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Armin Schneider: Forschungs­perspektiven in der Sozialen Arbeit

Cover Armin Schneider: Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 2. überarbeitete Auflage. 144 Seiten. ISBN 978-3-7344-0225-8. D: 9,80 EUR, A: 9,90 EUR.
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Thema

Schneider gibt einen Überblick über quantitative und qualitative Forschung „in, mit und für die Praxis“ Sozialer Arbeit, ohne damit ein Lehrbuch vorlegen zu wollen. Er will Grundlagen für „Forschung und Entwicklung“ Sozialer Arbeit darlegen, einen „Durchblick“ (S. 8) ermöglichen und hebt dabei stark auf Veränderung der Praxis, auf Verbesserung der Professionalität ab.

Autor

Armin Schneider lehrt Empirische Sozialforschung und Sozialmanagement an der Hochschule Koblenz und ist Direktor des Instituts für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit Rheinland-Pfalz (IBEB). Von 2010 bis 2016 war er Sprecher der Sektion Forschung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA).

Entstehungshintergrund

Der Autor will Sozialarbeiter*innen in die Lage versetzen, Forschungsberichte über ihren jeweiligen Arbeitsbereich kompetent zu erschließen, aber auch selbst forschen zu können. Er will wissenschaftliche Neugierde wecken, darüber hinaus „dazu motivieren die Praxis und die Theorie Sozialer Arbeit für die Forschung zu öffnen“ (S. 9).

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert.

Nach der Einleitung erfolgt in Kapitel 2 ein Überblick über Forschung als Bestandteil der Professionalität Sozialer Arbeit.

Kapitel 3 dient der Darstellung von „Forschungsarten“, womit Evaluation, Handlungsforschung und Grundlagenforschung gemeint sind.

In Kapitel 4 werden quantitative, qualitative und integrierte „Verfahren“ empirischer Sozialforschung dargestellt. Die Bezeichnung Verfahren beinhaltet dabei sowohl methodologische wie methodische Aspekte qualitativer und quantitativer Sozialforschung. Unter qualitativer Sozialforschung wird Rekonstruktive Forschung verstanden.

Im 5. Kapitel geht es um Forschungsdesigns, im 6. um Methoden der Datenerhebung.

Analyse, Dokumentation und Präsentation sind Gegenstand des 7. Kapitels, bevor in Kapitel 8 Veränderungsnotwendigkeiten und in diesem Zusammenhang Veränderungsmanagement sowie Organisationsentwicklung als Chancen für die weitere Professionalisierung Sozialer Arbeit thematisiert werden.

Ein Anhang mit einem Glossar beschließt die Publikation. Die Kapitel werden überwiegend mit der Angabe weiterführender Literatur abgeschlossen.

Diskussion

Der Vorteil der vorliegenden Publikation besteht darin, in knapper Form leicht verständlich Wissenswertes zu vermitteln. Begrüßenswert ist es, dass der Präsentation von Forschungsergebnissen und ihrer Verwertung ein eigenes Kapitel gewidmet ist, ebenso, dass thematisiert wird, wie Anstösse zur Veränderung der Praxis Sozialer Arbeit durch Forschungsergebnisse gegeben werden können.

Das Glossar macht darüber hinaus mit zentralen Forschungsbegriffen vertraut, und auch die Angabe weiterführender Literatur dürfte für Forschungseinsteiger*innen hilfreich sein.

Diskussionswürdig sind mindestens die folgenden Punkte:

