll daher ein Überblick über die wichtigsten Programme gegeben werden.“ (S. 6) Ob wirklich die wichtigsten ausgewählt wurden, kann ich kaum beurteilen und hängt wohl auch vom Arbeitsfeld ab, aber der Überblick wird den LeserInnen sehr gut vermittelt. Das Werk beeindruckt durch den klaren Aufbau der einzelnen Beiträge und die Vielfalt von Empathie-Programmen.

HerausgeberInnen und weitere AutorInnen

Die Herausgeber sind PsychologInnen:

  • Marcus Roth ist Universitätsprofessor für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik sowie der Entwicklung psychologischer Messverfahren.
  • Victoria Schönefeld ist Diplom-Psychologin und Mitarbeiterin an der Professur für Differentielle Psychologie der Universität Duisburg-Essen. Sie ist ausgebildet in Personenzentrierten Basiskompetenzen gemäß der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie. 
  • Tobias Altmann ist promovierter Diplom-Psychologe und Mitarbeiter an der Professur für Differentielle Psychologie an der Universität Duisburg-Essen. Er ist ausgebildeter Mediator und qualifiziert in der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg.

(Verlagsangaben)

Bei den insgesamt 23 weiteren AutorInnen, die auf den Seiten XIII-XV kurz vorgestellt werden, handelt es sich ganz überwiegend ebenfalls um PsychologInnen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 13 Kapitel, die jeweils Trainings- und Interventionsprogramme beschreiben, sowie ein Einleitungs- und ein Schlusskapitel. Die 13 inhaltlichen Kapitel sind alle nach einer einheitlichen Struktur aufgebaut mit Zielsetzung, Anwendungsbereich, theoretischem Hintergrund. Außerdem wird etwas über die Entwicklung der Programme ausgeführt; sie werden näher beschrieben (zzgl. tabellarischem Überblick über einzelne Module). Ferner geht es um die Durchführungsdauer und ggf. unterschiedliche Versionen und ihre empirische Bewertung, die sich in der Regel auf Ergebnisse quantitativ-statistischer Evaluationen bezieht. Schließlich gibt es Angaben zum Finden des jeweiligen Manuals bzw. einer detaillierteren Beschreibung und zur Literatur. Bei zwei Kapiteln handelt es sich um Übersetzungen dänischer und niederländischer Beiträge.

Die ersten sechs folgenden Programme wenden sich an Schüler bzw. Kinder. Ich hatte beim Lesen einerseits Kay Pranis´ (2000) [1] Hinweis im Kopf, dass unsere heutigen Gesellschaften Kindern bei grenzüberschreitendem Verhalten keine Rückmeldung mehr geben (ausgenommen Professionelle und Eltern), andererseits das Buch „Kalte Kinder“ von Eissele (2009) [2], die beschreibt, wie unsere Gesellschaft in zunehmendem Maße unempathische, narzisstische Wesen hervorbringt.

Inhalt

Im Einzelnen geht es im Kap. 2 von Michael Behr & Gernot Aich „Emotionale Kompetenzen in Schulklassen und Kindergruppen fördern – Das Programm ‚Mich und Dich verstehen‘“ um ein Programm für Grundschüler zur allgemeinen Förderung emotionaler Kompetenzen im Sinne primärer Prävention, das durch (Klassen-)Lehrer umgesetzt wird. Dieses auf Theorien von Carl Rogers, Thomas Gordon und Richard Lazarus basierende Programm des Zugangs zum eigenen Gefühlsleben sei auch für die Heimerziehung geeignet. Ziel ist es, Gefühle erleben und ausdrücken zu können, ohne andere zu verletzen. Die Evaluationsergebnisse sind ohne statistische Kenntnisse schwer nachvollziehbar, lassen sich auf den Nenner bringen, dass eine Verbesserung der Emotionswahrnehmung und des Umgangs mit Stress und Angst, nicht notwendigerweise jedoch des Sozialverhaltens eintritt. Autoren wie Pepinsky[3], der Empathie als „emotional glue that binds people together in respect and dignity“ (2008: 188) bezeichnet, sehen darin allerdings den zentralen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben.

