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Gianni Francesetti, Michele Gecele u.a. (Hrsg.): Gestalttherapie in der klinischen Praxis

Cover Gianni Francesetti, Michele Gecele, Jan Roubal (Hrsg.): Gestalttherapie in der klinischen Praxis. Von der Psychopathologie zur Ästhetik des Kontakts. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. 733 Seiten. ISBN 978-3-89797-085-4. 49,99 EUR.

Edition Humanistische Psychologie.
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Thema

Mit diesem umfangreichen Werk wollen die Herausgeberinnen für die gestalttherapeutische klinische Praxis eine gravierende Lücke der klinischen Arbeit mit schweren psychiatrisch-psychotherapeutischen Störungen füllen. Kernkonzepte der gestalttherapeutischen Theorie sollen erweitert werden um schwerkranke KlientInnen besser zu verstehen und zu behandeln. Mit dem Untertitel „Von der Psychopathologie zur Ästhetik des Kontakts“ wird ein Gesichtspunkt thematisiert, der sonst wenig berücksichtigt wird. In den Mittelpunkt gestellt werden Phänomene der Stimmigkeit zwischen den verschiedenen Teil-Kompetenzen, die das Kontaktverhalten zwischen KlientInnen und TherpeutInnen modulieren.

AutorInnen und HerausgeberInnen

In diesem Buch finden sich 30 Beiträge von 41 internationalen AutorInnen aus ca. 20 Ländern. Kommentiert werden diese ca. jeweils 15-seitigen Beiträge durch jeweils einen Kommentar weiterer renommierter AutorInnen aus der Forschung und der Praxis. Stellvertretend für die AutorInnen folgen biografische Angaben zu den HerausgeberInnen:

  • Gianni Francesetti ist Gestalttherapeut, Facharzt für Psychiatrie, internationaler Trainer und Supervisor, er ist Präsident der EAGT und der italienischen Psychotherapiegesellschaft
  • Michela Gecele ist ebenfalls Fachärztin für Psychiatrie, sie arbeitet als Psychotherapeutin und lehrt in Gestalttherapie-Trainingsprogrammen
  • Jan Roubal ist Psychotherapeut, Facharzt für Psychiatrie, Trainer, Psychotherapeut, er lehrt Ergotherapie und Psychiatrie an der Universität Brünn.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien 2013 in englischer Sprache und entstand in Zusammenarbeit mit der EAGT (European Association for Gestalt Therapy). Herausgegeben wird es von der DVG (Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie) und der ÖVG (Österreichische Vereinigung für Gestalttherapie).

Aufbau

Einleitend beginnt das Buch mit einem Vorwort von Leslie Greenberg zur englischen Ausgabe und Vorworten zur korrigierten und ergänzten deutschen Ausgabe von Veronica Klingemann, Beatrix Wimmer und Lotte Hartmann-Kottek. Das Werk ist in vier Abschnitte gegliedert.

  1. Im ersten Teil werden grundlegende Prinzipien der Gestalttherapie in der klinischen Praxis vermittelt.
  2. Der zweite Teil beschäftigt sich mit spezifischen Kontexten, um dann
  3. im dritten Teil besondere Lebensumstände und Risikosituationen zu thematisieren.
  4. Im vierten Teil werden gestalttherapeutische Erkenntnisse, klinische Erfahrung und Forschungen auf verschiedene psychopathologische Störungen bezogen.

Ausgewählte Inhalte

Im ersten Teil werden grundlegende Prinzipien der Gestalttherapie im Kontext der Klinischen Praxis vorgestellt. Einführend fasst Margherita Spagnuolo Lobb Grundlagen und Entwicklung der Gestalttherapie zusammen. In diesem Teil werden zudem gestalttherapeutische Grundlagen zur Psychopathologie, Diagnostik und die Entwicklungsperspektive als eine polyphone Entwicklung thematisiert. Anschließend werden Themen aus den Bereichen Ethik, Forschung und der Kombination von Gestalttherapie und psychiatrischer Behandlung erörtert.

