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Carolin Emcke: Gegen den Hass

Cover Carolin Emcke: Gegen den Hass. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 239 Seiten. ISBN 978-3-10-397231-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Hass frisst Seelen auf

Warum gibt es soviel Hass in der Welt? Im Individuellen wie im Gesellschaftlichen? Im Lokalen wie im Globalen? Das Hässliche als das Böse und als Gegenteil des Guten wird in der anthropologischen, abendländischen Philosophie immer mit der Abwesenheit des Göttlichen und der Erdhaftigkeit des Menschlichen bezeichnet. Der griechische Philosoph Platon hat im aischrón, dem Hässlichen, das Minderwertige und Verabscheuungswürdige gesehen. Und Aristoteles sprach dem anthrôpos, dem Menschen, durch seine Vernunftbegabung die Fähigkeit zu, zwischen Gut und Böse unterscheiden und darauf sein Streben nach einem guten, gelingenden Leben ausrichten zu können. Die Menschheit und die Welt wären humaner, friedlicher und gerechter, würden Harmonien und nicht Disharmonien herrschen und eine „globale Ethik“ gelebt werden, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 unmissverständlich und kompromisslos zum Ausdruck kommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ (Jos Schnurer, „Wer hasst, verliert die eigene Orientierung – Eine didaktische Herausforderung“, 9. 10. 2015, www.sozial.de/index.php?id=94).

Entstehungshintergrund und Autorin

Weil Hass überall ist, sich als Aggression, Gewalt, Machtmissbrauch, Herrschaft, Fanatismus, Fundamentalismus und Ideologie im Gesellschaftlichen und Politischen, bis hin zu individuellen und narzisstischen Formen darstellt und bewusst und unbewusst ausgeübt wird, kommt es darauf an, die Tatsache des menschlichen Hassens nicht zu tabuisieren, sondern bewusst zu machen und dem Hass das entgegen zu setzen, was Menschen (eigentlich) auszeichnet: Human denken zu können! Denn wer hasst, gibt seinen eigenen Verstand ab an Mächte, Einflüsse, Ideologien und Weltanschauungen, die nicht mehr und nicht weniger zum Ziel haben, als Menschen zu manipulieren; und zwar so, dass sie nicht einfach hassen, weil andere das auch tun, sondern sich ihres Hassens sicher sind. Diese höchste Form des Oktroyierens von Hass, der sich in Rassismus, Dogmatismus, Fanatismus, Demokratie-, Fremden- und Menschenfeindlichkeit ausdrückt, macht Menschen zu hemmungs- und verantwortungslosen Subjekten. Die am einfachsten erscheinende Antwort darauf, die Hasser zu hassen, sie zu ignorieren, sie bei Seite zu stellen und aus der Gemeinschaft der Gutwilligen auszuschließen, ist allerdings nicht die beste; denn „Hass ist nicht einfach da“. Er wird gemacht! Und es gilt, „Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten … (sondern) immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre, wo jemand sich hätte anders entscheiden können, wo jemand hätte einschreien können, wo jemand hätte aussteigen können“. Das heißt ja nichts anderes als sich mit Hass und Hassern auseinander zu setzen, und zwar nicht erst, wenn gehasst wird, sondern bereits in den individuellen und gesellschaftlichen Abläufen und Strukturen dafür zu sorgen, dass Einstellungen, Haltungen und Meinungen im Sinne des „zôon politikon“ (Aristoteles) betrachtet und gelebt werden: „Den Hassenden den Raum zu nehmen … dafür sind wir alle als Zivilgesellschaft zuständig“.

Die Philosophin, Publizistin und Journalistin Carolin Emcke hat mehrere Jahre weltweite Krisenregionen und Kriegsgebiete bereist, sich mit Hass auseinander gesetzt und darüber berichtet, wie Hass aus Menschen und Mächten Unmenschen und Unmächte macht. Für ihr vielfältiges Engagement, aufzuzeigen, dass Hass sich immer ungenau, unpräzise und unbedacht äußert – „Präzise lässt sich nicht gut hassen“ – hat sie mehrere Auszeichnungen erhalten, unter anderem 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie ist besorgt und zornig, dass in zahlreichen rechtsradikalen, nationalistischen, fundamentalistischen und populistischen Aktionen, lokal und global Hass gezüchtet, geschürt und beinahe „gesellschaftsfähig“ toleriert wird. Sie ruft auf und ermutigt, den Hassenden ihre Sicherheit und naive und gemachte Überzeugtheit und Selbstgerechtigkeit zu nehmen und ihrem offenem und hemmungslosem Hassen Menschlichkeit entgegen zu setzen.