Im Programm „Soziales Lernen in der Schule“, das Anna Haep & Gisela Steins vorstellen, ging es ursprünglich um 12-15jährige SchülerInnen (später Versionen für jüngere und FörderschülerInnen) sowie Lehramtsstudierende. Angelehnt an rational-emotive Verhaltenstherapie, die die meisten Gefühle als sozial konstruiertes Resultat von Sozialisation begreift, sollen LehrerInnen die Welt aus der Perspektive der Schüler sehen. Hilfreich sei – auch in post-faktischen Zeiten, Anm. OH – eine an der Realität orientierte Bewertung „problematischer Situationen“. Sprache gilt dabei als zentrales Werkzeug. Das Programm wird über einen langen Zeitraum (ein Jahr) kontinuierlich praktiziert. Dabei sei die allgemeine Atmosphäre sehr wichtig. Dann ist es geeignet, auf Basis emotionaler Kompetenzen soziale Kompetenzen auszubilden, aber nur bei motivierten Schülern effektiv! Studierende erwerben „Classroom-Management-Kompetenz“.

Andreas Schick & Manfred Cierpka stellen das in vielen Kindergärten und Schulen bereits angewandte Programm „Faustlos“ vor, die deutsche Adaption des US-amerikanischen „Second Step“. Inhaltlich geht es um das Nachspielen von sechs Basisgefühlen und das persönliche Erleben unterschiedlicher Gefühle bzgl. derselben Sache, die Änderung von Gefühlen im Zeitverlauf und darum, Gefühle anderer zu antizipieren, also um soziale Informationsverarbeitung und Impulskontrolle. Neben der ursprünglichen Version für jüngere Kinder wurde eine Version für die Sekundarstufe entwickelt, die spezifisch an das europäische schulische Umfeld angepasst wurde, insbesondere im Hinblick auf peer-to-peer learning beispielsweise in Gruppendiskussionen. Aufgrund seiner längeren Existenz wirkt das Programm recht elaboriert. 90% der Lehrkräfte und ErzieherInnen würden es trotz einiger Kritikpunkte weiterempfehlen.

Franz & Ulrike Petermann sowie Dennis Nitkowski benennen ihren Ansatz lapidar als „Emotionstraining in der Schule“. Obwohl auch hier von Primärprävention die Rede ist, geht es um Angst und Depression, die auf Defizite beim Ausdrücken/Verarbeiten von Emotionen bereits im Vorschulalter zurückgeführt werden. Die Autoren weisen auf umfangreiche Einarbeitungen hin und halten Supervision der Durchführenden für nötig. (Bei mir entstand der Eindruck, dass es sich trotz des primär präventiven Charakters doch schon eher um einen therapeutischen Ansatz handelt.) Ausgangspunkt ist eine häufig ungünstige Regulierung bei negativen Emotionen. Empathie wird als emotionale Kompetenz gesehen – es geht um die richtige Deutung von emotionalen Ausdrucksformen, um Emotionsbewusstsein, benennen, unterscheiden, ausdrücken von Emotionen und Emotionsregulation, d.h. empathisches Handeln für sich selbst und andere. Es stehen Varianten für alle Altersstufen von Schülern zur Verfügung, auch für den Übergang Schule-Berufsleben. Abschließende Evaluationsergebnisse liegen noch nicht vor. Es deutet sich jedoch an, dass das Training für weibliche Teilnehmende bessere Effekte zeigt.