In dieser Rezension kann nicht näher auf die einzelnen Beiträge eingegangen werden. Stellvertretend sollen beispielhaft Koordinaten einer Gestaltpsychotherapeutischen Pathologie benannt werden, die die Herausgeberinnen in einem der einführenden Artikel (S. 70 ff) anführen: Symptome werden aus gestalttherapeutischen Perspektive als Erzeugnisse eines kreativen Selbst verstanden. Die individuelle Psychopathologie ist so ein kreatives Feldphänomen, dass als eine einzigartige kreative Anpassung eines Menschen in einer schwierigen Situation verstanden wird. Psychopathologische Symptome werden als phänomenologische Manifestationen von fixierten Gestalten verstanden, deren starre Muster ein Leiden an der Kontaktgrenze und in den Beziehungen verursachen. Aus gestalttherapeutischer Sichtweise ist die Psychopathologie regelhaft Beziehungsgebunden; Subjekt und Objekt der Behandlung sind somit nicht das Individuum, sondern die Beziehung zwischen KlientIn und TherapeutIn, die an der Kontaktgrenze entsteht. Die Gestalttherapie verstand den Menschen und die Entwicklung von Problemen schon immer ganzheitlich (körperlich/leiblich, psychisch, sozial). Als einen weiteren Ausgangspunkt für die Symptomentwicklung sieht sie in dem Verlust der ursprünglichen Kreativität. Hierbei wird das individuelle Leiden immer von der jeweiligen Situation und dem Kontext bestimmt und so in Lebenslagen und Lebenswelten eingebunden. In der Bestimmung von Gesundheit und Krankheit gibt es keine klaren Grenzen. Alle Erfahrungen und Beziehungen, und damit auch die Behandlung, werden als mehrdimensional betrachtet.

Der zweite Teil stellt spezifische Kontexte in den Mittelpunkt, hier insbesondere den sozialen Kontext, die politische Dimension, multikulturelle Kontexte, Entwicklungstheorien und die Scham.

Spezifische Lebenssituationen fokussiert der dritte Teil, beginnend mit Anmerkungen über die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Es schließen sich Beiträge über das Risiko der Psychopathologie im Alter, Verlust und Trauer, die Trauma-Behandlung und die Einschätzung des Suizidrisikos an.

Stellvertretend für diese Beiträge sollen hier Überlegungen über die Traumabehandlung von Ivana Vidakovic (S. 309 – 321) skizziert werden. Bereits die Begründer der Gestalttherapie (Perls, Hefferline, Goodman 1951) beschrieben die ersten Traumata als unerledigte Situationen der Vergangenheit und als fixierte Wahrnehmungen. „Nicht abgeschlossene vergangene Situationen“ sollten abgeschlossen werden, indem man zu dem vergangenen zurückkehrt und gleichzeitig parallele Umstände in der Gegenwart bearbeitet. 1973 beschrieben Polster und Polster dieses Vorgehen als einen möglichen Weg um die Kontaktfähigkeit mit dem Selbst, anderen und der Umwelt im „Hier und Jetzt“ wieder herzustellen. KlientInnen werden Schritt für Schritt durch einen Prozess der Integration begleitet, Achtsamkeit und Akzeptanz, Integration und Dialog sind Grundkonzepte dieses Arbeitsansatzes. Die Heilung vollzieht sich in der Beziehung, dem Prozess zwischen Klientinnen und Therapeutinnen bzw. anderen Menschen. Meilensteine dieser Arbeit sind:

  • die Wiederherstellung der Selbstregulation und der Grenzen des traumatisierten Selbst
  • die Wiederherstellung des Selbst, des Kontext-Bewusstseins und der Kontaktfunktionen
  • eine Wiederannäherung an das Trauma – Arbeiten mit Vermeidung und Intrusionen
  • mit überwältigenden negativen Gefühlen und Gedanken umgehen – Fähigkeit zur Akzeptanz ausbauen
  • der Wiederaufbau eines sozialen Unterstützungssystems und die Einbindung in interpersonelle Beziehungen
  • die Transformation von Bedeutungen, das Loslassen des Traumas, Integration und Abschluss.

