socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ina Jäkel, Gisbert Stein: Unternehmen(s)­gesundheit (Betriebliches Gesundheitsmanagement)

Cover Ina Jäkel, Gisbert Stein: Unternehmen(s)gesundheit. Betriebliches Gesundheitsmanagement in der Praxis. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. 208 Seiten. ISBN 978-3-89797-095-3. D: 21,99 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 34,99 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Werk „Unternehmen(s)Gesundheit“ ist in der ersten Auflage erschienen. Anliegen der vorliegenden Ausführungen ist es, aus der Praxis für die Praxis das Themenfeld Gesundheit im Unternehmen zu analysieren und wertvolle Hinweise für die Unternehmen zu geben, die sich mit diesem Themenfeld ebenfalls auseinandersetzen. Dabei stehen psychische Gesundheit, Personalführung, Prävention und Kommunikationskultur im Vordergrund.

Autorin und Autor

Ina Jäkel ist Pädagogin mit sozialtherapeutischem Zusatzstudium und Kommunikationspsychologin. Sie verfügt über einen großen Erfahrungsschatz in den Praxisfeldern der Gesetzlichen Unfallversicherung durch Leitungsfunktionen und Mitarbeit in Gremien der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Lehrerfahrung hat sie unter anderem durch Lehraufträge an der Dresden International University.

Gisbert Stein ist Pädagoge und Gesundheitswissenschaftler. Er hat umfassende berufliche Erfahrungen im Themenfeld Gesundheit im Unternehmen unter anderem durch Tätigkeiten in den Bereichen Psychotherapie, Verwaltungsleitung im Gesundheitswesen und in der allgemeinen Verwaltung sowie als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens erworben. Er arbeitet als Dozent und Supervisor.

Entstehungshintergrund

Das Werk entstand vor dem Hintergrund, eine interdisziplinäre und themenübergreifende Darstellung zum Themenfeld Gesundheit im Unternehmen erarbeiten zu wollen. Dabei stehen gesundheitswissenschaftliche und kommunikationspsychologische Herangehensweise ergänzend nebeneinander. Unternehmenskultur, Strukturen und Rollenverständnis werden in den Vordergrund gerückt. Die Autoren schauen kritisch hinter die Kulissen und haben es sich zum Ziel gesetzt, dabei fundierte, wissenschaftliche Maßstäbe anzusetzen.

Aufbau

Das Werk beginnt mit einem Vorwort von Herbert Bock und einer Einleitung der Autoren.

Es startet nach der Einleitung mit ersten Ausführungen aus der Praxis für die Praxis. Anschließend widmet der Gesundheit im Unternehmen mit einer Schwerpunktsetzung bei psychischen Störungen. Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld wird der Personalführung bei psychischen Auffälligkeiten Platz eingeräumt, bevor schließlich Möglichkeiten der Prävention, betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie ausführliche Handlungsableitungen für die Praxis im Mittelpunkt stehen. Diese bilden – äußerst begrüßenswert – einen gewichtigen Schwerpunkt. Abschließende Gedanken runden das Werk ab.

Inhalt

Die Einleitung beginnt mit einen Einstieg ins Themenfeld Gesundheit im Unternehmen. Gesundheit hat sich aus der Ecke des Privatlebens heraus zu einem Thema für Gesellschaft und Unternehmen entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei aufgrund des Wandels der Arbeitskultur zunehmend die psychische Gesundheit.

Im Kapitel Aus der Praxis für die Praxis beginnen die Ausführungen mit der Darstellung von Gründen der zunehmenden Bedeutung psychischer Erkrankungen im betrieblichen Umfeld. Nicht nur verhaltens- und verhältnispräventiver Ansatz sollen dabei verfolgt werden, sondern dem Aspekt „gesundheitsgerechter Kommunikation“ wird das Hauptaugenmerk geschenkt.

Im Kapitel Gesundheit im Unternehmen werden anfangs die zentralen Begriffe und Definitionen geklärt: psychische Belastung, psychische Beanspruchung, psychische Fehlbeanspruchung und psychische Störung. Weiterhin werden die Prävalenz psychischer Störungen, die Entwicklung der Arbeitsunfähigkeitstage und der Anstieg der Krankheitskosten untersucht. Anschließend gehen die Autoren auf mögliche Faktoren wie soziale Strukturen, Arbeitsverhältnisse und Führungsverhalten ein. Sodann gehen die Ausführungen auf die Folgen für die Betroffenen selbst ein. Dabei werden vor allem die langen Wartezeiten der Patienten und die dramatischen Folgen für das Arbeitsverhältnis sichtbar.

Im nächsten Abschnitt werden Führungskräfte als Akteure und Betroffene in den Blick genommen. Dabei wird die herausfordernde Situation, der sich Führungskräfte gegenüber sehen, sehr gut sichtbar. Oftmals fehlt Führungskräften die Unterstützung, die sie bräuchten, um mit eigenen oder mit bei ihren Mitarbeitern vorhandenen Belastungen umzugehen.

Es folgen Ausführungen zu Präventionsnotwendigkeiten und Präventionsmöglichkeiten im Unternehmen. Eingangs wird sichtbar, dass hierbei immer noch die Krankheit und nicht die Risikoprävention mit einem Schwerpunkt bei der Änderung des Verhaltens der Beschäftigten und der Minderung schädlicher Einflüsse im Vordergrund steht. Im Weiteren werden Verhaltens- und Verhältnisprävention im Unternehmen gewürdigt. Als wichtiges Instrument wird die externe Mitarbeiterbefragung vorgestellt.

