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Tanja Hoffmann: Unternehmenskultur und Organisationaler Wandel

Cover Tanja Hoffmann: Unternehmenskultur und Organisationaler Wandel. Theorie und Fallbeispiel. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. 304 Seiten. ISBN 978-3-89797-093-9. D: 37,99 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 59,99 sFr.
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Autorin

Die Autorin ist Organisationssoziologin und arbeitet als Beraterin bei Veränderungsprojekten im Bankbereich.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist gleichzeitig erschienen als Dissertation an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main unter dem Titel „Organisationaler Wandel und Unternehmenskultur. Der Einfluss der Unternehmenskultur auf organisationale Veränderungsprozesse am Beispiel eines deutschen Einzelhandelskonzerns“.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung zum Thema des organisationalen Wandels (Kap. 1) stellt die Autorin den Unternehmenskulturansatz von Edgar Schein dar (Kap. 2).

Die Vorstellung ihres empirischen Forschungsansatzes (Kap. 3) und des Fallstudienunternehmens (Kap. 4) bilden die Einleitung zum Hauptteil der Arbeit, nämlich der Analyse der Unternehmenskultur des Fallstudienunternehmens (Kap. 5) und der Aktivitäten der Geschäftsführung (Kap. 6).

Den Abschluss der Arbeit bildet eine kritische Würdigung des Schein´schen Ansatzes (Kap. 7).

Inhalt

In Kap. 1 stellt die Autorin auf knapp 10 Seiten den Forschungsstand bezüglich dreier Problembereiche vor, die sie für besonders bedeutsam hält: Die Abgrenzung der Begriffe „Veränderung“ und „Wandel“ (1), Hindernisse und Widerstände gegen organisationalen Wandel (2) sowie die Frage der Plan- und Gestaltbarkeit von Wandlungsprozessen (3).

In Kap. 2 gibt die Autorin auf knapp 50 Seiten einen komprimierten Überblick über den Unternehmenskulturansatz von Schein, der die Elemente in dem einschlägigen 3-Ebenen-Modell (Artefakte, bekundete Werte, Grundprämissen) ordnet und die Bedeutung der Kultur in der Bewältigung zweier Hauptaufgaben sieht:

  • der Anpassung an externe Herausforderungen zur Sicherung des Überlebens und
  • der internen Integration der inneren Prozesse und der Mitglieder.

Das empirische Vorgehenskonzept der Autorin (Kap. 3) ist qualitativ ausgerichtet und an die Grounded Theory angelehnt (Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtungen, leitfadengestützte Interviews).

Die Fallstudienbeschreibung (Kap. 4) gibt einen historischen Abriss über die Entwicklung des Einzelhandelsunternehmens; das Schwergewicht liegt dabei auf den letzten zehn Jahren vor der Auflösung des Unternehmens.

Im Kap. 5 wird die Unternehmenskultur des Fallstudienunternehmens nach dem Ansatz von Schein untersucht. Es handelt sich um einen Interpretationsvorgang, der sich an Scheins Systematik und dessen Fragestellungen bei seinen eigenen Beratungsaktivitäten im Bereich Unternehmenskultur orientiert. Zunächst werden kulturelle Aspekte der beiden unternehmerischen Hauptaufgaben „Überleben im externen Umfeld“ und „Schaffung eines internen Zusammenhalts“ untersucht, bevor dann eine Entschlüsselung des kulturellen Paradigmas des untersuchten Unternehmens und die zugrundeliegenden tieferen Grundannahmen vorgenommen wird. Illustriert wird das Vorgehen durch einen Vergleich der erhobenen Kulturvariablen mit den normativen Aussagen einer internen Publikation zum 75-jährigen Bestehen des Unternehmens.

In Kap. 6 untersucht die Autorin auf etwa 100 Seiten insgesamt 12 exemplarische Veränderungsvorhaben, die in den letzten zehn Jahren von dem Investor und der neuen Geschäftsführung auf den Weg gebracht worden sind. Im Ergebnis waren nur die Veränderungsprozesse erfolgreich, die „evolutionär“ im Einklang mit der vorherigen Unternehmenskultur standen oder in Bereichen realisiert wurden, die nicht so stark von der Unternehmenskultur geprägt waren (z.B. IT). Bei der Mehrzahl der Veränderungsvorhaben gab es starke Differenzen zwischen dem kulturellen Paradigma des Beispielunternehmens und dem Paradigma der Veränderung, die sich in vielfachen Konflikten, wirtschaftlichen Problemen, Verweigerungen bis hin zu Entlassungen aus dem Beschäftigungsverhältnis niederschlugen.