Aufbau und Inhalt

Ihr Essay, das sich sichtbar und deutlich speist aus ihren Erfahrungen und humanen Reflexionen darüber, warum Menschen hassen und wie sich diese Abweichung des Humanen entwickelt und äußert, gliedert die Autorin in drei Kapitel.

Das erste Kapitel titelt sie: „Sichtbar – Unsichtbar“. Sie zeigt anhand von literarischen Beispielen und aktuellen Ereignissen auf, wie Menschen andere Menschen für sich und die gesellschaftliche Meinung „unsichtbar“ werden lassen: durch Ablehnung und Herabwürdigung auf der einen, und durch Höherwertigkeitsvorstellungen auf der anderen Seite. Sie diskutiert Werte, die dem Hass entgegen gesetzt werden können: Liebe, Hoffnung, Sorge. Sie weist darauf hin, wie sich Hass und Missachtung in der Gesellschaft als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ darstellt und als rechtsradikale, rechtspopulistische Parolen und Gewalttaten äußert. Da sind konkret diejenigen, die öffentlich und sichtbar hassen, und es sind die anderen, die hassen lassen, durch „die klammheimliche Duldung derer, die vielleicht nicht die Mittel von Gewalt und Einschüchterung gutheißen, aber doch das Objekt, an dem sich der Hass entlädt, missachten“. Und sie verdeutlicht, dass Hass nicht nur ein individuell und gesellschaftlich gemachtes Phänomen ist, sondern sich als strukturelles Problem zeigt. Die Schilderung der rassistischen Behandlung eines Polizeiübergriffs bei einem schuldlos Verdächtigen, der dabei zu Tode kommt, klingt wie eine Klage und Aufforderung: „Das muss heute aufhören“.

Das zweite Kapitel ist mit „Homogen – Natürlich – Rein“ überschrieben. Wieder mit dem Rückgriff auf ein historisches, literarisches Beispiel setzt sich die Autorin „mit jenen Erzählungen (auseinander), in denen soziale, kulturelle, körperliche Codes erfunden werden, die vorgeblich einen demokratischen Staat, eine Nation, eine soziale Ordnung charakterisieren und zugleich einzelne Menschen oder ganze Gruppen für ‚fremd‘ oder ‚feindlich‘ erklären und sie aus einer Rechtsgemeinschaft ausschließen“. Mit den Begrifflichkeiten zeigt sie auf, mit welcher Chuzpe und Selbstverirrung anthropologische Wirklichkeiten missachtet und missdeutet werden (vgl. dazu: Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20386.php). Zahlreiche Beispiele in den nationalen und internationalen Politiken verdeutlichen, wie verquer, unbedacht, ideologisch aufgeladen und unehrlich Begriffe – auch in Parteiprogrammen: „Leitkultur“ – benutzt und ins Feld geführt werden.

Mit dem dritten Kapitel wird ein „Lob des Unreinen“ ausgesprochen und damit den dogmen- und ideologisch bestimmten Verführungen widersprochen. Die Autorin rät: „Die Kritik an und der Widerstand gegen Hass und Missachtung sollte sich … immer auf die Strukturen und Bedingungen von Hass und Missachtung richten“; und zwar sowohl im individuellen, als auch im lokal- und globalgesellschaftlichen Denken und Handeln. Es ist das „Wahrsprechen“ und das „Wahrhandeln“. Sie empfiehlt „dissidente Strategien gegen Exklusion und Hass“ zu entwickeln, mit denen die Überzeugungen praktiziert und verbreitet werden, dass die menschliche Vielfalt nur mit der Überzeugung der Gleichwertigkeit der Individuen und Gesellschaften human gelebt werden kann.

Fazit

Carolin Emcke überzeugt mit ihrem Plädoyer „Gegen den Hass“. Es wird zwar diejenigen nicht erreichen, die sich in ihrem Hass gefallen, eingerichtet haben und ihn benutzen, um eigene Macht zu erreichen. Es sollte aber diejenigen zum Nachdenken und zur Änderung ihrer Haltungen und Einstellungen bewegen, die den Hassern blind und gedankenlos nachlaufen oder deren Tun dulden. Das Essay unterstützt aber auch diejenigen, die „gegen den Hass aufbegehren, sich in einem Wir zusammenfinden, um miteinander zu sprechen und zu handeln, … (um) einen festen Grund zu schaffen, auf dem alle stehen können“.

Das Buch bietet vielfältige, auch didaktische Möglichkeiten für die schulische und Erwachsenenbildung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.12.2016 zu: Carolin Emcke: Gegen den Hass. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-10-397231-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21832.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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