Wie betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz mit gesundheitsrelevanten Themen umgeht folgt als nächster Themenblock. Kommunikations- und organisationspsychologische Zusammenhänge werden dabei beleuchtet. Von den Beteiligten wird der Umgang mit den relevanten Themen meist polarisierend erlebt. Inhalte und Methoden werden zudem oftmals als unpassend angesehen. Bei der Analyse der gesetzlichen Vorgaben stellen die Autoren fest, dass die Adressaten im Arbeits- und Gesundheitsschutz oftmals das Gefühl von Fremdkontrolle, Hierarchie und Kriegsmetaphorik vermittelt bekommen, was dem eigentlichen Anliegen entgegenwirkt. Bei der weiteren Analyse wird sichtbar, dass die Sender-Empfänger-Problematik bei der Kommunikation im Betrieblichen Gesundheitsmanagement von größter Bedeutung ist.

Weiterhin befasst sich das Werk mit Handlungsableitungen für die Praxis. Dabei werden Handlungsstrategien beleuchtet für die Gestaltung der Arbeitswelt an sich und für den Umgang mit betroffenen Mitarbeitern. Beginnend mit der besseren Gestaltung von (gemeinsame) Sitzungen der Arbeitsschutzausschüsse (ASA) und der Arbeitskreise Gesundheit, über eine wertschätzende, gesundheitsgerechte Kommunikation im Unternehmen, hin zur Gewährleistung eines angemessenen Reflexionsprozesses und einer guten Feedbackkultur, weiter zur Schaffung positiv besetzter sprachlicher Bilder und zu einer neu gestalteten Vernetzung der relevanten Akteure. Betont wird dabei, dass die Gestaltung einer personal- und situationsgerechten Kommunikationskultur entscheidend ist. Schließlich wird sichtbar, dass Selbstreflexion zur Schaffung einer Kultur der Achtsamkeit und Selbstsorge unverzichtbar ist. Das Unternehmensmanagements bzw. die Führung ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg oder Misserfolg von Gesundheitsmaßnahmen im Unternehmen. Dabei gelten unterschiedliche Grundsätze für die Top-Ebene und das Management der unteren und mittleren Ebene. Schließlich stellt Ina Jäkel das von ihr entwickelte HaSiER®-Modell vor, das die Voraussetzungen beschreibt, die für die Entstehung eines Kohärenzgefühls grundlegend sind, das die Gesundheit von Gemeinschaften und Individuen ermöglicht.

Schließlich werden noch Handlungsableitungen für den Umgang mit auffälligen Mitarbeitern als Sekundärprävention und Hinweise für Führungskräfte gegeben.

Die wichtigsten Erkenntnisse und eine Sammlung von Fragen an den Leser werden als abschließende Gedanken anstelle eines Schlusswortes weitergegeben.

Diskussion

Die Ausführungen des Werks sind weitgehend als außergewöhnlich gut gelungen zu bezeichnen. Im Hinblick auf die Schaffung und ständige Überprüfung einer angemessenen Unternehmenskultur, auf gelungene Kommunikationsstrukturen und auf die wichtigen Aussagen zu Achtsamkeit und Selbstsorge setzt das Werk gar Maßstäbe in positiver Hinsicht.

Ein wenig zu kritisch oder gar negativ wird das Bild der vorhandenen Normen im Arbeits- und Gesundheitsschutz gezeichnet, wobei das der Jurist als Rezensent vielleicht auch nicht neutral zu beurteilen vermag. Eines ist aber selbst unter Juristen nicht umstritten: das bestehende Regelungswerk in Sachen Gesundheitsförderung und Prävention ist noch nicht geeignet, eine Kultur der Gesundheit, Achtsamkeit und Selbstsorge zu schaffen. Dagegen bestehen im Arbeitsschutz ausführliche Regelungen, die man nicht so kritisch sehen sollte wie die Autoren, denn hier ist die Zielsetzung eine andere als in der Gesundheitsförderung. Es wird aber sichtbar, dass die gesetzlichen Regelungen zu lange einzig den Fokus Arbeitsschutz hatten. Das ist das, was in erster Linie kritisiert werden sollte und nicht die sicher auch nicht immer gelungene Metaphorik der Normen im Arbeitsschutz.

Fazit

Das Werk ist äußerst lesenswert – vor allem im Hinblick auf kommunikations- und organisationspsychologische Fragestellungen, auf die zentrale Bedeutung der Unternehmenskultur und den achtsamen Umgang zwischen Führung und Belegschaft. Im Mittelpunkt stehen die Herausforderungen, die mit psychischen Belastungen und Beanspruchungen einhergehen. Dies ist im Hinblick auf die dramatischen Entwicklungen in den letzten Jahren nicht nur angemessen, sondern auch für den interessierten Leser sehr hilfreich. Sowohl für Unternehmen und Betriebsräte als auch für die Lehre an Hochschulen ist das Werk deshalb als herausragend geeignet zu bezeichnen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Knecht
Hochschule Kempten, Professur für Sozialversicherungsrecht, Betriebliches Gesundheitsmanagement und Führung in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft, früher Leiter der GesundheitsRegion Stuttgart und zuvor wissenschaftlicher Referent am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München
Homepage www.hochschule-kempten.de/metanavigation/personen/d ...
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Matthias Knecht anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Matthias Knecht. Rezension vom 14.06.2017 zu: Ina Jäkel, Gisbert Stein: Unternehmen(s)gesundheit. Betriebliches Gesundheitsmanagement in der Praxis. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. ISBN 978-3-89797-095-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21854.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!