Das abschließende Kap. 7 enthält zunächst eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse aus Kap. 5 und 6. Die Autorin sieht die Stärken des Ansatzes von Schein darin, „dass er die Abhängigkeit der Akteure und ihres Handelns von ihren tradierten Grundannahmen aufdeckt, welche diesen Akteuren selbst meist gar nicht bewusst sind.“ (S. 321). Knappe Hinweise (S. 325-327) auf eine mögliche Vorgehensweise für ein kultursensibles Veränderungsmanagement beschließen die Arbeit.

Diskussion

Die Arbeit liefert Hinweise darauf, „dass die Erfolgsaussichten bei betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Veränderungsbestrebungen durch die Integration der soziologischen Perspektive erheblich verbessert werden könnten“ (S. 327). Vielfach stellen divergente Grundannahmen der Akteure grundsätzlich erhebliche Schwierigkeiten für die Realisierung von Veränderungsprozessen auch in Sozial- und Gesundheitsunternehmen dar. Allerdings liefert das Buch keine Informationen darüber, wie so eine Integration geschehen könnte.

So ist zunächst mit der Ausrichtung der Fallstudie an einem Einzelhandelsunternehmen verbunden, dass der Leser viele illustrative Beispiele über die Ausrichtung der Geschäftstätigkeit in dieser Branche erfährt, zum Beispiel über Niedrigpreiskonzept und Selbstbedienung, Einkaufssteuerung statt Verkaufssteuerung (S. 134) und den Umsatz als dominierendes Betriebsziel. Nur wenige der geschilderten Entwicklungen dürften grundsätzlich auch in Sozial- und Gesundheitsunternemen anzutreffen sein (Zentralisierungstendenzen; Problem der internen Rekrutierung der Führungskräfte; geringe Formalisierung der Prozesse). Für eine Übertragung der Erfahrungen müssten dann allerdings noch eine gesonderten Beschreibung der jeweilig andersartigen Rahmenbedingungen geleistet werden.

Zum zweiten bleibt die Frage offen, wer betrieblicher Akteur für ein „kultursensibles Veränderungsmanagement“ (S. 324) sein und wie dieses aussehen könnte. Eine von der Autorin durchgeführte sechsjährige Begleitung eines Unternehmens ist unter Forschungsgesichtspunkten vorstellbar, nicht aber als Vorstufe oder Bestandteil eines betrieblichen Change Managements. Insofern wirkt die Verlagsankündigung auf der Rückseite, das Buch biete „.. eine Fülle von innovativen Möglichkeiten für die Praxis der Kulturentwicklung und des Changemanagements“, etwas übertrieben.

Trotz dieser Einschränkungen liefert das Werk eine fundierte Analyse einer Unternehmenskultur und seiner Bedeutung für einen Veränderungsprozess. Gute Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel, zum Teil auch in graphischen Darstellungen, machen abstrakte Analysen besser handhabbar.

Interessant sind die wenigen Hinweise darauf, dass Scheins Systematik eigentlich auch um kundenbezogene Aspekte zu erweitern wäre – dies wäre insbesondere für ein Anwendungsfeld im Sozial- und Gesundheitsbereich besonders sinnvoll, wenn nicht sogar unbedingt notwendig.

Fazit

Das Buch ist für diejenigen interessant und nützlich, die sich theoretisch und praktisch (empirisch) mit dem Konzept von Schein auseinandersetzen wollen. Es liefert ein gutes Analyseraster und zeigt, wie es anzuwenden ist. Außerdem werden viele (schlechte) Beispiele für Veränderungsprozesse gegeben, die den „kulturellen Bestand“ nicht ausreichend erfassen und berücksichtigen. – Für diejenigen Leser, deren Erfahrungshintergrund nicht der (Einzel-)Handel ist, erfordert die Lektüre und die Ableitung einer entsprechenden Vorgehensweise erhebliche Übertragungsarbeiten.


Rezensent
Prof. Dr. Knut Dahlgaard
Professor für Personalmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Knut Dahlgaard. Rezension vom 27.09.2017 zu: Tanja Hoffmann: Unternehmenskultur und Organisationaler Wandel. Theorie und Fallbeispiel. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. ISBN 978-3-89797-093-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21853.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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