Die Ausführungen zeigen m.E. beispielhaft die gute Anschlussfähigkeit der Gestalttherapie an andere Therapieverfahren auf.

Im vierten Teil über spezifische klinische Leiden beschäftigen sich die AutorInnen mit der Demenz, dem abhängigen Verhalten, psychotischem Erleben, Depressionen, bipolaren Erleben, Angst, Panikattacken, phobisch-zwanghaften Beziehungsstilen, Anorexie/Bulimie und Hysterie als dramatische Formen weiblicher Kreativität, psychosomatischen Störungen, sexuellen Themen im Kontext von Liebe und Begierde, Persönlichkeitsstörungen, Borderline, narzisstischem Erleben, Hysterie und gewalttätigen Verhalten.

Das Buch schließt mit einem 54-seitseitigen Literaturverzeichnis und Angaben über die Autorinnen.

Diskussion

in Deutschland erhielt die Gestalttherapie keine Anerkennung als eigenständiges Psychotherapieverfahren. Gleichzeitig beziehen sich viele Therapieschulen auf gestalttherapeutische Konzepte und Praktiken, ohne dies oftmals zu würdigen. In ihrem Vorwort geht Lotte Hartmann-Kottek kurz auf die Bedeutung der Gestalttherapie in Deutschland ein. Sie verweist darauf (S. 24), dass die Gestalttherapie nach Metaanalysen bezüglich der Wirksamkeit mit der Verhaltenstherapie zu vergleichen ist. Gestalttherapie sei heutzutage das Psychotherapieverfahren, welches weltweit die höchsten Effektstärken aufweist. Allerdings herrscht in Deutschland, so Hartmann-Kottek, ein Sonderstatus, der dazu führt, dass deutschen Patienten die wirksamsten Psychotherapien vorenthalten werden.

Diese Weiterentwicklung der Gestalttherapie sollte seitens anderer Therapieschulen mehr Beachtung finden. Dieses Buch bietet daher die Möglichkeit Theorie und Praxis gestalttherapeutischer klinischer Arbeit in einen kenntnisreichen Überblick kennen zu lernen. Das Werk bietet Theoretikern und Praktikern anderer Therapieschulen viele Anknüpfungspunkte. Angehörige anderer Psychotherapieschulen werden bemerken, dass viele therapeutische Konzepte und Praktiken auf gestalttherapeutische Konzepte gründen.

Fazit

Die HerausgeberInnen vereinigen in diesem Buch Spezialisten unterschiedlicher Generationen aus mehr als 20 Ländern, die den aktuellen Stand der internationalen Forschung repräsentieren und zahlreiche Desiderate füllen. Anschaulich und theoretisch fundiert werden verschiedenste psychopathologische Phänomene aus einer gestalttherapeutischen und beziehungsorientierten Perspektive, grundlegende theoretische Prinzipien für die Therapie in bestimmten Lebenssituationen und klinische Anwendungen bei spezifischen Leidensformen fundiert beschrieben. Die Weiterentwicklung der Gestalttherapie, hier in Bezug auf die klinische Praxis, wird anschaulich verdeutlicht, Anknüpfungspunkte mit anderen Psychotherapieformen können gewonnen werden. Der reiche Schatz an theoretischen Grundlagen und der therapeutischen Praxis wird für viele Anwendungsbereiche erörtert und kann die Theorie und Praxis anderer Therapieformen bereichern.

Dieses umfangreiche Buch bietet Forschern und Praktikern einen sehr kenntnisreichen fundierten internationalen Überblick über den Einsatz der Gestalttherapie bei schweren psychiatrischen Störungen.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 14.12.2016 zu: Gianni Francesetti, Michele Gecele, Jan Roubal (Hrsg.): Gestalttherapie in der klinischen Praxis. Von der Psychopathologie zur Ästhetik des Kontakts. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. ISBN 978-3-89797-085-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21855.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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