Im sechsten Kap. stellt Herbert Scheithauer das Präventionsprogramm „Medienhelden“ gegen Cybermobbing vor. Es geht um die Förderung von Online-Fertigkeiten von SchülerInnen in der Sekundarstufe I (= 7.-10.Schulklasse), die entwicklungsbedingt einen Anstieg der Aggression und eine Abnahme der Empathie durchleben. Durch Wissensvermittlung sollen mittels einer zehnwöchigen, in acht Module unterteilten Arbeit (alternativ auch als Blockveranstaltung) Einstellungen und Werte sowie folgend die Handlungsbereitschaft der SchülerInnen beeinflusst werden. Evaluationsergebnisse legen nahe, dass die Wirksamkeit mit zunehmender Durchführungsdauer steigt. Nach Erfahrungen des Rezensenten und anderer Autoren, z.B. Reiners (2016) [4], lassen sich viele heutige Menschen in der sogenannten „postfaktischen Zeit“ kaum durch eine zentral auf die kognitive Ebene zielende Aufklärung erreichen.

Helle Jensen & Martijn van Beek beschreiben „Miteinander: Wie Empathie Kinder stark macht“ (Kap. 7). Sie gehen von einer angeborene Fähigkeit zur Empathie aus, konstatieren jedoch, dass Kinder keinen Kontakt mehr zu sich selbst haben und Empathie blockiert sei. Dieses dänische Projekt gegen massive Überforderung durch die Informationsgesellschaft vermittelt Freundlichkeit, Respekt und Gegenwärtigkeit als Kriterien für Beziehungen in Schule. „Niemand kann Empathie oder Gemeinschaftsgefühl durch Bestrafung entwickeln.“ (S. 79) Lehrkräfte brauchen nicht nur fachliche Kompetenz, sondern persönliche Autorität und Authentizität. Die Autoren verweisen mehrfach auf ein In-sich-selbst-Ruhen als Grundlage sowohl für die Durchführungspersonen (Lehrende und SozialarbeiterInnen, PsychologInnen) als auch als Ziel für SchülerInnen. Von Kurzeinführungen bis zum zweijährigen Bildungsprogramm liegen auf einem „Pentagrammmodell“ basierende Konzepte gegen die Entfremdung von Gefühlen vor. Es gibt kein Manual; stattdessen wird auf große Autonomie der UmsetzerInnen gesetzt. Zwei qualitative Evaluationen stützen diese „culture of attention“ (S. 89), aber einige Teilnehmende haben Probleme, die Übungen auf sich selbst anzuwenden.

In Kap. 8 „Mitfühlend leben – ‚Mindfulness-Based Compassionate Living‘“ beschreiben Erik van den Brink & Frits Koster ein Achtsamkeitstraining inkl. Meditation als Unterstützung für eher medizinische Anwendungsfelder und grenzen Empathie von Mitgefühl ab. Es geht ausführlich um die Entwicklungsgeschichte der unterschiedlichen Teile des Gehirns, also um Neurowissenschaft und „positivistische“ Psychologie. Daraus leiten die Autoren u.a. die Tendenz ab, negative Ereignisse intensiver wahrzunehmen. Sie warnen vor einem Backdraft-Phänomen für Traumatisierte, wenn bei denen empathisches Erleben eintritt. Ein derartiges Phänomen macht es nach Ansicht des Rezensenten besser verständlich, dass manche TherapeutInnen Täter-Opfer-Dialoge ablehnen.

Kap. 9 „Empathiearbeit mit Gewaltfreier Kommunikation“, das von den drei Herausgebern verantwortet wird, bezieht die von Rosenberg (2008) [5] entwickelte gewaltfreie Kommunikation auf Empathiearbeit für Menschen in sozialen Berufen, als Schutz gegen Burnout. Hier steht gewissermaßen ein Zuviel an Empathie im Mittelpunkt, das es bestimmten Professionellen erschwert, sich abzugrenzen (Selbstempathie). So ist vom „empathischen Kurzschluss“ die Rede, d.h. Professionelle verweigern Bedürftigen Empathie, um sich selbst zu schützen.

Im Kap. 10 „Empathie hat jeder!“ von Kathrin Bäuerle geht es um Trainings für Angehörige von Gesundheitsberufen (vgl. Kap. 8) – es wird die gesundheitsfördernde Wirkung von Empathie herausgearbeitet. Dieses Training stützt sich auch auf George Herbert Mead und Jean Piaget und ergänzt die kognitive und affektive Komponente von Empathie noch um eine kommunikative und motivationale/moralische. Es streicht heraus, dass Empathie nur in sozialen Beziehungen erfahren wird und zur Abnahme von Angst und Schmerz beiträgt. Es endet mit der Empfehlung der Kombination eines Empathietrainings mit einem Stressbewältigungstraining.

