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Phil Joyce, Charlotte Sills (Hrsg.): Gestalt­therapeutische Kompetenzen für die Praxis

Cover Phil Joyce, Charlotte Sills (Hrsg.): Gestalttherapeutische Kompetenzen für die Praxis. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für Psychotherapie, Beratung und Ausbildung. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. 393 Seiten. ISBN 978-3-89797-907-9. D: 27,99 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 44,79 sFr.
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Thema

Der Verlag kündigt eine praktische Einführung in die Anwendung des Gestaltansatzes für die Psychotherapie, Beratung und Ausbildung an, die sich sowohl an Einsteiger als auch an den erfahrenen Praktiker richtet. Grundlegende gestalttheoretische Kenntnisse werden vorausgesetzt. Das Buch enthält viele Fallbeispiele und nach jedem Kapitel ein Literaturverzeichnis, zudem zum Abschluss ein weiteres Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis.

AutorInnen

  • Phil Joyce ist Senior Tutor an einem Gestalt-Ausbildungsinstitute, Metanoia Institute in London und arbeitet als Gestalttherapeut und Supervisor in freier Praxis.
  • Charlotte Sills ist ebenfalls tätig am Metanoia Institute, London, und Co-Direktorin der Coaching-for-Consultants-Kurse am Asgridge College; darüber hinaus arbeitet sie in freier Praxis.

Übersetzung Luna Gertrud Steiner, Herausgeber und Vorwort zur deutschen Ausgabe: Peter Schulthess.

Entstehungshintergrund

Eine erste englische Ausgabe erschien 2010, eine überarbeitete Ausgabe 2012.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teilen, einem umfangreichen über die Gestalttherapie in der Praxis, und in zwei kürzere über schwierige Begegnungen und Gestalttherapie im Kontext.

Zum ersten Teil

Im umfangreichen ersten Buchteil werden 17 sehr unterschiedliche praxisbezogen Beiträge vorgestellt, die im Folgenden benannt werden sollen, jedoch in diesem Rahmen nicht alle kommentiert werden können.

Im 1. Kapitel – „Sich auf die Reise vorbereiten“ – wird über einzelne Aspekte im Erstkontakt (Aufnahmeformular, Protokoll führen, Vertrag abschließen etc.) informiert.

Im 2. Und 3. Kapitel werden theoretische Bezüge zur Phänomenologie und zum Gewahrsein hergestellt und abschließend mit der Thematisierung der „schöpferischen Indifferenz“ ein Bezugsrahmen entwickelt.

Im 4. Kapitel wird die Bedeutung der therapeutischen Beziehung dargelegt, ausgeführt werden m 5. Kap. Anmerkungen zur Beurteilung und Diagnostik. Es wird problematisiert, inwieweit eine klinische Diagnostik Grundprinzipien des Gestaltprozesses widerspricht. Schlussgefolgert wird (S. 84f), dass eine Eingangsdiagnose unverzichtbar ist, die phänomenologisch, deskriptiv und veränderlich (S. 87) erfolgt.

Das 6. Kapitel fokussiert Behandlungsüberlegungen und Behandlungsphasen, das 7. Kap. Methoden der Stützung und das 8. Kap. den Umgang mit dem Gefühl der Scham.

Im 9. Kap. werden verschiedene Methoden unter der Überschrift „Experimentieren“ vorgestellt.

Näher ausgeführt wird dies im Kapitel 10 zum Thema „Abstufungen des Kontakts“. Hier werden die klassischen gestalttherapeutischen Störungsmuster im Kontaktprozess als Polaritäten, z.B. retroflektieren versus Impulsivität, vorgesellt. Die Idee diese Störungsmuster prozesshaft zu beschreiben ist interessant, allerdings wird nicht deutlich, wieso z.B. übersensibilisieren eine Polarität von desensibilisieren ist (S. 158).

Das 11. Kapitel thematisiert „unerledigte Geschäfte“. Hier wird nicht deutlich, wieso im Anschluss Hinweise auf traumatherapeutische Literatur gegeben werden, da dieses Thema hier nicht behandelt wird.

Im 12 Kap. wird ein lesenswerter Überblick über Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse vorgestellt, um dann im 13. Kap. „Körperprozesse“ (die eigentlich Leibprozesse sind) zu beschreiben.

Kap. 14 thematisiert den Umgang mit Träumen. Im 15. Kapitel wird erneut die Ebene gewechselt und die Supervision problematisiert. Im 16. Kap. werden unter dem Titel „Der reflektierte Praktiker“ Forschungsthemen diskutiert. Hier wird zunächst ein sehr offener Forschungsbegriff („Jeder gute Gestalttherapeut ist ohnehin forschend tätig.“ S. 249) vertreten, um dann verschiedene mögliche Forschungswege vorzustellen. Das letzte Kapitel des ersten Teils behandelt mögliche Schwierigkeiten bei der Beendigung einer Behandlung und des Abschieds.

Zum zweiten Teil

Der kürzere zweite Buchteil unter dem Titel „Wie man mit herausfordernden Begegnungen umgeht“ thematisiert im Kap. 18 Behandlungen mit Personen, bei denen Diagnosen der Achsen ! und !! des DSM IV vermerkt werden. Zunächst wird die Selbstverständlichkeit benannt, „dass Praktiker, die Klienten mit solch ernsthaften Störungen haben, entsprechende Literatur konsultieren sollten.“ (284) Mit dieser Aussage wird negiert, dass Gestalttherapeuten schon lange für den Umgang mit diesem Klientel fundierte theoretische Modelle und praktische Konzepte entwickelt haben und erfolgreich anwenden (vgl. beisp. Francesetti u.a. 2016). Im nächsten 19. Kapitel dieses Buchteils werden therapeutische Konzepte der Angst- und Depressionsbewältigung vorgestellt.

Zum dritten Teil

Im dritten Buchteil werden im Kap. 20 „Gestalttherapie im Kontext“ Ausführungen zur Kurzeittherapie getätigt. Diese Ausführungen sind für mich nicht nachvollziehbar, wenn zusammengefasst wird: „Ob Sie lange oder kurzzeitig mit einem Klienten arbeiten hängt weitgehend von ihrer Präferenz ab, es sei denn, eine Institution setzt Ihnen ein Limit.“ (S. 333) M. E. sollten insbesondere die Indikation, die jeweiligen Ziele und die Wünsche und Möglichkeiten des Klienten die Dauer der Behandlung bestimmen. Im 20. Kap. werden Hinweise im Umgang mit der Diversität gegeben und ethische Dilemma diskutiert.

Das 22. Kap. befasst sich mit der Beratung spiritueller Fragen, im 23. Kap. wird erneut die Ebene gewechselt und der Einsatz der Gestalttherapie im Coaching erörtert.

Die z.T. englische Fachliteratur wird zum Abschluss der jeweiligen Kapitel durch deutsche Literaturhinweise ergänzt.

Das Buch schließt mit einem weiteren Literaturverzeichnis und einem Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Die Gliederung des Buches erlebe ich nicht als schlüssig, in allen drei Teilen werden Themen der Praxis thematisiert, auch eine Gliederung der Themen innerhalb der Teile erfolgt für mich in keiner logischen Abfolge, sondern beschreibt durchaus aufschlussreich einzelne Thematiken. Als Leser fühlte ich mich nicht gut durch das Buch geleitet.

Das Buch erfüllt den Anspruch eines Lehrbuchs für die Praxis, theoretische Aspekte werden lediglich in zwei einführenden Kapiteln im ersten Teil dezidierter vorgestellt. Auch für Praktiker wäre m.E. ein stetiger theoretische Bezug nötig, damit deutlich wird, dass die Gestalttherapie über umfangreiche theoretische wissenschaftlich anschlussfähige Modelle (siehe z.B. Maragkos 2017 oder bereits 1999 Fuhr u.a. in ihrem Handbuch der Gestalttherapie) verfügt und nicht nur eine wirksame Methode für die Praxis darstellt.

Auf klinische Aspekte wird nur in zwei Kapiteln eingegangen, auf die hier notwendige Diagnostik wird nur allgemein verwiesen (S. 86). Beim Leser dieses Buches kann der Eindruck entstehen, dass sich Gestalttherapeuten nicht primär nach den Zielen und Notwendigkeiten des Klienten richten. Stattdessen wird einführend ausführlich der Fokus daraufgelegt, ob der Klient für diese Therapieform passt, statt die Therapieform den Notwendigkeiten des jeweiligen Anliegens, der Persönlichkeit und der Diagnose (die hier nicht erwähnt wird) anzupassen.

Fazit

Den LeserInnen, die lediglich eine kompetente Einführung in die gestalttherapeutische Praxis mit Beispielen und mit Übungsvorschlägen, suchen, kann das Buch empfohlen werden. LeserInnen, die eine stetige Verknüpfung mit der Theorie wüschen kann das Buch nicht empfohlen werden. Deutlich wird nicht, dass die Gestalttherapie auch für den klinischen Kontext theoretische und praktische Zugänge entwickelt hat (siehe Francesetti u.a.2016)

Literatur:

  • Fuhr, R., Sreckovic; M., Gremmler-Fuhr, M. (Hg.) (1999): Handbuch der Gestalttherapie. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle
  • Francesetti, G.; Gecele, M., Roubal J. (Hg.) (2016): Gestalttherapie in der klinischen Praxis. Von der Psychopathologie zur Ästhetik des Kontakts. EHP – Verlag Andreas Kohlhage Gevelsberg
  • Hartmann-Kottek, L. (2008).: Gestalttherapie. Springer. (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien), 2., aktualisierte und erweiterte Auflage.
  • Maragkos, M. (2017): Gestalttherapie. Kohlhammer Stuttgart

Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 01.02.2017 zu: Phil Joyce, Charlotte Sills (Hrsg.): Gestalttherapeutische Kompetenzen für die Praxis. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für Psychotherapie, Beratung und Ausbildung. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Gevelsberg) 2016. ISBN 978-3-89797-907-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21856.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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