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Britta Gebhard, Sebastian Möller-Dreischer u.a. (Hrsg.): Frühförderung mittendrin - in Familie und Gesellschaft

Cover Britta Gebhard, Sebastian Möller-Dreischer, Armin Sohns, Andreas Seidel (Hrsg.): Frühförderung mittendrin - in Familie und Gesellschaft. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 376 Seiten. ISBN 978-3-17-030257-0. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema

In diesem Band werden aktuelle Projekte, Initiativen und theoretische Ansätze präsentiert, die die Familienorientierung der Frühförderung in das Zentrum ihrer Bemühungen stellen, um eine bestmögliche Teilhabe und Inklusion behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und ihrer Familien in unsere Gesellschaft zu ermöglichen

HerausgeberInnen

Die HerausgeberInnen lehren an der Hochschule Nordhausen im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Schwerpunkte sind

  • bei Prof. Dr. Britta Gebhard Frühförderung,
  • bei Prof. Dr. med. Andreas Seidel Sozialpädiatrie,
  • bei Prof. Dr. Armin Sohns Heilpädagogik und
  • bei Prof. Dr. Sebastian Möller-Dreischer Inklusive Pädagogik.

Entstehungshintergrund

Unter dem Leitthema „Frühförderung mittendrin – in Familie und Gesellschaft“ fand im Februar 2015 das 18. Bundessymposium zur interdisziplinären Frühförderung statt. Es wurde veranstaltet durch die Bundesvereinigung VIFF gemeinsam mit dem Institut für Rehabilitationspädagogik der Martin-Luther-Uni in Halle-Wittenberg (MLU). Die VIFF ist eine Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung für Fachkräfte aus ärztlichen, medizinisch-therapeutischen, pädagogischen, psychologischen und sozialen Arbeitsbereichen der interdisziplinären Frühförderung. Sie berücksichtigt sowohl organisatorisch als auch inhaltlich in angemessener Weise die Arbeitsschwerpunkte aller Disziplinen und hat sich 1983 bewusst interdisziplinär organisiert.

Im vorliegenden Buch werden die Ergebnisse dieser Veranstaltung in 43 Beiträgen zu den Vorträgen, Workshops und Seminaren vorgestellt.

Aufbau

Diese Beiträge werden in sieben Themenfeldern mit unterschiedlicher Akzentuierung zur Familienorientierung in der Frühförderung zusammengestellt.

  1. Frühförderung und Gesellschaft
  2. familienorientierte Frühförderung
  3. Bindung im Fokus der Frühförderung
  4. Netzwerkorientierte Frühförderung und Inklusion
  5. spezifische Frühförderung
  6. internationale Perspektive auf Frühförderangebote in Europa
  7. Frühförderung und Organisation

Inhalt

In allen Beiträgen zeigt sich die Grundhaltung zur Frühförderung, die sich an der individuellen Lebenswelt des Kindes und an der Lebenslage der Eltern orientiert, darüber hinaus aber auch die gesellschaftlichen Entwicklungen und insbesondere die aktuelle Diskussion zur Inklusion berücksichtigt.

Im ersten Themenfeld „Frühförderung und Gesellschaft“ werden zunächst aus einer übergreifenden Perspektive gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Notwendigkeiten und Herausforderungen für die Gestaltung und Implementierung einer familienorientierten Frühförderung diskutiert. Es geht dabei um die „Beziehungswelt“ in der Kinder aufwachsen, die sich auf die Familie aber auch auf die Gruppe der Gleichaltrigen bezieht. „Kinder brauchen Kinder!“(S. 30).Was brauchen Eltern, was braucht die Frühförderung?

Diese Frage führt zum nächsten Themenstrang, der „familienorientierten Frühförderung“. Er geht mit seinem Fokus auf Eltern und Bezugspersonen über kindzentrierte Förderung hinaus. Gerade für belastete Familien, z. B. aufgrund einer psychischen Erkrankung der Eltern, stellen sich besondere Herausforderungen für die Konzeption einer familienorientierten Frühförderung. Auf der Grundlage der Selbsttheorie von Daniel Stern und der Persönlichkeitstheorie von Carl Rogers werden Antworten auf die Fragen nach einer erfolgreichen Gestaltung der Frühförderpraxis gesucht. Konkrete Praxis wird auch dargestellt: eine ELTERN-AG; als Elternkurs für Familien in besonders belastenden Lebenslagen, ein Projekt „Väter von Kindern mit Behinderung“, sowie ein Eltern-Kind-Projekt in einer Eltern-Kind-Klinik, in der Eltern aktiv an der Behandlung ihrer Kinder beteiligt werden. Ausführlich wird hier auch noch der Frage der Frühförderung für Kinder psychisch kranker Eltern nachgegangen

In einem dritten Themenfeld „Bindung im Fokus der Frühförderung“ wird Frühförderung aus der Sicht der Bindungstheorie betrachtet. Die LeserIn erhält einen knappen Einblick in die Bindungstheorie und ihre Bedeutung für die Beziehungsgestaltung der Kinder im Vorschulalter. Das „Konzept der entwicklungsfreundlichen Beziehung“ zeigt sehr praxisorientiert, wie Bindung und Selbstwert von Kindern und Eltern im Rahmen der Frühförderung aufgebaut werden können.