Das Programm „‚EMO-TRAIN‘: Ein Interventionsprogramm zur Förderung von Empathie, Emotionswahrnehmung und -regulation“ von Sarah Herpertz & Astrid Schütz (Kap. 11) zielt unter anderem auf Polizeibeamte. Hier blieben jedoch einige Fragen offen (z.B. Was ist „overlearning“, „Method-acting-Technik“, „Stressdetektiv“?) und meistens geht es um wirtschaftsnahe Anwendungen sowie Führungskräfte, z.B. für Flugbegleiter oder anderes Servicepersonal, das angehalten wird, bei Kundenkontakten permanent zu lächeln (diese Emotionsarbeit könne „emotionale Dissonanz“ hervorrufen). Die Autorinnen ziehen den Begriff „emotionale Kompetenz“ gegenüber „emotionaler Intelligenz“ vor und sprechen in ähnlicher Weise lieber von „konstruktiver Kommunikation“ anstatt „gewaltfreier Kommunikation“. Auch in diesem Beitrag werden gesundheitsfördernde Wirkungen thematisiert – dabei steht die gelingende Emotionsregulation im Mittelpunkt.

Sabine C. Koch beschreibt mit „Empathieförderung durch Spiegeltechniken in der Tanz- und Bewegungstherapie“ (Kap. 12) einen recht abweichenden, aber originellen Embodiment-Ansatz, bei dem Sprache (fällt AutistInnen besonders schwer!) und Reflexion eine geringere Rolle spielen. Es geht um therapeutisches Spiegeln bei autistischen und schizophrenen PatientInnen. Sie spricht von „einem stärker sensomotorisch verankerten Verständnis der Empathie und einer Annahme der Störung auf der zwischenmenschlichen Ebene“. Es geht um physisches, aber nicht mechanisches (!) Mitbewegen zur Förderung sensomotorischer (Resonanz, Attunement) und kinästhetischer Empathie, die wiederum empathische Emotionen erzeugt. Die theoretische Grundlage erschließt sich auch graphisch (S. 161). Das Training ist bei Autisten erfolgreicher als bei Schizophrenen, aber diese Evaluation basiert auf sehr kleinen Stichproben. Dieses Kapitel ist sehr voraussetzungsvoll, kaum für Studierende außerhalb der Psychologie ohne Vorkenntnisse geeignet!

Ann-Katrin Job & Kurt Hahlweg stellen im Kap. 13 ihr Programm „Förderung der Empathie bei Paaren mithilfe des Kommunikationstrainings ‚Ein Partnerschaftliches Lernprogramm – EPL‘“ vor. Es handelt sich um die Adaption des amerikanischen Vorbilds PREP und wurde bereits seit Mitte der 1980er Jahre als katholisches Ehevorbereitungsprogramm praktiziert. Neuerdings gibt es Varianten für hochbelastete Paare und auch für (Single) Jugendliche zwischen 15 und 21 Jahren. Anlass waren hohe Scheidungsquoten (aktuell über 40% aller Ehen in Deutschland) – pro Jahr nehmen deutschlandweit ca. 1000 Paare teil, bei denen die Scheidungsquote mit ca. 28% tatsächlich geringer ausfällt (wobei der Zeitraum der Partnerschaft zwischen beiden Zahlen allerdings nicht vergleichbar ist).

