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Reiner Sörries: Stirbt der Friedhof?

Cover Reiner Sörries: Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. 126 Seiten. ISBN 978-3-943787-67-2. 15,00 EUR.

Band 6 der Schriftenreihe Friedhofskultur heute.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band 6 der Reihe „Friedhofskultur heute“ befasst sich mit der nicht weniger epochalen wie weitreichenden Frage: Stirbt der Friedhof…? Damit reiht sich diese Abhandlung nahtlos in bestehende Diskurse und Debatten über den Funktionsverlust und Strukturwandel des Friedhofs und der Bestattungskultur als Folge anhaltender gesellschaftlicher Säkularisierungs-, Individualisierungs- und Pluralisierungstendenzen. Als Orte der Trauer und der Bestattung hat der Friedhof im Stillen, so scheint es, schon seit geraumer Zeit seine Selbstverständlichkeit eingebüßt, auch wenn sich das äußere Erscheinungsbild der meisten (neuzeitlichen) Friedhöfe für viele BesucherInnen nur marginal verändert hat – und dies auch nur schrittweise tut. Im Tenor eines konstatierten Verfalls der Friedhofs- und Bestattungskultur sind Friedhöfe weit weniger Orte der Erinnerung als Orte der Entsorgung, eine Entwicklung, die der Professionalisierung des Bestattungsgewerbes Vorschub leistet und Entfremdungstendenzen im Umgang mit dem Tod weiter vorantreiben.

Reiner Sörries wagt eine Zustandsdiagnose und spricht über den Friedhof liebevoll als „Patient“; deutlich wird jedenfalls, um was es in diesem Buch primär gehen soll, nämlich um eine Art Ursachensuche des offenkundigen Wandels oder auch um die nicht weniger spektakuläre Frage: Welche Entwicklungen tragen Mitschuld am „Siechtum“ des Friedhofs (S. 7)? Die Ursachensuche und Erklärungsversuche, die in diesem Buch vorgelegt und beschrieben werden, fußen dabei in erster Linie auf langjährigen Erfahrungen des Autors und distanzieren sich zugleich von dem Anspruch einer „seriösen“ wissenschaftlichen Studie. Für LeserInnen, die „die wahren Strukturen und ihre Hintermänner kennen lernen [wollen], […] bleibt das Studium der einschlägigen Fachzeitschriften und der Verbandsorgane der beteiligten Gewerke nicht erspart.“ (ebd., S. 9)

Autor

Reiner Sörries studierte Evangelische Theologie, Christliche Archäologie und Kunstgeschichte und hat sowohl als Wissenschaftler als auch als Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern gearbeitet. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und ehemaliger Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Darüber hinaus lehrt er als außerplanmäßiger Professor Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der im Vorwort eingeführten Leitfrage: Stirbt der Friedhof? wird in den darauffolgenden kurzen Abhandlungen der Versuch unternommen, die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, zu beantworten, den Gesundheitszustand des Friedhofs zu analysieren, Reaktionen auf diesen Zustand zu beschreiben und gesunde Mitstreiter, Verwandte des Friedhofs, vorzustellen. Zum Abschluss wird ein Nachruf formuliert und ein Ausblick gewagt. Weiterführende Literatur und ein Bildverzeichnis finden sich am Ende des Buches.

Einleitend greift der Autor die Frage „Stirbt der Friedhof eines natürlichen Todes?“ (Kapitel 1) auf, um zum einen wirkungsmächtige Veränderungslinien nachzuzeichnen, die sich verborgen vor dem Auge des Betrachters im Inneren des Friedhofs symptomatisch abspielen („wie durch einen schlimmen Bazillus infiziert“) und zum anderen seine „Altersschwäche“ zu diagnostizieren. „Ob nun altersschwach, geschwächt durch eine Infektion oder an einer chronischen Krankheit leidend, wer will schon genau sagen, woran der Friedhof wirklich leidet?“ (S. 21). Vielleicht leidet der Friedhof ja gar nicht primär an Altersschwäche, an einer Krankheit, sondern ist Folge eines Unfalls?