  • Die Knappheit der Darstellung ist dann nicht von Vorteil, wenn der state of the art nicht berücksichtigt wird. Der Autor verortet beispielsweise Forschung in Kapitel 3 als Forschung „in, mit und für die Praxis“ (S. 17-46). Forschung in der Praxis leistet danach Evaluationsforschung, für Forschung mit der Praxis steht Handlungsforschung, während Grundlagenforschung und Sozialberichterstattung als Forschung für die Praxis gelten sollen. Bei dieser Engführung bleibt der Forschungsstand allerdings unberücksichtigt (vgl. beispielsweise Gredig/Schnurr 2012; Schimpf/Stehr 2011; Steinert/Thiele 2008; Engelke et al. 2007), wonach Sozialarbeitsforschung auf eine allgemeinere Produktion von Wissen abzielt, unabhängig von unmittelbaren Erfordernissen der Praxis ihre eigenen Fragestellungen zur Entwicklung von Theorien verfolgt, damit also eine Einengung auf sozialarbeiterische Praxis vermieden werden sollte.
  • Dass qualitative Sozialforschung (in Kapitel 4.2) mit Rekonstruktiver Forschung gleichgesetzt wird, überrascht, zumal der Autor selbst feststellt, dass nicht alle qualitativen Verfahren der rekonstruktiven Methodologie zuzuordnen sind (S. 69). Dargestellt werden die Objektive Hermeneutik, die Grounded Theory und die Dokumentarische Methode. Diese unbegründete Auswahl erscheint als willkürlich. Weitere Ansätze („Methoden der Analyse“, S. 124) werden lediglich aufgezählt. Warum beispielsweise die sich verschiedenster Techniken und Methoden bedienende, in der Sozialarbeitsforschung häufig angewandte, qualitative Fallstudie oder die Biografieforschung keine Erwähnung finden, ist nicht nachvollziehbar, ebenso dass Frauen- bzw. Geschlechterforschung gänzlich unerwähnt bleiben.
  • In der Darstellung von Methoden qualitativer Sozialforschung wird lediglich auf die Datenerhebung, nicht aber auf die jeweils darauf zu beziehenden Auswertungsmethoden eingegangen. Begründet wird dies damit, dass in der qualitativen Forschung „die Datenerhebung oft nicht klar von der Auswertung ab(zu)grenzen“ sei (S. 73). Vielmehr stehe die „Methodik eher im Hintergrund. Stärker ist das Interesse am ‚Verstehen‘ … ausgeprägt“ (ebd.). Qualitative Sozialforschung wird offenbar gründlich missverstanden, erhebt sie doch den Anspruch, wissenschaftlich vorzugehen und erhobene Daten regelgeleitet, nach ausgewiesenen Kriterien, auszuwerten! Deutlich wird hier auch, dass hermeneutische bzw. rekonstruktive Forschung qualitative Sozialforschung repräsentieren.
  • Einen wesentlichen Unterschied zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren sieht der Autor darin, dass qualitative Daten interpretiert werden müssen, während quantitative auf Statistik angewiesen seien (S. 109). Allerdings müssen auch statistische Daten interpretiert werden, um ihnen Sinn und Bedeutung zu geben und auf Zusammenhänge, Korrelationen zu verweisen. Eine seriöse Generierung von quantitativen Daten basiert auf einem Kontrollgruppenvergleich. Diesen Aspekt lässt der Autor unerwähnt. In der Sozialen Arbeit ist ein solches Design kaum möglich und ethisch zu rechtfertigen, weshalb anspruchsvolle quantitative Sozialforschung eher nicht betrieben wird.
  • Wie heute üblich, wird die Kombination von qualitativen und quantitativen Daten hervorgehoben, um die Stärken beider Zugänge zu nutzen und ihre Schwächen auszugleichen (Kap. 4.3). In diesem Zusammenhang geht der Autor auf „Mixed Methods“, „Triangulation“ und „Integration“ ein. Während die ersteren einfach parallele Designs beinhalten können, sollte mit einer systematischen Integration die künstliche Trennung von quantitativen und qualitativen Methoden in einer „verstehenden Erklärung“ (S. 81 nach Kelle 2008: 264) aufgehoben sein. Allerdings bleibt es nebulös, wie dieser Anspruch forschungspraktisch eingelöst werden kann, auch am Beispiel der Wirkungsforschung (S. 82 f.) wird dies nicht deutlich.

Fazit

Das Buch kann als Lektüre für solche Studierende empfohlen werden, die zum Einstieg in Sozialarbeitsforschung einen groben Überblick suchen. Es ist aber dringend geboten, sich in Detailfragen mit weiterführender Literatur zu beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. Erika Steinert
Prof. i. R., Hochschule Zittau/Görlitz
Homepage www.erika-steinert.de
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Zitiervorschlag
Erika Steinert. Rezension vom 30.03.2017 zu: Armin Schneider: Forschungsperspektiven in der Sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 2. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7344-0225-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21838.php, Datum des Zugriffs 24.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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