Der Rezensent selbst hat in den 1990er Jahren ein sogenanntes Opferempathie-Training (OET) für Strafgefangene entwickelt und in einem Hamburger Gefängnis durchgeführt [6], welches zusammen mit dem christlichen angelsächsischen Sycamore Tree Programm die Basis für spätere Weiterentwicklungen im schleswig-holsteinischen Strafvollzug bildete [7] und war deshalb besonders am Kapitel 14 „Förderung von Empathie mit dem Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS-R)“ von Bernd Wischka, dem Leiter der Sozialtherapeutischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Lingen und Koordinator für die sozialtherapeutischen Einrichtungen im niedersächsischen Justizvollzug, interessiert. Wischka geht auf die genannten mehrwöchigen Kurzzeit OET nicht ein, sondern stellt ein ungleich intensiveres eineinhalbjähriges Programm von 2012 vor, dessen ursprüngliche Fassung 2001 inspiriert durch das angesächsiche Sex-Offender-Treatment Program entwickelt wurde. Er bezieht sich auf Sexualtäter und differenziert zwischen Tätern, die grundsätzlich empathisch sind, und Taten, die von Sadisten u.ä. begangen werden, denen mit derartigen Programmen nicht geholfen werden kann. Er stellt alle 24 Module des sehr umfassenden BPS, das in einen deliktunspezifischen und einen deliktspezifischen Teil gegliedert ist, kurz vor (vgl. Tabelle S. 199) und weist auf zwar uneindeutige Forschungsergebnisse hin [8], sieht in der Fähigkeit zur Empathie aber trotzdem ein lohnendes Behandlungsziel für den Strafvollzug. Es gibt ein Manual im Umfang von 700 S. inkl. Instrumenten zur Veränderungsmessung. Wischka fordert nachdrücklich den möglichst frühzeitigen Behandlungsbeginn bei inhaftierten Straftätern, weil andernfalls die Motivation sinkt und um nötige ergänzende Behandlungsmaßnahmen durchführen zu können.

Das abschließende Kap. 15 der HerausgeberInnen arbeitet in einer Schlussbetrachtung Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vorgestellten Programme heraus und weist auf das enorme Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten. Betont wird, dass Empathieprogramme sowohl im Kontext der Entwicklungsförderung „normaler“ Menschen sinnvoll eingesetzt werden können als auch zur Behebung von Defiziten im empathischen Erleben von Menschen, die als pathologisch klassifiziert werden. Ein anderer Gesichtspunkt betrifft die Abgrenzung von Empathie und Mitgefühl – beide sollten eher als Grundhaltung denn als situative Fähigkeit kultiviert werden (S. 210).

Diskussion

Gemeinsamkeit aller Beiträge ist das Phänomen der Empathie, das statisch betrachtet als Zusammenwirken aus kognitiven und affektiven Komponenten – einmal ist von kalter und heißer Empathie die Rede – konzipiert wird. Empathie kann aber auch als Prozess gesehen werden (S. 5). Einzelne Beiträge sehen entwicklungsbedingte Phasen der Zunahme und des Abbaus von Empathie bzw. konstatieren unter bestimmten Bedingungen eine Blockade derselben. Alternativ wird neben kognitiver und affektiver Komponente noch eine kommunikative und eine motivationale bzw. moralische Komponente gesehen.

Empathie ist Teil der sozialen Kompetenz, ein Gemeinschaftsgefühl bzw. wie Pepinsky an anderer Stelle ausführt, der Klebstoff, der das Soziale, die Gesellschaft zusammenhält. In der Regel gilt die Fähigkeit empathisch zu sein als positiv und Ausdruck von (emotionaler) Kompetenz. LehrerInnen sollen die Welt aus der Perspektive von SchülerInnen sehen. Aber zumindest drei Beiträge warnen auch vor zu viel Empathie in sozialen oder Gesundheitsberufen, da den Betreffenden ein Burnout droht bzw. ein „empathischer Kurzschluss“ (S. 114).