Diese These wird darauffolgend (Kapitel 2) dargelegt und erörtert, indem unterschiedliche technische Neuerungen (wie das Krematorium oder der Einsatz des Schaufelbaggers) zum Anlass genommen werden, etwaige Langzeitschäden zu diskutieren: „Keine einzige hatte irreparable Schäden zur Folge, aber sie summieren sich und treffen den Geschädigten umso mehr, je stärker er bereits durch bestehende Krankheiten geschwächt ist“ (S. 31).

Im nächsten Abschnitt (Kapitel 3) resümiert der Autor Veränderungen infolge eines „gesellschaftlichen und geistigen Klimas“ (S. 32). Darin skizziert werden unter anderem Individualisierungstendenzen, das Älterwerden der Menschen, die Bürokratisierung und die Verwaltung des Todes, aber auch der Wandel hin zu einer neuen Erinnerungskultur und die fehlenden Sicherheiten im Umgang mit Tod und Trauer, die dem Friedhof zusetzen. „Der mentale Klimawandel [hat] zwar das Tabuthema Tod aus seiner Verdrängung befreit, gleichzeitig den Friedhof aber in die Defensive gedrängt, weil er keinen Anteil am modernen Denken zu haben scheint“ (S. 46).

Nach den Abhandlungen über den natürlichen Tod, Unfallfolgen und Klimaveränderungen versucht Sörries die Frage, ob der Friedhof eines „gewaltsamen Todes“ stirbt (Kapitel 4), als „Verdachtsmomente“ zu beleuchten. Thematisiert wird der Friedhof darin im Lichte einer zunehmenden Ökonomisierung als Dienstleistungsanbieter und Wirtschaftsraum.

Die anschließende Perspektive fragt nach den „Umständen“ (Kapitel 5), die den Friedhof zum kranken oder vielleicht auch sterbenden Patienten machen, um abschließend zu resümieren: „Wenn es jedoch um die Gesundheit geht, dann helfen unter Umständen nur radikale Schnitte. Chirurgen wissen das, manchmal muss eine Amputation das Leben retten. Oder für Übergewichtige hilft dann nur noch eine echte Schlankheitskur. Und übergewichtig sind unsere Friedhöfe allemal. An solche Therapien wagt sich aber kaum jemand, und man toleriert lieber den nahezu komatösen Zustand des Patienten. Er ist ja noch nicht tot […]“ (S. 60).

Oder stirbt der Friedhof doch an seiner eigenen Unachtsamkeit, weil er Veränderungen, den Bedürfnissen seiner Kunden, zu wenig Aufmerksamkeit schenkte? (Kapitel 6) Beispiele einer solchen Unachtsamkeit (Friedhofsatzung, Nutzungsrecht und -fristen, ordnungsgemäße Verwaltung der Grabstätten und Gestaltungsrichtlinien) werden vorgestellt und Vorkehrungen besprochen, die den Friedhof für Außenstehende wieder attraktiver gestalten sollen.

In „Oder begeht man Rufmord am Friedhof?“ (Kapitel 7) erörtert der Autor seinen Standpunkt von Pietät und Totenfürsorge und stellt klar, dass es nicht der Friedhof ist, an dem Rufmord begangen wird, sondern an einer „pietät- und gefühlslosen Generation, der man […] zudem gerne unterstellt, sie sei mehr an Urlaubsreisen als an der Totenfürsorge interessiert“ (S. 74).

