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Ronald Lutz, Friso Ross (Hrsg.): Soziale Entwicklung = Social development

Cover Ronald Lutz, Friso Ross (Hrsg.): Soziale Entwicklung = Social development. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2015. 499 Seiten. ISBN 978-3-86585-913-6. D: 35,90 EUR, A: 37,00 EUR.

Soziale Entwicklung - Social Development, Band 6.
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Thema

Die gesellschaftliche Entwicklung, Sozialpolitik und Soziale Arbeit in Afrika und Lateinamerika können und sollen nicht an europäischen/nordamerikanischen Mustern gemessen werden, sondern an den Anforderungen und Zielen der dortigen Akteure.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die beiden Herausgeber sind Professoren am Fachbereich für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule Erfurt.

Für diese Publikation haben sie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Praxiserfahrung, die an deutschsprachigen Hochschulen tätig sind, gewonnen, vor allem aber auch Persönlichkeiten aus Ländern des Südens, die an Hochschulen ihres Landes lehren oder gelehrt haben.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist der 6. in der Reihe „Soziale Entwicklung - Social Development“, die Ronald Lutz mit Christine Rehklau 2007 begonnen hat.

Aufbau

Der Band versammelt insgesamt 27 Beiträge, zwölf in deutscher, 15 in englischer Sprache.

Nach vier einführenden Artikel firmieren fünf unter der Überschrift „Postkolonialismus“, sechs unter „ Soziale Entwicklung“, sieben unter „Soziale Arbeit“ und weitere fünf unter „Sozialpolitik“.

Ausgewählte Inhalte

Mehrere Beiträge stellen eingangs die Notwendigkeit heraus, die Gesellschafts- und Sozialpolitik in den Ländern des Südens zu de-kolonialisieren, d.h. sowohl das koloniale Erbe aufzuarbeiten und zu überwinden als auch der Versuchung zu widerstehen, Entwicklung mit Modernisierung im kapitalistischen Sinne gleichzusetzen, etwa auch Konzepte der Sozialen Arbeit aus den europäisch/nordamerikanischen Ländern unreflektiert zu übernehmen bzw. fortzuführen.

Aus den Beiträgen, die sich dann tatsächlich mit den politischen, gesellschaftlichen und praktischen Entwicklungen eines Landes befassen, seien hier folgende benannt:

  • Mark Lawrence (Bemidji State University, Michigan) warnt mit Verweis auf „communities“ in Nigeria und Kenia davor, deren Vielfalt, innere Dynamik, Komplexität naiv zu überspielen.
  • Die „Comunidad de Productores en Arte“ ist ein Theater- Projekt mit Körpererfahrung, in dem sich die indigene Bevölkerung in Bolivien an die eigentlichen Helden erinnert, die sich gegen die Ausbeutung der Menschen in den Gold-und Silberminen gewehrt haben.
  • In Ecuador und Bolivien entstand in Abgrenzung zum herkömmlichen Raubbau an der Natur das Konzept von „Sumak kawsay“ oder „buen vivir“, das indigene Traditionen vom Einklang mit der Natur aufgreift (Olenka Bordo, Berlin).
  • Ndangwa Noyoo (Universität von Johannesburg) berichtet über die Situation in den elf Ländern, die sich als Entwicklungsgemeinschaft im südlichen Afrika zusammengetan haben (u.a. Kongo, Madagaskar, Botswana, Tansania, Sambia); noch immer lebt dort die Hälfte der Bevölkerung in strenger Armut (von weniger als 1 $ pro Tag), sind HIV, Malaria und Tuberkulose weit verbreitet.
  • Edwell Kaseke (Universität von Witwatersrand, Johannesburg) plädiert für eine Bildungs-Offensive, die weit mehr und qualitativ besser die Kinder und Jugendlichen in den ländlichen Gebieten des Südlichen Afrika erreichen soll.
  • Lengwe-Katembula Mwansa und zwei Kollegen von der Universität von Botswana analysieren die vielfältigen Herausforderungen der Familien in Botswana, weisen aber auch daraufhin, dass die weniger entwickelten Länder, so auch Botswana, die meisten afrikanischen Flüchtlinge aufnehmen, wobei diese oft unter post-traumatischem Stress, aber auch Gewalt gegen Kinder und Frauen in den Camps leiden.
  • Auch wenn die Urbanisierung und Globalisierung voranschreitet, sind es doch nach Angaben von Philipp Kumria (Gießen) weltweit 500 Mio. familienbasierte Farmen, die zu 60% die Welternährung sicherstellen; die internationalen Kleinbauern beanspruchen „Ernährungssouveränität“ (Selbstbestimmung über die Formen des Wirtschaftens).
  • Ina Gankam Tambo (Bochum) berichtet über nigerianische Kinder, die als sog. Domestics in Haushalten arbeiten; dabei ist dies seit 2003 nur noch legal, wenn es sich um den Haushalt von Verwandten handelt. Weiterhin hat aber die „Bewegung der arbeitenden Kinder“ die Mädchen zu schützen, die doch in nicht-verwandten Familien oder auch von den Verwandten ausgebeutet werden.
  • Helmut Spitzer (FH Kärnten) berichtet über ein Projekt zur Verbesserung der Sozialarbeiterausbildung, das 2011-2014 mit Hochschulen in Kenia, Ruanda, Tansania, Uganda und Burundi gestaltet wurde. Dabei wurde deutlich, wieviel trotz aller Fortschritte im Sinne der Milleniumsziele, etwa gegen die Kindersterblichkeit, zu tun ist. Zugleich muss aber die Ethnisierung der Sozialen Arbeit da Schranken haben, wo Menschenrechte betroffen sind (Genitalverstümmelung).
  • Benjamin Bunk (Erfurt) würdigt die Bewegung der Landlosen in Brasilien, die in 30 Jahren durch konsequente Landbesetzungen erreicht hat, dass etwa 2 Mio. Menschen in Kooperativen und Genossenschaften „ihren“ Boden bearbeiten können. Wer hier die Frage nach dem Recht stellt, sollte sich die Verteilung des Landbesitzes (1,7 % verfügen über 43 % der Fläche) und die Ermordung von fast 1.500 Landlosen in den letzten 20 Jahren bewusst machen.
  • Christa Wichterich (Basel) zeichnet die Erfolgsgeschichte der Mikrokredite, die an Frauengruppen in Indien und Bangladesch vergeben wurden, nach. Allerdings endete diese vielfach im Desaster, da die Zinssätze zu hoch lagen, das Geld meist konsumptiv verwendet wurde und mit so kurzen Laufzeiten nicht für Ackerbau geeignet war, vor allem aber kommerzielle Finanzdienstleister inzwischen die Szene beherrschen.

Diskussion

Der Band breitet eine Fülle von Materialien aus, die für die entwicklungspolitische Diskussion bedeutsam sind. Nicht immer sind die Fakten nachvollziehbar (z.B. wie die Krankenversicherung in Ghana praktisch funktioniert), manche Akzente stimmen nicht, z.B. wenn Zivilgesellschaft auf Lobbies und Pressure Groups reduziert wird, aber Kirchenchor und Sportverein fehlen.

Insgesamt also eine verdienstvolle Publikation.

Dennoch Kritik, Kritik an der Ausstattung dieses Buches. Mit 500 Seiten sprengt es den Rahmen, ganz praktisch auch die Bindung: Nach sorgsamer Lektüre fallen die ersten Blätter aus. Dabei könnte der Umfang leicht reduziert werden, allein dadurch, dass über 20 Leerseiten zwischendurch und die 12 Seiten Verlagswerbung am Ende weggelassen werden. Ärgerlich ist auch, dass die Literaturangaben in gleicher Schriftgröße wie der Text gehalten sind, bei einem durchschnittlichen Artikel z.B. 5 Seiten umfassen, der Artikel selbst 14. Der Blocksatz ist auch nicht sehr einladend. Überdies scheinen doch einige Beiträge entbehrlich zu sein.

Für die Fortsetzung der Serie bietet sich m.E. an, sich auf eine Region oder auch nur ein Land zu konzentrieren.

Fazit

Sicher ein Klassiker zur Entwicklungs- und Sozialpolitik im Süden, der leserfreundlicher gestaltet werden könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 25.11.2016 zu: Ronald Lutz, Friso Ross (Hrsg.): Soziale Entwicklung = Social development. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2015. ISBN 978-3-86585-913-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21844.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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