Im vierten Themenfeld „Netzwerkorientierte Frühförderung und Inklusion“ werden Beispiele gezeigt, wie Frühförderung nicht nur auf mikrosystemischer Ebene, sondern auch auf mesosystemischer Ebene konzeptionell verankert und gestaltet werden können. Im Mittelpunkt steht hier das Thema Inklusion, das aktuell alle Bildungsbereiche beschäftigt. Vor dem Hintergrund des Netzwerkgedankens werden strukturelle Bedingungen der Zusammenarbeit Frühförderung und Kindertagesstätten, sowie Familien mit Kindertagesstätten und Klinik mit Familie durchleuchtet und an konkreten Beispielen dargestellt (Patenschaftsprojekt, Bürgerzentrierung, Unterstützerkreise). Besondere Berücksichtigung finden dabei schwer- und mehrfach behinderte Kinder.

Neben der Familienorientierung hat aber auch die kind- und sinnesspezifische Förderung einen großen Stellenwert im System der Frühförderung. Diese wird im Themenfeld „spezifische Frühförderung“ aus verschiedenen Perspektiven aufgegriffen. Der Focus wird hier vor allem auf die Sprache in ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes, hier insbesondere des Kindes mit Behinderung gerichtet. Konkrete Beispiele aus der Musiktherapie, aus einem Sprachheilkindergarten und aus der Frühförderung für Kinder mit Hörstörungen zeigen, wie gelungen Praxis gestaltet werden kann. Die Ergebnisse einer Studie zum Kernvokabular können eine gute Grundlage für die Erarbeitung der Unterstützten Kommunikation mit sprachbeeinträchtigten Kindern bilden. Schließlich werden auch noch „Zauberhafte Möglichkeiten experimenteller Spielmaterialgestaltung im Kontext der interdisziplinären Frühförderung“ vorgestellt und deren Einsatz entwicklungsorientiert aufbereitet. Die Projektdarstellung über die Möglichkeiten der „Psychomotorischen Entwicklungsförderung und Familienbegleitung für Kinder mit chronischen und Progredienten Erkrankungen“ schließen dieses Kapitel ab.

Dass die VIFF mit ihrem Symposium auch über den Tellerrand geschaut hat, zeigen vier internationale Beiträge, die eine Perspektive auf Frühförderangebote in Europa ermöglicht. Auch hier stehen die Themen Ganzheitlichkeit, Partizipation mit den Eltern und Netzwerkarbeit im Vordergrund.

Im abschließenden siebten Themenfeld „Frühförderung und Organisation“ werden die „Rechte von Eltern im Hilfesystem Frühförderung“ erläutert, sowie Umsetzungsmodelle auf Länderebene sowie aus Perspektiven der Fort- und Weiterbildung aber auch der interdisziplinären Zusammenarbeit thematisiert.

Diskussion und Fazit

Die Fülle und die Vielfalt dieses Herausgeberbandes verbietet eine schlüssige Stellungnahme zu den Inhalten. Das Buch stellt eine Fundgrube dar, in der jede LeserIn, die sich dem Thema Frühförderung zuwendet Anregungen findet für das weitere Nachdenken über Theorie aber auch für die Gestaltung konkreter Praxis auf der Ebene Erwachsener – Kind, Eltern – „Profi“. Hilfreich sind auch gelungene Beispiele die eine Herangehensweise auf politischer Ebene aufzeigen.

Die Vielfalt der Beiträge wird auch deutlich in der bunten Mischung an Theoriebausteinen. Eine gemeinsame theoretische Grundlage für die Frühförderung scheint es nicht zu geben. Es finden sich Anleihen aus der Humanistischen Psychologie, der Systemtheorie, des Konstruktivismus, der Psychoanalyse, der Kulturhistorischen Schule, der Selbsttheorie, sowie aus unterschiedlichen Entwicklungstheorien – ein Fakt, der dem Gesamtkonzept nicht schadet, sondern anregt zum Denken und Handeln im Sinne einer „gelebten Interdisziplinarität (…) Was wir hier also brauchen sind weitere Lösungsansätze und die Professionelle Haltung, Familien zu stärken, Lebenswelten zu verstehen und die ‚Weisheit der Eltern‘ mehr zu nutzen“ (S. 372). Daran wird die „Frühförderung“ weiter arbeiten müssen.

Mit dem vorliegenden Band ist dafür eine gute Grundlage geschaffen.


Rezensent
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 15.11.2016 zu: Britta Gebhard, Sebastian Möller-Dreischer, Armin Sohns, Andreas Seidel (Hrsg.): Frühförderung mittendrin - in Familie und Gesellschaft. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-030257-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21835.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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