Waren die vorhergehenden Betrachtungen vordergründig der Frage gewidmet, ob der Friedhof eher krank, schwerkrank oder gar sterbend sei, so werden im nachfolgenden Kapitel 8 „Reaktionen auf den kranken, sterbenden Patienten“ als Ort der Bestattung vorgestellt. Für die Mehrheit der Menschen sind Wandlungsprozesse nicht wahrnehmbar, meint Sörries, denn die Hülle hat sich für Außenstehende kaum verändert – doch woran bemerken Berufstätige innerhalb der Friedhofsmauern den einsetzenden Sterbeprozess? Und wenn dies zur Kenntnis genommen wird – worüber wird geredet? Sörries verweist in diesem Zusammenhang auf die (antizipierten) idealtypischen Trauerphasen Sterbender und konstatiert nach einer Phase des Nicht-wahr-haben-Wollens eine Phase des „hemmungslosen, manchmal an Verzweiflung grenzenden Aktionismus, [der] selbst vor öffentlicher Werbung nicht halt[machte]“ (S. 80), der eine Phase der Aggressivität gegenüber Angehörigen folgte. Um diesen Standpunkt zu untermauern, greift Sörries die Frage nach dem Schuldigen auf und verortet wiederum Pietät und Totenfürsorge in seinem Argumentationszusammenhang, in dem auch die Bestatter und Bestattungskosten ihren Platz finden. In der letzten vierten Phase, in der es um das Akzeptieren der Endlichkeit geht, werden Überlegungen vorgestellt, wie dem Friedhof ein „ehrendes Gedenken“ (S. 86) bewahrt werden könnte, wenn er denn tot ist. Oder möchte man ihn doch nicht ganz so tot sehen und stellt sich ihm lieber als einen Patienten vor, den man mithilfe von Behandlungsmaßnahmen sogar therapieren könne?

Auch für Sörries ist es nun an der Zeit, die Frage: Stirbt der Friedhof? zu überdenken, neu zu stellen und den Friedhof im Lichte seiner „Selbstheilungskräfte“ und Gesundheitsstrategien zu betrachten, wie es im Kapitel 9 hoffnungsvoll und durchaus kritisch getan wird. „Der Friedhof ist nicht physisch krank. Das was man von ihm erwarten kann, das erfüllt er noch mit großer Zuverlässigkeit. Es ist eher die Psyche, die ihm zu schaffen macht. Der Zweifel an seinen Fähigkeiten nagt an ihm, wie es ihn schmerzt, dass viele Menschen ihn nicht mehr schön finden. Er hat an Attraktivität verloren, und die nachlassende Aufmerksamkeit zehrt an seinem Selbstwertgefühl“ (S. 92). Thematisiert werden unter anderem die zunehmende Konkurrenz durch Bestattungswälder oder die hohen Kosten, die es dem Friedhof erschweren, potentielle Nutzer zu halten. Und noch vieles mehr. Um was es letztlich gehen muss? „[…] insgesamt aufgeschlossener zu wirken und sich seiner eigenen Rolle wieder bewusst zu werden“ (S. 105).

In Kapitel 10, „Gesunde Verwandtschaft“, geht es Sörries nun nach der Analyse des Gesundheitszustandes seines Patienten um seine kleinen und großen Verwandten, die in manchen Fällen „nur so von Vitalität [strotzen]“ (S. 106). Beleuchtet werden in diesem Kapitel also zunächst Beispiele dieser Vitalität auf deutschem Boden, etwa in Form von Friedhöfen religiöser Minderheiten, die als Orte kultureller und ethnischer Aushandlungsprozesse um Identitätskonstruktionen in den Blick geraten. Dass es im Nachbarland (Niederlande) auch Friedhöfe gibt, die als Geschäftsmodell Profit abwerfen und sich als lukrativ erweisen, sieht Sörries in Deutschland nicht gegeben, auch wenn es „mittlerweile ein paar schicke Naturfriedhöfe in quasi privater Verantwortung und mit Gewinnerzielungsabsicht“ gibt (S. 113). Schließlich wird auch noch über die Tierfriedhöfe, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten in großer Zahl entstanden sind, ein paar Worte verloren. Dennoch: lernen kann der Friedhof von seinen gesunden Verwandten nichts, „denn er bewegt sich in einer Grauzone unbestimmter, wenig konkreter Pietät. Sie ist immer noch so stark, dass sie das Geldverdienen mit dem Tod nahezu als unmoralisch erscheinen lässt, aber nicht mehr stark genug, um in den Menschen wahre religiöse Gefühle zu wecken, die eine Beziehung zum Friedhof eingehen. Der Friedhof ist nicht Fisch, nicht Fleisch“ (S. 117).

Waren bisher alle Überlegungen auf die Prognose ‚Überleben‘ gerichtet, werden im Kapitel „Nachruf“ dann doch Gedanken über sein definitives Ende gemacht und die Sichtweisen der ‚Hinterbliebenen‘, beispielhaft diejenigen der Gewerke und der Kirchen, in ihrer Trauer antizipiert.

Zum „Schluss“ wünscht Reiner Sörries dem Friedhof noch einmal ‚Alles Gute‘; nicht jedoch vorher noch auf den schwarzen Humor einzugehen, der den Friedhof zum Gespött der Leute werden lässt. Ob sympathisch oder nicht, muss der Leser, die Leserin selbst entscheiden und ist im Grunde auch einerlei. Wichtig ist die zentrale Botschaft, die uns der Autor mit auf dem Weg gibt: es gibt noch Hoffnung für den Friedhof.

Diskussion und Fazit

Das Anliegen dieses Buches oder der Kern der Darstellung ist die Skizzierung (aktueller) Entwicklungslinien zum gesellschaftlichen Umgang mit der Begräbniskultur, die sich der Autor in Fragen eröffnenden Perspektiven nähert. Auf einfach wie übersichtlich strukturierten (das Buch kommt ohne Kapitelnummerierung aus) und bildlich aufgelockerten Seiten wird die gesamte facettenreiche Innenansicht des Autors zur Thematik Schritt für Schritt ausgebreitet und rekonstruiert. Mit seiner Geschichte zum Friedhof thematisiert Reiner Sörries auch unterschiedliche Dimensionen dieses Feldes, die bislang in dieser Form wenig ausgeleuchtet sind. Angesichts der Schwere des Themas, jedoch durchaus vergnüglich zu lesen, nimmt der Autor wortgewaltig Schritt für Schritt Stellung bis zum finalen Ende. Bei so einem reichen Erfahrungsschatz, der dem Leser, der Leserin geboten wird, kann man auch über die methodisch nicht weiter reflektieren Zeitzeugenaussagen gerne ein oder zwei Augen zudrücken. Eine wissenschaftliche Abhandlung ist auch nie der Anspruch gewesen, wie Sörries im Vorwort vorwegnimmt, sondern bewusst der Versuch, ohne diese Untermauerung Perspektiven darzulegen und eben auf dieser Grundlage fundierte Informationen quasi aus ‚erster Hand‘ zu vermitteln. Dies ist dem Autor auch gelungen, eine Bereicherung für den Diskurs um den Wandel der Bestattungs- und Friedhofskultur ist es allemal. Sowohl Laien als auch Experten dürften sich durchaus auf angenehme Weise angesprochen fühlen, in dem Buch zu schmökern.

Alles in allem wird das Werk sicherlich seinem Anspruch gerecht, nicht nur aufgrund der Originalität des Unterfangens und der Eröffnung wenig erfasster Blickwinkel auf das ‚Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur‘. Darüber hinaus kann das Buch selbst wiederum eine Vielzahl an Anschlussmöglichkeiten für weitere, intensivierte Diskurse und (wissenschaftliche) Abhandlungen bieten.


Rezension von
Dr. Doris Lindner
Institut Forschung & Entwicklung
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 19.12.2016 zu: Reiner Sörries: Stirbt der Friedhof? Über das Dahinsiechen traditioneller Begräbniskultur. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-943787-67-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21846.php, Datum des Zugriffs 27.01.2022.


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