  1. Altmann et al. unterscheiden entsprechend zwischen Empathie für andere und Selbstempathie (anders Bäuerle, die postuliert, dass Empathie nur intersubjektiv erfahren werden kann, S. 130) und stimmen mit letztgenanntem Begriff mit van den Brink & Koster überein, die Empathie nicht notwendigerweise als mitfühlend ansehen. In manchen Kontexten (Verkaufsgespräche, „Psychopathen“ und Straftäter, die zumindest zeitweilig Empathie blockieren können) kann Empathie Opferwerdungen begünstigen.
  2. Andererseits stellen die dänischen Autoren Jensen und van Beek fest: „Niemand kann Empathie oder Gemeinschaftsgefühl durch Bestrafung entwickeln.“ (S. 79) Daraus ergibt sich die Wichtigkeit des Umfelds von entsprechenden Trainingsprogrammen, deren Wirkung zuweilen durch die Umgebungsfaktoren (z.B. Gefängnis) eingeschränkt sein kann.
  3. Manche Autoren behaupten, dass jeder Mensch Empathie habe; andere sehen durchaus unempathische oder nicht empathisch gewordene. Koch arbeitet mit Autisten und Schizophrenen an der sensomotorischen und kinästhetischen Empathie, die eine emotionale und kognitive Empathie erst möglich macht. Auch im Kontext schwer traumatisierter Menschen seien non-verbale Körpererfahrungen der Schlüssel, um Empathie (wieder) zu erwecken.

Fazit

Bei 15 Beiträgen bleibt es nicht aus, einzelne als gelungener und andere als weniger überzeugend zu empfinden. Im Ausnahmefall bedienen sich Autoren einer sehr voraussetzungsvollen und für Nicht-ExpertInnen schwer verständlichen Sprache, ein anderer fällt hinsichtlich der wissenschaftlichen Vertiefung in diesem illustren Feld dagegen deutlich ab. Insgesamt handelt es sich aber um eine sehr bereichernde, kompakte Darstellung.

S. 212 enthält ein erfreulich übersichtliches Sachverzeichnis (von A wie Achtsamkeit bis T wie Trauer), das bei spezifischen Interessen die schnelle Orientierung erleichtert.

Ich möchte das Buch auch Berufstätigen in der Sozialen Arbeit und Studierenden unbedingt empfehlen; es enthält etliche Anregungen für praktische Übungen, auch wenn diese aus Platzmangel nicht sehr detailliert beschrieben werden. Zudem ist das Buch sehr sorgfältig redigiert und enthält sehr wenige typographische Fehler, was den Lesegenuss zweifellos erhöht!


[1] vgl. Pranis, K. (2000). Empathy development in youth through restorative practices. Public Service Psychology, 25 (2).

[2] vgl. Eissele, Ingrid (2009). Kalte Kinder. Freiburg u.a.: Herder Verlag.

[3] vgl. Pepinsky, Hal (2008). Empathy and restoration. In: Sullivan, Dennis/Tifft, Larry (Eds.). Handbook of Restorative Justice. A Global Perspective, London/New York: Routledge, 188-197.

[4] Reiners, Till (2016). Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Begegnungen mit besorgten Bürgern. Reinbek: Rowohlt.

[5] vgl. Rosenberg, M. B. (2008). Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.

[6] vgl. Hagemann, O. (2004). „Opfer“ im Blickpunkt von Strafgefangenen. In: Freiheit und Unfreiheit. Arbeit mit Straftätern innerhalb und außerhalb des Justizvollzuges, hrsg. von G. Rehn, R. Nanninga und A. Thiel (Hrsg.), Herbolzheim: Centaurus. (S. 397-421)

[7] vgl. Lummer, R. & Hagemann, O. (2015). Victim empathy within prison walls: experiences from pilot projects in Schleswig-Holstein. In: Ljetopis Socijalnog Rada, Vol 22 Issue 1, S. 37-60.

[8] In Deutschland sind gesetzlich keine randomisierten Kontrollgruppendesigns möglich (S. 201)


Rezensent
Prof. Dr. Otmar Hagemann
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.20345


Alle 2 Rezensionen von Otmar Hagemann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Otmar Hagemann. Rezension vom 08.02.2017 zu: Marcus Roth, Victoria Schönefeld, Tobias Altmann (Hrsg.): Trainings- und Interventionsprogramme zur Förderung von Empathie. Ein praxisorientiertes Kompendium. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-662-48198-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21828.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung